Die EKD-Ratsvorsitzende Dr. Margot Käßmann hat einen kleinen Skandal ausgelöst, Politiker/innen von CDSU, SPD und Grünen fühlten sich hochirritiert, darf eine Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche sich gegen einen UNO-Einsatz, gegen die Mehrheit des Bundestags usf. stellen? Verschwiegen blieb, dass die Mehrheit der Bevölkerung nicht unähnlich denkt oder empfindet wie Margot Käßmann, allenfalls wurde wie bei Ralf Fücks konzediert, sie passe sich einem populistischen Trend an. Friedrich Schorlemmer hat im “Freitag” mit Recht wenigstens ein Minimum an Wahrheit festgehalten.
Anders als ihr Vorgänger ist Frau Käßmann eher religiös und existenziell unmittelbar ausgelegt. Allerdings kennt sie die Beschlusslagen wichtiger Gremien in der EKD, so auch die letzte Friedensdenkschrift. Leider hat dieser Text wenig öffentliche Resonanz gefunden, mithin sind die Erklärungen von Fücks, Schäuble und Klose wohl wenig überraschend. Die EKD-Kulturbeauftragte Petra Bahr hat im DLF hierzu klar gesagt, Bildung sei eine der Hauptaufgaben, die gerade im Kontext der Auseinandersetzung mit dem Islam ausschlaggebend sei.
D. h., die öffentlich Diskutierenden müssen sich erst einmal mit dem Text von Margot Käßmann und dem Scheitern des UNO-Einsatzes in Afghanistan auseinandersetzen, für die gewöhnliche Bürgerin dürfte dieses nicht zuletzt darin sichtbar geworden sein, dass es in Afghanistan eher keine demokratisch legitimierte Regierung gibt, von der völlig ungelösten Frage des Drogenanbaus ganz zu schweigen. “Nichts ist gut in Afghanistan” ist sicher eine rhetorisch übertreibende Verwendung des Allquantors, aber so viel Bildung, etwas als rhetorische Übertreibung zu erkennen, darf von den Kritikern erwartet werden.
Käßmanns Neujahrspredigt macht sicher klarer, dass der liberale Protestantismus, der sich insbesondere seit Friedrich Schleiermacher entfaltet hat, in Deutschland im Moment führend ist. Über Schleiermacher hinaus wird das jetzt auch friedensethisch unmissverständlich deutlicher. Gott sei Dank!