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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegt die Weisheit verborgen …


7. November 2009

Der Freiherr von und zu Guttenberg versucht etwas Konkretes zu sagen

Es hat lange gedauert, bis der organisierte regierungsbezogene Teil etwas Konkretes zu dem Völkerrechtsbruch in Afghanistan gesagt hat, den wir hier schon besprochen haben. Nun versucht sich der Freiherr zu Guttenberg in dieser hohen Kunst, etwas Konkretes zu sagen. So seien schlicht einige Verfahrensregeln nicht so sonderlich klar gewesen, insgesamt aber habe Oberst Klein militärisch richtig gehandelt. Ob das völker- und zivilrechtlich angemessen war, will von Guttenberg interessanterweise nicht beurteilen.

Ist dies – ich hatte auch den Eindruck bei Antworten auf meine Anfragen an die Bundeskanzlerin und den damaligen Außenminister Steinmeier – für die Bundesregierung nicht wichtig?

Zu Guttenberg unterstellt, dass es zivile Opfer gegeben habe, welche er im Herzen bedauere. Aber dann rechtfertigt er einen Völkerrechtsbruch, der möglicherweise strafrechtliche Konsequenzen hat.

Von Guttenberg versucht sich ebenfalls dem Charakter des Einsatzes in Afghanistan zu nähern. Hier kann man ihm helfen. Es ist ein UNO-Einsatz nach der UNO-Charta. Dies ist spätestens in der Großen Koalition, vielleicht schon unter Rotgrün untergegangen. Es wurde darüber fabuliert, dass Deutschland am Hindukusch verteidigt werden müsse. Das ist nicht richtig, es geht um den Wiederaufbau eines “failed state“, also eines Staates, in dem die staatliche Ordnung zusammengebrochen ist. Dabei geht es auch nicht darum,  eine “westliche” Demokratie einzuführen, sondern die Maßstäbe zu beachten, die in der UNO-Menschenrechtscharta vorgesehen sind. Das scheint nur teilweise gelungen zu sein, um es sehr vorsichtig auszudrücken. Aus meiner Sicht ist der Einsatz daher gescheitert, nicht zuletzt dadurch, dass Bombardements der Art von Oberst Klein zum guten Ton der NATO-Truppen gehört haben, welche im Auftrag der UNO den vom Sicherheitsrat beschlossenen Einsatz durchführen. Hier ist die UNO in der Folge gefragt, sehr konkrete Regeln auszuarbeiten, wie ähnliche Fälle angegangen werden sollen. Deutschland sollte Truppen nur dann zur Verfügung stellen, sofern dies geschieht.

Im Moment spricht daher alles für “eine geordnete Insolvenz“, um eine rechtlich nicht existente Form zu nennen, die zu Guttenberg im Kontext von Opel angesprochen hat. Zu Guttenberg sollte daher “eine geordnete Insolvenz” des deutschen Beitrags zu einem gescheiterten UNO-Einsatz verkünden, das wäre einmal etwas Konkretes.

Update um 13.18 Uhr, in der “Frankfurter Rundschau” findet sich ein weiterer apologetischer Text von Harald Kujat, auch hier die Befürchtung, dass jemand die Verbrechensfrage in Deutschland zu klären versucht. Aber diese Straftatsfrage ist völkerrechtlich ausschlaggebend. Nimmt die Bundeswehr an UNO-Einsätzen teil, muss sie sich ans Völkerrecht halten. Hält sie sich nicht daran, wie bei Oberst Klein möglicherweise geschehen, zählt Art. 11 des Völkerrechtsstrafgesetzbuches zu den einschlägigen Artikeln

5. November 2009

„Egoistische Gene“? – Überlegungen zur Herkunft einer „wissenschaftlichen“ Behauptung

Die Texte von Maturana und Dawkins in der ersten Sitzung zeigten, dass Biologen nicht unbedingt „positivistisch“ nur dasjenige beschreiben, was sich experimentell und durch Beobachtung wiederkehrend bestätigen lässt. Stattdessen legen sie zumindest gelegentlich „metaphysische“ Entwürfe vor, nach denen „alles“ Liebe oder alles „egoistisch“ gesteuert sei (vgl. Abbildung 2), wobei Bilder und Modelle eine beachtliche Rolle spielen. In der jüngeren Debatte um Bauer 2008 werden im Blick auf Darwin (auch Wallace) Fragen nach der Theoriekonstruktion aufgenommen. Der Rekurs beider auf Thomas Malthus’ Bevölkerungstheorie wird entsprechend kritisch kommentiert.

Im Blick auf Richard Dawkins hat der entsprechende Wikipedia-Artikel, der eher zustimmend Dawkins’ Position referiert, folgende etwas rätselhafte Bemerkung eingefügt:

„Besonders allele Gene stehen in direkter Konkurrenz. Also solche [Gene], die an der gleichen Stelle im Genom sitzen können und die gleiche Aufgabe erfüllen, sich aber darin voneinander unterscheiden können, wie sie diese Aufgabe erfüllen. Gene müssen deshalb immer ‚egoistisch‘ sein, das heißt in diesem Zusammenhang ihre Verbreitung auf Kosten von anderen Genen vergrößern (wobei der ‚Egoismus‘ der Gene sich freilich nur als anschauliches Bild versteht – Gene haben weder Gefühle noch Absichten). Es lässt sich nur auf die Vergangenheit schauend erklären: Ist ein Allel heute noch vorhanden, folgt daraus, dass es sich egoistisch (hier im Sinne von darwinistisch evolutionär) gegen andere durchgesetzt hat. Andere Allele, mögen sie noch so funktionell für ihre Träger gewesen sein, sind unterlegen und verschwunden – entweder aufgrund ihrer eigenen evolutionären Unterlegenheit oder jener der sie begleitenden Allele.“

Was ist ein „nur“ „anschauliches Bild“? Hat der/haben die Autor/inn/en überlesen, was Dawkins zu den „Chicagoer Gangstern“ schreibt? Die eigentliche Frage aber lautet, wieso Dawkins ein solches Bild überhaupt äußert bzw. wählt? War es „nur“, um Aufmerksamkeit für sich im Sinne populärwissenschaftlicher „science fiction“ (so noch in der ersten Auflage des Buches „The Selfish Gene“, autorisierte Übersetzung: „Das egoistische Gen“, 1976/1978ff) zu erzeugen? Also ein Thilo Sarrazin oder ein Heinz Buschkowsky der Biologie?

Dawkins zufolge sind Pflanzen, Tiere bis hin zum Menschen als „Überlebensmaschinen“ zu verstehen (grundlegend das Kapitel vier in Dawkins 2008 [102ff]).

„Die Überlebensmaschinen begannen als passive Gefäße für die Gene, wobei sie diese mit kaum mehr versorgten als mit Wänden zum Schutz vor der chemischen Kriegsführung ihrer Rivalen und vor den Gefahren zufälligen Molekülbeschusses. Zu Beginn ‚ernährten‘ sie sich von organischen Molekülen, die in der Suppe unbegrenzt vorhanden waren. Dieses leichte Leben nahm ein Ende, als die organische Nahrung in der Suppe, die unter dem energetischen Einfluss jahrhundertelanger Sonneneinstrahlung allmählich entstanden war, gänzlich aufgebraucht war. Eine Hauptgruppe der Überlebensmaschinen, heute als Pflanzen bezeichnet, begann die Energie des Sonnenlichtes unmittelbar dazu zu verwenden, in eigener Regie aus einfachen Molekülen komplexe Verbindungen aufzubauen. Damit vollzog diese Gruppe die Synthesevorgänge, die im Urmeer abgelaufen waren, mit sehr viel größerer Geschwindigkeit nach. Ein anderer Zweig, heute unter dem Namen Tiere bekannt, ‚entdeckte‘, wie er die chemische Arbeit der Pflanzen für sich nutzen konnte, indem er entweder die Pflanzen selbst oder andere Tiere verzehrte. Beide großen Gruppen von Überlebensmaschinen entwickelten immer kunstvollere Tricks, um in ihren verschiedenen Lebensweisen eine größere Effizienz zu erzielen, und ständig wurden neue Lebensweisen erschlossen. Es bildeten sich Unterzweige heraus, von denen sich jeder in einer eigenen, spezialisierten Form der Lebensführung auszeichnete: im Meer, auf dem Erdboden, in der Luft, unter der Erde, auf Bäumen und in anderen Körpern. Diese Verzweigung war der Ursprung der ungeheuren Vielfalt von Pflanzen und Tieren, die uns heute beeindruckt.

Sowohl Tiere als auch Pflanzen entwickelten sich zu vielzelligen Lebewesen, wobei jede Zelle vollständige Kopien aller Gene zugeteilt bekam. Wir wissen nicht, wann, warum und wie viele Male unabhängig voneinander dies geschehen ist. Einige Leute benutzen das Bild einer Kolonie und beschreiben einen Körper als eine Zellkolonie. Ich persönlich ziehe es vor, mir den Körper als eine Kolonie von Genen vorzustellen und die Zelle als eine zweckmäßige Arbeitseinheit für die chemische Industrie der Gene.“ (2008, 102f)

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4. November 2009

Geld und Magie – Einige Erwägungen Hans Christoph Binswangers

Am Freitagabend, dem 13. November 2009 findet in La casa verde, Kirchheim, ein geselliger Abend zum Thema „Geld und Magie“ statt. Die entsprechenden Gedanken Hans Christoph Binswangers werden im Licht der „Finanzkrise“, die ja immer noch nicht beendet ist, wie die jüngsten Ereignisse um CIT zeigen, beleuchtet.

Binswanger war in den 1970er Jahren einer der ersten Ökonomen, der das ökologische Problem auch ökonomisch ernst nahm. In der Folge rückte neben dem bei marxistischen und liberalen Ökonom/inn/en vernachlässigten Sachverhalt immer stärker die Frage des Geldes in den Vordergrund. 1985 schrieb er eine ökonomische Interpretation des „Faust“, insbesondere von „Faust II“, wo er nachzuweisen versuchte, dass Goethe die Genese der modernen Wirtschaft als Fall der Alchemie betrachtet habe. Jedenfalls unterstellt Binswangers Interpretation der Geldschöpfungspraxis seit der Aufgabe der Sicherung der Währung mittels Goldes als derartigen Prozess, aus dem sich auch recht zwanglos die “Dotcom-Blase” jener technologiebestimmten Internetfirmen zu Beginn des Jahrtausends und selbstverständlich auch die jüngste „Finanzkrise“ einigermaßen zwanglos erklären lassen.

Binswanger stellt z. T. originelle Reformvorschläge vor, die das Wirtschaftswachstum auf 1,8 % begrenzen sollen, dazu eine Geldreform, welche die ständige Neugenerierung von Sichtguthaben auf die Zentralbank beschränkt. Wachstum ließe sich systemisch nicht vermeiden, weil sonst ein positiver Saldo der Unternehmensgewinne, aber auch Zinsen nicht sein könnten. Daher müsse ein ständiger Geldzufluss bestehen. Dieser könne aber u. a. auch den Privathaushalten als Form eines Zusatzeinkommens zukommen, das eventuell als Regionalgeld strukturiert sei.

3. November 2009

Erinnerung an den 02.11. – Vhs Neckargemünd

Die Sitzung hatte zwei Schwerpunkte, eine nochmalige Betrachtung des Systemgedankens im Kontext der autopoietischen Systemtheorie, dann die Position Barbara McClintocks.

Lässt sich die autopoietische Systemtheorie ganz eindeutig mechanistischen Systemtheorien gegenüberstellen? Letzteres habe ich auch in meiner Habilitationsschrift bestritten, mit Rekurs auf einschlägige Äußerungen Maturanas. Allerdings hat Maturanas Theorie – wie der einleitende Text zum Kurs deutlich macht – eine andere Tendenz, wie aus dem Freiheitsbegriff, den er verwendet, deutlich wird. Maturana ist vor dem romantischen Hintergrund seiner Theorie in der Tat dabei, den mechanistischen Zug in der Biologie zu überwinden, wie dies auch bei Jakob v. Uexküll, einem seiner Gewährsleute, der Fall war.

Wie die Evolutionstheorien insgesamt belegen, sind Strukturen als regelmäßiges Muster von Elementen und Relationen niemals ganz stabil, sondern mindestens einer allmählichen Veränderung unterworfen. Ansonsten würde die Evolution irgendwann geendet haben, was manche ja im Blick auf den Menschen unterstellen.

Der Ausdruck „autopoietisch“ gibt zu allerlei Missdeutungen Anlass. Gemeint ist damit nur, dass ein System nur aus den eigenen Elementen und Relationen besteht sowie diese ständig reproduziert. Dadurch wird es keineswegs unabhängig von seiner Umwelt, sondern ist „nur“ kein homogener Teil der Umwelt. Dies besagt, es ist scharf von ihr unterschieden. Wie das Beispiel Eisen im Hämoglobin zeigen sollte, verwenden Organismen Eisen teilweise anders, als es in ihrer Umwelt vorkommt, sodass die chemischen Eigenschaften gegenüber mineralischen Eisen nicht vollkommen deckungsgleich sind. Das mit der Nahrung aufgenommen Eisen wird nach dieser Auffassung dem Organismus anverwandelt.

Barbara McClintock hat mit ihren Experimenten an Maispflanzen eine andere Betrachtungsweise in die Biologie gebracht. Dem Genom muss ihr zufolge eine Kreativität zugeschrieben werden, sich umzubauen. Dies hängt von der Wahrnehmungsfähigkeit von „Schocks“ seitens des Organismus und der Zellen ab.

  • Veränderung: springende Gene, kreativ
  • Dauer: kurz (rapid)
  • Stabilität: in der Tendenz wohl kooperativ (das wird in der übernächsten Sitzung besprochen.)

Zwei Meinungen gab es zu der Frage, ob veränderte Gene von Körperzellen (etwa Nervenzellen) auch in die Keimbahn eingeschrieben werden. Ob es dazu zuverlässige Studien zu gibt, konnte ich noch nicht erfassen, ich bemühe mich innerhalb der nächsten 14 Tage darum.

Erinnerung an den 02.11. – Vhs Neckargemünd

Die Sitzung hatte zwei Schwerpunkte, eine nochmalige Betrachtung des Systemgedankens im Kontext der Autopoietischen Systemtheorie, dann die Position Barbara McClintocks.

Lässt sich die autopoietische Systemtheorie ganz eindeutig mechanistischen Systemtheorien gegenüberstellen? Letzteres habe ich auch in meiner Habilitationsschrift bestritten, mit Rekurs auf einschlägige Äußerungen Maturanas. Allerdings hat Maturanas Theorie – wie der einleitende Text zum Kurs deutlich macht – eine andere Tendenz, wie aus dem Freiheitsbegriff, den er verwendet, deutlich wird. Maturana ist vor dem romantischen Hintergrund seiner Theorie in der Tat dabei, den mechanistischen Zug in der Biologie zu überwinden, wie dies auch bei Jakob v. Uexküll, einem seiner Gewährsleute, der Fall war.

Wie die Evolutionstheorien insgesamt belegen, sind Strukturen als regelmäßiges Muster von Elementen und Relationen niemals ganz stabil, sondern mindestens einer allmählichen Veränderung unterworfen. Ansonsten würde die Evolution irgendwann geendet haben, was manche ja im Blick auf den Menschen unterstellen.

Der Ausdruck „autopoietisch“ gibt zu allerlei Missdeutungen Anlass. Gemeint ist damit nur, dass ein System nur aus den eigenen Elementen und Relationen besteht sowie diese ständig reproduziert. Dadurch wird es keineswegs unabhängig von seiner Umwelt, sondern ist „nur“ kein homogener Teil der Umwelt. Dies besagt, es ist scharf von ihr unterschieden. Wie das Beispiel Eisen im Hämoglobin zeigen sollte, verwenden Organismen Eisen teilweise anders, als es in ihrer Umwelt vorkommt, sodass die chemischen Eigenschaften gegenüber mineralischen Eisen nicht vollkommen deckungsgleich sind. Das mit der Nahrung aufgenommen Eisen wird nach dieser Auffassung dem Organismus anverwandelt.

Barbara McClintock hat mit ihren Experimenten an Maispflanzen eine andere Betrachtungsweise in die Biologie gebracht. Dem Genom muss ihr zufolge eine Kreativität zugeschrieben werden, sich umzubauen. Dies hängt von der Wahrnehmungsfähigkeit von „Schocks“ seitens des Organismus und der Zellen ab.

· Veränderung: springende Gene, kreativ

· Dauer: kurz (rapid)

· Stabilität: in der Tendenz wohl kooperativ (das wird in der übernächsten Sitzung besprochen.)

Zwei Meinungen gab es zu der Frage, ob veränderte Gene von Körperzellen (etwa Nervenzellen) auch in die Keimbahn eingeschrieben werden. Ob es hier zuverlässige Studien zu gibt, konnte ich noch nicht erfassen, ich bemühe mich innerhalb der nächsten 14 Tage darum.