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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegt die Weisheit verborgen …


28. November 2009

Reverenz an Angela Merkel von @StilleMaus, einspruch.org

26. November 2009

Prädiktive Medizin ?

Seit der Sequenzierung des menschlichen Genoms geht es nicht mehr nur darum, dieses technisch zu verändern oder zu verdoppeln, sondern nicht zuletzt wird die Menschheit mit der Unterstellung gequält, bei entsprechender Forschung und hinreichenden Geldzahlungen werde man in nächster Zeit vielen Menschen bestimmte Risiken von verbreiteten Krankheiten voraussagen können. Firmen und Versicherungen sind daran interessiert. Allerdings gilt:

„Im Blick auf multifaktoriell bedingte Krankheiten gilt es jedoch zuerst festzuhalten, dass bereits heute absehbar ist, dass das Testen auf Prädispositionen einer multifaktoriellen Erkrankung Informationen über Wahrscheinlichkeiten und nicht über Sicherheiten liefern wird.“ (Peter Schröder-Bäck, Zur „richtigen“ Integration genom-basierten Wissens bei der Prävention …, Manuskript Maastricht 2008, S. 4)

Gemeint sind Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes usf. Erbkrankheiten wie Mongolismus bzw. Trisomie 21 werden darunter nicht verstanden. Da man jetzt Vergleiche zwischen Genomen von Menschen mit bestimmten Krankheitsbildern ziehen kann, glaubt man daraus Kapital schlagen zu können. Wir wissen aus der letzten Sitzung, dass es einige Wissenschaftler/innen gibt, die eine determinierende Rolle des Genoms stark in Zweifel ziehen, sodass Schröder-Bäcks Formulierung vielleicht noch zu zurückhaltend ist.

Darüber hinaus gibt es Zweifel an der Aussagekräftigkeit von sogenannten „Gentests“. Weiter wird die rechtliche Zulässigkeit in Zweifel gezogen. Überdies besagen Risikovoraussagen im Wahrscheinlichkeitsbereich für den einzelnen Fall gar nichts (vgl. Hake 2002). Insofern sollten m. E. eindeutige Gesetze erlassen werden, die Tests wie bei Daimler-Benz strikt untersagen. Denn eine ernsthafte Freiwilligkeit liegt hier kaum vor. Sondern man will eine Arbeitsstelle haben oder behalten, hier gehen viele wahrscheinlich auch das Risiko eines Gentests ein, wird schon gut gehen – und das ist ja auch oft der Fall. Offiziell wird bei den Bluttests bei Daimler natürlich nur nach Alkohol- oder Drogenkonsum gefahndet

Das Gendiagnostik-Gesetz der letzten Bundesregierung ist entsprechend restriktiv – und ist am Recht auf informationelle Selbstbestimmung orientiert. Also: Mein Gentest gehört mir – und nur mir!

Aus meiner Sicht ist damit zu diesem Thema eigentlich alles gesagt. Könnte aber sein, dass der Kurs hierzu ganz anderer Meinung ist.

Aufgaben zur nächsten Sitzung

(1)  Überlegen Sie sich Fragen, die für Sie noch unbeantwortet sind!

(2)  Wie verstehen Sie sich selbst im Blick auf Ihre Gene nach dem Kurs?

Ein lohnendes Buch für das folgende Kursthema „Wirtschaft und Ethik“ ist Peter Ulrich, Integrative Wirtschaftsethik, Bern u. a. 1997ff. Dort eine breite Darstellung des Themas mit vielen Literaturverweisen.

Die wesentlichen Wirtschaftstheorien werden besprochen in: Karl-Heinz Brodbeck, Die Herrschaft des Geldes, 2009.

Zu Kondratjev vgl. Erik Händeler, Die Geschichte der Zukunft, 2003ff

Immer noch lesenswert: Adam Smith, Der Wohlstand der Nationen, 1978ff (im Internet auf Englisch ladbar)

Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, 1999 (im Internet ladbar)

Zur Information:

Philosophische Praxis: Grundlagenvorträge I und II

6. März 2010: Der philosophisch-medizinische Ansatz von Thomas Fuchs

13. März 2010: Der biosemiotische Ansatz von Jesper Hoffmeyer

Die Zeit ist immer samstags 14.30 Uhr bis 19 Uhr.

Kosten: 150 € (alle Teilnehmer/innen zusammen)

Ort: Sandgasse 13, 69207 Sandhausen.

Atmosphäre gesellig. Es gibt Snacks, Wasser, Rotwein — auf Anfrage auch Weißwein und Bier zu günstigen Preisen.

Die Demokratie ist noch intakt

Die Unwahrheiten und Unwahrhaftigkeiten der letzten Bundesregierung beginnen nun zu bröckeln. Was Bundeskanzlerin Merkel und auch der frühere Bundesaußenminister und jetzige Oppositionsführer Steinmeier gegenüber dem Autor dieses Blogs wg. Völkerrechtsstrafgesetzbuchverletzung geäußert haben, klang unwahrhaftig und falsch. Nun steht es fest. Zwar geht es zunächst um die Bundeswehrführung, dann um Ex-Minister Jung.  Aber diese Vertuschung eines mutmaßlichen Verbrechens, für dass die deutsche Regierung verantwortlich ist, geht auch an Steinmeier und Merkel nicht vorbei. Merkel kann sich hier nicht wegdrücken wie bei ihrer Befürwortung des Irakkrieges, wo sie dies mit “allen Konsequenzen” tun wollte. Sie hat bisher ihre Verantwortung für die mutmaßlich 1.000.000 Toten nicht übernommen. Nun sollte ihr protestantisches Gewissen einmal ernsthaft schlagen.

24. November 2009

Erinnerung an den 23.11. – Vhs Neckargemünd

Der Kurs hat mit dem Kennenlernen der Position von Jesper Hoffmeyer 2008 das Panorama verschiedener Positionen beendet. Auch Bauer 2008 hat ein nicht ganz schwaches Sensorium für die Probleme der Biosemiotik, bescheidet sich aber lieber mit Formulierungen, wie „das Gehirn schaltet ein biologisches Signal an“. Die Semiotik ist seit gut 130 Jahren diejenige allgemeine philosophische und wissenschaftliche Disziplin, die es erlaubt, die oft anscheinend gegeneinander agierenden wissenschaftlichen Disziplinen zu vereinen. Leider geht sie sogar auf die klassische griechische Philosophie und Medizin, die Stoa und die großen mittelalterlichen Diskurse zurück, ganz zu schweigen von modernen kulturwissenschaftliche Errungenschaften. Daher wird sie oft abgelehnt, wieso soll man das jetzt auch noch machen, weil man mit seinem klassisch-physikalisch-mechanistischen Disziplinenbestand irgendwie zufrieden ist und nicht so gerne weiterfragen möchte. Demgegenüber steht aber die Tatsache, dass es dadurch keine wissenschaftliche Auffassung der Ganzheit der Prozesse des Lebens gibt. Die empirischen Wissenschaften stoßen freilich nicht selten auf Phänomene wie die Rezeptoren, welche schwerlich anders interpretiert werden können, als dass es sich um Aspekte eines semiotischen Systems handelt, wobei solche Systeme Botschaften übermitteln, die mehr oder weniger gut verstanden werden, was für Hoffmeyer nicht unwesentlich ist. Schon die Arbeit Jakob von Uexkülls hatte schlichte Vorstellungen wie (angebliche) Reiz-Reaktions-Prozesse eher relativiert:

„Tierische Lebewesen unterscheiden sich … von Maschinen durch die Unvorhersehbarkeit ihres Verhaltens. Reiz und Reaktion sind nicht fixiert gekoppelt wie die Bewegung einer Mimose bei Berührung ihrer Blätter, sondern nur schwach gekoppelt; das heißt, Reize lösen kein fixiertes Verhalten aus, sondern modulieren eine vorhandene Eigenaktivität, sodass nur die Wahrscheinlichkeit für ein bestimmtes Verhalten des Lebewesens modifiziert wird. Signale können intern verstärkt, mit anderen Signalen verglichen und vor allem gespeichert werden: Die Variabilität der inneren Systemzustände erlaubt es, dass in die Transformationsregeln für eintreffende Reize die jeweils vorausgehenden Operationen mit eingehen – das Grundprinzip von Gedächtnis. Dazu treten schon auf einfachen Lebensstufen spontane Verhaltensweisen, die vom Lebewesen initiiert, und deren Resultat in der Umwelt von ihm bewertet werden können.“ (Fuchs 2008, 113)

Auch Fuchs bezieht sich grundlegend auf die Biosemiotik von Uexkülls 1928. Etwa der Aufbau von Gedächtnis ist ein physiologischer Vorgang, der dann Bedeutungen von erlebten Ereignissen generieren kann Wie für Hoffmeyer ist für Fuchs die Maschinenmetapher in der Biologie gänzlich fehl am Platze. Hoffmeyer geht aber insgesamt weiter als Fuchs und versucht, den Menschen von der Einzelzelle zum Organismus als Kontinuum zu verstehen, welches durch Zeichenaustausch und Kommunikation konstituiert sei. Dieser baut sich schwarmähnlich und keineswegs unchaotisch von unten nach oben auf. Mithin wird der ontogenetische Prozess des Organismus keineswegs durch das Genom determiniert.

Die Frage des Genoms wird schon gut 50 Jahre semiotisch behandelt – und Hoffmeyer zieht an sich nur die Konsequenzen. Beeindruckend ist seine Peirceinterpretation in Hoffmeyer 2005, die teilweise auch philosophisch ihresgleichen sucht. Insbesondere die Psychosomatische Medizin hätte nach meinem Eindruck großen Anlass ihre Annahmen auf dieser Grundlage weiter zu entwickeln. Möglicherweise erhält sie dadurch langfristig eine höhere wissenschaftliche Anerkennung.

Die Semiotik ist bisher die einzige Disziplin, welche die verschiedenen Sphären, in denen sich Menschen und andere Lebewesen bewegen, übergreifend beschreiben kann. Sie kann auch Scheindebatten beschreiben, wie: Muss man „Botschaft“ oder „Information“ sagen? Je nach Kontext wird „Botschaft“ und „Information“ mit verschiedenen Sinngehalten oder Regeln verwendet. Natürlich könnte man anderen vorschreiben: Du darfst nur „Botschaft“ sagen! Das ist aber von einer zentralen Dominanz abhängig. Peirce hat das selbst versucht, durchzusetzen, ist damit aber trotz einiger Bemühungen nicht rezipiert worden. Insofern sind wir leider auch bei wissenschaftlich anspruchsvollen und philosophischen Texten auf unsere von Frustrationstoleranz geprägte Interpretationskompetenz angewiesen. Die Welt ist nicht einförmig, sondern plural und dynamisch. Daher benötigen wir Kreativität, um die verschiedenen semiotischen Regeln bzw. Kommunikationsregeln zu erfassen. Zu der entsprechenden Geduld möchte ich sie ein wenig ermutigen.

Hoffmeyer zeigt, dass in der Erwachsenenbildung auch die Unendlichkeitsaspekte der Bildung im allermodernsten Kontext nicht ausgeblendet werden müssen. Wir müssen hier nur das Grundprinzip verstehen, jede/r sollte nach Interesse hier weitermachen und tiefer graben.—

22. November 2009

John Dewey — Mein pädagogisches Glaubensbekenntnis I

John Dewey (1859-1953) ist einer der bedeutendsten Pädagogiker der Moderne. In Deutschland bzw. im deutschen Sprachraum würde man seine pädagogische Position als Reformpädagogik bezeichnen. Darunter kann man diejenigen Positionen

John Dewey

John Dewey

verstehen, welche Einsichten der klassischen Pädagogik wie derjenigen Friedrich Schleiermachers (2000a; b) in lebbare Formen umsetzte. Dewey ist m. E. deshalb von besonderer Bedeutung, weil er eine sozial verantwortliche und entschieden demokratische Position vertrat. Es kann nur zur Demokratie kommen und diese kann  auch nur bestehen, wenn die Schule selbst für Kinder Demokratie erlebbar und gestaltbar macht. Dewey ist mithin nicht der Überzeugung, dass man in der Schule für das Leben lerne, wie ein verbreiteter Sinnspruch in unserer Weltgegend lautet. Es verhält sich anders: Die Schule ist ein Teil des Lebens und mithin auch des demokratischen und sozial verantwortlichen Lebens.

Ich werde über Weihnachten bzw. den Jahresabschluss  hinaus hier Deweys Text My Pedagogic Creed (1897) übersetzen und mit einigen kommentierenden Bemerkungen versehen. Der Regierungserklärung von Angela Merkel zufolge soll ja Deutschland zur “Bildungsrepublik” werden.  Hierzu hat Dewey Wesentliches beizutragen. Denn seine Auffassung ist wesentlich grundlegender als diejenigen Überzeugungen, die bestenfalls von der OECD beeinflusst sind, aber schlimmstenfalls Sarrazinsche Formen annehmen können. Von derartigen Auffassungen ist der jedenfalls massenmedial zumeist notierte Bildungsdiskurs bestimmt. So findet sich in früher renommierten Zeitungen wie der “Zeit” bemerkenswert oft eine abfällige Bemerkung über “bildungsferne Schichten” – ein Ausdruck, der zeigt, wie lebensfremd  und reflexionsarm nicht selten der Diskurs in Deutschland geführt wird. Hier besteht mithin noch ein beachtliches Potenzial an Nachdenklichkeit, Information, an eigener Übung und Selbsterfahrung, um in der Sache gedanklich und praktisch weiter zu kommen.

Dewey hat seinen Text der fingierten Gattung “Glaubensbekenntnis” folgend in Artikel gegliedert, es sind fünf. Und jede dritte Woche wird hier ein “Glaubensartikel” übersetzt und in der folgenden Woche mit  Hinweisen versehen.

21. November 2009

Molekularbiologie und Genetik aus semiotischer Sicht — Jesper Hoffmeyer

Jesper Hoffmeyer ist ein dänischer Biosemiotiker, lehrt an der Universität Kopenhagen und hat neben größeren Werken zu diesem Thema (vor allem Hoffmeyer 2005 als großartige Zusammenfassung und Präzisierung) auch den entsprechenden Artikel Hoffmeyer 2008 in Thure von Uexküll 2008 geschrieben. 

Jesper Hoffmeyer *1949

In der Biosemiotik folgt er meistens Jakob von Uexküll 1928. Daneben gibt es aber auch klassische Studien von Roman Jakobson und Thomas A. Sebeok aus den 1970er Jahren, vor allem aber auch eine Peirce-Rezeptionsschiene, die sich bei Thure von Uexküll 2008 auch in der Grundlegung der Psychosomatischen Medizin findet. Dort finden Sie auch weitere, reiche Literaturangaben.

Grundlegend ist die Interpretation der Vererbung als semiotisches Phänomen:

„Da lebende Systeme sterblich sind, muss ihr Überleben eher durch semiotische als durch physikalische Mittel sichergestellt werden. Vererbung ist semiotisches Überleben, d. h. Überleben durch eine Botschaft, die im Genom einer winzigen Zelle enthalten ist, dem befruchteten Ei sich geschlechtlich reproduzierender Spezies.“ (Hoffmeyer 2008, 97; H. v. M. P.) (weiterlesen…)

17. November 2009

Erinnerung an den 16.11. — Vhs Neckargemünd

Die Sitzung befasste sich anhand von Bauer 2008 mit den Grundlagenaspekten des Themas. Dabei wurde nicht nur auf Dawkins, sondern auch auf Maturana zurückgegriffen. Alle besprochenen Biologen legen quasiphilosophisch ihr jeweiliges Modell dem Verständnis des Menschen zugrunde. Auch seine Kultur wird entsprechend interpretiert, bei Darwin-Dawkins eher konkurrenzorientiert mit natürlicher Selektion, bei Maturana-Bauer eher an Kooperation oder Liebe orientiert, wobei der Ausdruck „Liebe“ in der großen philosophischen Tradition verwendet wird, beispielsweise bei Hegel.

Das Modell von Darwin entstammt einer Übertragung ökonomischer Behauptungen von Thomas Malthus auf das Verständnis des Lebens und seiner Evolution. Die Modelle von Maturana und Bauer arbeiten mit den Unwahrscheinlichkeiten, die sich hieraus bei der angemessenen Wahrnehmung längerer Phasen der Kultur und deren Höchstformen wie der UNO-Menschenrechtserklärung sowie des Grundgesetzes ergeben. Empirisch hat sich übrigens gezeigt, dass die ökonomische Theorie von Malthus falsch war.

Hält man die darwinsche Theorie für eine angemessene Beschreibung des Lebens und seiner Evolution, dann gibt es zwei Möglichkeiten:

  • Sie gibt auch die Pointe der kulturellen bzw. gesellschaftlichen Evolution an. Es liegt dann nahe, bestimmte kooperative kulturelle Muster eher als Täuschung zu interpretieren.
  • Die kulturelle Evolution kann demgegenüber als antiselektionistisch interpretiert werden, wie es in einigen Religionen und philosophischen Positionen auch geschieht – bzw. deren Bilder und Erwägungen können vor dem möglicherweise unbekannten selektionistischen Hintergrund als antiselektionistische Reaktion auf den Selektionsprozess interpretiert werden, was gelegentlich bei der „Bildung“ der Fall ist.

Eine weitere, beiden entgegengesetzte Möglichkeit liegt darin, sozusagen mindest die Tendenz zur Menschenrechtserklärung auch in der Evolution selbst zu finden. Dies ist sicher die Tendenz bei McClintock und insbesondere natürlich bei Bauer. Hier geht es um empirische Bestätigung, dass schon auf der elementaren Ebene Kommunikation und Kooperation angelegt sind. Also entsprechen auch die Beziehungen zwischen Zelle und Genom zumindest im Allgemeinen den Unterstellungen etwa im Grundgesetz oder in der UNO-Menschenrechtserklärung.

Nicht reflektiert wird auch bei Bauer, dass unabhängig davon, wie die biotische Grundstruktur des Menschen auch sein mag, bestimmte sittliche Sachverhalte wie die Anerkennungsprozesse, die der UNO-Menschenrechtserklärung zugrunde liegen, aufgrund der Anerkennung gelten. Für Bauers Auffassung spricht, dass hier eine biologische Position entstanden ist, die nicht im Dauerkonflikt mit dieser Konzeption liegt, welche alle Staaten dieser Welt anerkennen, soweit sie Mitglieder der UNO werden. Begründet werden kann die Geltung der Menschenrechte hierdurch nicht. Aber anders als die darwinsche Position spricht sie nicht geradezu gegen die Menschenrechte, darin besteht ihre ethische Pointe. Ihre wissenschaftliche Pointe besteht darin, dass sie an verschiedene Konzepte anknüpfen kann, welche die inneren Prozesse im Menschen als Zeichen- bzw. Kommunikationsprozesse interpretieren.

Die Anerkennungsprozesse müssen unabhängig von wissenschaftlichen Theorien stattfinden und auch begründet werden. Denn wissenschaftliche Theorien sind bis auf ganz geringe Ausnahmen immer mit einer bleibenden hypothetisch-abduktiven Struktur befrachtet. Darwins Theorie wurde lange eben gerade als nicht sehr stark hypothetisch-abduktiv angesehen, obgleich Peirce dies schon 1890 mit guten Gründen namhaft gemacht hatte. Man verdrängt leicht solche Kritiken, sofern man von der eigenen Theorie sehr begeistert ist. Doch ist dies unkritisch. Die Darwinist/inn/en sind daher z. T. in eine gefährliche Falle gelaufen, die ebenfalls Peirce markiert hat:

„Bedenken Sie, welche Wirkungen, die denkbarerweise praktische Relevanz haben könnten, wir dem Gegenstand unserer Konzeption zuschreiben. Folglich besteht die Konzeption dieser Wirkungen aus dem Ganzen unserer Konzeption des Gegenstands!“

(Charles Peirce, How to make our ideas clear, 1878)

Bei Darwin selbst werden zumindest in der Tendenz Folgen angedeutet, die in sozialdarwinistischen Positionen zur Ermordung anderer Menschen im Namen der Optimierung der Rasse geführt haben. Und hierzu hätte sich Darwin die Frage stellen müssen, ob dies gerechtfertigt ist. Aus der Sicht der Menschenrechte eben nicht. Gerade wenn man mit Peirce die Naivität ablegt, dass Theorien bloß die Wirklichkeit beschreiben und diese keineswegs verändern, trifft dies zu. Bauers Theorie ist dagegen menschenfreundlicher. Ob sie wahr ist, wird sich aber erst nach langer Überprüfung und Modifikation zeigen. Die evolutionsgeschichtlichen Annahmen sind zwar nicht völlig unplausibel, aber nicht sonderlich gut belegt. Hier warten wir also gespannt.

Ab 23.11. beginnt der Kurs wieder um 19.30 Uhr.

14. November 2009

Der Beitrag von Bauer 2008 zu einer nachdarwinistischen Biologie

Joachim Bauer ist Psychosomatiker in Freiburg. Er hat aber in der Molekularbiologie und der Neurobiologie geforscht – und entwickelt nun allmählich eine eigene Theorie, Joachim Bauerdie u. a. auf Forschungen von James Shapiro in den USA beruht. Ausgangspunkt sind die im Kurs besprochenen Arbeiten von Barbara McClintock. Bauer hat es sich zur Aufgabe gesetzt, die grundlegenden Unterstellungen Darwins infrage zu stellen.

„Der Kern der klassischen, aber auch der modernen, ‚New Synthesis‘ genannten darwinistischen Position bildet … die Annahme, neue Spezies entstünden, indem Genome einer kontinuierlichen, langsamen und graduellen Veränderung durch Mutationen ausgesetzt seien, die nach dem Zufallsprinzip auftreten. Mutationen sind Veränderungen im ‚Text‘ der Erbsubstanz DNA, die sich daraus ergeben, dass ein Einzelbaustein der DNA durch einen anderen ersetzt wurde. (weiterlesen…)

11. November 2009

Präsentation für den Abend in La casa verde

Die Präsentation kann unter “Bildungs-Materialien” geladen werden, auch direkt  hier!

Erinnerung an den 09.11. – Vhs Neckargemünd

Wie sich an den Texten von Maturana und Dawkins zeigen lässt, spielt in der biologischen Theorie die Konkurrenz eine große Rolle. Wir kennen jetzt den historischen Hintergrund: Darwin und Wallace übernahmen bestimmte Überzeugungen von Malthus und dehnten sie auf die Entwicklung der Arten aus. Die kapitalistische Konkurrenz, in der es angeblich Verlierer und Sieger geben muss, wurde aufgrund der falschen Bevölkerungstheorie von Malthus zum Leitmodell der Evolutionsbiologie. Umgekehrt entwickelten nach dem Scheitern der klassischen Modelle im 20. Jahrhundert Ökonomen wie Friedrich von Hayek wieder biologische Gedanken. Dieser Zusammenhang liegt bei Richard Dawkins offen sichtbar auf der Textoberfläche. Dawkins gehört etwa mit Irenäus Eibl-Eibesfeldt, Jared Diamond und Desmond Morris zu denjenigen sogenannten Soziobiologen, welche die menschliche Gesellschaft als Form der Kommunikation und des Verhaltens von Tieren betrachten. Dies wird beispielsweise von Soziolog/inn/en schon seit Längerem als abwegig betrachtet.

Schon bei Darwin aber zeigt sich, dass der entsprechende Gedanke eine lange Vorgeschichte hat. Demgegenüber hatte Herbert Spencer Gesellschaften als „über-organisch“ bezeichnet, was hinreichend Gelegenheit gab, die kulturelle Evolution zu würdigen, während es bei Darwin in einigen Äußerungen offenbar um die Optimierung der Rasse geht, wobei die Schwächeren, Ärmeren usf. untergehen müssen.

Es konnte daher schwerlich ausbleiben, dass der Dissens zwischen den biologischen Grundauffassungen und den kulturellen Höchstformen sichtbar wurde, wie sie etwa in der UNO-Menschenrechtserklärung von 1948 niedergelegt sind. Dies drängt – angestoßen in den USA etwa durch den Pragmatismus von John Dewey – zu einer Grundlagenklärung der Biologie, insbesondere auch der Evolutionsbiologie. Umgekehrt könnte dies aber auch – das ist beispielsweise bei Dawkins und in einigen Beiträgen der Gehirnforscher/innen zu sehen – auch zu einer Revision der Auffassungen in der UNO-Menschenrechtserklärung führen, was man politisch und ökonomisch schon länger beobachten kann. Möglicherweise ist auch McClintock von diesen Fragen bewegt gewesen, als sie ihre Experimente machte.

Es ergab sich eine Diskussion darüber, ob es wissenschaftliche Methoden gebe, die eine umfassende Betrachtungsweise erlaubten. Die Antwort lautet: Ja! In den Sozialwissenschaften gibt es qualitative Forschung, die Hermeneutik wurde genannt, ebenso die Quantenphysik. Das einzelne Experiment ist niemals voraussetzungslos, es steht im Kontext der gesamten Wissenschaft, es wird von anderen bewertet – Wissenschaft ist ein sozialer Prozess. Daher lässt sich eine einzelne wissenschaftliche Leistung nur im Kontext aller anderen, durch die sie z. T. auch infrage gestellt wird, verstehen. Dass Wissenschaft im positiven Sinn ein sozialer Prozess ist, geht darauf zurück, dass jedenfalls nicht immer vergessen wird, dass einzelne Sachverhalte immer in Beziehungen stehen, durch die sie konstituiert sind.

Der Bitte von vier Teilnehmer/innen, die besprochenen Texte schon vor dem Kurs genau zu nennen, komme ich selbstverständlich nach. Der Kurs wird freilich so konzipiert, dass die Texte nicht erst gelesen sein müssen, um teilnehmen zu können.

Erinnerung an den 09.11. – Vhs Neckargemünd

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