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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegt die Weisheit verborgen …


30. April 2009

Eine Karikatur zu einem bewegenden Alltagsthema dieser Woche (StilleMaus, einspruch.org)

Karikatur von StilleMaus einspruch.org

16         Argumentation und Begründung als Gewohnheit

Es gibt sicherlich das Urteil, Philosophie sei eine Sache von Expert/inn/en, schwierig, erfahrungsfern. Sie beschäftige sich mit alltagsfernen Sachverhalten. Zu diesem Urteil tragen sicherlich die akademischen Philosophen bei, deren Begrifflichkeit oft sehr alltagsfern zu sein scheint. Und es gibt Philosophen wie Sloterdijk, Peter Sloterdijkdie offenbar jede Woche darüber nachsinnen, wie man eine möglichst schwer verständliche sprachliche Pointe hervorbringt, die aber irgendwie geistreich klingt – und diese dann sogar im Fernsehen gelegentlich feiert. Wir haben in diesem Kurs gesehen, dass es sich hier nicht um ein sehr gut begründetes Urteil handelt, denn seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts gibt es eine Reihe von philosophischen Positionen, die gerade die Alltagskompetenz in den Mittelpunkt philosophischer Reflexion stellen. „Alle Menschen philosophieren …”, wie Peirce mit Recht betont hat. In vielen Alltagsgewohnheiten, darunter auch Sprachgewohnheiten stecken Potenziale, die bei entsprechender Entwicklung und Bewusstwerdung, es den einzelnen Menschen ermöglichen, selbstständig Alltagsphilosophie zu betreiben. Dabei geht es darum, begründet zumindest danach zu fragen, wie man das alles verstehen soll und wie wir leben wollen.

Zu diesen entwicklungsfähigen Alltagsgewohnheiten gehört unsere alltägliche Kompetenz, die komplexen Argumentationen und Begründungen der Abduktion bzw. Hypothese, der Induktion und der Deduktion nicht nur zu verstehen, sondern beim Verstehen selbst nachzuvollziehen. Weil dies eine Gewohnheit ist, ist sie uns verborgen – und für ihre Entwicklung und eigenständige Anwendung müssen wir sie uns erst bewusst machen. Das ist der Sinn dieser Sitzung und der entsprechenden Übungen.

Die Abduktion entwirft eine neue regelmäßige Idee oder Überzeugung, die auf Praxissituationen als ihre möglichen Fälle angewendet werden und dann in der Zukunft immer weiter auf ihre Stichhaltigkeit hin überprüft werden muss.

Die Induktion entwirft eine Regel für als gleichartig betrachtete Fälle. Diese Regel muss in der Zukunft immer weiter überprüft werden.

Die Deduktion unterstellt eine gültige Regel, aus der die Fälle, die anscheinend unter sie fallen, abgeleitet werden können.

Diese drei Regeln der Argumentation, der Begründung und des Schließens sind seit der Antike bekannt und wurden im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts logisch perfektioniert. Schon in der Antike waren sie durch die rhetorische Praxis weitgehend in die Alltagspraxis übergegangen, möglicherweise wurden sie aber in die rhetorische Praxis schon aus dieser entnommen – dies lässt sich nicht mehr sicher überprüfen. Aus der rhetorischen Praxis sind sie dann in die Philosophie übernommen und kritisch überprüft worden. Anders als in der rhetorischen Praxis kam es dann auf die genaue Klärung der im Alltag und in der Praxis oft sehr verkürzten Verwendung der Muster an. Entscheidend für Alltagsphilosophie ist, dass sie gewohnheitsmäßig in unserer Wahrnehmungspraxis und Sprachpraxis vorhanden sind. Der Bewusstwerdung dient diese Sitzung.

16.1     Argumentationen und Begründungen in der Öffentlichkeit, die den Alltag beeinflussen – Übung 1

Beurteilen Sie das Argumentationsmuster bzw. das Begründungsmuster in folgenden Äußerungen! Um welches Argumentationsmuster handelt es sich? Worauf wollen die Argumentierenden hinaus – und wie begründen sie dies? Vollziehen Sie es genau nach – und überlegen Sie, ob es Ihnen einleuchtet!

Die Beispiele entstammen alle bestimmten sehr verbreiteten Massenmedien, die unseren Alltag je nach Interesse mehr oder weniger bestimmen. Diese Beispiele zeigen,

(1)   dass die Argumentationsmuster im Alltag vorkommen – und

(2)   dass Ihnen auch von den Massenmedienmenschen zugetraut wird, diese Argumentationsmuster zu beherrschen.

16.1.1  Thorsten Hild (Wirtschaftswissenschaftler), taz-online 29.04.2009

„Löhne haben für das Überleben der Wirtschaft eine gar nicht zu überschätzende Bedeutung. Geht die Lohnsumme plötzlich und unkontrolliert zurück, droht nichts weniger, als dass der Wirtschaftskreislauf zum Erliegen kommt.”

16.1.2   Wolfgang Wagner, Angst ist ein guter Ratgeber, FR-Online, 30.04.2009

„Wenn einem heute in der S-Bahn jemand in den Nacken niest, hat der Schauer, der einen überfällt, sicher auch psychische Gründe. Mancher wird es bereuen, die schweißfeuchte Hand, die ihm gereicht wurde, gedrückt zu haben. Schul- und Kindergartenleiter werden aufmerksamer auf ihre Zöglinge achten.

Doktoren werden noch mehr eingebildete Kranke beruhigen und die Krankenhäuser mehr vermeintliche Notfälle behandeln. Die Schweinegrippe hat Deutschland erreicht.”

16.1.3   Barack Obama, Pressekonferenz zum 100. Tag seiner Präsidentschaft, SZ-Online, 30.04.2009

„Barack Obama hat keinen Grund für Selbstzweifel: Auf der landesweit übertragenen Pressekonferenz zum 100. Tag seiner Präsidentschaft gibt es nicht eine einzige böse, schmerzhafte Frage. ‚Wir sind gut gestartet’, lautet der Tenor Obamas bei seinem wie stets souveränen Auftritt. Niemand im traditionsreichen, prächtig möblierten East Room des Weißen Hauses widerspricht.

‚Obamas Start war der eindrucksvollste seit Franklin D. Roosevelt’, hatte schon der Time-Kolumnist Joe Klein jubilierend geschrieben. Aber auch Obama weiß, dass er trotz seiner ungebrochenen Beliebtheit bei Öffentlichkeit und Medien nur Schonzeit hat.

Eine dramatische Wirtschaftskrise, riesige Staatsschulden und zwei Kriege lasten auf der neuen Regierung. Dazu will Obama auch das marode Gesundheitswesen und die Schulen reformieren, den Klimawandel bekämpfen und vieles mehr. ‚Wir werden das schaffen’, sagte Obama selbstbewusst. Seine ersten 100 Tage wertete er positiv: ‚Ich bin stolz auf das, was wir erzielt haben, … erfreut über den Fortschritt, aber nicht zufrieden.’”

16.1.4  Außenminister Frank-Walter Steinmeier bei seinem Afghanistanbesuch, SZ-Online 30.04.2009

„Die Anschläge überschatteten den unangekündigten Besuch von Außenminister Frank-Walter Steinmeier in Kabul. Steinmeier verurteilte den tödlichen Anschlag als ‚feiges und heimtückisches Verbrechen’. Deutschland lasse sich durch solche Taten nicht davon abbringen, ‚diesem geschundenen Volk beiseite zu stehen’”.

16.1.5   Uli Hoeneß, FC Bayern FanTV vom 27.04.2009, zur Entlassung von Jürgen Klinsmann

„Ich möchte vielleicht noch hinzufügen, dass wir nicht den Fehler machen sollten, den sicher wahnsinnigen Ausrutscher in Barcelona zum entscheidenden Maßstab zu machen. Gegen Barcelona werden auch noch andere Mannschaften verlieren. Es kommt auf den Trend an, seit Weihnachten haben wir in allen Spielen, wo es drauf ankam, Tabellenführer zu werden, in Hamburg, in Berlin, jetzt gegen Schalke verloren. Das muss uns zu denken geben.”

16.1.6   Christopher Flowers zum Übernahmeangebot, Faz.net vom 30.04.2009

„Der Großaktionär der Immobilienbank Hypo Real Estate (HRE), der amerikanische Investor J.C. Flowers, hat das Übernahmeangebot der Bundesregierung abgelehnt. Die Offerte der Bundesregierung für die Aktien der HRE bezeichnete Flowers in einer am Donnerstag veröffentlichten Erklärung als zu niedrig.”

16.2     Übung 2

Bilden Sie zu jedem der Argumente Gegenargumente, selbst wenn Ihnen die Argumentation bzw. Begründung einleuchten sollte!

29. April 2009

15          Erinnerung an den 27.04.

In der Diskussion der Erinnerung an den 20.04. ergab sich erneut eine deutliche Kontroverse zu den Fragen der Folgen der Wissenschaften für den einzelnen Menschen, die Gesellschaft und den Alltag. Die Position von Peirce, der ich selbst auch zuneige, wurde nicht von allen Teilnehmer/innen akzeptiert. Einige bleiben beharrlich bei der Ansicht, dass Wissenschaft zunächst einmal im Blick auf die sogenannte Grundlagenforschung keine Reflexion auf die praktische Relevanz und die entsprechenden Folgen der Umsetzung erforderlich mache. Damit zeigt sich auch in unserem Kurs eine deutliche Meinungsunterschiedenheit, die sich in derartigen Debatten sonst in der Gesellschaft, in der Wissenschaft usf. findet.

Eine weitere Ansicht im Kurs besteht darin, dass der Ansatz von Peirce zu komplex sei, in Wahrheit funktioniere er nicht – und habe noch nie funktioniert. Nie konnte eine negative Folge verhindert werden. Diese Ansicht nähert sich derjenigen von Thomas Fuchs an.

Thema der Sitzung war dann dasjenige der Kreativität. Im Kern wurde die Ansicht von Peirce akzeptiert, dass die Kreativität vorbewusst entstehe, sie könne durch bildliche Darstellungen, Träume usf. sich äußern, wofür Beispiele u. a. aus der Chemie gewählt wurden, etwa der Entdeckung der KekuléGestalt des Benzolrings, dessen Entdecker Kekulé angeblich den Traum einer Schlange, die sich in den Schwanz beißt, hatte. Damit tritt der Horizont des Vorbewussten und Unbewussten in den Kontext von Alltagsphilosophie ein. Denn nicht nur in Kunst und Wissenschaft tritt Kreativität auf, sondern Lebenssituationen, die möglicherweise schwierig sind, können mit den gewohnten Mitteln nicht mehr bewältigt werden. So kann einem zufällig bewusst werden, dass jenes Gewohnheitsmuster, das einen zurzeit selbst schwer in eine Krise führt, möglicherweise auf ältere Prägungen zurückgeht, sodass vor diesem Hintergrund eine Änderung möglich wird. Herr Maier führte hierzu ein instruktives Verschuldungsbeispiel an.

Vom kreativen, aus dem Vorbewussten kommenden Auftreten einer neuen Idee, einer neuen Konzeption geht der Weg wie bei jeder Abduktion „rational” weiter. Die neue Idee muss auf eine Praxissituation bezogen und in ihr erprobt werden. Gelingt dies, wird sie weiter induktiv auf ihre Tragfähigkeit überprüft – bis sie selbst wieder zu einer Gewohnheit werden kann.

Neben diesen Punkten überzeugte auch der Hinweis von Peirce, dass die Gestaltung der Umgebung Innovationen und Kreativität begünstige. Überraschungsarme Umgebungen befördern Kreativität nicht. Hier wurde auf entsprechende Anstrengungen oder auch fehlende Anstrengungen im Bildungssystem verwiesen. In der Tat dürfte auch nach meiner Meinung das Bildungssystem von der Familie an, dann der frühen Kinderbetreuung, dem Kindergarten, den Schulen hier eine große Verantwortung tragen. Dies hat m. E. tatsächlich auch eine ökonomische Bedeutung: Denn ohne soziale und technische Innovationen wird sich das Wirtschaftssystem in unserer Weltgegend sozial und ökologisch mit Sicherheit nicht halten können. Es ist auf ständige Innovationen in einer sich verändernden Umwelt angewiesen. Darüber hinaus hat aber auch jeder einzelne Mensch, der mit seinem Leben nicht zufrieden ist, höhere Chancen, selbst etwas zu verändern, wenn er eine kreative Lösung findet. Wichtig hierbei ist, nicht ungeduldig zu werden, warten zu können, nichts erzwingen zu wollen. Peirce hat mit Recht auf die „Langsamkeit” solcher Prozesse des Geistes verwiesen.

Auch in dieser Diskussion trat erneut das Problem von Wahrheit und Wissenschaften wieder auf. In der Tat ist die Position von Peirce und in abgewandelter und verdünnter Form von Jürgen Habermas zutreffend, dass sich die Diskurse in Wissenschaft und Gesellschaft auf Wahrheit, Gutes usf. zubewegen sollten. Diese Zielrichtung sollten wir ihnen vorgeben. Denn sofern die Wissenschaften nicht mehr unterstellten, dass sie die Wahrheit über die Wirklichkeit darstellen möchten, wird ihr Unternehmen selbst grotesk, was man in konstruktivistischen Verirrungen wie denjenigen von Gerhard Roth m. E. gut besichtigen kann. Dann ist die Auskunft: Was wir unterstellen, ist insofern richtig, weil wir es so konstruiert haben. Hätten wir es anders konstruiert, ergäben sich andere Richtigkeiten. Das ist eine Scheindebatte. Die Klimakatastrophe tritt ein, wie von Wallace zu Beginn des 20. Jahrhunderts prinzipiell vorausgesagt, weil wir uns so verhalten haben und noch verhalten, wie wir es getan haben. Wäre die Ökonomie einen anderen, kreativeren Weg gegangen, träte sie nicht ein. Die Vergleichgültigung des Wahrheitsproblems resultiert aus der Anschauung, dass die Menschen von ihrer Umwelt scharf geschieden seien, gleichgültig ob man auf Zeichen, Bewusstsein oder das nackte Gehirn setzt. Tatsächlich sind wir aber Teil der Wirklichkeit, wir stehen ihr nicht abstrakt und völlig fremd gegenüber. Folglich können wir in bestimmten Grenzen auch wahre Aussagen über bestimmte Sachverhalte machen, weil wir durch Beziehungen in die Wirklichkeit eingelassen und mit ihr als Teil verbunden sind. Mithin lässt sich auch als regulative Idee so etwas wie eine abschließende Wahrheit anstreben, in dem Wissen, dass es in der Zeit immer Abweichungen gibt – wie wir in unserem Kurs ja jetzt schon mindestens drei Meinungen zu den Folgen der Wissenschaften und deren ethischer Behandlung haben.

Willkommen!

Nach einer Probephase habe ich mich entschlossen, in einen größeren Blog umzuziehen, der auch bequemer für Lesende und Autor ist. Sicher wird es in der ersten Zeit noch einige Ungereimtheiten geben, aber ich hoffe, dass diese für die Lesenden erträglich sind. So muss ich selbst noch bei der Bildberarbeitung sehr viel üben! Erfreulicherweise ist die Zahl der Leser/innen aus Deutschland und Österreich in den letzten Wochen auf durchschnittlich gut 120 angestiegen – dafür herzlichen Dank!

Dies zeigt auch, dass es zumindest ein Interesse an qualitativ etwas anspruchsvolleren Texten im Internet gibt. Mich ermutigt es jedenfalls, dies fortzusetzen. Vielleicht ermutigt es auch andere, es selbst zu versuchen. Ich würde mich auch freuen, wenn andere sich hier in diesem Blog als Autor/innen eintragen lassen.

Das Internet bietet tatsächlich die Chance, die eigenen Ansichten zuJürgen Habermas veröffentlichen. Die Grundidee der Aufklärung, dass die Gedanken nicht nur frei sind, sondern auch frei geäußert werden können, nähert sich ihrer Verwirklichung an. Das ist nur im Streit um die Wahrheit und um die Qualität von Äußerungen möglich. Doch gehört dies gerade zur Grundidee hinzu. Im Kern haben junger-schleiermacherFriedrich Schleiermacher, Charles Peirce und in jüngerer Zeit vor allem Jürgen Habermas hierzu das Nötige gesagt. Wir können aufgrund der einengenden Tendenzen der Qualitätszeitungen, des Fernsehens, vieler Radiosender nur wenig darauf hoffen, dass in den Massenmedien herkömmlicher Art eine breitere Öffentlichkeit ernstere Fragen wirklich erörtern kann. Charles PeirceIst doch philosophisch im Fernsehen beim sicher kreativen Worterfinder Peter Sloterdijk doch schon das Ende der Fahnenstange erreicht. Alltagsphilosophie kann sich damit nicht begnügen, sondern muss eine unbeschränktere Öffentlichkeit suchen. Und dieser Blog ist ein erster Anfang.

13          Das Problem des Fremden, Neuen und Anderen

Peirce hatte darauf hingewiesen, dass Gewohnheiten stets mit Gewohnheitsänderungen verbunden sein müssen – oder zumindest sein können. Gewohnheiten können erstarren und wir sind dann schwerlich dazu fähig, uns an veränderte Umstände im Alltag anzupassen. Für Brodbeck sind die allermeisten Gewohnheiten, in denen sich unser Alltag vollzieht, sogar vom Täuschungsverdacht bedroht. Bei beiden wird damit gerechnet, dass Gewohnheiten durch uns selbst geändert werden können. Dazu müssen sie uns bewusst werden. Doch wie geht es dann weiter? Natürlich mit „Kreativität”! Doch was ist diese?

Peirce drückt sich sehr dunkel und metaphorisch aus, als er beschreibt, wie die Gewohnheitsänderung im Buchaufbau von „Phänomen und Logik der Zeichen” vor sich ging:

Seine Seele lehrte sich selbst einen Trick … (52)

Damit chiffriert er, dass es bei Kreativität stets ein Moment der unverrechenbaren Spontaneität gibt, das parallel zu Empfindungen und Gefühlen liegt, dem ersten kategorialen Aspekt, den Peirce bei seiner Alltagsbetrachtung im Arbeitszimmer an jenem Junivormittag feststellte. Die Seele Peirce’ schlug also eine leichte Änderung der bisherigen Regel des Textaufbaus vor – und so wurde das Problem zur Zufriedenheit Peirce’ gelöst (vgl. Sie dazu Abschnitt 5.2, S. 20ff). Es entsteht im Verhältnis zum Bestehenden Neues, das man so vorher noch nicht gesehen hatte, man war blockiert, auf das Festgelegte fixiert o. Ä. Der Ausdruck „Kreativität” unterstellt, dass dieses Entstehen „schöpferisch” war. Peirce’ Trickmetapher führt hier freilich eine bestimmte Unklarheit ein. Gut wäre es, wenn Kreativität planvoll vorginge. Wir entwerfen „kreativ” eine Lösung durch Nachdenken – und setzen diese dann um. Doch Peirce zufolge ist es leider nicht so:

„Durch unmittelbare Anstrengung ist fast nichts zu erreichen. Es ist ebenso leicht, seine Statur durch Denken um eine Elle zu vergrößern, als eine für die Musen annehmbare Idee hervorzubringen, indem man bloß hinter ihr herjagt, bevor sie einem von selbst kommt. Vergeblich belagern wir die heilige Quelle und den Thron von Mnemnosyne [Göttin der Erinnerung]. Die tieferen Aktivitäten des Geistes gehen ohne unser Einvernehmen auf ihre eigene, langsame Weise vor sich. Dann freilich, wenn ihr Horn erschallt, sollten wir uns Mühe geben und eine Gabe für den Altar jeder Gottheit bereithalten, die von ihrem Duft erfreut wird. Neben diesem inneren Vorgang gibt es die Wirkung der Umgebung, welche Verhaltensgewohnheiten, die dazu bestimmt sind, aufgebrochen zu werden, aufbricht und so den Geist lebendig macht. Jeder weiß, dass uns das lange Fortbestehen einer routinemäßigen Verhaltensgewohnheit lethargisch macht, während eine Folge von Überraschungen die Ideen wunderbar auffrischt.”[1]

Peirce rechnet also damit, dass Kreativität

  • im Individuum vorbewusst vor sich geht – und
  • durch Überraschungen, Fremdheitserfahrungen usf. seitens der Umwelt begünstigt wird.

Mann oder Frau kann sich also nicht einfach entschließen: Bitte jetzt sofort kreativ sein! Das ist der Grund, warum im Bereich der Kreativität so viel vom „Bauchgefühl” und der „Intuition” die Rede ist. Zu mir hat einmal ein Unternehmer gesagt: „Vertrauen Sie auf meine Kreativität!” Ein anderer, mit dem ich befreundet bin, legt mit einem wissenden, leicht ironischen Lächeln Wert darauf, dass er stets eine Parklücke findet – und auf längere Sicht schien auch sein beachtlicher Geschäftserfolg eine gewisse Parallele dazu aufzuweisen. Personen, bei denen der erste Aspekt von Peirce’ zweiseitiger Kreativitätsbeschreibung häufig auftritt, neigen offenbar gelegentlich dazu, sich diesen als eigene Eigenschaft zuzuschreiben, wie die beiden Beispiele nahelegen könnten. Demgegenüber war Peirce persönlich so gereift, dass er erkannte: Die inneren Vorgänge, wie es zum Entstehen einer neuen Verhaltensgewohnheit bzw. einer neuen Gewohnheit kommt, sind unserem Bewusstsein entzogen. Es taucht plötzlich – ohne unmittelbare Anstrengung – eine Empfindung, eine neue Idee auf, die wir nicht aus bisher Erlebtem oder Gedachten irgendwie ableiten können.

Peirce’ zweiter Aspekt ist mindestens ebenso wichtig. Wer in einer Umwelt ohne größere Überraschungen, fern von Fremderfahrungen lebt, bildet Peirce zufolge weniger wahrscheinlich kreative neue Ideen aus, die Gewohnheiten ändern könnten, welche aufgebrochen zu werden verdienen. Diese äußere Anregung durch Überraschungen, Fremderfahrungen usf. hält uns wach, fordert uns heraus. Denn auf Überraschungen, Fremderfahrungen können wir nicht einfach mit dem Althergebrachten reagieren, sofern wir diese erfassen und ihnen gerecht werden möchten – so jedenfalls Peirce. Dass viele Menschen dies dennoch tun, zeigt Peirce zufolge deren Lethargie an.

Die Rede vom „Bauchgefühl” und der „Intuition” sind also hinsichtlich des ersten Aspekts nachvollziehbar, philosophisch aber noch nicht hinreichend kritisch durchdacht. Was im Bewusstsein erscheint, ist eine Abduktion, eine hypothetische Schlussfolgerung, welche die Überraschung, das Fremde als Fall einer unbekannten Regel versteht. Diese Regel ist spontan entworfen, keineswegs planvoll ausgearbeitet. Eine Abduktion ist eine sehr vage Schlussfolgerung, die sich in sehr vielen Fällen nicht bewährt. Dennoch können Abduktionen das Richtige treffen. Aber dazu müssen sie kritisch überprüft werden.

Daher muss man sie auf entsprechende Praxissituationen beziehen, um sie austesten zu können. Das ist der zweite Schritt. Mann oder Frau muss eine geeignete Praxissituation finden, in der die spontan entworfene Regel den Fall bestimmt oder bestimmen könnte. Brodbeck empfiehlt aus buddhistischer Sicht hier bestimmte schon erprobte meditative Übungen. Peirce ist hier erheblich offener und schreibt eher nichts vor, obgleich auch er das Meditieren durchaus anregend fand.

Hat man eine solche Praxissituation gefunden und die Regel bewährt sich in dieser Situation, dann gilt es viele weitere Situationen zu finden, in denen sich diese Regel erprobt. Hat man einige durchlaufen, hat sich allmählich eine neue Gewohnheit ausgebildet – und wir denken eher nicht mehr darüber nach. So fällt es mir kaum noch auf, dass ich seit einiger Zeit in der „Griechischen Weinstube” keine Bohnensuppe mehr esse und kein Bier mehr trinke. Jedenfalls fühle ich mich am nächsten Morgen danach erheblich besser …

14          Zusammenfassung

Gewohnheiten können nur durch Kreativität verändert werden. Dies gilt auch für buddhistisch inspirierte Ansätze wie denjenigen von Brodbeck. Vor der Veränderung steht das Bewusstwerden von Gewohnheiten.

Mit Peirce ist zu unterstellen, dass der Ausgangspunkt der Abduktion, die neu entworfene Regel spontan entsteht – und auf vorbewusste Vorgänge zurückgeht. Dies kann nicht durch unmittelbare oder zielgerichtete Anstrengung erreicht werden. Darauf nehmen die häufig verwendeten Ausdrücke „Bauchgefühl” und „Intuition” in diesem Kontext Bezug. Peirce macht zudem darauf aufmerksam, dass eine abwechslungsreiche und herausfordernde Umgebung eher zu Kreativität anregt.


[1] Evolutionäre Liebe, in: Charles S. Peirce, Naturordnung und Zeichenprozess, 1991 (stw 912), 248.

23. April 2009

12 Erinnerung an den 20.04.

In der Sitzung wurde das Problem der Alltagsgewohnheiten problematisiert und zu präzisieren versucht. Sie sind Ausgangspunkt der Möglichkeit, Alltagsphilosophie zu treiben, wenn sie bewusst werden und die Potenziale erkennen lassen, die in ihnen stecken. Ebenso kann die Bewusstwerdung zur Veränderung anregen, sofern die Alltagsgewohnheiten als unzureichend erlebt und bewertet werden.

Ausschlaggebend ist, dass uns solche Gewohnheiten eben oft nicht bewusst sind, obgleich es sich um Regelmäßigkeiten handelt, die wir durch bewusste Übung und Nachdenken erlernt haben. Frau Jessel schlug alternativ vor, hier weiter zwischen „Fertigkeiten” und „Gewohnheiten” zu unterscheiden. Dabei wären Gewohnheiten stärker überlieferte Regelmäßigkeiten. Doch scheint wohl gegen eine solche Unterscheidung zu sprechen, dass – wie das Beispiel Brodbecks zeigt – auch nach kreativer Bearbeitung erneut neue Alltagsgewohnheiten entstehen, auch Altruismus kann eine derartige Gewohnheit sein. Sie soll ja sozusagen der sittliche Normalzustand werden.

Die Position von Thomas Fuchs rief im Nachhinein Irritationen hervor. Ist Reflexion immer verspätet? Wo ist bei Fuchs das Phänomen der Kreativität? In der Darstellung der verschiedenen Positionen zur Alltagsphilosphie habe ich stets Gewichtungen vorgenommen: Fuchs im Gegenüber zu Peirce, Wittgenstein im Gegenüber zu Brodbeck, um die verschiedenen Perspektiven und Facetten auf alltagsphilosophische Versuche deutlich zu machen. Hintergrund bleibt stets die Ausgangssituation am Ende des 19. Jahrhunderts, wie in der Abbildung 1 dargestellt:

alltag-wissenschaft1

Fuchs’ Position steht auf dem einen kontradiktorischen Extrem des Feldes von Alltag und Wissenschaft: Wenn Alltag, dann keine Wissenschaft und umgekehrt – die Wissenschaften als Eingriffswissenschaften bedrohen die Selbstverständlichkeiten der Alltagsgewohnheiten und lebensweltlichen Orientierungen. Auf dem anderen Extrem steht der Positivismus, der faktisch nur wissenschaftliches bzw. wissenschaftsbezogenes Philosophieren zulässt. Demgegenüber bilden Pragmatismus und Neukantianismus unterschiedlich ausgerichtete Vermittlungspositionen.

In der Debatte um Fuchs’ Auffassung brach erneut das Problem der Wissenschaften auf. Es wurde eher nicht bestritten, dass die Tendenzen der Wissenschaften zumindest ambivalent sind. Sie schienen gelegentlich die Steuerungskompetenz der Menschen zu überfordern, folgte man einigen Debattenbeiträgen. Wer kann eigentlich voraussehen, was aus der mathematischen Schrödingergleichung folgt? Diese beschreibt mathematisch die räumliche und zeitliche Entwicklung des Zustands eines Quantensystems. Ohne sie wären bestimmte Anwendungen wie Kernspaltung und Kernenergie nicht möglich gewesen. Ist die „Ethik” diesen Fragen nicht gewachsen, wie sie dann zugespitzt bei Problemen der wissenschaftsgestützten Veränderung der Keimbahn auftreten?

„Bedenken Sie, welche Wirkungen, die denkbarerweise praktische Relevanz haben könnten, wir dem Gegenstand unserer Konzeption zuschreiben. Folglich besteht die Konzeption dieser Wirkungen aus dem Ganzen unserer Konzeption des Gegenstands!”

(Charles Peirce, How to make our ideas clear, 1878)

Schon die Bildung eines wissenschaftlichen Begriffs oder einer wissenschaftlichen Konzeption muss diese universal betrachten, mithin auch ihre möglichen Anwendungen im Blick haben. Dazu mag ein einzelner Mensch allein nicht sehr gut in der Lage sein, aber das lässt sich durch andere ergänzen. Wissenschaft ist ein sozialer Prozess. Problematische Anwendungen müssen entsprechend demokratisch ausdiskutiert und so kontrolliert werden. Dies ist nicht harmlos, weil die Wissenschaften – schon Herbert Spencer hat das in den First Principles gezeigt – für die nötigen nachhaltigen Innovationen im dynamischen und instabilen Wirtschaftssystem sorgen. Heute kann dies beispielsweise durch die grundlegende Umstellungen auf andere Energien, im Sinne erneuerbarer Energien erfolgen.

19. April 2009

Alltagsphilosophie 5

9 Erinnerung an den 06.04.

Wittgensteins und Brodbecks Verhältnis zum Alltag sind sehr verschieden. Auch Brodbeck hält das Erleben und Handeln im Alltag für grundlegend, aber er interpretiert die Gewohnheiten des Alltags in der Tendenz vor dem Hintergrund buddhistischer Einsichten als Täuschungen, insbesondere die „Geldrechnung”. Demgegenüber unterstellt Wittgenstein, dass die Beachtung der Regeln der Alltagssprache philosophische Scheinprobleme wie „das Ich” vermeidet – und sogar zu den „Urphänomenen” führe. Die Gegenläufigkeit beider Ansätze ist für Alltagsphilosophie wichtig, weil in ihnen zugleich die Tragfähigkeit und Zerbrechlichkeit von alltäglichen Gewohnheiten sichtbar wird. Wittgenstein setzt eher auf Bewahren alltäglicher Gewohnheiten wie z. B. „ich” zu sagen, während Brodbeck angesichts des möglichen Scheins alltäglicher Gewohnheiten auf Kreativität setzt. Zunächst gilt es, unsere alltäglichen Gewohnheiten achtsam wahrzunehmen – und sie dann durch entsprechende Übung zu verändern. Brodbeck strebt hierbei nicht an, etwa „den blinden Fleck” im Gesichtsfeld zu ändern, sondern Empfindungen, Bewegungsmuster, Denkgewohnheiten, die wir bei achtsamer Betrachtung als einschränkend erleben.

Wittgensteins späte Philosophie ist alltagsphilosophisch ausschlaggebend, weil sie tatsächlich eine relevante Methode bietet, durch Betrachtung der alltäglichen Verwendungen der Sprache, ihrer Regeln, zu erfassen, dass viele wissenschaftlich-theoretische und philosophische Konzeptionen einer gewöhnlichen Grundlage entbehren. Daher wurde sie insbesondere in der Sozialphilosophie (etwa Habermas) stark rezipiert. Zeigt doch die Analyse der Alltagssprache, dass wir selbst stets in kommunikativen Verhältnissen stehen, schon das Wort „ich” kann nur bei gleichzeitiger Kenntnis der Verwendungsregeln von „du”, „ihr”, „wir” usf. angemessen verwendet werden. Wittgenstein erneuert die Einsicht von Humboldt und Schleiermacher, dass der Mensch u. a. sprachlich vergesellschaftet ist. Die Sprechakte wie Behauptung, Bitte, Befehl, Wunsch usf. verweisen auf die grundlegenden Kommunikationsmuster des sozialen Austauschs, auf den wir – bei einiger Betrachtung – auch angewiesen sind. Natürlich ist es möglich, dies zu leugnen und andere Muster wie die Maximierung des Eigeninteresses in den Vordergrund zu stellen.

An diesen Möglichkeiten setzt Brodbeck an und betont, dass der Alltag auch die mindestens genauso wichtige Vergesellschaftungsform der „Geldrechnung” aufweise. Diese steht eher in Spannung zu den freundlichen Kommunikationsmustern der Sprache bzw. Alltagssprache. Dabei ist Brodbecks Ansatz eindeutig am sich selbst aus seinen Alltagsgewohnheiten kreativ befreienden Individuum orientiert. Etwa rechtliche Möglichkeiten zur Kontrolle der „Geldrechnung” auf den Finanzmärkten hält Brodbeck für solange ständig hintergehbar, wie die Individuen diese Geldrechnung nicht als scheinhafte Alltagsgewohnheit durchschauen, die sie selbst und/oder andere schädigt. Interessant ist dabei, dass Brodbeck hierbei nicht den Grundsatz leugnet, dass die Relation, die Beziehung vor den (konkreten) Relata, den Beziehungsgliedern anzusetzen ist, einer der Hauptsätze der realistischen Relationenlogik Peirce’, die man u. a. durch die genaue Analyse des Satzes, in dem das Prädikat strukturell „Subjekte” und „Objekte” als „offene Stellen” enthält, alltagsphilosophisch leicht und anschaulich darstellen kann.

“Gehen” als Relation

Abbildung 3: Bestimmende Struktur des Prädikats im Satz mit „offenen Stellen” („Jemand”, „wohin”), in die konkrete indexikalische Zeichen („ich”, „draußen”) im Alltagssprachgebrauch eingesetzt werden.

Das Individuum kommt also Brodbeck zufolge zu seiner auf Beziehungen angewiesenen Natur durch die kreative Änderung seiner negativen Alltagsgewohnheiten.

Hier stellte sich im Kurs die grundlegende Frage, wie die Realität solcher Erwägungen anzusetzen sei. Gibt es Relationen bzw. Beziehungen? Und wenn doch nur alles konstruiert ist? Dabei wird mit der Frage nach den Relationen eine der Grundfragen unserer Wirklichkeitsstruktur aus alltagsorientierter Perspektive gestellt. Die Relationen „gibt” es nur in konkreten Verhältnissen wie dem dargestellten Satz. Sie sind aus diesen Verhältnissen ein abstrahierbarer Aspekt. Ihr Realitätsaspekt ist derjenige der realen Möglichkeit. Wir finden sie stets nur in konkreten Verhältnissen vor. Leugnet man den Realitätsaspekt der realen Möglichkeit, hat man z. B. Schwierigkeiten, eine Pointe der Quantenphysik zu verstehen:

„Wir hatten davon gesprochen, dass die Quantentheorie die Fülle aller Möglichkeiten eines Systems erfasst und deren naturgesetzliche Veränderung beschreibt.”[1]

Der Streit um die Realität von Relationen ist also ein Streit um die Realität von realen Möglichkeiten. Für den analysierten Satz gilt: Es gibt auch die reale Möglichkeit, nach oben zu gehen – oder aber sich hinzusetzen. Die Leugnung dieser realen Möglichkeiten erscheint etwas schwierig …, im Sinne von Wittgenstein ein alltagssprachlich leicht zu outendes Scheinproblem.

10 Alltag und Gewohnheiten

In allen besprochenen Ansätzen werden der Alltag oder die Lebenswelt mit dem Phänomen der Gewohnheit bzw. der Gewohnheiten verbunden. Sie bilden sich im Zuge des Lebens aus, indem wir bestimmte Tätigkeiten ausführen wie Radfahren, was wir zunächst lernen müssen. Dies wird aber dann selbstverständlich, wir führen diese Tätigkeit nach einiger Zeit nicht mehr bewusst aus, sondern „automatisch”. Dies ist bei vielen Tätigkeiten der Fall, insbesondere Brodbeck betont dies. Dies gilt u. a. für

  • Wahrnehmungen,
  • Empfindungen,
  • Bewegungsmuster,
  • Denkgewohnheiten.

Dass Alltagsphilosophen diesen Aspekt der Gewohnheiten betonen, ist philosophiegeschichtlich betrachtet überzufällig. Hatte doch schon Aristoteles die Gewohnheit (hexis) als Kategorie ausgezeichnet, im Mittelalter dann lateinisch als habitus bezeichnet, worauf das englische habit zurückgeht. Insbesondere in den angelsächsischen Philosophien wird häufig die Vereinheitlichung von Ereignissen als habit verstanden, so etwa bei John Stuart Mill, Herbert Spencer und dann auch bei Peirce. Die Ereignisse folgen daher näherungsweise der gleichen Regel, weshalb beim späten Peirce diese Kategorie regularity, Regelmäßigkeit heißt.

Der Alltag der Menschen vollzieht sich mithin in Gewohnheiten. Viele Situationen, die auftreten, bewältigen wir aufgrund der Gewohnheiten selbstverständlich. Wie Fuchs exemplarisch betont hatte, tritt die Reflexion, das bewusste Nachdenken demgegenüber verspätet auf. Wittgenstein betont sogar in seiner Spätphilosophie, dass bestimmte philosophische Scheinprobleme vermieden werden können, wenn man nur auf die alltäglich gewohnten Sprachspiele genau achtet.

Damit haben wir den ersten wichtigen Punkt der Alltagsphilosophie erreicht. Sie orientiert sich an dem, was jedem und jeder erreichbar ist. Zu den im Kern vertrauten Mustern bzw. Gewohnheiten rechnen wir explizit die Argumentationsmuster der Abduktion (Hypothese), Induktion bzw. Deduktion, die sich in Alltagsargumenten genauso finden wie in wissenschaftlichen Argumentationen. Es ist freilich so, dass diese Muster als Gewohnheiten uns häufig nicht bewusst sind. Diese Bewusstheit lässt sich aber erreichen, indem dies geübt wird. Wird diese Bewusstheit erreicht und damit auch ein Bewusstsein der eigenen „Kompetenzen”, nähern wir uns dem Punkt an, den Peirce meinte: „Alle Menschen philosophieren …” In unseren Alltagsgewohnheiten stecken mithin oft unbewusste Potenziale, die wir durch Bewusstheit und Übung steigern können und die uns dann gesteigert zur Verfügung stehen.

Dass dies funktioniert, lässt sich an den diskutierten Scheinproblemen „des Ichs”, aber auch des Übersehens der fundamentalen Rolle der Beziehungen für unser Leben und unsere Orientierung in der Gesellschaft leicht zeigen. Hier werden durch Wissenschaften und Philosophie Scheinprobleme erzeugt, die im Alltag gar nicht auftauchen. Umgekehrt ist vielen Menschen ihre philosophische Kompetenz enteignet, weil sie glauben, die oft schwer verständlichen Scheinprobleme von Wissenschaften und Philosophie nicht erreichen zu können.

Wichtig ist allerdings, sich zu den eigenen Alltagsgewohnheiten zu verhalten und eine Einschätzung zu erreichen, ob diese hilfreich oder eher schädlich bzw. negativ sind. Damit ist eine weitere Stufe erreicht, in der wir fragen, wie wir leben wollen – eine für uns und die Gesellschaft gleichermaßen wichtige Frage. Vielleicht sind unsere Alltagsgewohnheiten völlig hinreichend – und dann ist alles gut. Kommen wir aber zu der Auffassung, dass dies nicht der Fall ist, dann sollten wir diese Gewohnheiten verändern. Dazu ist Kreativität und Übung notwendig, auch das Wagnis Fremdes zu erproben. Dies ist das Thema der nächsten Sitzung.

Für diese Sitzung ist es wichtig, dass Sie sich die für Sie wichtigsten Gewohnheiten bewusst machen, lassen Sie sich dazu ruhig Zeit. Sie können hierzu einfach ein oder zwei gewöhnliche Tage für sich Revue passieren lassen. Schreiben Sie die entdeckten Gewohnheiten vielleicht auf – oder merken Sie sich diese auf andere geeignete Weise. Versuchen Sie diese zu bewerten, ob sie gut für Sie sind oder eher nicht.

11 Zusammenfassung

Gewohnheiten regulieren den Alltag. Alltagsphilosophie knüpft positiv an diesen Sachverhalt an, weil sie unterstellt, dass in diesen Gewohnheiten oft unbewusste Potenziale stecken. Die bewusste Entwicklung dieser Potenziale führt zur Kompetenz, selbstständig Alltagsphilosophie treiben zu können. Auch wenn man – wie Brodbeck – der Meinung ist, die üblichen Alltagsgewohnheiten seien Täuschungen baut man dann doch bessere Gewohnheiten auf, weshalb Brodbecks Skeptizismus nicht gegen die alltagsphilosophische Pointe spricht.


[1] Thomas/Brigitte Görnitz, Der kreative Kosmos, Heidelberg/Berlin 2002, 98.

5. April 2009

Was ist das Christentum?

Der zweite Text über das Entstehen des Christentums aus dem Judentum und die Doppelstruktur von dynamischer Schriftreligion und Priesterreligion steht zum Download bereit.

3. April 2009

Alltagsphilosophie 4

6 Erinnerung an den 30.03.2009

Als Thema für den nächsten Kurs wurde das Problem der Gene und die gegenwärtige Auseinandersetzung darum in der Biologie gewählt, wobei es um eine philosophische Betrachtung dieser Fragestellungen geht.

Inhaltlich standen die Positionen von Thomas Fuchs und Charles Peirce im Vordergrund. Die Teilnehmer/innen konzentrierten die Diskussion dabei überwiegend auf die Fragen der Folgen der Wissenschaften, Thema war nicht zuletzt die Kernspaltung und ihre waffentechnische, aber auch energiewirtschaftliche Umsetzung.

Während Fuchs aufgrund des insbesondere durch die Betrachtung des Menschen als Maschine erzeugten Eingriffswissens einiger „Lebenswissenschaften” höchst besorgt um die Selbstverständlichkeit der Selbsterfahrung und des Lebensvollzuges ist, geht Peirce optimistischer mit diesen Fragen um. Dabei wurde deutlich, dass Peirce eine funktionierende kritische Demokratie als gesellschaftlichen Hintergrund des Wissenschaftssystems unterstellt, die im öffentlichen Diskurs darüber bestimmt, welche verändernden Eingriffe aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse durchgeführt werden und welche unterlassen werden sollen. In der Tendenz plädiert Peirce davor, nur prinzipiell umkehrbare Eingriffe zuzulassen, weil sowohl die Wissenschaftler/innen als auch die Bürger/innen sich irren können – bestimmte Schäden etwa nicht vorausgesehen wurden usf.

Fuchs und Peirce stimmen darin überein, dass die Reflexion innerhalb der verschiedenen Selbstvollzüge sozusagen verspätet auftritt. Beide vertreten kein Ideal einer vollständigen Transparenz des Menschen oder einer Gesellschaft für sich selbst, zumal es immer auch um zukünftige Entwicklungen von Selbst und Gesellschaft geht. Dann aber ist es notwendig, so Peirce, entsprechend anspruchsvolle Konzeptionen von Wissenschaft und Ethik zu entwickeln, um mit demjenigen Wirklichkeitszug umzugehen, dass Theorien die beschriebene Wirklichkeit selbst ändern können, wenn sie formuliert und angewendet werden. Er plädiert deshalb um sorgsamen Umgang mit theoretischen Modellen, die von einem Bereich in den anderen übertragen werden. Daher seine Kritik an Darwin, der ausweislich seiner Selbstaussage ein ökonomisches Modell als Hintergrund für die Konzeption seiner Evolutionstheorie verwendet hat. Diese Kritik hat eine Parallele in Fuchs’ Kritik am Maschinenparadigma. Andererseits betont Peirce aber auch bei seinen drei Grundzügen, dass es einen wesentlichen Aspekt von Zwang, Widerstand und Anstrengung in unserer alltäglichen Selbsterfahrung gibt, der sich auch in der Weltwirklichkeit insgesamt zeige. Demgegenüber betont Fuchs vorwiegend emphatisch-positive lebensweltliche Züge, die dann kontradiktorisch gegen das Eingriffswissen der Lebenswissenschaften aufgebaut werden, weil diese die Selbstverständlichkeiten von Selbsterfahrung und Lebensvollzug zerstörten.

Das Element des Zwangs spielte auch in der Kerndebatte eine wichtige Rolle, weil es u. a. darum ging, warum die USA Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen haben. Hier stehen aus Peirce’ Sicht möglicherweise die Elemente Empfindung und Regelmäßigkeit (Gewohnheit bzw. Gewohnheitsänderung) gegen das Element des Zwangs. In den Debatten wurde sicher das Element des Zwangs betont, das Kriegsende sollte möglichst schnell herbeigeführt werden. Übersehen wurde hierbei zumindest das Element der Regelmäßigkeit im Sinne der zukünftigen Folgen. M. E. aber spielt ebenso das Element der Empfindung eine wesentliche Rolle, weil es darum geht, auch die bösen Japaner als Menschen wahrzunehmen, die Menschenrechte besitzen.

Die Beispiele von Kernspaltung und Lebenswissenschaften zeigen, dass gerade bei einer funktionierenden Demokratie solche Entscheidungen davon abhängen, was die Menschen für ihr Leben selbst als wichtig erachten. Schwerlich geht es darum, wissenschaftliche Forschung einzuschränken. Mit Recht wurde betont, dass wohl damals die Mehrheit der Amerikanerinnen für die Bombardierung eingetreten sind. Folglich tragen sie auch die Verantwortung – wie heute für die anscheinend etwa eine Million Toten im Irak. Es gibt hier keine wirklich relevanten Entschuldigungsgründe, weil man eben unvorsichtig war, mithin auch für die – so sicher nicht gewollten – Entwicklungen dennoch verantwortlich ist.

7 Die Alltagssprache beachten! (Ludwig Wittgenstein) – Die Gewohnheiten achtsam bemerken und gegebenenfalls kreativ verändern (Karl-Heinz Brodbeck)

7.1 Ludwig Wittgenstein (1889-1951)

Wittgenstein stammt aus Österreich, hatte aber gute Kontakte nach England und war dort auch seit 1939 Professor für Philosophie in Cambridge.

Ludwig Wittgenstein, googlebildEr gehört zu den bedeutendsten Philosophen des 20. Jahrhunderts und ist der Begründer der sprachanalytischen Philosophie. Diese analysiert primär die Sprache und versucht alle Probleme zu eliminieren, die durch „sinnlosen” Sprachgebrauch entstehen, so jedenfalls zu Beginn auch bei Wittgenstein selbst. Bei Wittgenstein gibt es zwei wesentliche Phasen:

In seiner frühen Phase glaubt er die traditionellen Probleme der Philosophie durch logische Analyse als irreführend erweisen zu können. Was sich nicht in einer logischen Form ausdrücken lässt, steht unter Sinnlosigkeitsverdacht (Tractatus-logico-philosophicus [1921]). Diese Position unterzieht Wittgenstein einer radikalen Selbstkritik. Denn die logische Analyse geht am gewöhnlichen Sprachgebrauch vorbei. Die philosophischen Probleme können nur angegangen werden, wenn der konkrete alltägliche Sprachgebrauch analysiert wird (Philosophische Untersuchungen [1936/1953]). Mit den Phänomenologen und Peirce teilt Wittgenstein schon von Beginn an die Auffassung, dass die Philosophie sich methodisch nicht auf Introspektion, also sozusagen auf einen Blick nach „innen” verlegen dürfe, wie dies in den psychologisch inspirierten Philosophien der Fall gewesen war.

Um es mit einer ironischen Bemerkung von Wittgenstein zu William James zu sagen:

„413. Hier haben wir einen Fall von Introspektion; nicht unähnlich derjenigen, durch welche William James herausbrachte, das „Selbst” bestehe hauptsächlich aus „peculiar motions in the head and between the head and throat” [eigentümliche Bewegungen im Kopf und zwischen Kopf und Kehle]. Und was die Introspektion James’ zeigte, war nicht die Bedeutung des Wortes „Selbst” (sofern dies etwas ähnliches bedeutet, wie „Person”, „Mensch”, „er selbst”, „ich selbst”) noch eine Analyse eines solchen Wesens, sondern der Aufmerksamkeitszustand eines Philosophen, der sich das Wort „Selbst” vorspricht und seine Bedeutung analysieren will. (Und daraus ließe sich vieles lernen.) (Philosophische Untersuchungen)”

Ob die Kritik Wittgensteins an James berechtigt ist, lassen wir hier offen. Aber seine eigene philosophische Methode unterstellt, dass man die Verwendungsregeln des Ausdrucks „Selbst” und verwandter Ausdrücke untersuchen müsse, um theoretisch merkwürdige Unterstellungen wie diejenigen von James zu vermeiden, die auf den Aufmerksamkeitszustand von James zurückgingen, der sich das Wort „Selbst” vorgesprochen und dann einen Blick nach innen zu den Bewegungen in Kopf und Kehle gewählt habe. Die philosophische Arbeit im Sinne Wittgensteins untersucht stattdessen, mit welchen Sprachgewohnheiten philosophische Probleme bearbeitet worden sind. Dabei ergibt sich:

„119. Die Ergebnisse der Philosophie sind die Entdeckung irgendeines schlichten Unsinns und Beulen, die sich der Verstand beim Anrennen an die Grenze der Sprache geholt hat. Sie, die Beulen, lassen uns den Wert jener Entdeckung erkennen.”

Man rennt in der philosophischen Arbeit also gegen die Grenzen der Sprache an. Das ist schon noch das Problembewusstsein des Tractatus. Nur erlaubte die dort vertretene Sprachkonzeption überhaupt keinen sprachlichen Weg zu den wesentlichen Problemen der Philosophie. Es gibt Wittgenstein zufolge nur Schweigen und das mystische Sich-Zeigen. Nun gibt Wittgenstein in den Philosophischen Untersuchungen einen Weg an, wie man zumindest den Irrwegen des Verstandes auf die Spur kommen kann, dem Grund der „Beulen”:

„116. Wenn die Philosophen ein Wort gebrauchen – ‚Wissen’, ‚Sein’, ‚Gegenstand’, ‚Ich’, ‚Satz’, ‚Name’ – und das Wesen des Dings zu erfassen trachten, muss man sich immer fragen: Wird denn dieses Wort in der Sprache, in der es seine Heimat hat, je tatsächlich so gebraucht? – Wir führen die Wörter von ihrer metaphysischen, wieder auf ihre alltägliche Verwendung zurück.”

Wittgenstein verwendet hier den positivistischen Metaphysikbegriff und bezeichnet damit etwas Überweltliches, jedenfalls jenseits der alltäglichen Erfahrung Liegendes, welche in den alltäglichen sprachlichen Verwendungen solcher Ausdrücke wie „ich” gar nicht vorkomme. Dass es auch bei Wittgenstein tatsächlich um „Phänomenologie” geht, sagt er selbst:

„654. Unser Fehler ist, dort nach einer Erklärung zu suchen, wo wir die Tatsachen als ‚Urphänomene’ sehen sollten. D. h., wo wir sagen sollten: dieses Sprachspiel wird gespielt.”

Wittgenstein verwendet einen Ausdruck von Johann Wolfgang von Goethe, den dieser im Kontext seiner Untersuchungen zur Farbenlehre gebraucht hatte. Wir haben keinen direkten Zugang zu den Tatsachen, sondern wir „sehen” sie als „Urphänomene” bzw. wie Goethe sagt, „ursprüngliche Phänomene”, indem wir uns um das Sprachspiel kümmern, es beschreiben, anstatt es zu erklären. Also ein „Urphänomen” wie die menschliche Person oder das Selbst wird man dann beleuchten können, wenn man die Verwendungen von „ich” im Unterschied zu „wir”, „du”, „es” untersucht. Es genügt also die Verwendungsregel von „ich” anzugeben, um festzustellen, dass wir dieses Zeichen in der Regel als die eigene Bezugnahme auf uns als gerade Sprechenden verstehen und Sätze wie „Das Ich ist das Zentrum der Philosophie” zwar nachvollziehen können, aber im Alltag eigentlich so nicht wiederfinden. In diesem Sinn stößt Wittgenstein zufolge die Beschreibung eines Sprachspiels auf die „Urphänomene”. Wir nehmen mit dem Ausdruck „ich” in Kommunikationssituationen auf uns selbst im Unterschied zu anderen als Kommunizierende Bezug. Von einem „Ich” ist in gewöhnlichen, alltäglichen Kommunikationssituationen eher nicht die Rede, es handelt sich um eine „Beule”, welche die Philosophie sich geholt hat, als sie Introspektion und angestrengte psychologische Innenschau betrieben hat.

Die Äußerung: „Ich gehe nach draußen” ist entsprechend folgendermaßen zu analysieren:

Der Satz beziehungsweise die Äußerung wird vom Prädikat bestimmt, das hier „Gehen” lautet. Das Prädikat „Gehen” bezeichnet in diesem Verwendungstyp in dem Satz eine zweistellige Relation, die allgemein grammatisch formuliert so aussieht:

„Jemand (1) geht irgendwohin (2)”.

In diese allgemeine grammatische Struktur, die durch das Prädikat erzeugt wird, werden zwei indexikalische Zeichen eingesetzt: „ich” (1) und „nach draußen” (2), um den konkreten Satz zu bilden. Dieser Satz kann nicht formuliert werden: „Mein Ich geht nach draußen”, sondern ich gehe als der Mensch, der ich bin, nach draußen. An sich handelt es sich um eine ganz unproblematische Äußerung, sie beschreibt schlicht das, was wir nicht selten tun.

Die „Beulen” von Konzeptionen wie „dem Ich” oder merkwürdigen Vergegenständlichungen wie bei James werden Wittgenstein zufolge durch die Analyse der Alltagssprache vermieden.

Diese Analyse ermöglicht es tatsächlich jeder und jedem Alltagsphilosophie zu betreiben. Denn unsere Alltagssprache haben wir sozusagen immer dabei – und die Reflexion richtet sich kritisch auf die Verwendungen der Sprache. Beispielsweise kommen wir bei der Beachtung der Verwendungsregeln von „ich” niemals auf die Idee, wir existierten völlig unabhängig von anderen Menschen, weil der Ausdruck „ich” immer auf seine sprachlichen Nachbarn im Sprachsystem wie „du”, „er, sie, es”, „wir”, „ihr” „sie” verweist – und durch diese mitbestimmt ist, wie er selbst diese seinerseits mitbestimmt.

Hierzu kommen dann Sprechakte wie Bitten, Befehle, Wünsche usf., weitere grammatisch bestimmte Regeln der Sprache, die zeigen, dass wir schon in unserem „Innenleben”, wenn wir selbst innerlich sprechen und denken, keineswegs von den gewöhnlichen Regeln des Sprechens abgekoppelt sind. Natürlich können wir für uns eigentümliche Regeln entwerfen, die wir nur für uns selbst „innerlich” verwenden – aber schon der Versuch, mit einem Lebenspartner mittels unserer eigenen Sprachregeln zu kommunizieren, wirft beachtliche Schwierigkeiten auf.

Unser Sprechen ist sehr häufig an typische und wiederkehrende Situationen gekoppelt, die Wittgenstein Lebensformen nennt, die Regeln, welche sozial und sprachlich in diesen gelten, versucht er mit der Spielmetapher zu beschreiben. Ein Schachspiel und „Mensch-ärgere-Dich nicht!” sind sehr verschieden, doch werden sie beide durch Regeln bestimmt, was sie auf einer allgemeinen Ebene verbindet, man darf einen Springer nicht wie einen Läufer verwenden – und muss beim Würfeln einer Sechs, sofern man noch nicht alle Figuren im Spiel hat, eine Figur auf die eigene Startposition setzen usf.

Schaut man also alltagsphilosophisch die Regeln unserer Sprachspiele an, dann sieht man nach einiger Überlegung:

  • Unsere sprachlich ausgedrückte Wirklichkeitsauffassung scheint durch Beziehungen bestimmt zu sein, wie das Prädikat die Satzstruktur bestimmt.
  • Wir sind also Individuen von anderen unterschieden, aber auch in unserem Selbstbezug mittels „ich” durch die Anderen („du”, „ihr”) mitbestimmt.
  • In unseren Sprachverwendungen sind wir immer schon auf andere bezogen, z.B. über die Sprechakte. Auch eigene Sprachbedeutungen und -regeln bewähren sich in der Kommunikation mit anderen eher nicht, außer diese lassen sich erläutern, was wir ausdrücken wollen, was aber schon wieder ein soziales Phänomen ist.

7.2 Karl-Heinz Brodbeck (*1948)

Karl-Heinz Brodbeck ist Professor für Karl-Heinz Brodbeck, googlebildWirtschaftswissenschaften an der Fachhochschule Würzburg. Neben kritischen Arbeiten zur Wirtschaftswissenschaft[1] ist er durch Studien zur buddhistischen Philosophie[2] hervorgetreten. Jüngst hat er ein Opus magnum zum Thema des Geldes veröffentlicht.[3] Im Blog „Alltag und Philosophie” sind zwei Beiträge zu seiner Buddhistischen Wirtschaftsethik erschienen (vgl. z. B. hier). Brodbeck gehört zu der recht kleinen Minderheit in den Wirtschaftswissenschaften, welche die Finanzmärkte zutreffend eingeschätzt haben und heute an sich bestätigt dastehen.

„Wenn in der Gegenwart viele Formen wirtschaftlichen Handelns im Sturm der Globalisierung massive Kritik hervorgerufen haben, die auch die Wirtschaftswissenschaften als Legitimationshilfe dieser Handlungen betrifft, dann zeigt sich unmittelbar, dass die These von der ‚Wertneutralität’ der Ökonomie als Wissenschaft nicht haltbar ist. Hinzu kommt, dass die Ökonomie als empirische Wissenschaft, die tragfähige Prognosen liefern sollte, gescheitert ist.”[4]

Für eine alltagsphilosophische Betrachtung sind vor allem Brodbecks Rezeptionen der buddhistischen Philosophie ausschlaggebend. Zudem macht er mit Recht darauf aufmerksam, dass zum Alltag nicht nur die Alltagssprache gehöre, sondern auch die „Geldrechnung”[5]. Damit ist gemeint, dass wir im Alltag in unserer Gesellschaft sehr viele Sachverhalte durch Geldquantitäten ausdrücken. Eine Stunde VHs-Kurs „Alltagsphilosophie” kostet Sie bis zu 4,50 €. Das ist hoffentlich nicht der einzige Aspekt des Kurses, der Sie bewegt – aber es wäre höchst unaufmerksam, diesen Aspekt nicht wahrzunehmen.

Aus der buddhistischen Perspektive führt Brodbeck sehr scharf einen Punkt ein, der in den bisher besprochenen Positionen von Fuchs, Peirce und Wittgenstein vielleicht am ehesten von Peirce berücksichtigt wird, allerdings nicht in der Färbung und Schärfe von Brodbeck.

Brodbecks Zugang zum Buddhismus ist philosophisch, wobei er mit Recht hervorhebt, dass im Buddhismus recht viele Konzepte ausgearbeitet worden sind, die man auch vor dem Hintergrund des Entstehens der Philosophie in Griechenland als „philosophisch” bezeichnen kann. Entsprechend betont er bestimmte Punkte besonders:

  • die Rolle des Bewusstseins;
  • die Organisation des Erlebens und Handelns in Gewohnheiten;
  • den möglicherweise täuschenden und selbsttäuschenden Charakter solcher Gewohnheiten;
  • den möglichen erfolgreichen Versuch, bei Bewusstwerden solcher Gewohnheiten diese kreativ zu verändern.

In den bisher beschriebenen Positionen kommen je nach Gewichtung alle diese Punkte vor, wobei Brodbeck stärker den möglichen Selbsttäuschungscharakter von Gewohnheiten hervorhebt. Dabei kreist Brodbecks Denken um das Freiheitsproblem und in eins damit um das Kreativitätsproblem, welches auch für wirtschaftliches Handeln ausschlaggebend ist, aber für jedes menschliche Erleben und Handeln im Alltag von Belang ist.

Brodbeck versteht den buddhistischen Ansatz als praktische Philosophie. Dabei steht im Vordergrund, dass Brodbeck wohl mit Recht formuliert, der Buddhismus sei schon bei Buddha selbst praktizierte Erkenntnis. Der Buddha hatte formuliert, dass alles Leiden sei. Dadurch, dass man erkennt, in der Wirklichkeit sei alles Leiden bzw. Erleiden, wird also das Element der Rezeptivität oder Passivität betont. In dieser Betonung des Wirklichkeitsaspektes der Rezeptivität liegt sicher eine Eigentümlichkeit des Buddhismus begründet. Warum gibt sich Buddha nicht damit zufrieden, dass es stets auch Spontaneität gibt oder geben kann, wenn es Rezeptivität gibt – also ein Ausgleich oder ein Überwiegen eines der beiden Wirklichkeitselemente vorliegt?

„Der Grund ist eine Täuschung. Sie beruht auf einem Mangel an Wissen und führt zu einer falschen Wahrnehmung der Welt. Die Menschen existieren nicht zuerst als Menschen und unterliegen dann, wie nebenbei, auch noch so etwas wie einer Täuschung. Vielmehr ist dies, ein Lebewesen zu sein, selbst ein Prozess der Täuschung. Das klingt dunkel, und es ist auch sehr schwer, die volle Tragweite dieser Täuschung zu sehen – und deshalb gibt es nicht besonders viele Buddhas unter den Menschen. Dennoch ist der Grundgedanke relativ einfach verstehbar. Ein Mensch zu sein heißt, in einem grundlegenden Nichtwissen … gefangen zu sein. Weil dieses Nichtwissen jedoch beim Menschen den Charakter eines Irrtums besitzt, deshalb kann man ihn auch beseitigen.” (Buddhistische Wirtschaftsethik, 23)

Die Menschen täuschen sich darüber, dass sie bestimmten Aspekten der Wirklichkeit einen dauernden Bestand zuschreiben, worauf dann beispielsweise beständiges Glück aufbauen könnte. Doch nichts in der Wirklichkeit ist derart unabhängig, sondern alles ist mit allem verbunden und wechselseitig voneinander abhängig. Daraus folgt: Nichts hat einen derartigen unabhängigen Bestand, dass man sich darauf verlassen könnte, alles ist relativ und dem Werden unterworfen, die Wirklichkeit ist ein Prozess. Daher bekämpft der Buddhismus vor allem unhaltbare Selbstfestlegungen wie die Scheinidee, der einzelne Mensch habe ein „Ich” oder sei ein „Ego”. Das „Ich” oder „Ego” jedenfalls dient dann in bestimmten Auffassungen der Wirtschaft als entscheidende Instanz, um bestimmte weitergehende Auffassungen, wie Wirtschaft verlaufen muss, zu rechtfertigen. Dabei bestimmt Brodbeck folgende Aspekte, um die Verhärtungen im Alltag festzulegen:

  • Die Menschen sind an der Bestätigung ihrer Illusionen,
  • Gewohnheiten in der sinnlichen Wahrnehmung,
  • ihren Emotionen und Stimmungen, aktiven Festlegungen, wie eine Situation in ihren verschiedenen Aspekten wahrzunehmen bzw. zu interpretieren ist,
  • durch gewohnte Bewegungsmuster und
  • durch angewöhnte Denkprozesse orientiert, weshalb die „Weiterentwicklung” angesichts der sich verändernden Umwelt in der Gesellschaft und bei den Individuen eher selten vorkommt – es gibt ja wenige Buddhas.

Aus dem Ensemble der etwa in der Rhetorik des Aristoteles im zweiten Buch breit analysierten Palette von Leidenschaften wählt die buddhistische Auffassung nun zwei als Sicherung der illusionären Ich-Zentrierung aus. Bin ich ein „Ich”, das vielleicht auch sich nicht ganz seiner selbst sicher sein kann, dann bilden sich bei mir vorwiegend zwei Leidenschaften aus:

  • die Begierde, in der ich meinerseits vieles an mich ziehen kann, mein Geld, meine Tasse, mein Bauch, my castle is my home – vice versa usf.;
  • die Aggression, in der ich Einschränkungen meines als bedroht anzusehenden „Ich”-Bereiches heftig verteidige.

Demgegenüber steht nun als buddhistische Erkenntnis, dass diese grundlegende Zentrierung leer ist, auch unsere Selbstwahrnehmung und Selbstfestlegung sind ein dynamischer Prozess, der sich ständig verändert bzw. verändert wird – also nichts, was sich unverändert erhält und insofern Bestand hätte. Hat man dies einmal eingesehen – was nach Brodbeck selten ist, es gibt ja nur wenige Buddhas – dann ist man offen für die ethische Neuorientierung aus buddhistischer Perspektive, dem universal ausgelegten Mitgefühl mit allem Seienden, also nicht nur mit den Menschen. Hierbei handelt es sich nicht einfach um eine kognitive Einsicht, sondern diese muss durch meditative Verfahren eingeübt werden. Buddhistisch geht man den „Edlen Achtgliedrigen Pfad”, um die entsprechenden Gewohnheiten achtsam zu entdecken und in der Meditation allmählich auch kreativ zu entdecken. Aber wer nicht unbedingt meditieren möchte, kann doch von Brodbeck lernen, dass es hilfreich ist, die eigenen Gewohnheiten im alltäglichen Erleben und Handeln zu beobachten, sie achtsam wahrzunehmen. Nimmt man sie entsprechend wahr, werden sie also bewusst, dann besteht bei entsprechender Übung auch die Möglichkeit diese Gewohnheiten zu verändern. Brodbeck teilt hier mit Peirce genau den wichtigen Aspekt in der Gewohnheit, dass es zu Entwicklungen nur dann kommen kann, wenn sich Gewohnheiten verändern.

Brodbecks buddhistische Variante der Alltagsphilosophie ist auf das Individuum konzentriert. Nur wenn sich die Gewohnheiten des Individuums ändern, besteht eine Chance, dass sich auch die Gewohnheiten in den gesellschaftlichen Prozessen verändern. Dabei ist wie bei Peirce deutlich gesehen, dass entsprechend alle Menschen philosophieren, eben in dieser besonderen Form. Nur von der Änderung vieler täuschender Lebensgewohnheiten profitiert die Gesellschaft insgesamt. Ob das gelingt? – hier scheint Brodbeck in gewisser Weise ähnlich skeptisch wie Fuchs.

Brodbecks Begrifflichkeit ist sicher auch ein Opfer der alltagsfremden Rede vom „Ich” bzw. „Ego” geworden, welche sich als philosophisches Scheinproblem erweist, wenn wir Wittgenstein folgen. Gleichwohl ist der Sachverhalt, auf den diese falsche philosophische Begrifflichkeit bei Brodbeck zu verweisen sucht, in unseren Gesellschaften verbreitet – und sie prägt gewohnheitsmäßig durchaus unser alltägliches Erleben und Handeln, sofern wir nicht achtsam darauf aufmerksam werden und kreative Veränderungen einleiten. Wir neigen wohl gewohnheitsmäßig eher dazu, unsere Interessen und Perspektiven auf den verschiedenen Ebenen, von der sinnlichen Wahrnehmung über die Emotionen bis zu unserem Denken und Handeln in den Vordergrund zu stellen – und den Zusammenhang mit den Interessen und Perspektiven aller anderen Menschen oder gar Lebewesen hintanzustellen.

8 Zusammenfassung

Zur Erinnerung an den 30.03. vgl. Sie bitte Abschnitt 6.

Wittgenstein durchläuft beide Aspekte von Abbildung 1. Zunächst gehört er eher zu den positivistischen Philosophen, die nur dasjenige als sprachlich sinnvoll gelten lassen, was sich in der logischen Analyse bewährt. Es handelt sich also in gewisser Weise im „Tractatus-logico-philosophicus” um Wissenschaftsphilosophie. Mit den „Philosophischen Untersuchungen” wendet sich Wittgenstein der philosophischen Analyse der Alltagssprache zu, ein alltagsphilosophischer Ansatz. Diese Analyse der Alltagssprache ermöglicht es, viele philosophische oder auch wissenschaftliche Scheinprobleme zu erfassen, etwa diejenige des angeblichen „Ichs”, wo wir doch im Alltag ganz anders den Ausdruck „ich” verwenden.

Sprachen bestimmen sozial Lebensformen. Ihre Regeln beschreibt Wittgenstein mit der Spielmetapher. Bei der Analyse der Alltagssprache in diesem Sinne stoßen wir Wittgenstein zufolge auf „Urphänomene”.

Analysiert man alltagsphilosophisch die Regeln unserer Sprachspiele, dann ergibt sich:

  • Unsere sprachlich ausgedrückte Wirklichkeitsauffassung scheint durch Beziehungen bestimmt zu sein, wie das Prädikat die Satzstruktur bestimmt.
  • Wir sind als Individuen von anderen unterschieden, aber auch in unserem Selbstbezug mittels „ich” durch die Anderen („du”, „ihr”) mitbestimmt.
  • In unseren Sprachverwendungen sind wir immer schon auf andere bezogen, z. B. über die Sprechakte. Sprache zeigt sich als soziales Phänomen – und wir sind darin einbezogen.

Brodbeck rechnet zum alltagsphilosophischen Bereich nicht nur die Analyse sprachlicher Gewohnheiten, sondern auch die inzwischen ganz unvermeidbare „Geldrechnung“. Buddhistisch führt er ein, dass unsere Gewohnheiten der sinnlichen Wahrnehmung, unserer Emotionen, unseres Denkens und Handelns Täuschungen sein können. Insbesondere täuschen wir uns über den vom Buddha unterstellten Sachverhalt, dass alles Leiden sei. Wir unterstellen daher häufig, dass eigentlich prozesshafte Sachverhalte fest und beständig seien. In unseren Gesellschaftsformen steht Brodbeck zufolge die „Ich”-Illusion im Vordergrund, die sich nicht zuletzt im Wirtschaftssystem besonders in den Vordergrund schiebt.

Aus diesen täuschenden Gewohnheiten kommt man heraus, sofern man sie achtsam wahrnimmt. Gewohnheiten können nur durch Übung überwunden werden, auf die Wahrnehmung folgt der meditative Versuch, diese Gewohnheiten zu überwinden. Dies ist ein kreativer Akt. Wie Peirce ist Brodbeck also an Gewohnheitsänderungen interessiert.

Für die Gesellschaft hält Brodbeck fest, dass sich die Gewohnheiten von gesellschaftlichen Prozessen nur ändern, wenn hinreichend viele handelnde Individuen ihre Lebensgewohnheiten ändern. Brodbecks alltagsphilosophischer Versuch ist daher stark am Individuum orientiert.


[1] Karl-Heinz Brodbeck, Die fragwürdigen Grundlagen der Ökonomie, Darmstadt 2000.[2] Karl-Heinz Brodbeck, Buddhismus interkulturell gelesen, Nordhausen 2005 (Interkulturelle Bibliothek 2).[3] Karl-Heinz Brodbeck, Die Herrschaft des Geldes, Darmstadt 2009.[4] Karl-Heinz Brodbeck, Buddhistische Wirtschaftsethik, Aachen 2002, 1f.

[5] Vgl. Brodbeck (s. Anm. 3), 123ff zu Jürgen Habermas.

2. April 2009

VHs Neckargemünd

Wir haben in der letzten Sitzung vereinbart, dass die vorbereitenden Texte nur noch knapp von mir zu Beginn der Sitzung zusammengefasst werden.

Ab der übernächsten Sitzung stehen die Texte Ihnen daher eine Woche vor der folgenden Sitzung zur Verfügung. Für die nächste Sitzung steht Ihnen der Text ab heute zur Verfügung.