30. August 2009
Aufgrund von Erfahrungen in Veranstaltungen über den philosophischen Versuch von Thomas Fuchs, zu denen Reaktionen von Leser/innen der bisherigen Beiträge hier im Blog kommen, möchte ich einige grundsätzliche Bemerkungen machen. Für mich selbst sind Fuchs’ leibphänomenologische Erwägungen anregend. Ich selbst bin kein phänomenologischer Philosoph, aber die Zeiten von Schulphilosophien dürften längst vorbei sein. Was Phänomenolog/inn/en und Pragmatist/inn/en verbindet, ist die Einsicht, dass eine philosophische Anschauung nur dann für uns relevant sein kann, wenn sie unser alltägliches Erleben und Handeln aufzunehmen vermag. Die Phänomenolog/inn/en neigen gelegentlich zu sehr weit gespannten Anschauungen, wie der auch von Thomas Fuchs positiv rezipierte Hermann Schmitz:
„Mir genügt nicht die isolierende Durchmusterung des eigenleiblich spürbaren Gegenstandsgebiets; ich bin vielmehr bestrebt, dessen zentrale Bedeutung im Menschsein und in der Lebenserfahrung nach allen Seiten auszuleuchten …
Was ich zu sagen habe, kann nur zur Geltung kommen, wenn zähe, jahrtausendealte Dogmen der klassischen Erkenntnistheorie und Anthropologie mit den zugehörigen Scheinproblemen ausgerottet werden.“[1]
Schmitz zufolge wurde die Bedeutung jenes „eigenleiblichen Spürens“ und dessen Gegenstandsgebiet seit gut 2.400 Jahren durch eine „Intellektualkultur“ verdeckt[2], die sich u. a. in Naturwissenschaft, Psychologie, physischer Technik und Sozialtechnologie niedergeschlagen habe. Wer das etwas anders sieht – und dies ist bei mir der Fall – kann dennoch sehr interessiert die leibphänomenologischen Metaphern zur Kenntnis nehmen und sich von ihnen anregen lassen. Viele Phänomenolog/inn/en sind der Überzeugung, dass ihre philosophischen Überzeugungen in mehr oder weniger scharfen „Begriffen“ ausgedrückt werden. Das ist für Außenbeobachter/innen nicht sehr überzeugend, aber auch für durchaus von der phänomenologischen Philosophie stark beeindruckte „Insider“ nicht[3]. Auch Fuchs’ stark durch Raummetaphern geprägte Sprache erregt in Philosophiekursen gelegentlich Erstaunen und durchaus auch Unverständnis.
„Leiblichkeit ist die grundlegende Weise des menschlichen Erlebens – insofern der Leib nicht als Körperding, sondern als Zentrum räumlichen Existierens aufgefasst wird, von dem gerichtete Felder von Wahrnehmung, Bewegung, Verhalten und Beziehung zur Mitwelt ausgehen. Leiblichkeit in diesem umfassenden Sinn transzendiert den Leib und bezeichnet dann das in ihm verankerte Verhältnis von Person und Welt, bis hin zu ihren sozialen und ökologischen Beziehungen.“[4]
Wer als Physiker/in das Wort „Felder“ jetzt in einem physikalischen Kode rekonstruiert, bekommt möglicherweise beachtliche Rezeptionsprobleme. Dennoch wird man selbst erleben können, dass Schmitz und Fuchs mit solchen Metaphern auf etwas Reales Bezug nehmen, welches wir „leiblich“ spüren können. Für Fuchs sind jedenfalls räumliche Metaphern, um unsere Existenz in der Welt zu beschreiben, grundlegend.

- Abb. 1 Josef Forster, ohne Titel, wohl nach 1916
„Werfen wir zum Schluss noch einmal einen Blick auf das Bild von Josef Forster. Der Mann steht nicht auf seinen Füßen, sein Gesicht ist maskiert; er hat den Kontakt zur Erde und zu anderen verloren. Er geht auf Stelzen, mit denen er ‚Gewicht‘ zu gewinnen versucht, was wir als eine konkretistische Redeweise ansehen und so übersetzen können: Er sucht den empfundenen Verlust von Selbstsein und Selbstwert auszugleichen. Wir können annehmen, dass das Bild einem Kampf ums seelische Überleben in der Verlorenheit einer Anstalt, in der Einsamkeit des psychischen Andersseins abgerungen ist. Und doch schwingt auch ein Moment von Freude und Stolz in diesem Bild mit, wenn es heißt, mit Hilfe seiner Stelzen könne dieser Mann ‚mit großer Geschwindigkeit durch die Luft gehen‘. So mag der schizophrene Künstler bei allem Leiden in seinen eigenweltlichen Bildschöpfungen auch eine Art von Freude gefunden haben, die wir nur von ferne zu erahnen vermögen.“ [5]
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29. August 2009
Die Bundeskanzlerin legt Wert darauf, dass Josef Ackermann über das Zustandekommen jenes Essens nicht zutreffend im ZDF berichtet habe. Auch ihre Antwort, die Heinrichmartin Kreye mir zugesandt hat, unterstellt diese Version. Der Artikel in der SZ von Nico Fried untersucht dies mit dem üblichen Personality-Tiefsinn, auf den weite Teile der Mainstreammedien seit gut zehn Jahren herabgesunken sind. Die Bundeskanzlerin selbst ist freilich zu klug, um die faktische Katastrophe jenes von ihr im “Kontext” des sechzigsten Geburtstags von Josef Ackermann ausgerichteten Abendessens mit Menschen aus Bildung, Kultur, Entertainment, Wirtschaft und Politik nicht zu übersehen. Daher betont sie, dass es auf “Distanz” der Funktionseliten von Politik und Wirtschaft ankomme.
Jenes Essen hat aber offensichtlich eine ganz andere Bedeutung. Anders als im Wahlkampf gegenwärtig betont, war Frau Dr. Merkel eine unerbittliche Anhängerin der neoliberalen Ideologie, weshalb sie Ackermann früher auch wegen seiner Rolle in der Mannesmann-Affäre verteidigt hat. Ackermann wurde bekanntlich nicht verurteilt. Das Wahlprogramm 2005 legt den Siegeszug der neoliberalen Ideologie offen, der sich in der Union ereignet hatte. An der Spitze dieser Bewegung stand Angela Merkel.
In der Tat hat sich Merkels Überzeugung offenbar geändert – und dies ist durchaus respektabel. Aber die stets weiter verteidigte 25-%-auf- das-Eigenkapital-Rendite Ackermanns ist eine der Hauptursachen der Finanzkrise, jedenfalls die Mentalität, welche hinter dieser Rendite-Erwartung steht. Ackermanns Lehrer Hans Christoph Binswanger urteilt in jenem denkwürdigen FAZ-Interview folgendermaßen:
Goethe hat die Papiergeldschöpfung in die Nähe der Alchemie, der Magie gerückt, die es vermag, natürliche Abläufe wundersam zu beschleunigen. Herr Ackermann, Sie haben der Deutschen Bank das Ziel vorgegeben, über einen Konjunkturzyklus hinweg im Schnitt jährlich eine Eigenkapitalrendite von 25 Prozent zu erreichen. Das läuft auf eine Verdopplung des Eigenkapitals in wenigen Jahren hinaus. Vielen gilt dieses Ziel als der Inbegriff von Maßlosigkeit. Dennoch haben Sie es unlängst bekräftigt.
Ackermann: Zunächst einmal: Wir sprechen hier von einer Vorsteuerrendite, also gar so schnell verdoppelt sich das Eigenkapital nicht. Außerdem hat das mit Maßlosigkeit nichts zu tun. Solche Renditen erwirtschaften die besten Banken der Welt seit vielen Jahren. Wenn eine Bank im Konzert der Besten mitspielen will – und das ist der Anspruch der Deutschen Bank -, muss sie auch vergleichbare Renditen wie die Besten erzielen. Das kommt nicht nur den Aktionären zugute, sondern auch Mitarbeitern, Kunden und der Gesellschaft als Ganzes. Um ein guter Arbeitgeber zu sein, Arbeitsplätze zu schaffen, Steuern zu zahlen oder für gute, soziale Zwecke etwas tun zu können, muss man gute Gewinne erwirtschaften. Im Übrigen: Dank ihrer hohen Ertragskraft in den zurückliegenden Jahren war die Deutsche Bank jetzt in der Lage, die Krise ohne staatliche Unterstützung aus der Tasche der Steuerzahler durchzustehen. Natürlich kann man diskutieren, ob dieses „faustische Streben“ nach immer mehr, immer größer, immer schneller richtig ist. Aber man muss sich dabei auch bewusst sein, dass mit weniger Geldschöpfung und weniger Wachstum wahrscheinlich auch der allgemeine Wohlstand geringer sein wird.
Die Krise hat gezeigt, dass es sich bei der vermeintlichen Wertschöpfung oft nur um heiße Luft gehandelt hat. Die Buchwerte haben sich buchstäblich in Luft aufgelöst. Hohe Eigenkapitalrenditen lassen sich eben nur erzielen, wenn ein Unternehmen mit großem Kredithebel arbeitet. Kreditvergabe führt zu Geldschöpfung, unter Umständen zu Spekulationsblasen – die schließlich platzen.
Ackermann: Deswegen ist es ganz wichtig, Institutionen zu schaffen, die sich mit bedenklichen Entwicklungen rechtzeitig auseinandersetzen und verhindern, dass Spekulationsblasen entstehen. Sie haben insofern recht, als die Banken unter den jetzigen „Spielregeln“ relativ wenig Eigenkapital benötigen. Nach den Basel-II-Vorschriften der Bankaufseher müssen Banken ihr Geschäft nur mit mindestens 4 Prozent Kernkapital unterlegen. Das erleichtert es natürlich, eine hohe Eigenkapitalrendite zu erzielen.
Ist es nicht so: Für eine hohe Rendite muss man hohe Risiken eingehen?
Ackermann: Nein, das sehe ich nicht so. Gerade in Geschäftsfeldern, die wenig riskant sind, etwa in der Vermögensverwaltung oder im Beratungsgeschäft, benötigt man wenig Eigenkapital – bei gleichem Gewinn ist die Rendite auf einem solchen Geschäftsfeld also viel höher als auf Gebieten mit hohen Risiken, für die die Aufsicht eine höhere Eigenkapitalunterlegung vorschreibt. Die Höhe der Eigenkapitalrendite hängt stark vom Geschäftsmodell ab.
Herr Binswanger, halten Sie eine Eigenkapitalrendite von 25 Prozent für ein realistisches Ziel?
Binswanger: Für Einzelne ja. Aber nicht generell. Eine solch hohe Rendite lässt sich auf Dauer nur in einem monopolistischen oder oligopolistischen Markt erzielen. Für alle Unternehmen scheint mir das hingegen nicht möglich, es sei denn, es kommt über Kreditvergabe zu Spekulationsblasen. Doch wenn diese Blasen platzen, kommt es statt zu Gewinnen zu Verlusten.
Ackermann: Natürlich kann nicht jedes einzelne Unternehmen oder können nicht alle Unternehmen im Schnitt solch eine Rendite erzielen!
Die Einladung für Ackermann war also durchaus als Zustimmung der wichtigsten Akteurin der politischen Funktionselite zu derjenigen und eine Hommage an diejenige Person zu verstehen, welche für die falsche Haltung im Finanzsektor verantwortlich ist. Ackermann redet tapfer an Binswangers scharfem Einwand vorbei. Und Angela Merkel distanziert sich gerade nicht glaubwürdig von ihrer früheren falschen Haltung. Diese Haltung hat die schwerste Wirtschaftskrise seit über 70 Jahren verursacht.
28. August 2009
Im Moment führe ich mit dem Philosophiekreis Heidelberg eine Camus-Lektüre durch („Der Mythos des Sisyphos“, 112009). Hier geht es um das Absurde angesichts der Determination des Menschen, ist das aktuell, von vorgestern – oder hat es etwas mit jüngeren Debatten etwa im neurobiologischen Bereich zu tun?
Die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde in Darmstadt-Griesheim veranstaltet am 05.09. und 06.09. eine Tagung zum Thema „Evangelien und Rhetorik“, die ich leite. Hierbei geht es um eine den Entstehungsumständen angemessene Rezeption der Evangelientexte der christlichen Bibel, die eine nichtdogmatische Lektüre im gegenwärtigen Lebensvollzug erlauben. Historisch-semiotische und religions-philosophische Überlegungen können dazu positiv beitragen.
26. August 2009
Die Bundeskanzlerin hat die Bitte, auch meinen fünfzigsten Geburtstag zum Anlass zu nehmen, eine freundliche Geburtstagsparty auszurichten, leider schnöde abgelehnt. Sie gewährt mir als treuem Bürger und Steuerzahler diese Gunst nicht:
Sehr geehrter Herr Pöttner,
vielen Dank für Ihre E-Mail.
Zu dem Sachverhalt, auf den Sie Bezug nehmen, hat sich bereits Staatsminister Hermann Gröhe in einer Fragestunde des Deutschen Bundestages geäußert. Er hat dort am 22. April 2009 darauf hingewiesen: Der Chef der Deutschen Bank, Josef Ackermann, hat seinen 60. Geburtstag nicht im Bundeskanzleramt gefeiert. Es gibt auch keine anderen Personen, deren Geburtstagsfeiern oder vergleichbare private Anlässe die Bundeskanzlerin im Bundeskanzleramt ausgerichtet hätte. Den 60. Geburtstag des Chefs der Deutschen Bank hat die Bundeskanzlerin vielmehr zum Anlass genommen, am Dienstag, dem 22. April 2008, im Kanzleramt ein Abendessen mit Vertretern aus Wirtschaft und Gesellschaft auszurichten.
Details zu Teilnehmern und Inhalt derartiger interner Treffen werden grundsätzlich nicht veröffentlicht. Die entstehenden Kosten werden aus den Haushaltsmitteln des Bundeskanzleramtes finanziert, die für derartige Zwecke zur Verfügung stehen.
Mit freundlichen Grüßen
Im Auftrag
Heinrichmartin Kreye
Rechtlich ist das kein Skandal, wie das auch bei Ulla Schmidts Dienstwagen der Fall ist. Aber politisch ist dies für die Bundeskanzlerin eine Katastrophe. Gibt sie sich doch im Wahlkampf als eine Verteidigerin der staatlichen Vernunft gegen die ganz unmathematische Vernunft einiger Bankerinnen.
@StilleMaus, einspruch.org
10. August 2009
Glaubt man den Umfragen, dann ist die deutsche Bevölkerung angesichts der schwersten Wirtschaftskrise nach dem Zweiten Weltkrieg nicht so gestimmt wie die us-amerikanische Bevölkerung im letzten Drittel des Jahres 2008. „Yes, we can“ scheinen nur CDSU/FDP zu rufen, wobei feststeht, dass damit das Ende der Arbeitsgesellschaft besiegelt wird, ohne dass eine dann erforderliche grundlegende Reform des Sozialsystems der Bundesrepublik in Angriff genommen würde. Der reflektierte Versuch Frank-Walter Steinmeiers, die Diskussion um die Restauration der Arbeitsgesellschaft noch einmal zu eröffnen, ist schon im Ansatz gescheitert. Das hat sicher auch den Grund, dass der Kandidat nicht besonders populär ist. Bei manchen Mitmenschen ist seine dubiose Rolle als Staatssekretär für die Geheimdienste nicht ganz vergessen. Er kann sich weiterhin schwerlich glaubwürdig von der Agenda 2010 absetzen, weil er einer ihrer Architekten war. Und doch ist das aufgestellte Programm das Eingeständnis des Scheiterns der Agenda 2010 und der Versuch eines Neuanfangs. Nur verhallt dieser aufgrund der Fehldarstellungen in der Presse und des Desinteresses weiter Bevölkerungsteile.
Insofern steht zu erwarten, dass die ernsten ökonomischen, politischen und sozialen Fragen, wie wir leben wollen, durch den Sieg von CDSU/FDP bei der Bundestagswahl sogar noch beschleunigt werden. Denn diese Parteien werden – die Union weniger als die FDP – die Spaltung der Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland befestigen, wenn nicht verschärfen. Die Arbeitslosenzahl beträgt einschließlich Arbeitslosengeld II- Empfänger/innen mehr als acht Millionen Menschen, dazu kommen noch knapp zwei Millionen Empfänger/innen des Sozialgeldes. Es wird von dieser Bundesregierung keine oder kaum eine ökologisch orientierte Wirtschaftspolitik ausgehen. Die Hoffnung besteht aber immerhin, dass die ganz anders tickende Uhr in den Vereinigten Staaten auch in Europa nicht überhört werden kann.
Für einen alltagsphilosophischen Blog werden dadurch spannende Fragen erzeugt, weil die Krisenerscheinungen eher zunehmen dürften. Insofern sehe ich selbst mit Gelassenheit, aber auch mit einem erstaunten Kopfschütteln dem nächsten Jahr entgegen, wo den Wähler/innen dann die Rechnung wohl mehr oder weniger ungeschminkt präsentiert werden dürfte. Allerdings verhält es sich wie in den USA: Für die “Fehler” der kommenden Bundesregierung werden dann die Wähler/innen selbst verantwortlich sein, wie sich die US-Bürger/innen auch nicht von ihrer Wahl George W. Bushs reinwaschen können.