31. Oktober 2009
In den 1940er Jahren stellte Barbara McClintock fest, dass die Gene nicht alle fest im Erbgut verankert liegen, sondern sie konnte zeigen, dass es sogenannte „springende Gene“ gibt, die mithin ihren Ort und damit auch die Struktur des Genoms verändern. Englisch heißen diese populär abgekürzt transposons für transposable elements, auf Deutsch wird von Transpositionselementen gesprochen.

Wohl auch durch eigene Probleme mit der verständlichen Darstellung ihrer Experimente an Maispflanzen, vor allem aber wegen der Neuheit und ungewöhnlichen Sichtweise ihrer Auffassung wurde ihre Position in der scientific community höchstens als „verrückt“ klassifiziert, zumeist aber ganz totgeschwiegen. Allerdings stellte sich bei Forschungen jenseits von Mais heraus, dass es auch anderswo so etwas geben muss, sodass McClintocks Theorie schließlich anerkannt wurde und sie 1983 den Nobelpreis in Medizin bzw. Physiologie erhielt. Aus der Nobelpreisrede hier die Einleitungspassage, welche die wesentliche These ihrer Forschungen knapp zusammenfasst: (weiterlesen…)
28. Oktober 2009
So lautet der Titel eines kleineren Vortrags im Rahmen eines geselligen Abends mit erlesenen ökologischen Weinen und kleineren Essspezialiten in La casa verde, Kirchheim, Schwetzinger Straße 63.

Der Abend findet am 13. November, ab 20 Uhr statt. Der Eigenbeitrag beträgt 15 € pro Person. Eine Voranmeldung ist erwünscht.
27. Oktober 2009
Im Vordergrund der Sitzung standen Verständnisprobleme und das Konzept von Charles Darwin. Wieso haben wir Maturana und Dawkins besprochen? Ging es nicht um das Verhältnis von „systemisch“ vs. „nicht-systemisch“? Der Systembegriff wird seit der Antike verwendet. In der neueren Zeit prägt der Systembegriff weithin philosophische und wissenschaftliche Begrifflichkeiten. Systeme bilden stets Elemente und Relationen (Beziehungen) aus. Die durch die Relationen bestimmte Gestalt des Systems wird als Struktur bezeichnet. Eine solche Struktur kann als mechanistisch begriffen werden, dann sind die Systeme Maschinen – wie bei Dawkins im Gefolge einer bedeutenden Tradition seit Descartes. Hier gelten sehr starke induktive oder deduktive Regeln, welche die Stabilität des Systems erzeugen – bei Dawkins erschaffen beispielsweise die Gene solche „Maschinen“. Seit der deutschen Frühromantik und dem Amerikanischen Transzendentalismus wird dieser Mechanismus deutlich kritisiert. Hier tendieren die Systeme dazu, autopoietisch zu werden, d. h., sie sind so angelegt, dass sie sich in jedem Vollzug von Elementen und Relationen im Kontext ihrer Umwelt auf sich selbst beziehen und sich selbst erzeugen. Das gilt für biotische, psychische und soziale Systeme. So auch Maturana. Dadurch werden die Betrachtungsweisen ungleich komplexer. Die System-Umwelt-Differenz ist dann nicht nach der einen oder anderen Seite ganz eindeutig und leicht festzulegen. Solche autopoietischen Systeme gelten als selbstreferenziell-geschlossen. D. h., ihr Selbstbezug bestimmt, wie Energie und Information im System selbst interpretiert bzw. bewertet sowie gestaltet werden. Als bekanntes Beispiel geht Thomas Fuchs 2008, 111, auf das Eisen ein:
„Lebewesen lassen sich zunächst als komplexe Körper oder Systeme auffassen, die sich bei fortwährendem Wechsel ihres Stoffes in ihrer Form und Struktur durch die Zeit hindurch erhalten. Dabei ist diese Erhaltung als aktive Selbstorganisation oder Autopoiese (Maturana u. Varela 1987) zu begreifen, denn die Form des Organismus lässt den Stoff nicht einfach durch sich hindurchströmen wie die Form eines Strudels das Flusswasser, sondern sie unterwirft ihn ihrem eigenen Prinzip und Zweck, bindet ihn ein und verwandelt ihn. Dabei gewinnt der Stoff neue, ‚emergente‘ Eigenschaften, die ihm nur im systemischen Zusammenhang des Organismus zukommen. So verhält sich das im Hämoglobin gebundene Eisen grundlegend anders als mineralisch vorkommendes Eisen: Es oxidiert nicht irreversibel, sondern es ist in der Lage, Sauerstoff reversibel zu binden, was eine entscheidende Voraussetzung des tierischen Energiehaushalts darstellt.“
Die Pointe liegt hier darauf, dass die „inneren“ chemischen Eigenschaften des Eisens im Hämoglobin andere sind als diejenigen des mineralischen Eisens in der Umwelt. Wie schon früher diskutiert, gilt das dann auch für sogenannte Ursache-Wirkungsbeziehungen, die nicht einfach von „außen“ nach „innen“ ununterbrochen verlaufen, sondern durch den selbstreferenziellen Interpretationsprozess des Systems entsprechend modifiziert werden. Bei einer schlichten und ganz einförmigen Gestalt der Wirklichkeit sollte so etwas nicht auftreten. Hier sollte man erwarten dürfen, dass Eisen überall die gleichen chemischen Eigenschaften hat. Aber die Wirklichkeit ist komplex und vielgestaltig. Darauf reagieren u. a. autopoetische Systemtheorien.
Nach meiner Wahrnehmung zeigte sich nochmals deutlich, dass viele Teilnehmer/innen es schwer akzeptieren können, dass Wissenschaftler/innen keineswegs ohne Bilder oder Modelle arbeiten, die nicht schlicht den beobachteten Sachverhalten entnommen sind – sondern diese Sachverhalte auf die eine oder andere Weise interpretieren, Dawkins mit dem mächtigen Bild der Maschine. In diesem Sinn gibt es keine „vorurteilsfreie Wissenschaft“. Wie u. a. im Gefolge des Pragmatismus gezeigt wurde, ist nicht nur die Erläuterung wissenschaftlicher Ergebnisse für sogenannte „Laien“ an Alltagssprache und deren Bilder gebunden. Dies gilt selbstverständlich auch für die Ausbildung wissenschaftlicher Hypothesen und Theorien.
Darwins Evolutionstheorie unterstellt einen Dreischritt:
- Die grundlegende Veränderung wird durch eine Zufallsvariation bei der Vererbung erklärt.
- Über eine lange Zeitdauer muss sich eine derartige Veränderung bewähren.
- Über den schließlichen evolutionären Erfolg entscheidet die natürliche Selektion im Existenzkampf (struggle for existence) unter Umweltbedingungen.
Wie schon im 19. Jahrhundert sehr kritisch diskutiert wurde, entstammt die Idee und das Leit-Bild für den dritten Aspekt aus der Ökonomie. Also auch hier nicht einfach eine vorurteilsfreie Betrachtung der vorhandenen Abweichungen, sondern die Konstruktion großer naturgeschichtlicher Zusammenhänge vor dem Hintergrund eines aus der Ökonomie entnommenen Bildes. Wie Malthus’ Überbevölkerungstheorie ist Darwins Punkt 3 daher auf jeden Fall eine mechanistische Theorie. Punkt 1 ist allerdings sehr viel komplexer zu sehen, hier wird der Mechanismus vielleicht durchbrochen. Pech für Darwin: Malthus’ Theorie ist zweifellos falsch, was schon zu Lebzeiten Darwins immerhin behauptet wurde (etwa: Ricardo).
24. Oktober 2009
Darwin zählt zu den bedeutendsten Wissenschaftlern der Neuzeit, obgleich – wie nicht selten – seine „Entdeckung“ keineswegs alleine die eigene war, sondern nahezu zeitgleich auch diejenige von Alfred Russel Wallace (1823-1918). Beider Ansatz zur Evolution der Arten wurde am 1. Juli 1858 vor der Linnean Society of London präsentiert.
Der Evolutionsgedanke war keineswegs neu, sondern hatte etwa bei Jean-Bapiste Lamarck (1744-1829) auch einen biologischen Vorläufer. In der deutschen Philosophie vertraten vor allem Schelling, Schleiermacher und Hegel prozessphilosophische und evolutionstheoretische Vorstellungen. Evolutionstheorien verstehen die heute für uns erlebbare Wirklichkeit als prozessual geworden, wobei von Anfang bis Ende des Evolutionsprozesses nicht sehr viel beständig bleibt, wobei die Einheit des Evolutionsprozesses durch eine eher starke Stabilität der Prozessprinzipien gewährleistet wird. Bei Herbert Spencer (1820-1903) wird in den First Principles der gesamte Prozess des Kosmos von den „nebulären Massen“ bis zu den „überorganischen Gesellschaften“ zu beschreiben versucht.

An Darwin ist wissenschaftsgeschichtlich und auch philosophisch wichtig, dass er gegen die Dominanz der klassischen Physik unter die Ursachen wieder den Zufall einreihte, was seit Baruch de Spinoza so nicht mehr üblich war, aber beispielsweise für Aristoteles klarerweise galt. Darwin und Wallace unterstellten beide, dass die biotischen Arten nicht konstant seien, sondern sich veränderten. Dabei geht es Darwin zufolge primär um die Reproduktion und die Weitergabe des Erbmaterials an die Nachkommen. Hierbei kann es zu
- zufälligen Abweichungen vom Erbmaterial kommen, wodurch sich eine leichtere oder stärkere Variation der Art ergibt. Wichtig ist stets, dass bei Tieren mindestens zwei Erbmaterialien beteiligt sind, also in der Regel diejenigen von Männchen und Weibchen.
Nun ist eine leichte Änderung nicht sonderlich auffällig, sie kann auch wieder in der Naturgeschichte verschwinden. Darwin und seine Nachfolger/innen unterstellen, dass die Evolution langsam vor sich gehe, es gibt im Kern keine evolutionären Sprünge:
- Die Evolution geht langsam und kontinuierlich vor sich. Denken Sie an den Neandertaler, der irgendwie auch zu unserer Art gehört, aber irgendwann ausgestorben ist. Er soll ein Nebenast der Entwicklunglinien des Menschen sein, also zeitgleich mit dem Homo sapiens etwa vor 160.000 bis ca. 30.000 Jahren existiert haben, immerhin also 130.000 Jahre mit einer sehr weiten Verbreitung. Schließlich blieb nur der Homo sapiens in den uns bekannten Formen übrig.

Jede Evolutionstheorie muss erklären, wie Veränderungen, die auftreten, stabil werden. Im 19. Jahrhundert war Darwins (und Wallace’) Lösung dieser Frage nicht übermäßig anerkannt oder gar populär, es handelt sich um die „Natürliche Selektion“, natural selection.
- Die Natürliche Selektion besagt, dass für bestimmte Individuen einer Art die Fortpflanzungswahrscheinlichkeit abnimmt. Dadurch vermehren sich andere stärker, sie sind nach Darwins und Wallace’ Auffassung besser an die Umwelt angepasst. Das besagt der Ausdruck survival of the fittest, den Darwin von Spencer in einer späteren Auflage des „Ursprungs der Arten“ übernahm. Wesentlich ist, dass hier ein Auswahlprozess miteinander konkurrierender Individuen gemeint ist, nicht alle können gewinnen, einige verlieren – und sterben aus wie der Neandertaler. Hintergrund ist Darwins Auffassung vom Existenzkampf, dem struggle for existence.
Darwin kennt über die „Natürliche Selektion“ hinaus die „sexuelle“ und die „künstliche Selektion“. Mit letzterer ist die Züchtung gemeint, wobei diejenigen Individuen einer Art durch die Züchtung begünstigt werden, welche die von den Züchtern gewünschten oder geförderten Eigenschaften besitzen. Mit der „sexuellen Selektion“ ist die Auswahl der Sexualpartner/innen seitens der Individuen gemeint. Früher übersetzte man natural selection häufig als „natürliche Zuchtwahl“, was leider bestimmte sozialdarwinistische Muster begünstigte.
Liest man beispielsweise den Gotteswahn von Dawkins, dann kann man den Eindruck gewinnen, hier versuche jemand evolutionsbiologisch den Atheismus zu begründen. Allerdings war Darwin kein Atheist, sondern wohl eher Agnostiker, weil die atheistische These genauso wahrscheinlich oder unwahrscheinlich ist, wie dies auch für die theistische These gilt. Und gegen die Religionen lässt sich dies – was Dawkins übersieht – gar nicht aufführen, der Buddhismus kennt keine Schöpfergottheiten. Der wirklich interessante Punkt ist derjenige der natural selection, diese ist beispielsweise mit christlichen, m. E. auch mit buddhistischen Auffassungen nicht vereinbar.
„Darwins Ursprung der Arten dehnt bloß Perspektiven der Politischen Ökonomie auf den Fortschritt des gesamten Bereich des Tier- und Pflanzenlebens aus. Die große Mehrheit unserer zeitgenössischen Naturalisten vertritt die Ansicht, dass die wahre Ursache dieser herrlichen und wunderbaren Anpassungen der Natur – für die in meinen Jungenjahren die Menschen die göttliche Weisheit priesen – darin besteht, dass die Geschöpfe so zusammengepfercht seien, sodass diejenigen, welche zufällig den geringsten Vorteil besitzen, diejenigen, welche schlechter dran sind, in derartige Situationen zwingen, die für die Vermehrung ungünstig sind – oder sie gar zu töten, bevor sie das Reproduktionsalter erreichen. Bei den Tieren wird der schlichte mechanische Individualismus als diejenige Kraft beachtlich hervorgehoben, welche den Nutzen durch die mitleidlose Gier des Tieres erreicht. Wie Darwin auf dem Titelblatt schreibt, geht es um den Existenzkampf [struggle for existence]. Und er hätte als Motto noch hinzufügen sollen: Jedes Individuum für sich selbst – und den Letzten beißen die Hunde! Jesus hat sich in der Bergpredigt anders geäußert.“ (Charles Peirce, Evolutionary Love [1890], in: The Essential Peirce I, 357).
Peirce markiert drei Punkte:
- den zufälligen Vorteil – und
- den Zwangs- bzw. mechanistischen Charakter von Darwins Theorie, wobei er als Hauptkraft den mere mechanical individualism namhaft macht.
- Dies führt er auf die Ausdehnung bestimmter ökonomischer Überzeugungen auf den Pflanzen- und Tierbereich zurück.
Gemeint ist Darwins (und ebenso Wallace’) Rezeption des Essay on the Principle of Population (1798), den Thomas Malthus geschrieben hatte. Malthus war der Überzeugung, dass die Bevölkerung sich exponentiell vermehre, aus zwei werden vier, aus vier 16 Menschen usf. Leider vermehre sich die Nahrungsmittelproduktion nur linear bestenfalls um 20 %, aus zwei wird also 2,4, aus 2,88 – die Nahrungsmittelproduktion hinke also bald deutlich hinterher. Es ergebe sich mithin ein Überbevölkerungsproblem. Daraus entstehen Konkurrenz-, Verteilungs- und Kampfprobleme. Es ist klar, dass diese Theorie falsch war. Aber sowohl Darwin und Wallace interpretierten vor ihrem Hintergrund den Prozess der natural selection – und Peirce geißelt dies scharf. Schon damals also ging es in der Bewertung von Darwins Theorie nicht zuletzt um ihren Lebensführungscharakter:
„Christi Evangelium unterstellt, dass der Fortschritt sich aus dem Aufgehen der Individualität des Individuums in der Sympathie mit dem Nachbarn ergibt.“ (ebd.)
Wir sehen, die Positionen von Maturana und Dawkins sind im 19. Jahrhundert präfiguriert: Ist die Wirklichkeit der Evolution ein Konkurrenzkampf, in dem es Sieger und Verlierer gibt – oder kann die Evolution langfristig nur durch Kooperation der Individuen erreicht werden?
20. Oktober 2009
Die Sitzung befasste sich mit der doppelten Funktion der Gene:
- der beständigen Erneuerung der Gewebe;
- der Weitergabe des Genoms an die Nachkommen.
Gerade der erste Aspekt steht im Vordergrund des gegenwärtigen Interesses und hat – wie Abbildung 9 zeigt – auch Eingang in ein Lehrbuch wie den Taschenatlas Physiologie gefunden. In der Diskussion im Kurs wurde betont, dass sowohl der erste als auch der zweite Punkt stets im Gesamtkontext des Organismus gesehen werden müssen. Weiter wurde der prozessuale Charakter des Menschseins betont. Dies sind zweifellos Sachverhalte, die schon im 19. Jahrhundert erkannt wurden. Daraus werden aber im Kontext unterschiedlicher Modelle und Bilder andere Schlüsse gezogen. Sind die Menschen Maschinen, ist die Vision der Prozesse erheblich gesteuerter, deduktiver als in dem Fall, wo dieses Bild als widersinnig und lebensfremd abgelehnt wird. Im zweiten Fall wird damit gerechnet, dass die Ursachenfrage für etwas, das geschieht, nicht so leicht auf entweder „Innen“ oder „Außen“ zugerechnet werden kann. Maturana u. a. stellen sogar die Ursachenfrage (wie schon im angelsächsischen Kontext länger zuvor) als solche infrage. Selbst wenn man demgegenüber skeptisch ist, so scheint doch klar zu sein, dass die Zurechnungsprozesse darüber, wie ein Mensch ist, sehr viel komplexer sind, als in dem Fall, bei dem unterstellt wird, die Gene schüfen Maschinen. Bei Maturana u. a. nähert sich die Biologie daher dem Wissenschaftstypus 2 an. So kann die Störanfälligkeit der Transkriptions-, Splicing- und Translationsprozesse erheblich ernster genommen werden – so erscheint es jedenfalls mir. Auffallend ist, dass sich auch im Taschenatlas der Physiologie die Begrifflichkeit eher zur Beschreibung von Kommunikationsprozessen wandelt (vgl. Abbildung 9: „Transkriptionssignal“).
Einigkeit herrschte darüber, dass die Gene bei der Weitergabe an die Nachkommen nicht zuletzt dafür sorgen, dass ein Mensch ein Mensch und kein Affe ist. Die weitere Frage, wie die Gene nun an der biotischen Evolution so beteiligt sind, dass Veränderungen der Arten stattfinden, wird in den folgenden Sitzungen besprochen. Klar ist, dass es für viele kulturelle Tätigkeiten wie das Lesen keine Gene gibt. Die Gene erscheinen daher oft als allgemeiner Hintergrund, auf dem sich die kulturellen Prozesse des Menschseins entfalten können.
17. Oktober 2009
Die erste Frage: „Was sind Gene?“ können im Detail sicher die Mediziner im Kurs besser beantworten als ich, darauf freue ich mich. Ich werde dazu nur ganz wenige grundlegende Punkte nennen. Die zweite Frage werde ich ganz kurz abhandeln, weil das sozusagen auf der Hand liegt.
1 Was sind „Gene“?
Die „Gene“ stellen Abschnitte „auf der Desoxyribonukleinsäure (DNA)“ dar, „welche die Grundinformationen zur Herstellung einer biologisch aktiven Ribonukleinsäure (RNA)“ enthalten. „Bei diesem Herstellungsprozess (Transkription genannt) wird eine Negativkopie in Form der RNA hergestellt. Es gibt verschiedene RNAs, die bekannteste ist die mRNA, von der während der Translation ein Protein übersetzt wird. Dieses Protein übernimmt im Körper eine ganz spezifische Funktion, die auch als Merkmal bezeichnet werden kann. Allgemein werden Gene daher als Erbanlage oder Erbfaktor bezeichnet, da sie die Träger von Erbinformation sind, die durch Reproduktion an die Nachkommen weitergegeben werden.“ (http://de.wikipedia.org/wiki/Gen – durch Klicken kommen Sie zu den jeweiligen Erläuterungen auf Wikipedia.)
Ein „Gen“ sieht schematisch so aus:

Abbildung 5: Gen auf der DNA bzw. DNS (Quelle: Art. „Gen“, Wikipedia)
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15. Oktober 2009
Die Sitzung kreiste um die Probleme, die dadurch aufgeworfen wurden, dass die erste Sitzung an den einander kontradiktorisch ausschließenden Konzepten von Maturana und Dawkins orientiert war. Wie kann es überhaupt dazu kommen, dass Wissenschaftler/innen heute immer noch das behaupten, was Dawkins behauptet, wenn es doch seit Beginn des 19. Jahrhunderts dieser Unterstellung entgegengesetzte Konzeptionen gibt. Die Antwort, von einigen Teilnehmer/inne/n selbst vorgeschlagen, lautete: Weil die Position Dawkins’ an gesellschaftlichen Mustern orientiert ist, die heute dominieren. Allgemein kann hinzugefügt werden, dass entgegen der Annahme von Thomas Kuhn in den Wissenschaften kaum „Paradigmenwechsel“ (Kuhn 1973) erfolgen, sondern es mehrheitlich oder minderheitlich orientierte Denkstile (Fleck 1980) gibt – von Außenseiter/innen ganz zu schweigen. Vgl. hierzu Pöttner 2009 mit Literaturangaben. Dass Kuhns These gerade soziologisch idealisiert ist, zeigt sich darin, dass die wissenschaftliche Praxis und große Teile der Anwendung und Rezeption der Physik durchaus an Ideen der klassischen Physik orientiert sind. Hätte Kuhn auch nur entfernt recht, müssten eigentlich alle Physiker/innen heute begeisterte und aktive Quantenphysiker/innen sein. Das aber ist nicht der Fall.
So ist auch der wissenschaftliche Prozess der Biologie, der stark in die medizinische Theoriebildung hereinreicht, keineswegs nach dem Modell einander ablösender Paradigmen verlaufen. Durch Descartes wurde festgelegt, dass Tiere Maschinen und Automaten seien. Das erscheint gelegentlich widersinnig, sodass seit der deutschen Frühromantik und dem Amerikanischen Transzendentalismus hiergegen Proteste entstanden. Welcher Interpretations-Tradition, der kartesischen oder der „romantischen“, die insbesondere durch Jakob Johann von Uexküll angeführt wird und sich im Beitrag von Maturana manifestiert, der Vorzug zukommt, wurde offengelassen. Beide Interpretationen sind logisch möglich, also kommt es auf die Beachtung der einzelnen Sachverhalte, auch des eigenen Lebensentwurfs an. Deute ich mich so, dass ich ein mit anderen Lebewesen, nicht zuletzt Menschen konkurrierendes Lebewesen bin? Oder bin ich das, was ich werde und geworden bin, auch durch die Kooperation anderer?
Die genauere Wahrnehmung dessen, was „Gene“ sind, und warum für jede Evolutionstheorie die Gene, also die Vererbung von sogenanntem „Erbmaterial“ so wichtig sind, wurde nur angerissen. Nach der Normalwahrnehmung der Darwinschen Theorie treten beim Übertragungsvorgang zufällig Fehler bei der „Kopieerstellung“ auf, sodass der Evolutionsprozess davon wesentlich abhängt, ob sich solche „Kopien“ dann im struggle of existence („Existenzkampf“) bewähren. Die „Umwelt“ als Inbegriff der aktuellen Existenzbedingungen eines Lebewesens wird dabei als relativ stabil betrachtet. Seit Uexküll 1928 gilt aber die wechselseitige Veränderung von Lebewesen und Umwelt. Im Kurs widersprach Frau Jessel dieser These. Ihr zufolge habe auch Darwin genau das gemeint. Dies ist in den nächsten acht Sitzungen genauer zu erfassen.
Die autopoietische Systemtheorie Maturanas u. a. wird aber von Darwin, Spencer u. a. allenfalls fragmentarisch so gesehen. Hier bearbeitet sich das einzelne Lebewesen in der Umwelt so, dass es selbst seine systemischen Elemente und deren Beziehung mitbestimmt und selbst anpasst – angesichts der Ereignisse der Umwelt.
Für die Gene bedeutet das letztere Modell – im Unterschied zu Dawkins – auch die Gene können (in bestimmten Grenzen) angepasst werden. Einfache Ursache-Wirkungs-Beziehungen von außen nach innen und umgekehrt sowie von innen nach innen sind nicht sicher, eher fragwürdig. Dass dies in der Abbildung 4 in der Richtung von Dawkins entschieden wurde, wurde deutlich. Wissenschaftliche Aussagen sind stets von Interpretationen abhängig, die bestimmten Modellen folgen. Beispielsweise Zwillingsstudien mit eineiigen Zwillingen unterstellen, dass gesichert sei, sofern eineiige Zwillinge gleiche Eigenschaften wie Homosexualität ausbilden, könne geschlossen werden, Homosexualität insgesamt sei überwiegend eine erbliche Eigenschaft. Kritisch überprüft werden müsste eine derartige Behauptung dadurch, dass eine relativ hohe Zahl von „Neigungshomosexuellen“ und deren Eltern sowie Großeltern ernsthaft untersucht würde. Nur dann ist eine solche Statistik aussagekräftig.
Für Maturana stellen sich derartige Probleme nicht so ernsthaft. Für ihn stehen die Gene ja auch gar nicht im Vordergrund. Er unterstellt mit einer wachsenden Anzahl von Wissenschaftler/inne/n, dass die agierende Instanz die Zellen sind, die selbst in der Lage sind, die in ihren eingeschlossenen Erbinformationen zu aktivieren oder inaktiv zu lassen. Aktiviert werden müssen diese „Gene“, wenn in der Umwelt des Organismus Ereignisse auftauchen, die dieser nicht mit seiner herkömmlichen Struktur bewältigen kann. Dabei greift er auf die im Genom enthaltenen „Transpositionselemente“ zurück, um das Genom zu ändern – so die Nobelpreisträgerin Barbara McClintock, die das bei der radioaktiven Bestrahlung von Maispflanzen schon in den 1940er Jahren gezeigt hatte. Durch die Sequenzierung des Genoms zu Beginn dieses Jahrzehnts ist diese Annahme bestätigt worden. Im Kurs ist näher zu verstehen, worin die semiotischen oder kommunikativen Voraussetzungen einer solchen Behauptung bestehen.
10. Oktober 2009
Die Gendebatte gäbe es nicht, wenn es keine Wissenschaften gäbe. Nun betrifft diese Debatte aber mindestens zwei philosophische Grundfragen, jedenfalls wenn Philosophie sich als Liebe zur Weisheit versteht, worin ja der griechische Wortsinn von Philosophie (φιλοσοφία [philosophia]) besteht. Die Liebe zur Weisheit fragt in diesem Kontext mindestens:
- Was ist der Mensch? – Spezifischer: Wer bin ich selbst? Wer sind wir selbst?
- Wie ist alles zu verstehen?
- Wie wollen wir leben?
Dawkins gibt uns darauf die Antwort: Wir sind aufgrund unserer Gene „Chicagoer Gangster“, die sich aber vielleicht altruistisch belehren lassen, dass sie ihre egoistischen Ziele nur mit dieser altruistischen Maskierung erreichen können. Das sind ziemlich deutliche Antworten auf die Fragen: „Was ist der Mensch?“ und „Wie wollen wir leben?“
Maturana sieht das ganz anders. Aber auch seine Antworten sind von den Fragen: „Was ist der Mensch?“ und „Wie wollen wir leben?“ bestimmt. Das biotische Sein des Menschen vor dem Hintergrund des grundlegenden Genmaterials ist durch Liebe bestimmt. Dagegen kann man sich wehren, insbesondere die sprachliche Anfertigung von Beschreibungen kann uns dazu bringen, andere auszugrenzen und die anderen Menschen nicht allesamt als gleichwertig anzusehen.
Wie die folgende Abbildung 3 zu zeigen versucht, gibt es sehr viele verschiedene Möglichkeiten Philosophie zu betreiben, sich auf verschiedene Wissenschaftstypen zu beziehen, auch auf den Alltag. (weiterlesen…)
7. Oktober 2009
6. Oktober 2009
Die Sitzung befasste sich mit den formalen Bedingungen des Kurses und erörterte die Texte von Humberto Maturana und Richard Dawkins.
- Es wurde vorgeschlagen, den Kurs künftig um 19.15 Uhr beginnen zu lassen. Dies wird am 12.10. abschließend erörtert und gegebenenfalls beschlossen.
- Der Kursplan erfuhr eine Änderung:
(1) Verständigung über den Kurs, Kursplan, zwei grundlegende Texte (05.10.)
(2) Sind Gene und Evolution ein philosophisches Thema? Was ist ein philosophisches Thema? (12.10.)
(3) Was sind Gene? Und wie hängen sie mit der biotischen und kulturellen Evolution zusammen? Allgemeine Einführung (19.10.)
(4) Die Auffassung Charles Darwins (26.10.)
(5) Die Auffassung Barbara McClintocks (02.11.)
(6) Der Einfluss ökonomischer Auffassungen auf Darwin – und die Rezeption in der Soziobiologie Richard Dawkins (09.11.)
(7) Die Auffassung Joachim Bauers (16.11.)
(8) Die semiotische Auffassung Jesper Hoffmeyers (23.11.)
(9) Die Feststellung „prädiktiver Risiken“ – und deren Bedeutung (30.11.)
(10) Wer bin ich selbst? (07.12.)
- Der Fragebogen wird in jeder Sitzung in den letzten sieben Minuten ausgefüllt, Sie können sich stets schon Notizen während der Sitzung machen, dann geht es vielleicht schneller.
- Bitte überlegen Sie, welches Thema der nächste Kurs im Frühjahr 2010 haben soll!
In der Sitzung dürfte wohl deutlich geworden sein, dass weder Maturana noch Dawkins einfach voraussetzungslos, rein positivistisch „beschreiben“, um was es bei den Genen geht. Beide verwenden eine überwiegend bildliche Sprache, dabei war diese offenbar bei Dawkins schwerer zu erkennen. Das könnte daran liegen, dass Dawkins viele Leitmetaphern wie „Maschine“ benutzt, die möglicherweise von vielen Menschen gar nicht mehr als Metapher erkannt werden, sondern als theoretisch und wohl auch alltagsorientiert bestätigt gelten. Metaphern werden aus einem Sprachbereich, hier dem Bereich der Maschinen, auf ein anderes Phänomen übertragen – in diesem Fall: Tiere. Dieser Metaphorisierungsprozess besteht seit Descartes und wird schon lange kritisiert, ist aber z. T. auch in der Medizin leitend.
Der Hauptunterschied zwischen Dawkins’ Auffassung der Gene und derjenigen Maturanas wurde recht bald erfasst:

Abbildung 1: Rolle der Gene nach Richard Dawkins und Humberto Maturana (weiterlesen…)