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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegt die Weisheit verborgen …


29. April 2010

Erinnerung an den 26.04 (Vhs Neckargemünd)

Thema war eigentlich die Wirtschaftstheorie von John Maynard Keynes, aber das Interesse der Teilnehmer/innen richtete sich stärker auf den Freiheitsbegriff und die Behauptung des Dozenten, aber auch sehr vieler anderer, dass weder beim alten Liberalismus von Smith noch beim neuen, biologisch-sozialdarwinistisch ausgelegten Liberalismus von Hayeks ein anspruchsvoller Freiheitsbegriff vorliege.

Der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder hat in seinem ersten Regierungsjahr in einem seltenen Anflug von überzeugend vorgetragener Erinnerung an Willy Brandt eine Attacke gegen CDSU/FDP geritten, die sinngemäß lautete: „Sie reden von Freiheit – aber Sie kennen nur die Gewerbefreiheit!“ Diesen politischen Dissens zu durchschauen, also zu erkennen, dass die neoliberale Position vor allem die Gewerbefreiheit unter bestimmten als angemessen betrachteten Ergebnissen der biotischen und sozialen Evolution ansieht, scheint mir besser zu sein.

(1)  Es gibt weder in den Wissenschaften noch in der Politik einen einheitlichen Freiheitsbegriff. Folglich kann man einen solchen auch nicht in einem Kurs voraussetzen.

(2)  Es gibt aber das Freiheitsproblem. M. E. kommt man damit weiter, wenn man unterstellt, frei sei ein Mensch, wenn er unter identischen Umständen anders handeln kann. Oft sehen wir das erst im Rückblick, sodass man auch formulieren kann: “…, wenn er unter identischen Umständen anders hätte handeln können”. Dies ist der  elementare Freiheitsbegriff, der dem Grundgesetz, entsprechenden Verfassungsgerichtsurteilen und auch dem positiven Recht in der Bundesrepublik Deutschland zugrunde liegt.

(3)  Es gibt seit etwa 15 Jahren einen letztlich immer stärker werdenden Diskurs in einzelnen Wissenschaftsbereichen, aber auch in der neoliberalen Rhetorik und von dieser dominierten Medien, diesen von mir genannten Freiheitsbegriff madig zu machen – oder als naiv zu unterstellen, vor allem Singer und Roth haben dies getan, im Sachverständigenrat für Wirtschaft der Bundesregierung befinden sich auch so manche Vertreter/innen dieser Position. Das ist, denke ich, die Sachlage.

(4)  Sollte der andere, eingeschränkte, nicht mit Kant u. a., auf Aristoteles, Nikomachische Ethik, erstes Buch, zurückgehende Freiheitsbegriff unhaltbar sein, gibt es auch keine „Ethik“, welche die reale Wahlmöglichkeit zwischen verschiedenen Alternativen voraussetzt. Z. B. hat diese Wahlmöglichkeit kaum, wenn man „von der Hand in den Mund“ zu leben gezwungen ist. Daher unter Neoliberalen die andauernde Rede von den Sachzwängen. Sie ist etwas leiser geworden, nachdem die neoliberale Anschauung eine Weltwirtschaftskrise ausgelöst hat.

Keynes kennt die von mir gerade vorgetragenen Argumente sehr genau, sie sind ja alles andere als neu. Daher entwirft er nach Kondratjew die erste ethiktaugliche Wirtschaftstheorie, die stark auf die Konsumentensouveränität setzt, daher das Freiheitsmoment ganz stark in Anschlag bringt. Sollten die wirtschaftlichen Verhältnisse sich ungünstig entwickeln, muss der Staat notfalls selbst investieren, um eine künstliche Nachfrage zu erzeugen.

Keynes hat eine moderne Theorie vorgelegt, die ohne irgendwelche Maschinentheorien auskommt, damit hat er aber auch die Zerbrechlichkeit des Wirtschaftssystems offen gelegt. Keynes zufolge hängt der Wirtschaftsverlauf nicht vom natural course of things, der maschinengestützt ist, ab, sondern vom Vertrauen der Unternehmungen, in der Zukunft stabile Gewinne erzielen zu können. Die Schlussform des Vertrauens auf die Zukunft ist die Hypothese, die Abduktion.

23. April 2010

Erinnerung an den 19.04. (VHs Neckargemünd)

Das Peircezitat und die Interpretation seitens Helmut Pape und mir wurde erneut debattiert. Zunächst noch einmal verständnismäßig, dann aber auch, um die eigentliche praktische Skandalösität dieser Auffassung zu markieren.

(1) Es wurde anerkannt, dass es um Irreversibilität von durch Handlung erzeugten Prozessen geht, welche die Freiheit ihrer Änderung aus gesellschaftlichen oder natürlichen Gründen verunmöglichen. Beides ist bei der seit 1903 vorausgesagten Klimakatastrophe und der sogenannten “friedlichen” Nutzung der Kernkraft der Fall. Letzteres kann heute schon in einem starken Sinn gewusst werden, wie die Konferenz über das Scheitern der Nicht-Weiterverbreitungsverpflichtung schlicht zeigt.

(2) Erneut wurde erörtert, ob das Peircesche Modell nicht zu praxisfern sei, mithin, ob es überhaupt anwendbar sei. Klar ist es anwendbar, es liegt in modifizierter Form z. B. dem St. Galler-Modell zugrunde. Zudem liegen die Folgen dieser Haltung klar auf dem Tisch: Die Klimakatastrophe wird eintreten, über das schon eingetretene Maß hinaus, bei dem viele Menschen in der Sahelzone gestorben sind, Inseln vor dem Untergang stehen und sehr viele natürliche Arten ausgestorben sind. Im Klartext: Wer für die Entwicklung des Kapitalismus oder des Sozialismus ohne eine grundlegende Änderung der Umweltbeziehung eingetreten ist, hat diese Entwicklung – natürlich in abgestuften Graden – mitzuverantworten. Ich denke auch, dass die Beharrlichkeit an diesem Punkt möglicherweise jene Gedanken an die eigene nicht wahrgenommene Verantwortung stärker oder weniger stark entlasten soll. Das ist nicht leicht, aber besser wird nichts, solange man sich nicht die eigene Mitverantwortung zugesteht.

Bei Kondratjew ging es eigentlich in der Diskussion überwiegend darum, ob das eigentlich etwas Neues sei, hat es Marx nicht auch schon alles gesagt, ist doch klar! Sind die Wellen nicht auf einen Nullpunkt konzentriert, sodass es sich um ein Schwanken, wenn auch mit unregelmäßigem Gleichgewicht handelt!

Aus meiner Sicht sind beide Fragen mit “Nein!” zu beantworten. Kondratjew hat eine neue Theorie vorgelegt, die durchaus ethisch relevant ist, weil sie Freiheit einschließt. Beides ist bei Marx in der Zeit vor dem “Reich der Freiheit” nicht der Fall. Die Darstellung von Händeler legt möglicherweise die Gleichgewichtsfehlinterpretation nahe. Aber es ist u. a. mit Brodbeck zu sagen, dass die liberale Gleichgewichtstheorie nicht mehr als eine Fiktion ist, selbst wenn man die “Dynamik” sehr hoch ansetzt. Bei einer wachsenden Zahl von Arbeitslosen usf. auf acht Millionen in Deutschland kann von einer Gleichgewichtssituation keine Rede sein. Eher verweist die Theorie Kondratjews sozial- und kulturwissenschaftlich darauf, warum das einigermaßen akzeptiert wird, nämlich auf das subsidär gestützte Grundgesetz, welches hier bislang nicht aufgeweichte Regeln gesetzt hat.

Nachfrage, Arbeitslosigkeit, Vollbeschäftigung und Zinsen (John Maynard Keynes)

John Maynard Keynes (1883-1946) ist zweifellos einer der originellsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts. Das Schlusskapitel seines Hauptwerks „Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“ (1935/6) hat visionäre Züge, welche die Krise des Kapitalismus langfristig zu überwinden versuchen. Dieser Text gehört aufgrund seiner humanen Positionen zu den interessantesten ökonomisch-philosophischen Texten des 20. Jahrhunderts. Keynes spricht hier explizit von „Sozialphilosophie“. Keynes war in der klassischen Theorie ausgebildet und wurde in Cambridge (England) auch Wirtschaftsprofessor. Zwei Punkte ließen ihn aber mit den klassischen Theorien unzufrieden sein. Zum einen schienen sie allesamt sittlich und kulturell auf unbefriedigende Zustände und Verhaltensweisen hinauszulaufen. Daher träumte Keynes davon, dass es eines Tages anders sein werde als es jetzt ist. Mit angelsächsischem höflichen understatement formulierte er seine nicht sehr positive Einschätzung der erfahrbaren Gegenwart so:

Ich selber glaube, dass bedeutsame Ungleichheiten von Einkommen und Reichtum gesellschaftlich und psychologisch gerechtfertigt sind, aber nicht so große Ungleichheiten wie heute. Es gibt wertvolle menschliche Betätigungen, die zu ihrer vollen Entfaltung den Beweggrund des Gelderwerbes und die Umgebung privaten Besitztums erfordern. Gefährliche menschliche Triebe können überdies durch Gelegenheiten für Gelderwerb und privaten Besitz in verhältnismäßige Kanäle abgeleitet werden, die, wenn sie nicht auf diese Art befriedigt werden können, einen Ausweg in Grausamkeit, in rücksichtsloser Verfolgung von persönlicher Macht und Autorität und anderen Formen der Selbsterhöhung finden könnten. Es ist besser, dass ein Mensch sein Bankguthaben tyrannisiert als seine Mitmenschen, und während das erstere gelegentlich als ein Mittel zum letzteren bezeichnet wird, ist es wenigstens gelegentlich eine andere Möglichkeit. Für die Anregung dieser Tätigkeiten und die Befriedigung dieser Triebe ist es aber nicht notwendig, dass das Spiel um so hohe Einsätze wie gegenwärtig gespielt wird. (315f)

Zum anderen glaubte er angesichts der Erfahrung der großen Wirtschaftskrise seit 1929, dass die klassische Theorie allenfalls Spezialfälle des Wirtschaftskreislaufes hatte beschreiben können, aber im zentralen Punkt fehlgeleitet gewesen war. Mit dem Kurssturz an der Wall Street vom Oktober 1929 waren die Volkswirtschaften weltweit in eine Depression gefallen. Nicht nur Reiche, auch die Mittelschicht hatte ihr Geld an den Börsen verloren, ihre Kaufkraft hatte sich in Nichts aufgelöst. Die Unternehmer blieben auf ihren Waren sitzen, massenhaft entließen die Fabriken ihre Arbeiter. Anfang der dreißiger Jahre waren in Deutschland über sechs Millionen, in den Vereinigten Staaten mehr als zwölf Millionen Menschen ohne Arbeit. Keynes war klar, dass die Krise mit den alten Modellen nicht zu erklären war. Denn die klassische Ökonomie glaubte, nur die „unsichtbare Hand“ des Marktes werde die Wirtschaft dauerhaft ins Gleichgewicht führen. Bei allen sonstigen Unterschieden unterstellten Adam Smith und David Ricardo, dass das Gesetz von Angebot und Nachfrage den Preis der Güter und der Arbeit regelt. Arbeitskräfte werden also nur dann entlassen, wenn ihr Lohn zu hoch ist. Akzeptieren sie niedrigere Löhne, stellen die Unternehmer wieder ein. So fand dem Modell der klassischen Ökonomie zufolge das Wirtschaftssystem nach einer Krise stets zum Gleichgewicht zurück: Wer arbeitslos war, der war es freiwillig – weil er ja einen niedrigeren Lohn hätte akzeptieren können. Die Weltwirtschaftskrise zu Beginn der dreißiger Jahre lehrte freilich etwas anderes. Millionen Menschen standen auf der Straße, obwohl die Löhne weiter sanken. „Das Paradox der Armut, mitten im Überfluss“ machte daher einen völlig neuen Erklärungsansatz notwendig. Die Klassiker hatten gelehrt, dass ein Unternehmer immer dann produziert, wenn die Kosten für Arbeit und Kapital niedrig genug sind. Der Absatz der so erzeugten Waren sei stets gewährleistet, denn jedes Gut findet zu jeder Zeit seinen Abnehmer.

Für Keynes griff diese Überlegung jedoch zu kurz. Ein Unternehmer produziert nur dann, wenn er glaubt, seine Güter in der Zukunft auch absetzen zu können. Damit war die klassische Wirtschaftslehre auf den Kopf gestellt: Nicht das Angebot, sondern die Nachfrage entscheidet über den wirtschaftlichen Erfolg. Sie liefert damit auch den Schlüssel zur Überwindung einer Krise. Keynes erhob also im Kern die Konsumentensouveränität in das Zentrum des Wirtschaftsgeschehens und betonte – nicht unähnlich wie Kondratjew – damit einen Punkt in Smith’ Theorie besonders stark. Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage – im einfachsten Modell von Keynes die Summe der Ausgaben für Konsum- und Investitionsgüter – hat ein wesentliches Kennzeichen: Sie ist instabil. Die Konsumausgaben hängen vom Einkommen ab: Je höher das Einkommen, desto mehr Geld wird ausgegeben. Keynes sah jedoch einen Punkt, an dem mit weiter wachsendem Einkommen die Neigung zum Konsum abnimmt, da „die Menschen geneigt sind, ihren Konsum mit steigendem Einkommen zu erhöhen, aber nicht um so viel, wie sich ihr Einkommen vermehrt“. Dieses Phänomen nannte Keynes das „psychologische Gesetz“. Ein Teil des zusätzlichen Einkommens wird gespart. Auch hierin unterschied er sich von der klassischen Theorie, die eben unterstellte, dass die Initiative des Unternehmers zunächst erst einmal Sparen voraussetzt. Für Keynes war aber der Konsum gesamtwirtschaftlich wichtiger als das Aufsparen für spätere mögliche Investitionen. Er sah im Sparen einen „Hang zur Liquidität“, der zumindest nachvollziehbar erschien.

Investitionen, der zweite Bestandteil in der Keynesschen Gesamtnachfrage, erhöhen die Möglichkeit der Unternehmen zu produzieren. Keynes unterstellte, dass die Investitionen von der „Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals“ abhängen. Das ist der Zinssatz, bei dem die erwarteten Erträge des Investitionsobjekts dessen Herstellungskosten entsprechen. Ist die Grenzleistungsfähigkeit des Kapitals höher als der marktübliche Zins, hat der Unternehmer einen Anreiz, einen Kredit für sein Investitionsvorhaben aufzunehmen. Im umgekehrten Fall wären die Kosten für den Kredit höher als der Gewinn, und die Investition bliebe aus. Innovativ an Keynes Interpretation war, dass Investitionsentscheidungen nicht nur von der Zinshöhe, sondern entscheidend von den Zukunftserwartungen des Unternehmers bestimmt werden.

Der für Investitionen bestimmende Marktzins resultiert nach Keynes aus der Liquiditätsneigung der Bevölkerung, also ihrer Nachfrage nach Bargeld. Sowohl das Einkommen als auch der Zinssatz entscheiden darüber, welchen Teil des Vermögens der Besitzer in Geld statt in Wertpapieren halten möchte. Sparen, so Keynes, kann nämlich aus ganz unterschiedlichen Motiven erfolgen. Man spart für Güterkäufe, für schlechte Zeiten oder um zu spekulieren. Sparen bedeutet demnach nicht automatisch, dass das Geld in Sparguthaben, Wertpapiere oder Investitionen gesteckt wird. Je höher beispielsweise die Aktienkurse an der Börse sind, desto eher erwarten die Leute wieder sinkende Kurse. Deshalb warten sie ab und halten so lange ihre Ersparnisse in Bargeld, bis die Kurse gefallen sind und der Einstieg ins Aktiengeschäft günstig ist.

Eine gelungene Abstimmung zwischen den Güter- und den Kapitalmärkten, so schloss Keynes, ist somit nicht die Regel, sondern die Ausnahme: die Gleichheit von Ersparnissen und Investitionen ein glücklicher, aber leider eher seltener Zufall. Diese heute kaum noch überraschende Spekulationsthese war damals neu. Die Klassiker unterstellten vielmehr, dass die Sparentscheidung der Menschen ausschließlich vom Zins abhängt und der Zinsmechanismus dafür sorgt, dass alles Ersparte den Unternehmen für den Kauf von Investitionsgütern ausgeliehen wird.

Ein solches Gleichgewicht konnte Keynes an den Märkten nicht erkennen. Er glaubte, solange die Unternehmer in der Zukunft höhere Absatzmöglichkeiten erwarten, weiten sie ihre Produktion aus. Immer mehr Investoren konkurrieren um das Kapital der Anleger, Zinsen und Produktionskosten steigen und fressen die Renditen. Die Kapitalgeber werden nervös: „Zweifel, einmal begonnen, breiten sich rasch aus.“ Die Panik, welche die Märkte befällt, verstärkt sich selbst. Der unrealistischen Einschätzung des Aufschwungs folgt die Hysterie der Krise. Die Investitionen sinken, die Beschäftigung fällt, die Kaufkraft schwindet – die Zukunftserwartungen werden immer trister … Eben dies ergab ein realistisches Bild der Krise von 1929.

Der Vertrauensverlust in einer Krise kann so groß werden, dass Unternehmen selbst dann nicht investieren, wenn die Zinsen auf null sinken. Die Volkswirtschaft steckt dann, wie es Keynes nennt, in der „Liquiditätsfalle“. In einer solchen Situation bleibt auch die expansive Geldpolitik einer Notenbank wirkungslos. Das zusätzliche Zentralbankgeld versickert in Spekulationskassen. In Erwartung günstigerer Investitionsmöglichkeiten sitzen Anleger auf ihrer Liquidität.

Um die Wirtschaft aus einer solchen Schieflage zu erlösen und wieder in Richtung Vollbeschäftigung in Bewegung zu setzen, muss die gesamtwirtschaftliche Nachfrage steigen. Und zwar so weit, dass mit zunehmender Produktion der Unternehmen alle Arbeitnehmer beschäftigt sind. Steigt nämlich die Nachfrage nach Investitionsgütern, führt das zu mehr Produktion, mehr Arbeit und mehr Einkommen. Dadurch steigen die Konsumausgaben. Höherer Konsum kurbelt die Nachfrage nach Gütern und Investitionen an, wodurch Produktion und Einkommen zusätzlich steigen. Kurz: Es kommt zu einer Art Kettenreaktion – aus einem äußerlichen Impuls, etwa einer zusätzlich angestoßenen Investition, entsteht ein Mehrfaches an Einkommen.

Daraus leitete Keynes seine wohl bekannteste These ab: Wenn Unternehmer nicht ausreichend investieren, muss der Staat als Investor auftreten, um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Um zusätzliche Nachfrage zu erzeugen, nimmt die öffentliche Hand Kredite auf und finanziert damit zusätzliche Investitionen, etwa Straßen, Kanalisation, Schulen, Flughäfen.

Die beachtliche Rezeption von Keynes’ Theorie zeigt sich darin, dass sich die britische Regierung noch während des Zweiten Weltkriegs zu einer Vollbeschäftigungspolitik verpflichtete, die Vereinigten Staaten 1946 ein Vollbeschäftigungsgesetz beschlossen – und auch das deutsche Stabilitäts- und Wachstumsgesetz von 1967 geht auf Keynes’ Ideen zurück. Grob gesagt, beeinflusste er die eher sozialdemokratischen Wirtschaftspolitiker, durchaus auch einige christdemokratische und konservative, in den Vereinigten Staaten besonders die Demokraten.

Gleichwohl ist diese staatsorientierte Rezeption nicht die einzig mögliche. Sie ist durch Keynes’ Texte durchaus gedeckt. Daneben aber gibt es eine bürgerlich-anarchistische Pointe in seinem Hauptwerk. Er widmete dort (298ff) einige Seiten dem Außenseiter Silvio Gesell. Hier ist auch für das Verständnis Keynes’ selbst interessant wie er Gesell charakterisiert:

Gesell war ein erfolgreicher deutscher Kaufmann in Buenos Aires, der durch die Krise der späten achtziger Jahre… zur Erforschung der geldlichen Probleme geführt wurde… Seine grundlegenden Anschauungen wurden [1891] … veröffentlicht und es folgten viele Bücher und Flugschriften, bis er sich 1906 als wohlhabender Mann in die Schweiz zurückzog, in der Lage, die letzten Jahrzehnte seines Lebens den köstlichsten Beschäftigungen zu widmen, die jenen, die ihren Unterhalt nicht zu verdienen brauchen, offen stehen, nämlich: Schriftstellerei und experimentelle Landwirtschaft. (299)

Keynes stimmt mit Gesell darin überein, dass es eben der „Zinsfuß“ sei, welcher der Wachstumsrate des Realkapitals Grenzen setzt. Mit Gesell ist er ebenfalls einig, dass

„der Zinsfuß eine rein geldliche Erscheinung ist und dass die Eigentümlichkeit des Geldes, von der die Bedeutung des Zinsfußes herrührt, in der Tatsache liegt, dass ihr Besitz als Mittel, Reichtum aufzuspeichern, dem Besitzer unbedeutende Durchhaltekosten [für die Aufbewahrung, Lagerung usf.] verursacht und dass die Formen von Reichtum, wie Vorräte von Waren, die Durchhaltekosten bedingen, tatsächlich wegen des vom Geld gesetzten Standards einen Ertrag abwerfen.

Keynes’ zufolge hatte Gesell theoretisch freilich übersehen, dass der „Zinsfuß“ überhaupt einen positiven Wert einnimmt, weil „es eine Vorliebe für Liquidität“ gibt – also durchaus im Interesse vieler Wirtschaftsteilnehmer liegt. Gleichwohl ist Gesells Grundidee richtig, die Zurückhaltung von Geld aus dem Wirtschaftskreislauf faktisch zu bestrafen, die Idee des „gestempelten“ Geldes, derzufolge man den Wert von Geldscheinen nur dann erhalten kann, wenn man sie einmal im Monat „abstempeln“ lässt und dafür eine Gebühr bezahlen muss. So würde Geld selbst auch „Durchhaltekosten“ wie Waren entwickeln und deshalb eher den Weg in den Wirtschaftskreislauf zurückfinden – was die Gesamtnachfrage erhöhen und Wachstumsimpulse setzen dürfte. Nach Keynes ist die konkrete Umsetzung der Idee Gesells freilich kaum möglich, weil Gesell eben übersah, dass Zinsen „Liquiditätsprämien“ darstellen und daher mutmaßlich unausrottbar sind. Wendete man Gesells Modell an, dann träten wahrscheinlich eine Reihe von „Ersatzmittel“ für die ersehnte Liquidität auf, etwa „Bankgeld, tägliche abrufbare Darlehn, ausländisches Geld, Juwelen und die Edelmetalle im Allgemeinen und so weiter“. Insofern plädierte Keynes aus Gründen der Realitätstüchtigkeit doch eher für zusätzliche staatliche Initiative, um die Gesamtnachfrage zu erhöhen. Nur beides zusammen, verbesserte Erwartungen in die Zukunft und niedrigere Zinsen können diese Gesamtnachfrage erhöhen und damit dem Ziel der Vollbeschäftigung nahe kommen. Man sieht daher auch an Keynes’ Theorie wie zerbrechlich das Wirtschaftssystem ist, von dem wir abhängen. Es kann ihm zufolge nur dann für breitere Schichten befriedigende Ergebnisse liefern, wenn man auf das setzt, was man nicht sicher wissen, sondern allenfalls abduktiv, hypothetisch vorausahnen kann: eine gute Zukunft, in der eigene wirtschaftliche Leistung erfreulich entgolten wird.

Mit Keynes hat man also eine Alternative zu Adam Smith. Keynes ist mit Smith einig, dass das Wirtschaftssystem gute Ergebnisse erbringen soll – und zwar zunehmend auch sittlich vertretbare gute Ergebnisse. Anders als Smith sieht er das aber nicht durch die heimliche Harmonie der „unsichtbaren Hand“ gewährleistet, die auf die unausweichliche gefühlsmäßige Anerkennung des Wirtschaftspartners setzt, die freilich durch das Begreifen des Systems als Maschine plausibilisiert wird. Keynes dreht die übliche Idee um: Erst eine starke Nachfrage macht eine Wirtschaft insgesamt stark. Also muss man möglichst niedrige Zinsen haben, zur Not staatliche Investitionen, welche die Nachfrage erhöhen, vor allem aber eine Basis in der Zukunft. Die Ökonomie ist also deutlich „moderner“ geworden, sie kann nicht auf Vorgegebenes setzen, auf keine sich hinter dem Rücken durchsetzende gute Richtung. Man ist auf die sich möglichst gut erfüllenden Zukunftserwartungen verwiesen. Keynes teilte daher die Analyse angelsächsischer Prozessphilosophen wie Charles Peirce und Alfred North Whitehead, dass sich im Verhalten der Menschen zu ihrer Zukunft eine relativ stabile Ordnung aufbaut – freilich auch eine Ordnung, die stets nur eine vorübergehende Stabilität aufweist und sich daher fortwährend erneuern muss. Dies kann leider oft unbefriedigend sein. Deshalb der Weg, die Nachfrage stark zu betonen und diese notfalls staatlich zu stärken. Es handelt sich hierbei um einen Vorschlag, die fundamentale Unsicherheit der kapitalistischen Ordnung zu begrenzen und in sozial verträgliche Bahnen zu lenken.

Keynes ist nicht nur explizit mit den Ergebnissen des Kapitalismus unzufrieden, weil diese nicht moralischen Standards oder den Hoffnungen einiger Religionen entsprechen. Tatsächlich ist sein eigener Theorieentwurf ethikgeleitet, er will eine Ordnung hervorrufen, die sittlichen Standards entspricht. Mit der ersten großen Weltwirtschaftskrise war jeder Glorienschein des Kapitalismus verschwunden. Dabei ignoriert auch Keynes das ökologische Problem, bietet aber für das soziale Problem eine Vermeidungsstrategie an. Es ist kein Wunder, dass ethisch reflektierte Menschen wie Helmut Schmidt Keynesianer wurden. Auch in der „Linken“ nimmt der Anteil an Links-Keynesianer/innen zu. Dort wird der moralisch-ethische Aspekt noch deutlich lauter ausgedrückt als bei Helmut Schmidt.

17. April 2010

Erinnerung an den 12.04.

Der Dozent betont noch einmal, dass Peirce’ 1878 geäußerte Auffassung, alle möglichen Folgen einer Konzeption müssten einbezogen werden, wenn man sie bilde, um diese zu verstehen und einzuschätzen, keineswegs nur die seine geblieben ist, sie gilt etwa auch für Jürgen Habermas und Hilary Putnam, im Wirtschaftsethikbereich unzweifelhaft für die St. Galler-Schule und entsprechende Managementkonzepte, die zumindest unterstellen, dass sie „ganzheitlich“ agieren wollten und dafür auch entsprechende Verfahren bzw. Methoden ausgebildet haben, vgl. Sie bitte die Grafik 1 des Kurses von Ruegg-Stürm, wo viele Fragen der Diskutierenden beantwortet werden. Mithin wird es nicht nur für möglich, sondern auch für wirtschaftlich als notwendig erachtet, die „Umwelt“ und damit auch künftige Generationen als Anspruchsgruppen (Stakeholder) zu bestimmen, um ethisch reflektiert wirtschaften zu können. Peirce’ Ansicht, dass irreversible Fehlentwicklungen vermieden werden müssten, ist heute sozusagen ethisches Allgemeingut, weil mögliche Entwicklungen in der Umwelt des Unternehmens stets berücksichtigt werden müssen. Es kommt dem Dozenten nur darauf an, dass von den Teilnehmer/inne/n erkannt wird, die Debatte bestehe seit 130 Jahren explizit, warum sie sich nicht durchgesetzt hat, kann dann kontrovers diskutiert werden. Fakt ist, sie ist heute weithin präsent.

In der Marxdebatte bestand wohl weithin Konsens, dass bei ihm Ethik im strengen Sinn erst im „Reich der Freiheit“ stattfinden kann, dabei nimmt Marx nicht zuletzt einen Gedanken von Aristoteles auf, dass zumindest ein minimaler Besitz bzw. ein bestimmtes Einkommen vorhanden sein muss, um frei zwischen möglichen Alternativen entscheiden zu können. In der Zeit bis zu diesem Zustand gilt das „Bewegungsgesetz der Geschichte“, welches „Freiheit“ für viele oder alle Menschen ausschließt.

Bitte versuchen Sie bis zum kommenden Montag, Ihre Ansichten zu den Theorien der (Neo-)liberalen, von Marx und Kondratiew in die Tabelle einzutragen.

Technologisch-wirtschaftliche Innovationen und die Grundidee von Nikolai Kondratjew

Im „Kommunistischen Manifest“ wird die Einheit von Kapitalismus und Technik hervorgehoben. Es ist klar, dass insbesondere die „Bourgeoisie“ die Einsichten von Physik und Chemie nutzt, um das Leben zu erleichtern und Gewinne zu erzielen. Weiter wird dadurch die Geschwindigkeit vieler gesellschaftlicher Prozesse erhöht. Soweit ich sehe, war aber Herbert Spencer der erste, der diesen Zusammenhang weiter präzisierte:

Denken Sie weiter an die noch markanteren Veränderungen, die sich beim Eisenbahnbau vollziehen – die Taleinschnitte, Dämme, Tunnel, Verlegungen von Straßen; den Bau von Brü­cken, Viadukten und Bahnhöfen; die Verlegung des Unterbaus, von Schwellen und Schienen; der Bau von Maschinen, Tendern, Personen- und Güterwagen. Diese Prozesse wirken auf zahlreiche Geschäftszweige, der Import von Holz, das Brechen von Stein, die Bearbeitung von Eisen, der Kohlebergbau, die Ziegelbrennerei wachsen an. Es entsteht eine Vielzahl von Fabriken, die wöchentlich in der Railway Times werben. Und es entstehen neue Klassen von Arbeitern: Fahrer, Heizer, Putzer, Schienenleger, Bahnwärter. Darüber hinaus gibt es noch zahlreichere und verwickeltere Veränderungen, welche die Eisenbahnen in Aktion auf die Gemeinschaft als solche ausüben. Die Organisation jedes Geschäfts wird modifiziert. Die Leichtigkeit der Kommunikation ermöglicht es etwas direkt zu vollziehen, was zuvor nur durch einen Bevollmächtigten möglich war. Es werden Agenturen aufgebaut, wo es sich früher nicht gelohnt hätte. Die Waren werden von entfernten Großhändlern statt von nahen Kleinhändlern bezogen. Und Gebrauchsgüter werden in Entfernungen verwendet, die früher als unzugänglich galten. Die Schnelligkeit und Wirtschaftlichkeit des Güterverkehrs befördert stärker die Tendenz zur Spezialisierung der verschiedenen Distrikte, die Herstellung aufgrund lokaler Vorteile auf das Produkt zu beschränken, die dort am besten geleistet werden kann. Die billige Verteilung gleicht die Preise an und senkt im Durchschnitt die Preise. Dadurch können verschiedene Waren von jenen gekauft werden, die zuvor dazu nicht in der Lage waren. Zur selben Zeit dehnt sich das Reisen ungeheuer aus. Menschen, die sich dies zuvor nicht leisten konnten, unternehmen jährlich Reisen zum Meer, besuchen ihre entfernt lebenden Verwandten, touren und ziehen daraus für Körper, Gefühle und Intellekt Vorteile. Die schnellere Übermittlung von Briefen und Zeitungen ruft weitere Veränderungen hervor. Der Puls der Nation geht schneller. Darüber hinaus entsteht eine größere Verbreitung von billiger Literatur durch Bahnhofsbuchläden und durch Werbung in Eisenbahnwagen. Beides verhilft zum im Hintergrund verlaufenden Fortschritt. Sodass jenseits der Vorstellungskraft die kurz dargelegten Veränderungen allesamt auf der Erfindung der Lokomotive beruhen. (Die ersten Prinzipien der Philosophie, 391f)

Es entstehen also mit der Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse industrielle Kerne, die produktiver produzieren als zuvor: schneller und preisgünstiger. Dies zieht aber weitere gesellschaftliche Kreise, sodass sich in den Zeiten einer großen technisch-wirtschaftlichen Innovation auch ganz andere wirtschaftliche und soziale Entwicklungen ergeben, etwa das Reisen und der Buchhandel im Beispiel von Spencer. Für Spencer ist die „Erfindung der Lokomotive“ mit ihren großen wirtschaftlichen und sozialen Weiterungen ein in der Evolution sich auch sonst findendes Beispiel dafür, dass in entwickelten Gesellschaften eine einzelne Ursache mit ihren Vorgängern dynamisch nur schwer überschaubare und sehr vielfältige Wirkungen auslöst. Im Fall der Lokomotive sind sie wirtschaftlich und ingesamt sozial positiv.

Es war dann der russische Ökonom Nikolai Kondratjew (1892-1938), der solche Ideen und Beobachtungen zu einer neuen Wirtschaftstheorie konsolidierte. Kondratjew entstammte einer armen russischen Bauernfamilie, sodass es ihm nicht leicht fiel, eine weiterführende Bildung zu erlangen. Doch dies gelang ihm unter Entbehrungen und 1915 schloss er in Petersburg ein Jurastudium ab, wobei er eher ein „Studium generale“ durchgeführt hatte, darunter Ökonomie und Philosophie. Er engagierte sich in der „Sozialrevolutionären Partei“, wurde zweimal verhaftet, gelangte aber nach der sogenannten „Februarrevolution“ 1917 seiner Herkunft entsprechend in Regierungs- und Rätepositionen, die mit der agrarischen Entwicklung Russlands und der Ernährung zusammenhingen. Mit der „Oktoberrevolution“ der Bolschweki war sein politisch-ökonomischer Einfluss nicht völlig verschwunden. Er arbeitete intensiv an Fragen der Agrarpolitik, insbesondere an kooperativer Marktgestaltung, zunehmend aber auch an Konjunkturtheorien der (kapitalistischen) Wirtschaft insgesamt. Er wurde 1920 Leiter des neu gegründeten Konjunkturinstitutes in Moskau. Dabei ging es stets zugleich um ein tieferes Verständnis der Wirtschaft insgesamt und um die Lösung praktischer Probleme. Da Kondratjew ein recht unabhängiger Geist war, neben der von ihm geteilten revolutionären Umgestaltung (etwa der Enteignung des Landes) aber vor allem dem Gedanken der Humanität verpflichtet war, zudem die bolschewistische Wirtschaftspolitik vor allem nach der Zwischenphase der „Neuen Ökonomischen Politik“ für völlig kontraproduktiv hielt, kam es zu schweren Konflikten. Er verlor 1928 seinen Posten und geriet in die anschließende Prozesswelle der frühen 1930er Jahre. Er wurde ein Opfer des GULAG und starb erblindet und nach einem Todesurteil total isoliert 1938. Entsprechend ist zumindest ein fertig gestelltes Buch bis heute verschollen. Die Sowjetunion hat ihn 1963 teilweise unter Chrustschow und ganz unter Gorbatschow 1987 rehabilitiert.

Wirtschaftstheoretisch begriff Kondratjew, dass man die moderne Wirtschaft nur dann verstehen kann, wenn man sie als dynamisches System begreift. Dafür lobt er u. a. Karl Marx und kritisierte die klassische Theorie, die bestenfalls dynamische Gleichgewichte statischer Größen wie Angebot und Nachfrage beschreiben konnte. Dabei markierte Kondratjew den produktiven Aspekt des Wirtschaftens. Er untersuchte die wirtschaftliche Entwicklung der Dampfmaschine und der Eisenbahn und entdeckte, dass ein technologisch-wirtschaftliches Muster, also ein industrieller Kern, andere Wirtschaftsentwicklungen nach sich zieht. Die besondere Sorgfalt dieses Denkers zeigt sich darin, dass er klar erkannte, die Entwicklung sei in den untersuchten Gesellschaften nicht gleich. Mithin ist die Resonanz, die Aufnahme, die Rezeption einer produktiven Ursache in verschiedenen Märkten, die natürlich unterschiedlich kulturell geprägt sind, keineswegs gleich. Auf recht komplizierten Umwegen kommt daher die kulturelle Prägung der Konsumenten in die Wirtschaftstheorie. Kondratjew war also sehr weit von irgendwelchen Konstruktionen des homo oeconomicus, des wirtschaftlich immer gleich rational handelnden und seinen Nutzen maximierenden Menschen, entfernt. Wer „Konjunkturen“ untersucht, darf schon von den Fakten her keine einlinigen Prozesse unterstellen. Es geht bei Konjunkturen stets um

die gewöhnliche Verbindung mit reversiblen Prozessen. (Works I, 17)

Mithin gibt es keine einfach aufsteigende Linie, einen irgendwie gesteuerten oder teleologisch, auf ein Ziel hin, verlaufenden reinen evolutionären Prozess. Immer bestimmen andere Ursachen, Prägungen, Interessen, Wünsche usf. den konjunkturellen Prozess mit. Deshalb schreibt Kondratjew dem „Ensemble der Umstände“ auf Märkten eine derart große Bedeutung zu. Für eine wirtschaftliche Initiative gibt es eben günstigere oder ungünstigere Umstände. Folglich verteidigt Kondratjew das Prinzip der Konsumentensouveränität und damit die wesentliche Rolle der Nachfrage, auch wenn er für die Produktivität wirtschaftlicher Entwicklungen den kosten- und zeitsparenden Faktor wirtschaftlich-technischer Innovationen betont (positiv rezipiert insbesondere von Schumpeters Theorie des kreativen Kapitalisten, der freilich bedauerlicherweise abnimmt). Doch ohne die Zukunftserwartung von Unternehmen und an Märkte angegliederter Gruppen im Sozialismus kann es keine langfristige Resonanz geben. Wir können zunächst festhalten, dass Kondratjew eine moderne Theorie der Wirtschaft entworfen hat, die mit den Unsicherheiten, Unberechenbarkeiten der Vielzahl von möglichen Initiativen sozialverträglich umzugehen versuchte.

Heute stellt man Kondratjews Theorie in didaktisch vereinfachter Weise häufig so dar:

Quelle: Händeler, Die Geschichte der Zukunft, 11)

Kondratjew sah den Hauptpunkt sozialverträglichen wirtschaftlichen Fortschritts darin, dass Produktivitätshemmnisse einer technologisch-wirtschaftlichen Innovation durch eine neue Innovation ausgeglichen werden konnten. So kann man die Produktivität der Dampfmaschine dann steigern, wenn die Transportkosten sinken und Spencers Eisenbahn entsteht. Die Rationalisierungsverluste werden von den gesamtwirtschaftlichen Gewinnen weit überwogen. Wenn eine Welle angesichts der Tatsache nachlässt, dass es sich hier um reversible Prozesse mit sehr vielen interagierenden wirtschaftlichen und kulturellen Faktoren handelt, dann kommt nach durchaus langer Zeit eine neue Welle. Das hat bis zur New Economy im Computer- und Informationsbereich einigermaßen funktioniert, verlangt aber nun vermutlich nach neuen Entwicklungen – und auch einem besonnenen Überdenken des Modells.

Kondratjew war anders als Karl Marx nicht davon überzeugt, dass der Kapitalismus mit Notwendigkeit untergehe – schloss es aber auch nicht aus. Ähnlich hat im 20. Jahrhundert vor allem Joseph Schumpeter in kritischem Anschluss an Marx und Kondratjew erwogen, es könne doch zumindest sein, dass der Kapitalismus trotz vieler sozialer Verbesserungen durch den Sozialismus ersetzt werde. Entscheidend ist für Schumpeter dabei die ja auch von Kondratjew festgestellte mutmaßlich unabänderliche Krisenanfälligkeit des Kapitalismus. In den Kondratjewabschwüngen kommt es ohne Frage zu großen Arbeitslosenzahlen. Dies erklärt auch unsere Situation einigermaßen. Schumpeter glaubte zwar, dass man hohe Arbeitslosenzahlen verkraften konnte, weil der Kapitalismus stark genug war, entsprechende soziale Systeme aufzubauen. Doch er war vor allem skeptisch darüber, ob die meisten Menschen dies hinnehmen würden. Zudem glaubte Schumpeter, dass die von ihm als „schöpferisch“ begriffenen Unternehmer des 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts durch größere Organisationen abgelöst würden, was sich im Großen und Ganzen auch bestätigt hat. Die „bürgerliche“ Grundlage des Kapitalismus, im Sinne des Besitzbürgertums, verschwindet, damit auch bestimmte Lebensformen, wie es Thomas Mann in den Buddenbrooks am Niedergang einer Lübecker Kaufmannsfamilie literarisch so eindrucksvoll beschrieben hat. Noch nüchterner als Marx begriff Schumpeter die Großorganisation als wichtigsten Aspekt beim möglichen Ende des Kapitalismus. So ist unter den Vorzeichen der Kondratjewtheorie keineswegs ausgemacht, ob eine sozialistische oder eine kapitalistische Zukunft die eindeutig bessere ist. Nur müsste wohl auch im Sozialismus ein entsprechendes Produktivitätspotenzial häufig erneuert werden.

Kondratjews Theorie ist wahrscheinlich recht plausibel. Sie hat – jenseits mathematisch-statistischer Scheingenauigkeiten – einen beachtlichen Teil des gesunden Menschenverstands für sich, wenn man sich nicht in Details verliert. Sie wirft aber auch tatsächlich grundlegende Fragen auf, die neben wirtschaftlicher Plausiblität alltagspraktisch-philosophisch relevant sind.

Zunächst ist an Kondratjews Theorie überaus sympathisch, dass er seine Theorie in gesamtgesellschaftliche Zusammenhänge einbetten will. Doch sind die Zusammenhänge mit dem Aufsteigen und Absinken der wirtschaftlichen Wellen, die er unterstellt (Works I, 41-45), zumindest erklärungsbedürftig und harren einer genaueren geschichtlichen Untersuchung.

Kondratjews Theorie (wohl über sein eigenes Verständnis hinaus) führt also in das ambivalente Strukturmuster der Moderne mit ihren Chancen und Verheerungen und wirft die Frage nach unserem Verhältnis zur Technik auf. Das gilt sowohl für kapitalistische als auch für sozialistische Produktionsformen.

Kondratjews Theorie ist darin stark, dass sie überhaupt den Zusammenhang des Wirtschaftsystems mit anderen kulturellen Gestaltungen thematisiert – und hier offenbar nach Parallelentwicklungen und nicht bloß einfachen Ableitungen sucht. Ungelöst ist dabei die Frage, wie die unterschiedlichen Teilsysteme der Gesellschaft (Religion, Wissenschaft, Kunst, Politik usf.) mit ihren ganz verschiedenen Kommunikationsmustern und -regeln sowie unterschiedlichen Prozessgeschwindigkeiten auf das Wirtschaftssystem zeittypisch reagieren. Das ist eine offene Aufgabe, der Mann/Frau sich auch im eigenen Alltag stellen sollte.

Die Markt- und Erwartungsabhängigkeit der sogenannten Kondratjewzyklen hat sich gerade in diesem Bereich gezeigt. Eine Reihe von Anhänger/inne/n der Theorie sahen in den unterschiedlichen Entwicklungsmöglichkeiten der Gentechnologie bzw. Biotechnologie den neuen Kern eines industriellen Kerns. Doch diese Erwartung hat sich nicht erfüllt, weil vor allem in Westeuropa seit der zweiten Hälfte der 1970er Jahre eine besonnenere Beurteilung technologischer Entwicklungen stattgefunden hat, die durch die Katastrophe von Tschernobyl empirisch bestätigt worden ist. Händeler, 283, sagt uns dazu, dass es sich um ein „Alkohol-Problem“ gehandelt habe, weil wichtige Leute damals betrunken waren. Doch die eigentliche Frage lautet: Können wir dies technologisch ausschließen, dass sich Menschen in solchen Positionen betrinken – bzw. wenn das nicht geht, wie müssen wir unsere Technik ausrichten, dass betrunkene Menschen irreversiblen Schaden anrichten? Natürlich kann man sozial viel tun, um das Risiko zu minimieren.

Neuere Vertreter der Kondratjewtheorie sehen z. T. sozialmoralisch inspiriert, die Entwicklungsmöglichkeiten nicht mehr so sehr in technologischen Innovationen, sondern in der Verbesserung der Kommunikation in Unternehmen und Organisationen. Viele plädieren auch für eine Expansion des Gesundheitssystems als positivem Wachstumsmarkt, der anderes nach sich ziehen kann.

Wer länger in einer Organisation gearbeitet hat, weiß in der Regel, welche Zeitverluste, auch finanzielle Verluste durch gravierende Kommunikationsprobleme innerhalb der Organisation entstehen. Die Stärke von Händelers Buch besteht darin, diesen sozial-kommunikativen Punkt stark zu machen. Ihm und anderen zufolge besteht der nächste große ökonomische Produktivitätsgewinn in der Verbesserung der sozialen Interaktion in Organisationen, insbesondere Unternehmen. Es ist auch ein sittlich relevanter Produktionsgewinn. Entscheidend ist an diesem Gedanken, dass sich dann das Prinzip des Kapitalismus, das Marx, Spencer und Kondratjew erfasst hatten, verändern würde: Der wirtschaftliche und soziale Fortschritt, jedenfalls das einigermaßen verträgliche Wohlergehen hinge insbesondere von sittlichen Standards ab. Das klingt irgendwie utopisch, ist es aber jedenfalls nicht stärker als dasjenige, was Marx behauptet hatten.

Im Unterschied zu den bisher besprochenen Ansätzen ist diese Wirtschaftstheorie ethisch reflektiert, auch wenn sie in dieser Hinsicht noch nicht ausgearbeitet ist. Sie thematisiert explizit, wie gesellschaftliche Prozesse laufen können, was die Frage aufwirft, wie sie dann auch laufen sollen. Der kulturelle Kontext des Wirtschaftssystems wird explizit thematisiert, sodass auch andere Perspektiven als wirtschaftssteuernd oder jedenfalls -bestimmend in den Blick kommen. Auf unsere Debatten im Kurs hin formuliert: Die eigene Freiheit sollte kulturell genutzt werden, um entsprechende Rahmenbedingungen für das Wirtschaftssystem zu setzen.

Die Umweltabstinenz der (Neo-)Liberalen und von Marx ist auch bei Kondratjew präsent, lässt sich aber in diesem Ansatz grundsätzlich leicht korrigieren. Die von Peirce aufgestellte Konzeption der Folgen eines Entwurfs oder einer Handlung werden prinzipiell berücksichtigt. Vor allem ist der Ansatz nicht-deterministisch, d. h., er ist freiheitsorientiert.