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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegt die Weisheit verborgen …


5. Dezember 2008

Unbehagen in Deutschland

Heitmeyer - googlebild Der Bielefelder Sozialwissenschaftler Wilhelm Heitmeyer hat mit anderen eine Studie über den Zustand der Ost-West-Befindlichkeiten vorgelegt, die bei Suhrkamp erschienen ist, leider aber als Text – soweit ich sehe – im Internet nicht verfügbar ist. Insofern ist die Darstellung hier auf die Zusammenfassung Heitmeyers in der ZEIT angewiesen sowie auf Darstellungen in der taz, wo zwei entsprechende Artikel erschienen sind.
Insgesamt ist in den Medien eine stärkere Beachtung des gesellschaftlichen Zerfalls in der Bundesrepublik zu beachten, so wird stärker wahrgenommen, dass die von der Agentur für Arbeit monatlich ja veröffentlichten, wenn auch nicht besonders betonten Zahlen im ALG II-Bereich mit der öffentlichen happiness im ALG I-Bereich nicht kompatibel sind. Die tatsächliche Stimmung in der Bevölkerung ist also erheblich ungemütlicher als es beim Blick in die Medien scheinen könnte. Interessanterweise scheint dies parteipolitisch im Moment eher CDSU/FDP zu nutzen.
Von solchen etwas vordergründigen Fragen ist der Konfliktforscher Heitmeyer eher unbeeindruckt. Er untersucht, warum es starke Integrationsprobleme der Ostdeutschen in die Gesellschaft der Bundesrepublik gibt, es ist ja damals nicht zu einer Neugründung gekommen, sondern zu einem Beitritt der „neuen Bundesländer“.

„Die Integration in einer Gesellschaft wird nicht nur von der objektiv gegebenen Gelegenheit des Zugangs zum Arbeitsmarkt, der Teilnahmemöglichkeiten an öffentlichen Auseinandersetzungen, also politischer Partizipation, um soziale Gerechtigkeit, Solidarität et cetera zu erstreiten, sowie der stabilen Zugehörigkeit zu Familien oder Milieus bestimmt, sondern auch von der Anerkennung, die die Menschen subjektiv erfahren.
Hat diese Gesellschaft diese Aufgaben gelöst? Wenn sie nicht gelöst werden, ist zu erwarten, dass Desintegrationsängste, Benachteiligungsgefühle und Anerkennungsdefizite auch die Abwertung und Diskriminierung schwacher Gruppen nach sich ziehen. Dafür haben wir empirische Belege. Die offene Frage ist, wo sich diese Ursachen der Anerkennungsverluste mit Blick auf das vereinigte Deutschland besonders finden und für wen sie negative Konsequenzen haben.“

Die Studie setzt mithin an einem weichen Faktor, der Anerkennung bzw. dem Anerkennungsgefühl an. Die Hypothese besteht weiterhin darin, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Gefühl mangelnder Anerkennung und der Abwertung und Diskriminierung sogenannter „schwacher Gruppen“ gibt, darunter fallen der Studie „Semiten bzw. Juden“, „Fremde“, „Muslime“ und „Obdachlose“. Die Korrelation wird in der folgenden Grafik dargestellt:
Zeitgrafik
Insgesamt wird also in West- wie Ostdeutschland die Wende 1989/1990 eher als nachteilig empfunden. Dass wir es daher heute etwa mit ungefähr 10 bis 11 Millionen Empfängern von Transferleistungen zu tun haben, während es 1989 in der alten Bundesrepublik etwa fünf Millionen waren, ist eine äußerliche Tatsache, welche diese Stimmung begünstigt. Hinzu kommt die Desillusionierung, die der sogenannten „Finanzkrise“ gefolgt ist – und welche den Outcome des marktwirtschaftlichen Systems nun stark ernüchtert sehen lässt.
Interessant ist, dass der Antisemitismus etwas zurückgegangen ist, während die Islamophobie zugenommen hat, die Fremdenfeindlichkeit sinkt ab, aber die Abwertung von Obdachlosen, die ja auch Opfer von Gewalttaten werden, steigt an.

• „Die konkurrenzbasierte Fremdenfeindlichkeit geht erfreulicherweise seit 2005 in beiden Landesteilen zurück, was möglicherweise der positiven Arbeitsmarktentwicklung angerechnet werden kann. Gleichwohl sind die Werte für Ostdeutschland über alle sieben Jahre unseres Erhebungszeitraumes hinweg deutlich höher.
• Die Kurven zum Antisemitismus entwickeln sich parallel, wobei wir einen leichten Rückgang der entsprechenden Einstellungen beobachten. Betrachtet man die prozentualen Anteile der Menschen, die antisemitischen Aussagen zustimmen, so fallen die Werte in Westdeutschland nach wie vor höher aus.
• Die generalisierte Abwertung des Islams entwickelt sich in beiden Landesteilen dagegen sehr unterschiedlich. Während sie im Osten – weitgehend ohne Anwesenheit von Muslimen und ihrer Symbole – zunimmt, geht sie im Westen zurück.
• Die Abwertung von Obdachlosen scheint sich in Ost- und Westdeutschland unterschiedlich zu entwickeln. Während die Werte für die neuen Bundesländer über den ganzen Beobachtungszeitraum hinweg etwas höher waren, deuten sich im Jahr 2008 eine Zunahme im Osten und eine Abnahme im Westen an.
• Der klassische Sexismus entwickelt sich wechselhaft. Das wichtigste Ergebnis besteht darin, dass die Werte über alle sieben Jahre hinweg in Ostdeutschland stets niedriger waren. Differenzen zwischen Ost- und Westdeutschland, die bei insgesamt sinkenden Werten für beide Landesteile zeitweilig sichtbar waren, scheinen allerdings kleiner zu werden.“

Das Thema „Sexismus“, worunter auch “Homophobie” fällt, ist in der Grafik nicht berücksichtigt.
Nach meiner Beobachtung ersetzt im Übrigen bei vielen Menschen die Islamophobie den politisch ganz inkorrekten Antisemitismus. Dies ist vor allem seit der Phase der Fall, als die CDSU sich damit auseinanderzusetzen begann, dass hier tatsächlich gut 4 % Muslime leben – und man sie nicht ausweisen kann, ohne gegen bestimmte eigene Grundsätze zu verstoßen. Leicht stößt man bei vielen Islamophoben unter dem Firnis ihrer Äußerungen auf die Verachtung des Judentums, insbesondere seiner Religion. Da ich zu den Verteidigern der großen religiösen Leistung des Judentums insbesondere seit etwa 300 v. d. Z. gehöre, bekomme ich schon mal von solchen Menschen zu hören: „Und essen Sie auch kein Schweinefleisch?“ Das alles ändert nichts daran, dass neben den großen Leistungen der antiken Griechen religiös das Judentum weithin die Grundlagen für die europäische Kultursynthese von Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Religion gelegt hat. Christentum und Islam sind nur Variationen in dem Formenkreis, der aus dem Judentum hervorgegangen ist.

2. Dezember 2008

Erinnerung an die letzte Sitzung (01.12.)

 (1) Im Anschluss an die Zusammenfassung ergab sich eine erneute Kontroverse um das Konzept von Dietrich Schwanitz, das ich „geschmäcklerisch“ gefunden hatte. Nach allem, was ich seinem Text an systematischen Impulsen entnehmen kann, geht es ihm wohl um „Selbsterkenntnis“, wozu das kulturelle Wissen beitragen soll. Dass solche Selbsterkenntnis nicht gut funktioniert, liegt am Zustand der Schulen, des in die Krise geratenen Bildungskanons, diesen will Schwanitz wieder erneuern. Es fehlten verbindliche Maßstäbe.

„Das liegt daran, dass die alten Maßstäbe verlorengegangen sind. Man weiß nicht mehr, was mit welchem Ziel gelehrt werden soll. Weil der alten Bildungskanon verengt und überholt erscheint, hat man Normen überhaupt aufgegeben. Hier liegt der Fehler. Bei dieser Verunsicherung muss jeder Neubeginn ansetzen. (Bildung. Alles, was man wissen muss, 1999)“

An eine solche Formulierung sind aus der Sicht reflektierter Bildungskonzepte be-stimmte Fragen zu richten:

  1. Warum sind die alten Maßstäbe verlorengegangen? Haben Sie sich nicht bewährt?
  2. Wieso wird eigentlich das Problem aus der Perspektive der Lehre angegangen?
  3. Auf welcher Ebene operiert Schwanitz’ „Bildungskanon“ eigentlich? Geht es darum, was Allgemeinbildung ist – oder geht es, was manche Formulierungen von Schwanitz eher nahe legen, um eine akademisch spezialisierte Bildung?

Letztere ist aber eben eine Spezialbildung, die auf der Allgemeinbildung aufbaut. Dass er es so zu meinen scheint, zeigt sich an seinen Ausführungen darüber, was man nicht wissen sollte:

„Dieses Kapitel behandelt jene Wissensprovinzen aus dem Land der Trivialität, die man besser im dunkeln lässt, wie etwa den enzyklopädischen Überblick über die Privatverhältnisse von Schauspielern, Adligen und Prominenten; und es informiert über die Regeln, die die kommunikationstechnische Bewirtschaftung von abseitigen oder bildungsfernen oder schlichtweg bedenklichen Kenntnissen betreffen.“

Also sind das Fernsehprogramm weithin, die Regenbogenpresse, aber auch detaillierte Sport- und Technikkenntnisse dem Gebildeten im Sinne Schwanitz’ eher peinlich – das nenne ich geschmäcklerisch, eine bildungsbürgerliche Attitüde, wie sie sich auch in manchen Zeitartikeln findet. Es sind Geschmacksfragen usf.
Damit ist noch gar nichts gewonnen – und vor allem nichts begründet. Es kommt auch weniger darauf an, was gelehrt wird, sondern darauf, was die Schüler/innen gerne aus der Erfahrung von Alltagsproblemen heraus lernen möchten. Würde dieses Programm verfolgt, gäbe es weniger Klage über die Schulen, für deren Lage Schwanitz eben vor allem die Lehrer/innen und ihre Maßstabslosigkeit verantwortlich macht.
(2) Die PISA-Studien stehen in der Tradition der Philanthropischen Pädagogik und entfalten zeitgemäß deren Programm. Inhaltlich geht es um Lesekompetenz, mathematische Kompetenz und naturwissenschaftliche Kompetenz. Ein Blick in die Aufgaben zeigt, dass diese sehr anspruchsvoll sind, weil sie Kritik- und Reflexionsfähigkeit voraussetzen. Damit soll ein breites, selbstbestimmtes Leben in der „Wissensgesellschaft“ ermöglicht werden, eine ökonomisch zugespitzte Perspektive, die demokratische Aspekte einschließt.
Die PISA-Studien unterstellen, dass Chancengerechtigkeit durch soziale Ungleichheit, Geschlechterungerechtigkeit und Migrationsprobleme beeinträchtigt werden kann. Folglich müssen Staaten, bei denen ein statistischer Zusammenhang zwischen diesen Punkten und schlechten Ergebnisse in der Studie besteht, mit Kritik rechnen.
Das PISA-Konzept ist kein Allgemeinbildungskonzept, sondern definiert Basiskompetenzen, die freilich in ein Allgemeinbildungskonzept eingehen könnten. Als quantitative Studie kann die PISA-Studie aber Allgemeinbildung ohnehin methodisch nicht erfassen, weil hierzu qualitative Studienelemente wie die Erfassung der Bedeutung von Wissen und Kompetenzen für die Schüler/innen selbst erfragt werden. Eine grundlegende Schwäche der Studie besteht in der Beschränkung der Kompetenzen auf Lesekompetenz, mathematische und naturwissenschaftliche Kompetenz. Sport und Kunst gehören hier ebenso dazu wie das Verständnis von kulturellen Differenzen usf.

Auch Engelinnen machen Fehler

 Sigmund Freud - googlebild

Ein Freudscher Versprecher, aller Wahrscheinlichkeit nach, der Bundeskanzlerin.

Copyright: @StilleMaus, www.einspruch.orgSie ist sicher nicht die/der einzige, die das schon einmal zumindest gedacht hat. Und vielleicht denkt er das:

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