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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegt die Weisheit verborgen …


27. Dezember 2008

Presseschau im DLf zu den Kritiken von Kirchenvertretern an Wirtschaftsmenschen

Vgl. hier mit Links zu den zitierten Zeitungen. Dort auch der Livestream des DLF.

27.12.

Zunächst geht es um die Weihnachtsbotschaften der Kirchenvertreter. Weitere Themen sind die Lage im Nahen Osten und der Militäreinsatz gegen Piraten im Golf von Aden.

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Im Zeichen der Konjunkturkrise haben viele Geistliche anlässlich der Feiertage das Handeln von Unternehmern angeprangert. Besorgnis erregte dabei aus Sicht der Zeitung DIE WELT, “wie leichtfertig die Kirchen alles Kritikwürdige als Ausdruck einer Gegenreligion brandmarken. Vor die Wahl ‘Gott oder Mammon?’ sieht uns der eine Bischof gestellt, vom ‘Tanz ums goldene Kalb’ spricht der andere. Das suggeriert, die Kirchen seien von lauter Götzendienern umstellt. So dumm aber sind nur die wenigsten, dass sie das Geld anbeten. Vielmehr benötigen sie bei ihrem unverzichtbaren wirtschaftlichen Verhalten die Maßstäbe jener christlichen Religion, die ihnen wichtig ist und deren Vertreter sich darauf konzentrieren sollten zu zeigen, wie sich in der Marktökonomie sinnvoll und moralisch agieren lässt. Die katholische Soziallehre und etwa die Unternehmerdenkschrift der EKD bieten dazu viele Ansätze. Auf sie sollten sich die Kirchen besinnen, statt hinter jedem Bankeingang den Teufel zu wittern”, bemängelt DIE WELT.

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Die Berliner TAGESZEITUNG findet:
“Recht flott und selbstbewusst präsentieren sich Deutschlands Bischöfe zum Weihnachtsfest als berufene Analytiker der Wirtschafts- und Finanzkrise. Der Katholik Robert Zollitsch kritisiert Politiker, die für die Bankenrettung mehr Geld übrig haben als fürs Kindergeld. Der Protestant Wolfgang Huber attakkiert nachträglich Bankvorstände, die einst 25 Prozent Rendite forderten. Die unterkomplexen Ausführungen, zu denen sich die Geistlichen an Weihnachten herabließen, werfen vor allem eine Frage auf: Wiegt die Habsucht der Manager, lateinisch avaritia, auf dem Sündenkonto schwerer? Oder doch eher der Hochmut, lateinisch superbia, mit dem Kirchenführer über Wirtschaftsfragen reden und dabei von eigenen Irrtümern nichts wissen wollen? Die Lektüre der Festbotschaften erzeugt am Ende einen Gemütszustand, in dem manche Theologen ebenfalls ein Laster sahen – tristitia, zu Deutsch: Trübsinn”, analysiert die TAZ.

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Die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG schreibt:
“Die Kritik der Kirchen ist schon lange nicht mehr so konzentriert und massiv geäußert worden. Wenn Papst und Bischöfe die marktradikale Ökonomie scharf kritisieren, reden sie nicht wie die Blinden von der Farbe. Sie haben eine Kompetenz eigener Art: Die Kirchen haben reiche Erfahrungen auf dem Gebiet des Totalitarismus. Aus der Geschichte seiner Kirche etwa weiß der Papst ganz gut, wie menschenverachtend Religionen sein können. Deswegen ist es schon gut, wenn sie die neuen Marktreligionen eindringlich daran erinnern, dass Wirtschaft im Dienste des Menschen steht”, hebt die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG hervor.

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In der SÜDWEST PRESSE aus Ulm ist zu lesen:
“Etwas Unbehagen beschleicht einen, wenn Bischof Huber, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche Deutschlands, mit Josef Ackermann den bewährten Buhmann der Nation persönlich abkanzelt. Niemand bezweifelt, dass es zuvorderst der Drang nach hoher Rendite war, der die Finanzwelt fast kollabieren ließ. Nur ist es wenig hilfreich, dafür den persönlichen Sündenbock zu suchen”, meint die SÜDWEST PRESSE.

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Die RHEINISCHE POST aus Düsseldorf fragt sich, ob in den Mahnungen der Kirchen nicht auch unbewusst Selbstanklägerisches mitschwingt?
“Schließlich könnte man doch behaupten, dass 20 Jahrhunderte christlicher Verkündigung den Alten Adam im Kern nicht gebessert haben. Die Selbstsucht ist eine anthropologische Konstante, zugleich Konstruktionsfehler und Schwungrad. Mittlerweile stößt es zudem unangenehm auf, wie Josef Ackermann nicht nur von politischen Krakelern, sondern auch von Bischöfen auf ziemlich unchristlich-unbarmherzige Art zu einem Großschuldigen stilisiert wird. Das ist billig, unfair und falsch”, hält die RHEINISCHE POST fest.

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Ähnlich sieht es der in Bonn erscheinende GENERAL-ANZEIGER:
“Die Kritik, die Bischof Huber erntet, ist berechtigt. Es kann gerade für einen Kirchenmann nicht angehen, einen Wirtschaftsführer in dieser Weise persönlich an den Pranger zu stellen. Es muss auch die Frage erlaubt sein, wo der Bischof ein christlich begründbares maximales Renditeziel hernimmt.”

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Auch die STUTTGARTER NACHRICHTEN fragen: “Darf ein Bischof öffentlich Kritik üben und dabei jemanden gezielt attackieren?” Das Blatt kommt allerdings zu dem Ergebnis:
“Er darf! Ja, er muss sogar! Meistens sind Bischofsworte so glattgebügelt, dass ihr Provokationsgehalt gegen Null tendiert. Huber dagegen hat kräftig ausgeteilt und die Wahrheit beim Namen genannt”, konstatieren die STUTTGARTER NACHRICHTEN.

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Anmerkung Martin Pöttner:

Die konservativen Bemerkungen passen im Übrigen gut zu den Positionen, welche Karl-Heinz Brodbeck kritisiert.

25. Dezember 2008

Karl-Heinz Brodbecks “buddhistische Wirtschaftsethik”

Die Buddhistische Wirtschaftsethik von Karl-Heinz Brodbeck (Aachen 2002) wird hier ausführlich in fünf Beiträgen besprochen, um die genaue Argumentation und das inhaltliche Profil dieses interessanten und aufschlussreichen Ansatzes zu erfassen. Brodbeck – buddhistische Wirtschaftsethik, Homepagebild Brodbeck betreibt eine instruktive Homepage, auf der eine Reihe von Texten geladen werden können.
Brodbeck lehrt Wirtschaftswissenschaften an der Fachhochschule Würzburg. In das hier besprochene Thema führt gut ein Vortrag ein, der im MP3-Format gehört werden kann. Brodbeck hat auch Philosophie studiert und besitzt sehr gute philosophische Kenntnisse. Das macht die Lektüre seiner Texte vielleicht auch für diejenigen spannend, die von Wirtschaftswissenschaftlern nicht sehr viel Erhellendes zu erwarten pflegen. Unter seinen Fachkolleg/inn/en stellt er eine der wirklich interessanten Ausnahmen dar, so gibt er zu, dass die Ökonomie als empirische Wissenschaft, welche ja Prognosen mit einigermaßen verlässlichen Charakter aufstellen können soll, gescheitert sei, wie es im Zitat der letzten Dezemberwoche heißt.
Philosophisch ist auch Brodbecks Zugang zum Buddhismus, wobei er mit Recht hervorhebt, dass im Buddhismus recht viele Konzepte ausgearbeitet worden sind, die man auch vor dem Hintergrund des Entstehens der Philosophie in Griechenland als „philosophisch“ bezeichnen kann. Wer einen gewissen Überblick über philosophische Positionen besitzt, wird bei Brodbeck nicht überrascht sein, dass hier bestimmte Pointen hervorgehoben werden:

  • die Rolle des Bewusstseins;
  • die Organisation des Erlebens und Handelns in Gewohnheiten;
  • den möglicherweise täuschenden und selbsttäuschenden Charakter solcher Gewohnheiten;
  • den möglichen erfolgreichen Versuch, bei Bewusstwerden solcher Gewohnheiten diese kreativ zu verändern.

Insofern kreist Brodbecks Denken um das Freiheitsproblem und in eins damit um das Kreativitätsproblem, welches auch für wirtschaftliches Handeln ausschlaggebend ist. Ob man in Brodbecks Buch einen religiös oder religionswissenschaftlich zutreffenden Eindruck buddhistischer Positionen oder Verhaltensweisen erhält, ist eher fraglich. Das ist aber auch nicht der Punkt des Buches. Es geht um eine philosophisch produktive Rekonstruktion bestimmter buddhistischer Unterstellungen, die auch gesprächsfähig für andere philosophische Positionen sind.
Die „buddhistische Wirtschaftsethik“ umfasst gut 160 Seiten Text, sodass wir in jedem Beitrag jeweils etwa 40 Seiten besprechen, der fünfte Beitrag wird eine kritische Würdigung enthalten, inwiefern eine alltagsphilosophische Position von Brodbeck etwas lernen kann.

Der buddhistische philosophische Ansatz und buddhistische Ethik

Brodbeck versteht den buddhistischen Ansatz als praktische Philosophie. Dabei steht im Vordergrund, dass Brodbeck wohl mit Recht formuliert, der Buddhismus sei schon bei Buddha selbst praktizierte Erkenntnis. Dadurch, dass man erkennt, in der Wirklichkeit sei alles Leiden bzw. Erleiden, wird also das Element der Rezeptivität oder Passivität betont. In dieser Betonung des Wirklichkeitsaspektes der Rezeptivität liegt sicher eine Eigentümlichkeit des Buddhismus begründet.

Warum gibt sich Buddha nicht damit zufrieden, dass es stets auch Spontaneität gibt oder geben kann, wenn es Rezeptivität gibt – also ein Ausgleich oder ein Überwiegen eines der beiden Wirklichkeitselemente vorliegt?

„Der Grund ist eine Täuschung. Sie beruht auf einem Mangel an Wissen und führt zu einer falschen Wahrnehmung der Welt. Die Menschen existieren nicht zuerst als Menschen und unterliegen dann, wie nebenbei, auch noch so etwas wie einer Täuschung. Vielmehr ist dies, ein Lebewesen zu sein, selbst ein Prozess der Täuschung. Das klingt dunkel, und es ist auch sehr schwer, die volle Tragweite dieser Täuschung zu sehen – und deshalb gibt es nicht besonders viele Buddhas unter den Menschen. Dennoch ist der Grundgedanke relativ einfach verstehbar. Ein Mensch zu sein heißt, in einem grundlegenden Nichtwissen… gefangen zu sein. Weil dieses Nichtwissen jedoch beim Menschen den Charakter eines Irrtums besitzt, deshalb kann man ihn auch beseitigen.“ (23)

Die Menschen täuschen sich darüber, dass sie bestimmten Aspekten der Wirklichkeit einen dauernden Bestand zuschreiben, worauf dann beispielsweise beständiges Glück aufbauen könnte. Doch nichts in der Wirklichkeit ist derart unabhängig, sondern alles ist mit allem verbunden und wechselseitig voneinander abhängig. Daraus folgt: Nichts hat einen derartigen unabhängigen Bestand, dass man sich darauf verlassen könnte, alles ist relativ und dem Werden unterworfen, die Wirklichkeit ist ein Prozess.
Man könnte nur nachvollziehbar glücklich sein, wenn diese grundlegende Prozessualität und Relationalität der Wirklichkeit nicht bestünde – aber so verhält es sich nicht. Daher bekämpft der Buddhismus vor allem unhaltbare Selbstfestlegungen wie die Scheinidee, der einzelne Mensch habe ein „Ich“ oder sei ein „Ego“, die sich neuerdings auch empirisch-wissenschaftlich in der philosophisch ganz irreführenden Gehirnforschung erneut manifestiert. Jetzt ist das philosophisch ohnehin unhaltbare „Ich“ ins Gehirn gerutscht… Das „Ich“ oder „Ego“ jedenfalls dient dann in bestimmten Auffassungen der Wirtschaft als entscheidende Instanz, um bestimmte weitergehende Auffassungen, wie Wirtschaft verlaufen muss, zu rechtfertigen. Natürlich wird das auch evolutionsbiologisch durch Thesen wie diejenige von Dawkins über das angebliche selfish gene gestützt, welche die allgemeine Theorie des Selbsterhaltungstriebs weiter fortführt:

„Der Widerspruch zwischen dem Bestreben, sich zu erhalten, und einer sich wandelnden Umwelt ist der Grund für den Prozess der Evolution des Lebendigen.“ (24)

Das ist eine interessante These, der Selbsterhaltungstrieb ist als conatus spätestens seit Spinozas Ethik zugestanden. Spinoza googlebildGekoppelt ist er hier mit der seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts schwer abweisbar gewordenen These, dass sich zumindest Leben nur in Auseinandersetzung mit und Anpassung an seine Umwelt erhält. Brodbecks Fassung des Problems ist natürlich schon systemtheorisch-wirtschaftstheoretisch etwa durch das St. Galler-Management-Modell festgestellt:

„Die hohe Umweltdynamik, an deren Erzeugung menschliche Neugierde und Kreativität im Allgemeinen und innovative Unternehmungen im Besonderen maßgeblich beteiligt sind, bringt für jede Unternehmung das Erfordernis einer kontinuierlichen Weiterentwicklung mit sich.“
Johannes Rüegg-Sturm, Das neue St. Galler Management-Modell, 2003, 23.

Brodbecks buddhistisch inspirierter Analyseperspektive zufolge ist das St. Galler-Modell vielleicht richtig, aber nicht empirisch verbreitet. Denn die Menschen sind an der Bestätigung ihrer Illusionen, Gewohnheiten in der sinnlichen Wahrnehmung, ihren Emotionen und Stimmungen, aktiven Festlegungen, wie eine Situation in ihren verschiedenen Aspekten wahrzunehmen bzw. zu interpretieren ist, durch gewohnte Bewegungsmuster und durch angewöhnte Denkprozesse orientiert, weshalb die „Weiterentwicklung“ angesichts der sich verändernden Umwelt in der Gesellschaft und bei den Individuen eher selten vorkommt, es gibt ja wenige Buddhas.
Aus dem Ensemble der etwa in der Rhetorik des Aristoteles im zweiten Buch breit analysierten Palette von Leidenschaften wählt die buddhistische Auffassungen nun zwei als Sicherung der illusionären Ich-Zentrierung aus. Bin ich ein Ich, das vielleicht auch sich nicht ganz seiner selbst sicher sein kann, dann bilden sich bei mir vorwiegend zwei Leidenschaften aus:

  • die Begierde, in der ich meinerseits vieles an mich ziehen kann, mein Geld, meine Tasse, mein Bauch, my castle is my home – vice versa usf.;
  • die Aggression, in der ich Einschränkungen meines als bedroht anzusehenden Ich-Bereiches heftig verteidige.

Demgegenüber steht nun als buddhistische Erkenntnis, dass diese grundlegende Zentrierung leer ist, auch unsere Selbstwahrnehmung und Selbstfestlegung ist ein dynamischer Prozess, der sich ständig verändert bzw. verändert wird – also nichts, was sich unverändert erhält und insofern Bestand hätte. Hat man dies einmal eingesehen – was nach Brodbeck selten ist, es gibt ja nur wenige Buddhas – dann ist man offen für die ethische Neuorientierung aus buddhistischer Perspektive, dem universal ausgelegten Mitgefühl mit allem Seienden, also nicht nur mit den Menschen.
Buddha googlebild
Diese Einsicht und die Wende zum Mitgefühl ist aber ein längerer Prozess, der geübt werden muss, es ist der Weg der Achtsamkeit auf dem von Buddha stammenden Edlen Achtfachen Pfad. Dieser ist der meditativ-praktische Pfad achtsamer Lebensführung. Er umfasst drei Stufen, die sich in acht Unterabschnitte einteilen und methodisch unterscheiden lassen:

edlerachtgliedrigerpfad.jpg

Grafik 1: Brodbeck, 37
Prajna steht für den Erkenntnisprozess, wird er achtsam (rechte Erkenntnis, rechte Gesinnung) ausgeübt, ergibt sich Sila als Moral im Sinne rechter Rede, rechten Tuns und rechten Lebensunterhaltes. Dies könnte freilich nur zum Festhalten an einer bestimmten Sittlichkeit, Wohlanständigkeit usf. führen. Daher setzt anschließend das Dhyana ein als Praxis zur „Erlösung vom Irrtum“ (36) in rechter Anstrengung, rechter Achtsamkeit und rechter Sammlung, womit Konzentration gemeint ist. Ursprünglich handelt es sich bei diesem Modell um eine mönchische bzw. nonnenmäßige Praxis, die radikal vom Geschehen der gewöhnlichen Gesellschaft unterschieden ist. Brodbeck bevorzugt freilich diejenigen Weiterentwicklungen im Buddhismus, die sich etwa im tibetischen Buddhismus als einer Variante des Vajrayana-Buddhismus oder im Zen-Buddhismus zeigen, in welchen diese Praxis durchaus auch sozusagen alltäglich von gewöhnlichen Menschen durchgeführt wird, um sich zu befreien. Diesen Zusammenhang hellt Brodbeck wenig auf, er orientiert sich beispielsweise an den auch in Deutschland relativ bekannten Äußerungen des Dalai Lama. Dalai Lama googlebild
Brodbeck rennt mit bestimmten besonders betonten Unterstellungen bei vielen denkenden Menschen offene Türen ein, wenn er gegen immer noch bei Wirtschaftswissenschaftler/innen anzutreffende positivistische Unterscheidungen von Bewertung bzw. Wert und Tatsache nun auch noch buddhistische Denkweisen anführt. Aber es ist schon lange klar, dass es logisch-semiotisch keine „Wertfreiheit“ gibt. Entscheidend ist in Brodbecks Ansatz über diese innerwirtschaftswissenschaftliche Unvernunftdebatte hinaus, dass er damit

  • einen Durchbruch der Ethik in die Wirtschaftswissenschaften erreichen will, wie es ja noch bei Adam Smith prinzipiell der Fall war, der seine Wirtschaftswissenschaft unter Moraltheorie darstellte;
  • für den einzelnen Menschen die Möglichkeit erreichen will, Zwangsfiguren seiner eigenen Selbstfestlegungen zu durchschauen;
  • an sich philosophisch witzige Figuren wie die Vergegenständlichung „des Marktes“ als agierender Entität als falsche Gewohnheit des Denkens durchschauen möchte.

Im Fokus dieser Kritik stehen vor allem neoliberale Positionen, die auch in ihrer stärksten Variante wie derjenigen von Hayeks seitens Brodbeck als illusionär eingeschätzt werden. Dabei teilt er mit von Hayek freilich dessen richtige Einschätzung, dass man nichts, also auch nicht „den Markt“, sozusagen von oben oder von außen überschauen kann. Das würde im Übrigen auch Keynes nicht bestreiten, allerdings Steuerungsmöglichkeit durch Notenbanken und nachfragestimulierende staatliche Programme durchaus betonen, auch wenn dadurch keine sichere Steuerungsmethode für wirtschaftliche Prozesse gefunden werden kann.
Auch Brodbecks buddhistische Position ist mit der Implementierung achtsamen Verhaltens und Mitgefühl in die wirtschaftlichen Prozesse dem pragmatischen muddling through nicht enthoben. Ihm zufolge setzt aber die Befolgung achtsamer Praxis und das Mitgefühl jene Kreativität frei, die sittlich haltbar ist. “Sittlich haltbar” heißt im buddhistischen Sinn Brodbecks, dass sie nicht wieder zum Aufbau des scheinbaren Egos oder des sogenannten “Ichs” führt, in dem Sinne, wenn ich mich so verhalte, bin ich ein sittlich guter Mensch. Das ist eigentlich kaum zu vermeiden, weshalb ich den religiös-philosophischen Punkt von Brodbeck als eher paradox-mystisch einschätze. Über die buddistische Position und Praxis wird das Paradox hoher Sittlichkeit bearbeitet. Diese kann zu Überlegenheitsgefühlen über andere, Selbstüberschätzung, falscher Demut usf. führen. Achtsamkeit und Konzentration wirken diesem Prozess entgegen.

Damit rückt eine Persönlichkeitsstruktur in das wirtschaftliche Geschehen ein, die nicht unbedingt mit dem homo oeconomicus der Wirtschaftswissenschaften oder jedenfalls vieler Wirtschaftswissenschaftler/innen äquivalent ist. Vor allem ist eine solche Persönlichkeitsstruktur von Mitgefühl für alle Wesen erfüllt, weshalb hier die ökologische Frage nicht irgendwie eine bloße Frage der Umwelt des Wirtschaftssystems ist, die leider nicht über Preise repräsentiert ist, weil nur diese ja die Sprache des Wirtschaftssystems darstellen. Gegen bloße konstruktivistische Positionen ist Brodbecks Position also realistisch. Werden viele derartige Persönlichkeitsstrukturen im Wirtschaftssystem agieren, muss es sich verändern, nicht revolutionär, sondern mit Geduld und achtsamem langem Atem. Revolutionen – wie Brodbeck mit Recht hervorhebt – sind zwingend hasserfüllt und gewaltsam. Es spricht daher sehr viel für pazifistische, friedliche und evolutionäre Veränderungen.

22. Dezember 2008

Der Stern von Bethlehem

Wir leben in Deutschland in einer pluralen Gesellschaft, in der es mehrere Religionen gibt und gut 30 % nichtreligiöse Menschen. Insofern ist eine Erinnerung an ein bestimmtes Symbol einer Religion stets stark eingeklammert – und kann nur als zum Nachdenken anregender Hinweis dienen, es sollte nicht abstoßend wirken, so meine Hoffnung. Meine eigene Position ist diejenige eines liberalen Protestantismus, der in den evangelischen Landeskirchen in den letzten 30 Jahren durchaus Bedeutung gewonnen hat, auch einige Freikirchen entwickeln sich zumindest in Minderheitspositionen dorthin. Religiös und religionsphilosophisch betrachte ich beispielsweise biblische Erzählungen als Bilder, die unsere Lebensführung orientieren können. Ich erwähne dies nur, weil meine Lektüre und Interpretation des “Sterns von Bethlehem” jedenfalls auch durch diese Perspektive geprägt ist.

Jedenfalls wünsche ich allen eine ruhige Zeit über die kommenden Feiertage und bedanke mich für die Aufmerksamkeit, die Mitglieder und Leser/innen den Blogbeiträgen gewidmet haben.

Ich möchte von einem neutestamentlichen Text zu sprechen, nämlich der „Vorgeschichte“ im Matthäusevangelium, in dem vom „Stern von Bethlehem“ die Rede ist. Eine vergleichende Betrachtung mit der anderen Variante im Lukasevangelium ist nicht beabsichtigt. Zunächst möchte ich den Text einfach nacherzählen, insbesondere was die Passage 1,18-2,23 betrifft. Dabei versuche ich herauszufinden, worauf die Erzählung des Matthäusevangeliums hinaus will. Der „Stern von Bethlehem“ hat einen charakteristischen Kontext, den wir aufmerksam zur Kenntnis nehmen müssen.
Sodann werde ich einige Überlegungen zu der astronomisch-astrologischen Bedeutung des „Sterns von Bethlehem“ machen — vor allem als Denkanstoß gemeint. Dabei vertiefe ich diese Fragen etwas religionsgeschichtlich.
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Das Mtev ist vielleicht am Ende des ersten Jahrhunderts u. Z. geschrieben worden, eine zumindest teilweise ungesicherte Zeit für die entstehenden christlichen Gemeinden im Römischen Reich. Das Mtev setzt eine Verfolgungssituation voraus, gleich, ob diese als real mögliche oder als tatsächliche Verfolgungssituation vorzustellen ist. Dem pharisäisch dominierten Judentum nach der Zerstörung des herodianischen Tempels in Jerusalem im Jahr 70 wird vorgehalten, die an Jesus von Nazaret orientierten Gruppierungen aus dem Synagogenverband herauszudrängen. Damit verlören sie die relative rechtliche Anerkennung der jüdischen Religion durch die staatlichen Machthaber in Städten und im Reich, würden mithin einer Verfolgung durch diese ausgesetzt.
Dieses Bedrohungs- und Verfolgungsszenario, damit die relativ starke Distanz zum offiziellen pharisäischen Judentum und die scharfe Abgrenzung zur staatlichen Macht, sind grundlegend für das Verständnis der matthäischen Texte. So auch für Mt 1,18-2, 23. In Mt 1,1-17 hatte Mt mittels eines Stammbaums dargelegt, dass Jesus von Nazaret Sohn des Königs Davids und als solcher der königliche Messias sei. Aber er ist nicht nur Sohn Davids, er ist auch Sohn Abrahams, wie 1,1 sagt. Damit ist an die universalen Tendenzen der israelitisch-jüdischen Selbstverständigung angeknüpft. Denn in der Abrahamsfigur sind Segen für das jüdische Volk und Segen für alle Völker miteinander verknüpft, wie Gen 12,1-3 zeigt.
Die matthäische Erzählkonzeption entfaltet sich folglich in konzentrischen Kreisen. Das wundersam geborene göttliche Kind ist Retter seines jüdischen Volkes, zugleich aber auch der Retter der gesamten Menschheit. Der messianische König des jüdischen Volkes ist der Herr der ganzen Welt. So formuliert es der Schluss des Mtev. Dort sagt der auferstandene Jesus zu seinen zweifelnden Jüngern: „Mir ist alle Macht im Himmel und auf der Erde gegeben. Geht nun, macht alle Völker zu Jüngern, tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des heiligen Geistes und lehrt sie alles zu halten, was ich euch befohlen habe“.
Diese Bewegung von innen nach außen, von der Konzentration auf die Binnenperspektive der jüdisch-palästinischen Geschichte hin zur universalen Öffentlichkeit des Römischen Reichs, ist auch schon die Pointe von Mt 1,18-2,23. Die Erzählung startet mit einer verwickelten Beziehungsgeschichte, einem veritablen Familiendrama. Josef und Maria sind verlobt, sie haben noch nicht miteinander geschlafen. Dennoch ist Maria schwanger, vom heiligen Geist, wie der Erzähler betont. Josef findet Marias Schwangerschaft gar nicht gut, zumal er nicht weiß, dass der heilige Geist für die pikante Veränderung in Marias Bauch verantwortlich ist. So möchte er Maria heimlich loswerden. Damit gerät die Erzählung in ihre erste Krise. Denn Josef wird erzählerisch gebraucht, weil er und nicht Maria von David abstammt und zumindest offiziell als Vater fungieren muss. Denn sonst könnte Jesus, das göttliche Kind im Bauch der Maria, eben nicht Sohn Davids und also auch nicht königlicher Messias Israels sein.
Die Geschichte droht mithin schon am Anfang zu scheitern. Doch Mt erzählt eine Lösung dieser Krise. Ein Engel des Herrn erschien Josef im Traum und erklärt ihm die Lage. Der Retter Israels ist im Bauch der Maria und in diesem Kontext ist Josef schlechthin unentbehrlich. Also lässt Josef sich auf das ihm zugemutete Familiendrama ein und heiratet Maria.
Damit hat Mt das Erzählmuster etabliert, das seine Geschichte vom göttlichen Kind strukturiert. Das göttliche Kind ist fortwährend gefährdet und verfolgt, seine Geschichte ist vom Scheitern bedroht. Die auftretenden Krisen werden durch Engelerscheinungen bzw. Träume als Krisen aufgeklärt und gelöst. Die menschlichen Erzählfiguren handeln entsprechend der nächtlichen Anweisungen. Auf diese Weise wird das rettende göttliche Kind trotz aller Verfolgungen immer wieder wunderbar gerettet.
So verfährt Mt auch in den zusammenhängenden Erzählungen von der Verehrung des göttlichen Kindes durch die Astrologen aus dem Morgenland, dem Kindermord in Bethlehem und Umgebung, der Flucht nach Ägypten und der Rückkehr der geflüchteten Familie zunächst nach Judäa, dann aber nach Galiläa, wo Jesus von Nazaret seine ersten öffentlichen Auftritte hatte.

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Die Astrologen aus dem Morgenland hatten den Stern des neuen Königs der Juden gesehen und diesem nicht nur Relevanz für die jüdische Religion, sondern durchaus auch für sich selbst zugeschrieben. Sie symbolisieren exemplarisch die Erzählbewegung von innen nach außen. Das göttliche Kind hat rettende Bedeutung für alle Menschen. Freilich – ein messianischer König der Juden. Das muss Schrecken bei den offiziellen jüdischen Autoritäten und dem tyrannischen Herrscher Herodes hervorrufen. Machtverlust droht. Herodes setzt in der Folge alles in seiner Macht stehende daran, den neuen König der Juden zu beseitigen. Herodes als romfreundlicher Herrscher weiß nicht allzu gut Bescheid über die messianischen Weissagungen der Schrift. So versichert er sich durch Befragung der Oberpriester und Schriftgelehrten, dass der neue König in Bethlehem, in Judäa geboren werde. Die Astrologen befragt er, wann sie den seine Macht bedrohenden Stern zum ersten Mal gesehen hätten. Dann schickt er sie nach Bethlehem. Geleitet vom Stern des neuen Königs gelangen sie in das Haus, wo das Kind mit Maria zu sehen ist, verehren es und bringen ihm reiche und ehrenvolle Geschenke.

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Hätten die Astrologen nun so gehandelt, wie es Herodes wollte, dann wären sie nach Jerusalem zurückgekehrt und hätten ihm Bericht erstattet. Das göttliche Kind wäre getötet worden. Doch diese zweite Krise der Erzählung wird durch eine Traumanweisung gelöst. Die Astrologen berichten ihr entsprechend Herodes nichts und kehren in ihre Heimat zurück.
Herodes lässt freilich nicht locker. Doch seiner brachialen Methode des flächendeckenden Kindermords, der dritten Krise der Erzählung, kommt ein Engel des Herrn zuvor, der Josef, Maria und das Kind nach Ägypten weist, wo sie vor den Nachstellungen des Herodes sicher sind. Dorthin fliehen sie und bleiben dort bis zum Tod des Herodes. Ein Engel des Herrn teilt ihnen mit, dass sie nun zurückkehren können. So kommt der Retter Israels aus Ägypten, ein weiteres Signal für die universale Orientierung der Erzählung.

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Josef hat inzwischen wohl selbst ein gutes Gespür für die Gefahren entwickelt, die dem rettenden göttlichen Kind fortwährend drohen. Er erfährt, dass Judäa von Archelaos, einem Sohn des Herodes, beherrscht wird und fürchtet sich. Eine vierte Krise der Erzählung deutet sich an. Im Traum wird Josef angewiesen, sich nicht im Machtbereich des Archelaos niederzulassen, sondern in Nazaret, in Galiläa Wohnung zu nehmen. Damit ist das rettende göttliche Kind trotz aller Verfolgungen wundersam gerettet genau an dem Ort angekommen, wo seine öffentliche Tätigkeit später beginnt.

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Mt erzählt keine friedliche Geschichte. Es ist eine Geschichte, die vor Brutalität nur so strotzt. Die bedrohte, ungesicherte Existenz der an Jesus orientierten Gemeinden im römischen Reich ist in der Geschichte vom göttlichen Kind präfiguriert. Die Geschichte ist überdies moralisch nicht einwandfrei. Sie enthält ein Familiendrama, das mit beachtlichen Zumutungen arbeitet. Der göttliche Glanz der Erzählung ist wie in den Erzelternerzählungen der Genesis mit menschlich kruden, moralisch nicht einwandfreien Geschehnissen verbunden. Doch aus diesen menschlich-allzumenschlichen Verhältnissen soll Friede entstehen. So scheint es jedenfalls Mt zu sehen.
Die Engel des Herrn und ihre Traumanweisungen biegen die krumme Geschichte irgendwie immer wieder gerade. Aber ganz gelingt das nicht. Der königliche Herrscher, der sein Volk retten wird, stirbt elend am Kreuz. Auch als er auferweckt wird, sind keinesfalls alle Probleme beseitigt. Zwar hat er nun alle Macht im Himmel und auf der Erde. Aber die Reaktion der elf Jünger auf die Erscheinung des Auferstandenen ist ein bezeichnendes Signal für die Gebrochenheit der matthäischen Erzählkonzeption: „Diese aber zweifelten“, kommentiert der Erzähler am Schluss des Textes. Die Lage ist zwar nicht hoffnungslos, aber es wird auch nicht alles gut.

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Sie können hier eine zeitgenössische Simulation der astronomischen Erwägungen beobachten, was die Astronomen mit dem „Stern von Bethlehem“ anfangen. Die Simulation zeigt die wohl am nächsten liegende Hypothese, dass mit jenem Stern im Matthäusevangelium die Konjunktion von Jupiter und Saturn im Sternbild der Fische gemeint sei, die 7. v. d. Z. stattgefunden hat. Andere glauben an den Halleyschen Kometen, der freilich schon um 12 v. d. Z. aufgetreten ist. Andere wieder glauben, es habe sich um eine Konjunktion von Jupiter und Venus gehandelt, die um 2 v. d. Z. zu sehen war — und unsere Freunde aus dem Morgenland werden in der Erzählung als Magoi bezeichnet, was sie als Sterndeuter kennzeichnet, die zwischen Astronomie und Astrologie schwanken. Von der Erzählung her scheidet die Konjunktion von Jupiter und Venus aus, weil Herodes 2 v. d. Z. nicht mehr König war. Es bleiben nur der Halleysche Komet und die Konjunktion von Jupiter und Saturn.
Das Witzige an diesen Überlegungen ist natürlich, dass Jesus dann 12 v. d. Z. oder 7 v. d. Z. geboren wäre, also vor dem Beginn unserer Zeitrechnung. Das liegt daran, dass man im Mittelalter die Konjunktion von Jupiter und Saturn falsch berechnete und damit unsere Zeitrechnung sieben Jahre zu spät beginnen ließ…
Das passt ganz gut zur matthäischen Erzählweise, in der auch nicht alles ganz glatt ging.
Die astronomische Außenperspektive auf die matthäische Erzählung ist nicht zufällig. Natürlich wollte man schon immer wissen, wann Jesus von Nazaret genau geboren sei. Und wenn in einer Erzählung über seine Geburt dann etwas von einem auffälligen Stern steht, muss man doch nach einem entsprechenden nachweisbaren Himmelsereignis suchen?
Ich halte diese Perspektive nicht für völlig abwegig. Sie hat jedenfalls für sich, dass ernstgenommen wird, es handele sich bei den im Abendland alsbald als „Heilige drei Könige“ firmierenden Magoi der Erzählung um Astrologen, die damals schwer von Astronomen unterscheidbar waren.
Insbesondere im babylonischen Bereich war die Astronomie sehr weit entwickelt. Man war seit dem 8. Jahrhundert v. d. Z. z. B. in der Lage die religiös-politisch als bedrohlich angesehenen Sonnenfinsternisse zu berechnen. Sie galten jetzt als regelmäßig eintretende Ereignisse, ohne paradoxerweise ihre Bedrohlichkeit einzubüßen.
Nach meinem Eindruck ist dieses Wissen (möglicherweise durch griechisch-hellenistische Vermittlung oder auch mehr oder weniger direkt) in die seit dem 4. Jahrhundert v. d. Z. entstehende jüdische Apokalyptik eingedrungen. Die Zeiten werden exakt berechnet, es gibt Geschichtsperioden, die sich nach Wochen oder Jahrwochen berechnen. Und diese Form der Zeitrechnung lässt sich nicht von der Wahrnehmung zumindest des Sonnen- oder Mondjahres abtrennen. Die Geschichte wurde sozusagen „astronomisiert“.
Damit ist aber nicht gesagt, dass die Gestirnwelt in unserem Sinne naturwissenschaftlich-neutral betrachtet wurde. Sondern den Gestirnen wurde weiterhin eine göttliche Bedeutung zugeschrieben. Einzelne Planeten waren mit bestimmten Gottheiten assoziiert. Das hängt insgesamt mit der sumerisch-babylonisch-assyrischen Religion zusammen, findet sich aber auch im griechisch-römischen Bereich.
So ist an der Jupiter-Saturn-Hypothese in Bezug auf den „Stern von Bethlehem“ vielleicht wirklich etwas dran, weil der Saturn gelegentlich mit dem „Gott der Juden“ JHWH assoziiert wurde. Es erscheint nicht völlig unplausibel, dass babylonische Gelehrte bei einer Konjunktion, die den Saturn betraf, ein weltgeschichtliches Ereignis im Blick auf die jüdische Politik und Religion vermuteten. Jedenfalls bleibt die matthäische Erzählung in dieser Hinsicht im Horizont der geschichtlich-kulturellen Wahrscheinlichkeit. Der Stern lässt sich von weither beobachten und man wandert in das Land, von dem die Konjunktion Zeugnis ablegt… So etwa hat Matthäus die Story entworfen (oder wer immer sie entworfen hat)
In der Regel sind solche naturwissenschaftlich-astronomischen Hinweise interessant. Sie führen aber religiös nicht weiter. So heißt es in Mt 2,9ff:

Und siehe, der Stern, den sie [sc. die Astrologen] im Morgenland gesehen hatten, ging vor ihnen her, bis er über dem Ort stillstand, wo das Kindlein war. Als sie aber den Stern sahen, waren sie außerordentlich hoch erfreut und gingen in das Haus hinein und sahen das Kindlein mit Maria, seiner Mutter. Und sie warfen sich nieder, huldigten ihm, taten ihre Schätze auf und brachten ihm Gaben dar, Gold und Weihrauch und Myrrhe. Und da sie im Traum die Weisung empfingen, nicht zu Herodes zurückzukehren, zogen sie auf einem anderen Weg in ihr Land zurück.

Wer aus dem Lkev „weiß“, dass Jesus im Stall geboren wurde, und aus der christlichen Ikonografie den Ochsen und den Esel „kennt“, die dabei waren, wird von Mt bitter enttäuscht. Maria wohnt in Bethlehem, in Josefs Haus…
Der Stern bleibt also über Bethlehem stehen und so finden die Astronomen aus dem Morgenland das gesuchte Kind. Spätestens hier hat die religiöse Fantasie, die Bilder entwerfende Kraft der Religionen ein kosmisches Ereignis erfasst. Sterne bleiben nicht stehen — sie haben ihre Bahn, wie man schon in der Antike wusste. Die astronomisch-astrologische Erfahrungswelt wird also religiös (mutmaßlich bewusst) überschrit- ten, um die Bedeutung des Kindes deutlich zu machen. Es ist der Erlöser der Menschheit, das Kind, das von babylonischen Astrologen verehrt wird.
Der Stern wirft also einen messianischen Glanz auf die gesamte Menschheit. Und er ist eine grandiose Momentaufnahme des Vorscheins auf das endliche Heil. Das Bild steht einen Moment still, es lässt das Heil sehen, bevor die Verhängnisgeschichte mit dem Kindermord in Bethlehem weitergeht. Aber Josef, Maria und das Kind sind da schon auf dem Weg nach Ägypten…

21. Dezember 2008

Zusammenarbeit

Hier eine Karikatur des Foristen Stillemaus auf einspruch.org:

Copyright: stillemaus

19. Dezember 2008

Philosophiekreis Heidelberg – Rüdiger Safranski, Das Böse

Der Philosophiekreis Heidelberg befasst sich in sechs Sitzungen mit Rüdiger Safranskis Buch Das Böse oder Das Drama der Freiheit, 8. Auflage, Frankfurt/M. 2008. Die Termine finden am 18.12.2008, 05.01.2009, 29.01., 08.02., 15.02., 22.02. statt. Anmeldungen zum 05.01.2009 sind noch möglich.
Der folgende Text ist die erste Zusammenfassung der jeweiligen Sitzungen, die hier als Blogbeiträge eingestellt werden.
Das Buch Safranskis Das Böse – googlebild befasst sich eher journalistisch gut formulierend mit einem zentralen Thema unserer Selbstverständigung, was ist „böse“? Gibt es „das Böse“? Wo ist das Phänomen des Bösen zu verorten? Das Buch durchläuft weite Strecken der abendländischen Thematisierung des oft bedrohlich erscheinenden Problems. Die erste Sitzung befasste mit sich einer eigenen Annäherung an das Thema seitens der Teilnehmenden und den ersten beiden Kapiteln in Safranskis Buch.
Zunächst orientiert Safranski sich an zwei großen Ursprungsstorys im abendländischen Kontext, den Theogonien Hesiods und den ersten elf Kapiteln der jüdischen und christlichen Bibel. Beide thematisieren Brüche in der Ordnung der Wirklichkeit, wobei Hesiod stärker auf die Beteiligung der Götter und Göttinnen an bestimmten chaotischen Zügen abhebt, während Genesis 1 bis 11 betonter die Rolle der Menschen in den Vordergrund rückt. Safranskis Buch ist von der letzteren anthropologischen Zentrierung stärker fasziniert, weil die Paradiesstory mit den beiden Bäumen nur funktioniert, wenn es die Freiheit gibt, ein Gebot bzw. Verbot zu übertreten, mithin „Nein!“ zu sagen. Diese Freiheit führt dazu, zu sein wie „Gott“, weil man jetzt weiß, was „gut“ und „böse“ ist. Daraus entspinnt sich das „Drama der Freiheit“, weil es ohne die Freiheit das Böse nicht gibt. Verwoben ist dies in das Thema von Natur und Kultur, die Kultur setzt eine Absetzbewegung vom bloßen Natürlichsein nicht zuletzt der Tiere voraus, die kulturell agierenden Menschen machen die bewusste Erfahrung, dass alles auch immer anders sein kann – und sie können hiervon auch einiges selbstbestimmt gestalten.
Für den weiteren Verlauf des Buchs ist ausschlaggebend, dass Safranski unterstellt, der griechische und der jüdisch-christliche Diskurs entwickelten deutliche Alternativen bei der Behandlung des Problems. Die Griechen trauten den Menschen zu, dass sie sich „nach sich selbst richten“ könnten, während das vor allem im Christentum Augustins nicht der Fall sei. Hier sei die menschliche Freiheit an Transzendenz gebunden – und das Böse gelte als Transzendenzverrat. Ob dies so zutrifft, wird in den folgenden Sitzungen noch überprüft, aber für Safranskis Gliederung der Thematik ist dies grundlegend. Habe doch auch die Philosophie bis zu Schopenhauer das „metaphysische Bedürfnis“ für wesentlich gehalten. Sicher der Atheismus habe dagegen protestiert, man verlor schließlich den Glauben an Gott, dafür glaubte man nun an den Menschen. Spätestens mit Hitler sei dies gescheitert. „Hitler“ fungiert natürlich nur als Synekdoche, als Teil für das Ganze im Blick auf das schwer Verständliche des Geschehens und Geschehenlassens des Ungeheuerlichen – wie Hannah Arendt meinte, der Banalität des Bösen. googlebildIn der Thematisierung dieser Phänomene wird freilich aber auch sichtbar, dass es so etwas wie einen Freiheitsverlust geben kann, wie Arendt meinte, eine Anpassung an das Gesetz der Rasse, sodass das Böse als das Selbstverständliche, gar Anständige erscheint. Die Unheimlichkeit des Bösen wird dabei deutlicher. Die alte sokratisch-platonische Auffassung, das Böse geschehe nur, weil man ein unzureichendes Wissen hatte, scheint hierbei unzureichend. Hätte man ein vollständiges Wissen, handelte man stets gut. Tatsächlich erscheint aber im Nationalsozialismus (alternativ durchaus auch im Stalinismus) die strukturelle Qualität des Bösen, das Verschwinden der Freiheit. Insofern ist in Safranskis Buch ein Spannungsbogen zu bemerken, der wohl kaum durch die anthropologische Festlegung auf das Thema Freiheit voll ausgeleuchtet werden kann. Die Ursprungsstorys, insbesondere die griechischen, auch die knapp gestreifte ägyptische mit dem Luft-Gott Schu, welcher den Himmel hoch über die Erde stemmt, haben noch eine andere Botschaft – in der Wirklichkeit als solcher steckt ein instabiles Element, welches diese zum Einsturz kommen lassen kann.

18. Dezember 2008

Schuhwurf auf George W. Bush

Wer die Handlung eines irakischen Schuhwurf auf Präsident BushJournalisten verabscheut und diese Abscheu symbolisch verarbeiten möchte, kann dies hier spielerisch tun.

17. Dezember 2008

Helmut Schmidt wird neunzig Jahre alt

Dass Helmut Schmidt 90 wird, ist natürlich für einen Raucher seiner Passion (Zigarette, Pfeife, Schnupftabak) ein sehr schönes Alter, statistisch unwahrscheinlich, es kommt aber individuell vor – und auch von mir einen sehr herzlichen Glückwunsch. googlebild Helmut Schmidt war nicht nur Kanzler, als ich in die SPD eintrat, er ist auch nach Eduard Bernstein (1852-1932) der wichtigste Vertreter der deutschen Sozialdemokratie. Das gilt nicht nur, weil er als praktischer Politiker sehr viele Erfolge hatte und Wahlen in Land (Hamburg) und Bund gewann, sondern weil er die SPD nicht zuletzt durch das Godesberger Programm (1959), auf das er großen Einfluss hatte, wesentlich mitgestaltet und geprägt hat. Er steht für den Typus des aufstiegsorientierten Arbeiters und Angestellten, dessen Bildungsschwerpunkt im berufsorientierten wirtschaftlich-technischen Bereich liegt. Schmidt selbst hat Abitur und ist studierter Volkswirt. Prägend für seine Entscheidung, Sozialdemokrat zu werden, war die Solidarität der Fronterlebnisse im Zweiten Weltkrieg, selbstverständlich auch der Einfluss authentischer Figuren wie Kurt Schuhmacher (1895-1952), deren Biografie googlebildin der Gegnerschaft zum Nationalsozialismus ganz gerade war.
Aus dieser Mischung entstand eine Haltung, welche die Sozialdemokratie als die überlegene Option im politisch-pluralen Meinungskampf begreift. Sie steht zum einen für die Möglichkeit individueller Selbstverwirklichung im Beruf, was eine starke Wirtschaft voraussetzt. Zum anderen weiß diese Sozialdemokratie, dass es zu solcher individueller Selbstverwirklichung viele Beiträge anderer Menschen bedarf, weshalb individuelle Selbstverwirklichung mit Solidarität gekoppelt sein muss. Legendär ist deshalb Schmidts polemische Spitze in einer Kabinettssitzung gegenüber Otto Graf Lambsdorff: „Sie können mit den deutschen Arbeitern nicht so umspringen wie Ihre Vorfahren mit den Leibeigenen!“ Das alles aber lässt sich nur verwirklichen, wenn der wirtschaftliche Fortschritt auf Dauer gestellt ist – und dies geht nur über entsprechende Bildungsanstrengungen von einzelner Person und Staat, vor allem aber aufgrund fortwährender naturwissenschaftlich-technischer Innovation, die sich wirtschaftlich nachhaltig nutzen lässt.
Schmidt ist wohl bis heute Keynesianer, vielleicht ein wenig Vulgärkeynesianer. Wenn der wissenschaftlich-technische-wirtschaftliche Prozess nicht genügend erfolgreich ist, Krisen auftreten usf., muss der Staat künstliche Nachfrage durchaus über Schuldenaufnahme schaffen, um die soziale Stabilität der Gesellschaft zu sichern. Bei den Sozialdemokraten Karl Schiller und Helmut Schmidt entstand hieraus die Idee einer tendenziellen Steuerbarkeit des wirtschaftlich-gesellschaftlichen Prozesses, die sich im Stabilitäts- und Wachstumsgesetz der damaligen Großen Koalition niederschlug.
Eine solche sozialdemokratische Politik stößt an nationale Grenzen, sobald die wirtschaftliche Aktivität internationaler und die Konkurrenz größer wird. Daher entwickelte Schmidt die Idee der Weltwirtschaftsgipfel mit, wobei die stärksten Wirtschaftsnationen einbezogen werden sollten, heute etwa G 8. Auch diese Idee ist noch grundlegend keynesianisch geprägt, die staatliche Ebene muss internationaler werden, auch wenn dies nur über Kooperation und Kompromiss möglich ist. Dieser Punkt der Politik Schmidts war nur von begrenztem Erfolg gekrönt. Denn im angelsächsischen Bereich traten zunächst Lady Thatcher und dann Ronald Reagan auf, die beide eine Variante des neoliberalen, sozialdarwinistischen Laissez-faire-Kapitalismus bevorzugten. Den Zusammenbruch der Finanzmärkte und die neue Weltwirtschaftskrise in unseren Tagen verbucht Schmidt freilich als Bestätigung seiner eigenen Position, hatte er doch eindringlich in der ZEIT immer wieder vor Raubtierkapitalismus und auch den jüngeren Finanzmarktprodukten gewarnt.
Die eigentliche Grenze des politischen Ansatzes von Schmidt wurde aber noch während seiner Kanzlerschaft deutlich. Die starke ökonomisch zentrierte Bildung, die durch Max Weber und Karl Popper intellektuell gestützt wurde, ließ bestimmte Aspekte verdrängen, die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts immer wieder geäußert wurden, aber nicht wahrgenommen bzw. rezipiert wurden: Die Ökonomie der Industriegesellschaften hat Rückkopplungsprozesse in der natürlichen Umwelt des Wirtschaftssystems zur Folge, die sich ökonomisch negativ auswirken, heute im Klimawandel deutlich sichtbar. Seit Mitte der 1970er Jahre setzte eine stärkere Rezeption dieser Einsichten ein – und dies hatte auch politische Folgewirkungen, das Aufstiegsmodell von Schmidt hatte negative Folgewirkungen, die auf es selbst zurückwirken würden. Schmidt konnte wie Popper den ökologischen Gedanken niemals integrieren – und hat dies später, was ihn ehrt, auch als Fehler eingesehen. Damit leitete er mit seiner Politik auch das Ende der politisch-intellektuellen Dominanz der SPD ein, weil neben ihr die Partei die „Grünen“ entstand, die neben bestimmten 1968er-Revivals vor allem diese harte ökologische Frage bediente – und damit gegen Schmidt Recht behielt, wie sich heute zeigt.
Schmidt gehört zu den feinsinnigen und kunstsinnigen Sozialdemokraten, was in der Aufstiegsphase viele Künstler/innen wie Ingeborg Bachmann, Günter Grass oder Siegfried Lenz u. a. anzog, die sich nicht nur auf Willy Brandt, sondern durchaus auch auf ihn bezogen. Auch Schmidt pflegte hier einen regen Austausch, auch in schweren Entscheidungsphasen wie im Deutschen Herbst. Und seine intellektuelle Qualität wird durch eine Äußerung zu Bertolt Brecht markiert, zwar sei dieser Kommunist gewesen, aber dennoch der bedeutendste deutsche Dramatiker im 20. Jahrhundert.

16. Dezember 2008

It’s the economy, stupid!

www.bundeskanzlerin.de Auch die deutsche Bundesregierung bestreitet es nun nicht mehr: Anders als noch in der Rede zur Haushaltseinbringung und der ersten Debatte um den Haushalt des Kanzleramtes wird die Krise nicht mehr beschwichtigt, googlebild allerdings glaubt und hofft man, sie dauere nur ein Jahr. Aber selbst wenn dies so wäre, ginge es um einen Rückgang der Wirtschaftsleistung um drei Prozent, wie z. B. die SZ berichtet. Zur Vertiefung hier schon in der Kategorie Wirtschaft und Philosophie geschriebener Beiträge werden in der Folge einige wirtschaftsethische Beiträge erörtert, googlebild beginnend mit der buddhistischen Wirtschaftsethik des Wirtschaftswissenschaftlers und Philosophen Karl-Heinz Brodbeck.
Begleitend zum Kurs über Rüdiger Safranskis Buch über das Böse erscheinen hier die Zusammenfassungen als Blogbeiträge, zumal der Untertitel des Buchs lautet: „Das Drama der Freiheit“.Safranski - wikipediabild Wir beleuchten hier also in den nächsten Wochen ambivalente Alltagserfahrungen. Die Wirtschaftskrise wird viele uns beeinflussen, ihre ethische Beurteilung wirft die Frage nach der Freiheit und der Verantwortung auch – aber auch nach der Gesamtverfassung moderner Gesellschaften, in deren Komplexität wir uns im Alltag orientieren müssen. Die Bildungsbeiträge zeigten zuletzt, dass vor allem im Unendlichkeitskonzept der Bildung das Problem des Alltags in komplexen Gesellschaften mitbedacht erscheint. Inwieweit Wirtschaftsethiken oder auch Unternehmensethiken darauf reagieren, wird zu fragen sein. Die unabweisbare Krise wird also auf Alltag und Philosophie zur alltagsphilosophischen Besinnung und Vertiefung genutzt.

7. Dezember 2008

Erwachsenenbildung

Der Ausdruck „Erwachsenenbildung“ hat vor allem in der Nachkriegszeit den Ausdruck „Volksbildung“ abgelöst, wonach noch die Volkshochschulen bezeichnet sind. Die Tendenz der Volksbildung beginnt im Kaiserreich und setzt sich in der Weimarer Republik unter demokratischen Vorzeichen fort, im Nationalsozialismus wird sie durch Propaganda ersetzt. Im Begriff „Volksbildung“ steckt der alte schichtenbezogene Konflikt, wonach das „Bürgertum“ (weniger der Adel) als gebildet galt, während das „Volk“, insbesondere die Arbeiterschaft, hier Nachholbedarf hatte. Grob kann man sagen: In Volksschule, Realschule und Gymnasium wurde die Ebene der Allgemeinbildung angestrebt, wobei die Realschule beruflich bessere Chancen eröffnete, während das Gymnasium die Hochschulreife erschloss.

Bildungssystem

Dieses System ist insbesondere seit den Bildungsreformen der 1960er Jahre dynamisiert worden, man versuchte das Schichtenproblem anzugehen – und das Bildungssystem durchlässiger zu machen, sodass es unter beruflicher Perspektive häufiger möglich wird, eine Hochschulausbildung nach einer beruflichen Phase zu absolvieren. Entsprechend differenzierte sich auch das Hochschulsystem weiter aus. Im Schulbereich wurde und wird diskutiert, die erste Phase der Allgemeinbildung möglichst gemeinsam durchzuführen, die finanzielle und organisatorische Vernachlässigung der Hauptschule führt sozusagen durch die normative Kraft des Faktischen in einigen Bundesländern jedenfalls in diese Richtung.
Die Erwachsenenbildung besitzt seit einiger Zeit, schon seit dem Kaiserreich auch einen Zweig der beruflichen Weiterbildung – besonders stark gefördert von den Gewerkschaften und den Arbeiterparteien. Ebenso gab es insbesondere im katholischen Bereich seitdem eine Arbeiterbildung. In der Weimarer Republik kommt die starke Volkshochschulbildung neben anderen freien Trägern hinzu. Den größten Aufschwung nahm das Thema nach dem Nationalsozialismus in Westdeutschland, auch die DDR betrieb es auf ihre Weise. Nach der Wende wurde die plurale Situation allmählich auch Realität in den neuen Bundesländern. Neben öffentlichen und freien Trägern kommen in jüngerer Zeit stärker private Unternehmen hinzu, die diesen Markt – der sehr groß ist – entdeckt haben. Insgesamt ist die subsidiäre Struktur der Bundesrepublik in der Erwachsenenbildung noch stärker als im Kindergarten-, Schul- und Hochschulsystem sichtbar. Eine Leistung, die allgemein erbracht werden muss, was bei Bildung der Fall ist, muss nur dann staatlich angeboten werden, wenn nicht andere freie Initiativen diese erbringen. In der Regel ergeben sich dann Mischfinanzierungen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich die Formel vom „lebenslangen Lernen“ durchgesetzt, die insbesondere auf Fragen der Berufsbiografie in instabilen und dynamischen wirtschaftlichen Verhältnissen zielt. So zielen beispielsweise die beim letzten Mal dargestellten PISA-Kompetenzen auch auf diese Form des lebenslangen Lernens. Diese Formel soll zunächst einmal besagen, dass das Lernen nicht mit den Schulbesuch und dem Ergreifen eines Berufs zu Ende ist, sondern die dynamische und instabile moderne Gesellschaft erfordert Flexibilität und Anpassungsfähigkeit, die eben jedenfalls auch durch Wissen und Können bewältigt werden muss. Darin besteht

  • die berufsbildende Funktion der Erwachsenenbildung, die sich als Weiterbildung oder auch Qualifizierung versteht. Nicht nur freie Träger und private Unternehmen, sondern auch die Volkshochschulen sind hier verstärkt aktiv. So wurden 1998 an den Volkshochschulen insgesamt 77.873 Prüfungen durchgeführt, wobei 10.716 Zertifikate erteilt wurden. Davon sind ein großer Teil durchaus auch bei Bewerbungen im öffentlichen Sektor oder bei Firmen anerkannt.

Die Richtung auf die

  • Unendlichkeit, Komplexität der Wirklichkeit und der entsprechenden Orientierung findet in der Erwachsenenbildung ebenfalls Berücksichtigung. Dieser Philosophiekurs ist hierfür ein Beispiel. Im Vordergrund steht die Entwicklung der gesamten Persönlichkeit, nicht nur desjenigen Ausschnitts, der mit dem Erhalt und der Fortentwicklung der Berufsbiografie erfasst ist. Ebenso wird durch diese Tendenz der Erwachsenenbildung die gesellschaftliche Erfassung der Wirklichkeit und der gesellschaftlichen Risiken möglicherweise befördert. Entscheidend ist hierbei die Breitenwirkung, manches was beispielsweise in Wissenschaftskontexten weithin unstrittig ist, wie die Klimaproblematik, wird in Erwachsenenbildungskontexten breiter ausgeführt.
  • Dazu wird auch die Richtung der Spezialbildung ins unendlich Kleine befördert, indem man bestimmte Interessen verfolgen kann, über etwas besser Bescheid wissen usf. So kann man sich beispielsweise über das Mittelalter besser und genauer informieren.

Überblickt man das Bildungssystem als Ganzes, wie wir es in der Grafik etwas übervereinfachend dargestellt haben, dann sieht man, dass der gesamte Lebenslauf eines Individuums vom Bildungssystem erfasst wird. Daher ist der Begriff Erwachsenenbildung recht unscharf, denn ab 18, spätestens ab 21 Jahre gilt man als Erwachsener, unterzieht sich einer Berufsausbildung, studiert usf. Diesen Aspekt des Bildungsprozesses von Erwachsenen umgreift der Begriff der Erwachsenenbildung eher nicht, sondern stärker denjenigen der beruflichen Weiterbildung und der Erweiterungen der Bildung über Allgemeinbildung und Berufsbildung hinaus in Richtung auf das Unendliche im Kleinen und Breiten.
Mit den Begriffen

  • Allgemeinbildung,
  • Berufsbildung und
  • Erwachsenenbildung im zuletzt bestimmten Sinn kann man also den Bildungsbegriff im Bildungssystem anschaulich darstellen.

Insgesamt bildet der Lebenslauf des Individuums, seine Biografie aus individueller Perspektive den Kern des Bildungssystems. Das Individuum bildet sich in diesem System (vgl. Niklas Luhmann, Erziehung als Niklas Luhmann – googlebild Formung des Lebenslaufes, in: Dieter Lenzen [Hg.], Niklas Luhmann, Schriften zur Pädagogik [stw 1697]), wobei es unterschiedlich starke Betonungen der

  • Rezeptivität und
  • Spontaneität in diesem Prozess gibt.

Im Bereich der Erwachsenenbildung sollte der Spontaneitätsaspekt überwiegen, man wählt sich die Themen, die er oder sie möchte, die Institution, die dies anbietet, möglichst selbst aus usf.

Der aus meiner Sicht wichtigste Aspekt der Erwachsenenbildung bis ins Seniorenalter dürfte die Vertiefung der eigenen Bildung ins unendliche Kleine und Breite sein. In der Zukunft wird ihr mutmaßlich sehr große Bedeutung zuwachsen, da es absehbar ist, dass die Krisenzustände zunehmen. Hier bietet die Erwachsenbildung an, sofern sie kompetent gemacht wird, die Orientierungssicherheit zu erhöhen. Sie sollte dazu beispielsweise die wachsenden Fremdheitserfahrungen in der sogenannten Globalisierung bearbeiten, dazu die nötige Umorientierung im Umgang mit Energie. Auch die Fragen guten Lebens mit möglicherweise geringeren Einkommen ist ein wichtiges Thema der Erwachsenenbildung.

6. Dezember 2008

Noam Chomsky wird achtzig

Noam Chomsky feiert heute seinen achtzigsten Geburtstag und die FR widmet diesem Ereignis einen ausführlichen Artikel, der auch einige persönliche Informationen über seine jetztige Lebenssituation und diejenige seiner Frau enthält.
Hauptpunkt ist die politische Oppositionshaltung in den Vereinigten Staaten, die er seit den 1960er Jahren, insbesondere dem Vietnamkrieg eingenommen hat. Diese ist sozusagen zum Habitus geworden, sodass er auch die Wahl Obamas vor allem als Sieg des großen Geldes, der Lobbyisten und einer geschickten Wählertäuschung durch eine Medienkampagne sehen kann. Auch er werde die imperialistische Politik im Blick auf Pakistan und Afghanistan fortsetzen.
Der Autor Sebastian Moll glaubt, dass Chomskys wissenschaftliche und politische Auffassungen stark zusammenhängen:

„Es ist jene Mischung aus Skepsis, Idealismus und intellektueller Rigorosität, der Chomsky unter den linken jüdischen Intellektuellen im New York der 50er Jahre begegnet war: Martin Buber gehörte dazu, Hannah Arendt, Erich Fromm, eine junge Susan Sonntag. Es war ein Klima intellektueller und politischer Dringlichkeit, des Glaubens an die Macht des Geistes sowie radikaler Aufgeklärtheit.“

Natürlich ist ein solches Klima immer „dringlich“, aber ob die genannten Intellektuellen wirklich aus einem Guss sind, ihr teils religiöses, teils irreligiöses Judentum wirklich eine mehr als konstruierte Verbindung darstellt?
Chomsky hat mit seiner Entwicklung einer Transformationsgrammatik zweifellos eine bedeutende wissenschaftliche Leistung erbracht. Er konnte wohl zeigen, dass die Syntax einer Sprache aus endlichen Mitteln über einen Algorithmus unendliche viele Sätze erzeugen kann. In allen weiteren Punkten kann man ihm aber schwerlich folgen. In den Fragen der Inhaltssemantik, der Sinnebene, Schleiermacher googlebild manchmal auch Bedeutungsebene genannt, haben sich letztlich doch Schleiermacher, Humboldt Humboldt googlebild und Peirce Peirce Googlebild mit ihrer Unendlichkeitsannahme durchgesetzt, die Semantik einer Sprache kann nicht über einen Algorithmus konstruiert werden, wie es schon seit den 1970er Jahren Umberto Eco immer wieder neu gezeigt hat. Eco googlebildMoll hat daher Recht, die politische Auffassung von Chomsky, auch ihre angeblich logische Klarheit, hängt mit der Syntaxauffassung Chomskys zusammen. Wenn alles so aufgebaut ist, wie die Syntax natürlicher Sprachen, dann lässt es sich (zwar nicht mit der Volksschulbildung im Sauerland Münte googlebild ) berechnen und klar ausdrücken, es gibt keine Unschärfen. Chomsky hat das im Übrigen eher assoziativ biologisch absichern wollen. Allerdings kann auch dies als widerlegt gelten, seit die Gehirnprozesse als autopoietisches System verstanden werden können, ist auch hier zumindest die Einsicht in die Unüberschaubarkeit und Unendlichkeit eingekehrt, die auch für die Inhaltssemantik natürlicher Sprachen gilt.
Daher müssen Chomskys politische Auffassungen als die eines Radikaldemokraten, ja wohl Anarchisten gesondert gewürdigt werden. Davor ist Respekt zu äußern, aber sie stellen eine Meinung unter sehr vielen anderen dar. Ihnen kommt keine wissenschaftliche Zwangsläufigkeit zu. Chomsky hat das wohl nicht immer selbst erkannt – und den Fehler mancher Intellektuellen begangen, sich als eine Art Denk-Mal am Massuchetts Institute for Techology aufzubauen. Das ist ein sympathischer Fehler. Wichtig ist sein Widerspruch, der zu denken gibt. Auch wenn er sich bei Obama vielleicht deutlich täuscht…

Der Nikolaus hat ihm heute sicher keine Rute gebracht.