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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegt die Weisheit verborgen …


25. Mai 2010

Text für die Sitzung am 31.05 (Vhs Neckargemünd)

Der Text zum St Galler-Management-Modell beschäftigt sich ausführlich mit möglicher Unternehmensethik und der dazu erforderlichen Organisation.

19. Mai 2010

Wollen wir republikanische Bürger/innen sein? – Erinnerung an den 17.05.

Die Sitzung holte die beim letzten Mal fast ausgefallene Diskussion der Position von Karl Homanns regelutilitaristischer Wirtschaftsethik nach. Der Dozent betonte, dass es bei Umsetzung der rechtlichen Rahmenbedingung durchaus zu einer guten Gesellschaft in Deutschland, aber auch international kommen könne. Gerade im Bereich der Entwicklungsländer ist der regelutilitaristische Ansatz recht stark, es ist Eigeninteresse der entwickelten Länder, den Entwicklungsländern mehr Marktanteile zu überlassen, hier könnte sonst eine gewaltsame, terroristische Dimension entstehen. Ebenso ist Sozialpolitik gerade im Interesse der Wohlhabenderen in Deutschland.

Auch angesichts des dann ansatzweise besprochenen Ethikansatzes einer Integrativen Ethik von Peter Ulrich behielt Homann sein Gewicht. Waren doch viele Teilnehmer/innen zögerlich, ob Demokratie existiere – und wie sie gegebenfalls funktionieren könne. Wird nicht die politische Agenda weithin in der Deutschen Bank geschrieben? Ist politisches Engagement eigentlich sinnvoll? Ist nicht schon alles festgelegt? Der Dozent war wieder einmal in der Rolle, eine ethische Position zu verteidigen, wo doch viele Teilnehmer/innen kaum eine ethische Chance sahen.

Empirische Gegenargumente kamen aber im Blick auf den Prozess in der EU durch Herrn Maier. Doch wird man wohl vorsichtig sagen dürfen, die Demokratieskepsis im Kurs entsprach durchaus derjenigen in der Gesamtbevölkerung. Ulrichs Position ist nicht zuletzt im Kontext der Schweizer Verhältnisse entstanden, dort wäre eine solche Debatte wie in unserem Kurs kaum vorstellbar – oder käme nur ganz selten vor. Dort sucht man meistens nach praktischen Lösungen offenkundiger Probleme, anstatt über die Möglichkeit der Lösung kontrovers, teils heftig und langanhaltend zu diskutieren. Die Kombination von republikanische/r/m Bürger/in und Wirtschaftsbürger/in ist dort nicht gerade selten. Entsprechend wird auch die Grundeinkommensdebatte breiter und offensiver gerade in Zürich als hier geführt. Wie Ulrich überzeugend zeigt, ist so auch die Soziale Marktwirtschaft einmal gemeint gewesen. Nach dem Scheitern des Neoliberalismus in der „Finanzkrise“ entsteht hier also eine sozialliberale Position, die ökologisch ausgelegt ist.

Diese Position ist auch tendenziell im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland angezielt, wie Jürgen Habermas in seiner Interpretation der Grundrechte gezeigt hat. Ja, und warum funktioniert das dann „alles“ „gar nicht“? Einiges funktioniert, anderes ist ständig zu verbessern. Richtig ist, dass die deutsche Hartz IV-Regelung schwerlich menschenwürdig ist. Hier wartet Ulrich schon mit einem Grundeinkommensmodell.

Offenbar stellte die Idee des republikanischen Engagements eine Herausforderung für manche Teilnehmer/innen dar. Was selbstverständlich der Fall sein sollte, wenn man deutsche/r Bürger/in ist, wurde in Zweifel gezogen, s. o. Also ist doch Homann die beste Initiative, er sitzt ja sozusagen schon in der Bundesregierung.

Diskurse für diejenigen, die sich doch stark engagieren möchten, finden nicht nur in kleineren Gruppen eher privat statt, sondern auch in Nicht-Regierungsorganisationen, vor allem aber in Foren im Internet. Dies alles sind keine Erfolgsgeschichten, aber besonders letztere widerlegen, man werde nicht hinreichend informiert. In dem Forum, das ich etwa zwei Jahre lang geleitet habe, wurde beispielsweise die Finanzkrise von mehreren Forist/inn/en mit z. T. sehr informierten Argumenten vorausgesagt. Natürlich gab es sogar auch dort noch bis Mitte 2008 Widerspruch. Aber entscheidend ist, dass man als informierte/r Bürger/in seit Mitte 2007 eher unterstellen musste, dass es zur sogenannten „Finanzkrise“ in der einen oder anderen Form kommen werde. Daher habe ich immer die Leistung Oskar Lafontaines bewundert, dies schon offen 2000 zu sagen – und entsprechende internationale Regeln einzufordern. Im Sinne von Peirce hat er richtig gehandelt, auch dann, wenn er nicht Recht bekommen hätte. Denn allein die reale Möglichkeit dessen, was Lafontaine voraussah, berechtigt dazu, diese Möglichkeit durch entsprechende Handlungen auszuschließen, wie die Folge nun für alle ganz deutlich zeigt. Das hatte zunächst nur für ihn negative politische Konsequenzen. Aber nun hat das Versagen der sogenannten „Expert/inn/en“ und der „Eliten“ für andere als zumeist für diese selbst beachtliche wirtschaftliche, möglicherweise auch „vitale“ Folgen.  Nicht nur der Sachverständigenrat für Wirtschaftsfragen hat versagt. Sondern auch alle Bürger/innen haben entsprechend versagt, die ihnen trotz nachhaltig gut begründeter Kritik Glauben geschenkt haben. Wer dies dann in der Zukunft verhindern will, sollte besser nicht die Expert/inn/en fragen, sondern sich selbst informieren und engagieren. Beides ist in Deutschland gut möglich.

Die Debatte in der Sitzung hatte aus meiner Sicht ähnliche Züge wie am Anfang, als etwa die Position von Wallace und ebenso die von Peirce angezweifelt wurden, die nach meiner Meinung sich bewährt haben oder sogar schon nahezu sichtbar sind (Klimakatastrophe). So verhält es sich philosophisch in einer Demokratie. Jede These beruht auf Gründen, die sich teilweise wieder auf etwas beziehen, was manche „Fakten“ nennen, bei politisch entscheidenden Fragen ist es so etwas wie ein Potenzial. Und man kann jede These bekämpfen, so ist im Moment in den USA offenbar wieder eine relevante Mehrheit der Bevölkerung davon überzeugt, die Klimaveränderungen existierten nicht oder seien nicht jedenfalls z. T. von Menschen und ihrem wirtschaftlichen Handeln erzeugt. Es sind – sofern so etwas wie Klimaveränderungen überhaupt existieren sollte – die Sonnenflecken und wir haben immer noch zu viele Elefanten, die für zu viel Kohlendioxid sorgen. Witzigerweise wird hier die liberale Presse verantwortlich gemacht, sogar die New York Times lasse häufig Kritiker der These von der Klimakatastrophe zu Wort kommen. Eine sehr demokratische und liberale Kritik. Die Haltung der New York Times ist nicht nur presserechtlich, sondern demokratisch vorbildlich. Dadurch werden die Unsicherheiten aber nicht vom einzelnen Menschen auf die sogenannten „Expert/inn/en“ übertragen. Die New York Times teilt diese Haltung nicht. Verantwortlich ist nur der einzelne Mensch. Und wenn viele in den USA meinen, es bestünde keine Notwendigkeit, das wirtschaftliche Handeln drastisch zu ändern, sind sie selbst für die Folgen verantwortlich – und keineswegs bloß die Expert/inn/en. Und ich hatte stark das Gefühl, dass diese Verantwortung auch teilweise im Kurs lieber an Expert/inn/en übertragen würde. Insofern scheint vielleicht doch im Kurs die Mehrheit davon überzeugt, Ethik könne wohl eher durch „Zwang“ ersetzt werden – oder es komme erst zu einer Änderung des Handelns der Bundesbürger/innen, wenn es zu einer schweren Krise komme. Letzteres wäre schon widerlegt, denn diese Krise ist schon da. Also sollte man m. E. nicht warten, sondern die Bundesbürger/innen besser im Sinne der großen Ethiken, die Ulrich rezipiert hat, als autonome Wesen betrachten – und als republikanische/r Bürger/in selbst zu handeln, sich damit auch Unbequemlichkeiten und dem Risiko des Irrtums auszusetzen. Schaun mer mal, sagte Franz Beckenbauer. Dann segn mers schon …

12. Mai 2010

Anspruchsvolle Freiheit von republikanischen Bürger/inne/n und Wirtschaftsbürger/innen

Peter Ulrich (*1948) ist Sohn des Betriebswirtschaftlers Hans Ulrich, der das St. Galler-Modell entwickelt hat, das in der nächsten Sitzung in seiner neuesten Form erörtert wird. Wie dieses ist Peter Ulrichs Wirtschaftsauffassung soziologisch bzw. sozialwissenschaftlich fundiert. Hierzu gehören auch ein ausgedehntes philosophisches Wissen und entsprechender Sachverstand. Zudem sollte man sich über die historische Genese des heutigen Wirtschaftssystems und bestimmter Verhaltensweisen oder deren Regeln wie das dominierende Arbeitsethos bewusst sein. Wichtig ist: Wirtschaftliche Sachverhalte und Ereignisse sind stets gesamtgesellschaftlich und vor dem natürlichen Hintergrund der Gesellschaft zu betrachten, es handelt sich mithin um ein Ereignis in einem komplexen Bezugssystem.

„Es geht um die Einbindung der Marktkräfte in die ethisch-politischen Grundsätze und Spielregeln einer wohlgeordneten Gesellschaft. Leitende Gesichtspunkte sind dabei die Legitimität (deontologisch-ethischer Aspekt) und die Sinnhaftigkeit der Marktwirtschaft für menschliche Zwecke (teleologisch-ethischer Aspekt). In beiden Dimensionen ist die lebensdienliche Orientierung den Marktkräften grundsätzlich vorzugeben: Die Anreize, die der Marktwettbewerb auf die Wirtschaftssubjekte in ordnungspolitisch gewollter Weise ausübt, sollen deren Tun und die volkswirtschaftliche Entwicklung im Ganzen wie mit ‚unsichtbarer Hand‘ (Adam Smith) in eine lebenspraktisch vernünftige Richtung leiten. Ordnungspolitik ist in dieser Hinsicht Vitalpolitik, wie Alexander Rüstow, einer der Vordenker des Ordoliberalismus, sie nannte. Konsequenterweise ist eine in diesem Sinn ‚vitale‘ Marktwirtschaft stets instrumentell zu verstehen: Es geht um die Marktlenkung nach ethisch-praktischen Gesichtspunkten der Human-, Sozial- und Umweltverträglichkeit. Wo Marktlösungen als solche nicht ‚das menschenwürdige Leben fördern‘, sondern ihm im Wege stehen, ist politische Marktbegrenzung angezeigt, auch wenn diese unter ‚rein‘ ökonomischen Gesichtspunkten u. U. mit Effizienz- und Wohlstandsverlusten (für wen?) verbunden ist.“ (Integrative Wirtschaftsethik, 32001 [weitere Auflagen], 338f, mit Bezügen auf Texte Alexander Rüstows)

Anders als in einer Reihe von ökonomischen Auffassungen unterstellt, hält Ulrich es für empirisch-geschichtlich widerlegt, dass das Wirtschaftssystem oder die wirtschaftliche Rationalität, die an Knappheit, Effizienz und Wettbewerb orientiert ist, aus sich selbst eine gute Gesellschaft hervorbringen kann. Das ist wenigstens aus vier Gründen der Fall:

  • Das Wirtschaftssystem hat keine eigene Wahrnehmungsmöglichkeit seiner im Blick auf die Rückkopplungsprozesse des Naturverbrauchs selbstzerstörerischen Tendenz.
  • Die Finanzblasen nehmen eine für das Leben vieler Menschen bedrohliche Form an.
  • Der Ausgleich zwischen Arm und Reich weltweit hat sich seit dem Ende des Kolonialismus kaum verbessert.
  • Innerhalb der entwickelten Gesellschaften ist etwa am Beispiel der Bundesrepublik ersichtlich, dass das Versprechen, die marktwirtschaftliche Arbeitsgesellschaft werde möglichst viele Menschen integrieren können, nicht zutrifft. Im November 2009 waren acht Millionen Menschen, 10 % der Bevölkerung, Bezieher/innen von ALG I, II und Sozialgeld; gemildert ist dieses offensichtliche Versagen des Wirtschaftssystems nur durch den immer noch aufrechterhaltenen Sozialstaatscharakter der Bundesrepublik Deutschland.
  • Viele Produkte, die wirtschaftlich nützlich sein können, schädigen das Leben der Menschen aber nachhaltig, wenn auch vielleicht nicht sofort evident.

Daher müssen wir uns selbst in (mindestens) zwei Rollen sehen und auch so handeln:

Wir sind

(1)  republikanische Bürger/inn/en – und

(2)  Wirtschaftsbürger/innen.

An dieser Rollenkombination von Wirtschaftsbürger/in und republikanischer/m Bürger/in kommen wir nach Ulrich nicht vorbei. Die Werte der Republik – wie etwa in den ersten 20 Artikeln des GG oder in der UN-Menschenrechtserklärung niedergelegt – bilden den Rahmen des Lebensdienlichen. In diesem Rahmen vollzieht sich das wirtschaftliche Handeln, das den einzelnen Menschen Lebensgüter in Fülle zukommen lassen soll. Von diesem lebensdienlichen Ziel her ist die marktwirtschaftliche Ordnung gerechtfertigt, weil sie unter Beweis gestellt hat, dass sie wohl am besten instrumentell diesem Ziel dient.

Es verwundert daher nicht sonderlich, dass Ulrich bei der Durchmusterung der ethischen Tradition nicht nur die Klassiker wie Aristoteles, die Goldene Regel, den kategorischen Imperativ Kants, sondern auch die (neo-)pragmatistische Diskursethik berücksichtigt. Letztere setzt auf den Diskurs der republikanischen Bürger/inn/en, in dem Gründe und Gegengründe nach Deduktion, Induktion und Abduktion (Hypothese) ausgetauscht und streitig miteinander verhandelt werden. Mit Habermas hält Ulrich folglich fest, dass die Menschen jedenfalls auch durch die sprachlich festgelegten Rollenmuster, Kommunikationsmuster und die Kommunikationspartner/innen immer schon grammatisch einbeziehende Sinnangebote vergesellschaftet sind, mithin die regelutilitaristische Idee des „Gefangendilemmas“ niemals ein ernst zu nehmendes Modell für gesellschaftliche Selbstverständigungen abgeben kann. Ethisches Erwägen und Abwägen setzen stets einen Raum der anspruchsvollen Freiheit voraus. Dieser findet sich in der Geschwindigkeit von Konkurrenzsituationen eher nicht, dort herrschen Zwang und Zufall (Peirce, Marx, Homann) vor. Aber der republikanische Diskurs braucht auch seine Zeit – und diese sollte er besser haben, also nicht in der letzten Woche ein Rettungsprogramm für Griechenland im Parlament beschließen, dann aber gut die zehnfache Summe Sonntagnacht jedenfalls regierungsmäßig absegnen. Hier sieht Ulrich vor allem den großen Mangel an republikanischem bürgerschaftlichen Engagement. Wem an einer lebensdienlichen Wirtschaft gelegen ist, sollte also an der Rahmensetzung für das Wirtschaftssystem aktiv und engagiert teilnehmen. Als leidgeprüfter Schweizer weiß er, dass der Kalvinismus auf komplizierten, von Max Weber recht treffend dargestellten Wegen, eine bis dahin in der Weltgeschichte ganz unbekannte und auch unwahrscheinliche Arbeitsmentalität in die Welt gesetzt hat, die sich uns in den entwickelten Gesellschaften körperlich eingeschrieben hat. Da hat man gar keine Zeit mehr, sich für die republikanische Rahmensetzung einzusetzen. Dass Mann oder Frau das doch kann, möchte Ulrich durch eine Variante des Grundeinkommens begünstigen. Zu den Bürger/inn/enrechten eines/r republikanischen Bürger/in/s gehört mithin ein Grundeinkommen, dass alle gezahlt bekommen, wie immer der politische Konsens dazu aussehen mag. Erst dann ist der Raum der anspruchsvollen Freiheit da, den schon Aristoteles vielleicht zu aristokratisch in der „Nikomachischen Ethik“ als notwendig dafür ansah, dass die Bürger/inn/en ihre politischen und wirtschaftlichen Sachverhalte streitig, aber auch solidarisch regeln können.

Erinnerung an den 10.05. (VHs Neckargemünd)

Die Idee Homanns, den Neoliberalismus regelutilitaristisch mitfühlend zu machen, fand neben Überraschung und leichter Skepsis doch eher Zustimmung bei den Kursteilnehmer/inne/n. Einzig die Regelsetzung im Weltbereich ließ Zweifel am Konzept aufkommen. Ansonsten wurden keine Fragen an die (positivistische) Wissenschaftskonzeption der Ökonomik und kaum Fragen an die Idee, das „Gefangenendilemma“ auf komplexe Handlungssituationen im wirtschaftlichen Kontext anzuwenden, erörtert.

Vielleicht kommen solche Fragen dann bei der Erörterung von Ulrichs Wirtschaftsethikkonzeption noch auf.

5. Mai 2010

Mitfühlender Neoliberalismus – Karl Homanns Versuch einer „Wirtschaftsethik“

Karl Homann und Christoph Lütge haben eine knappe „Einführung in die Wirtschaftsethik“ verfasst, die übersichtlich und verständlich die wesentlichen Pointen der neoliberalen Weltanschauung darlegt, die sich als Wissenschaft der Ökonomie gibt. Homann vertritt schon lange, dass es ethisch oder moralisch sei, den wirtschaftlichen Regeln zu folgen, sofern diese angemessen ausgestaltet sind. Sein Ansatz ist regelutilitaristisch. D. h.: Wenn die Regeln optimiert sind, ergibt sich für Reiche und Arme, für Afrikaner und Inder, Chinesen und Russen die bestmögliche Lösung. Ethik im Wirtschaftsbereich besteht deshalb nur darin, Beiträge zur Optimierung solcher Regeln zu leisten. Homann/Lütge vermeiden rhetorischen Unsinn, der freilich häufig zu hören oder zu lesen ist:

„Die Frage der sittlichen Qualität der Marktwirtschaft beantworten wir nicht, wie das vielfach geschieht, durch eine mehr oder weniger dogmatische, bekenntnismäßige Wertentscheidung zugunsten des obersten Werts der ‚Freiheit‘: Wie wir gesehen haben, sind Konkurrenzdruck und Zwang inhärente Bestandteile der Marktwirtschaft, sodass ‚Freiheit‘ als Kern der Marktwirtschaft viel zu undifferenziert wäre.“ (56)

Diese Klarheit ist sehr hilfreich, werden doch allerlei Fehlfestlegungen vermieden. Die individuelle Entscheidung im Wettbewerb oder Konkurrenzdruck kann nicht in einem anspruchsvollen Sinn „frei“ genannt werden, das lässt die Konkurrenz gar nicht zu. Daher ergeben sich im Wettbewerb der Marktwirtschaft nur Situationen folgenden Typs, die am Gefangenendilemma von Robinson und Freitag entwickelt worden sind:

Homann/Lütge 2005, 34

Homann/Lütge, 34, zufolge tritt in derartigen Situationen die Möglichkeit auf, dass die beiden Partner/innen entweder täuschen („defektieren“) oder kooperieren, natürlich kann der eine kooperieren, der andere täuschen – und umgekehrt; beide können kooperieren, beide täuschen. Je nach Kombination entstehen die vier Quadranten, der erste ist der moralisch beste, beide kooperieren, erzielen aber je einzeln nicht das optimale Ergebnis für sich. Die häufigste Situation sei die vierte, wo beide ein „suboptimales“ Ergebnis erzielen. Also Kooperation sollte angezielt werden, aber der einzelne Handelnde hat auch die Möglichkeit den anderen zu täuschen, ohne dass es dieser merkt, dann erzielt er sein bestes Ergebnis. Wie kann man das verhindern? Nur dadurch, dass man die Spielregeln verändert: Wer täuscht, bekommt Punktabzug (Homann/Lütge 2005, 44):

Homann2

Damit ist die faire Kooperation, die auch einen gewissen Nachteil gegenüber der täuschenden Handlung gegenüber dem Wettbewerber hinnimmt, die bestmögliche Situationslösung. So einfach ist Ethik: Man muss nur die Regeln so setzen, dass den Wettbewerber/inne/n beim Suchen ihres Vorteils keine Wahl bleibt, eine andere als die „moralische“ Lösung zu wählen. Das kann staatlich geschehen, durch die G-20, die UNO oder auch durch Verträge unter Unternehmen, Gruppen usf.

Die Idee des natural course of things wird hier also rechtlich gefasst. Die Idee bleibt mechanistisch gestützt wie bei Smith und auch bei von Hayek, nun aber explizit durch bestimmte Handlungen, nämlich Rechtssetzungen abgesichert. In der einzelnen Situation und bei der einzelnen Handlung ist keinerlei Freiheit erforderlich oder allenfalls ein Minimum. Wer bei Sinnen ist und seinen Vorteil sucht, wählt Quadrant I: Kooperation mit dem Wettbewerber. So entspannen sich Armut-Reichtums-Probleme, Entwicklungsprobleme, auch auf politische Probleme scheint sich das anwenden zu lassen.

Schade nur, dass wirtschaftliche Handlungssituationen keine Zweiersituationen sind, vgl. Grafik sieben des Kurses. Auch im Jahr 2005 wird hartnäckig die Rolle der Rückkopplungsprozesse im Blick auf die Natur „ausgeblendet“:

„Die Ökonomik ist eine Einzelwissenschaft. Einzelwissenschaften verdanken ihre Leistungsfähigkeit dem Kunstgriff, von der Komplexität der ‚Wirklichkeit‘ … zu abstrahieren, die meisten Züge abzublenden – nicht zu leugnen – und die Theorie auf eine hochselektive Problemstellung zu fokussieren.“ (76)

Klarer kann man die großen intellektuellen, diagnostischen, prognostischen Leistungen und Handlungsratschläge im neoliberalen Diskurs kaum erfassen. Die „schwäbische Hausfrau“ wird möglicherweise dem Zitat Homann/Lütges entnehmen können, wieso die neoliberalen Theoretiker die Finanzkrise und Weltwirtschaftskrise ausgelöst haben – und diese nur mit keynesianischen Methoden einigermaßen eingedämmt werden konnten. Vielleicht aber auch nicht.

4. Mai 2010

Erinnerung an den 02.05.

Die Sitzung nahm Themen vom Anfang auf, die den Kurs Sitzung um Sitzung begleiteten, zudem führte sie als letzte wirtschaftswissenschaftliche Theorie zu Wallace passend die Ansichten von Hans Christoph Binswanger ein, der sowohl eine ökologisch reflektierte Wirtschaftstheorie als auch eine realistische Theorie des Geldes entwickelt hat.

Wallace hat empirisch viele natürliche Rückkopplungsprozesse in Beziehung auf das kapitalistische Wirtschaftssystem empirisch erforscht, manches nur aufmerksam entdeckt. Eine notwendige Bedingung dazu ist, mindestens das wissenschaftsphilosophische und ethische Niveau der „pragmatischen Maxime“ von Peirce erreicht bzw. akzeptiert zu haben. Im Vordergrund bei Regenwald- und globalen Klimaproblemen steht vor allem die selbstzerstörerische Potenz von wirtschaftlichen Handlungen.

Diesen Aspekt hat Hans Christoph Binswanger weitergeführt, aber in seiner romantischen und an Goethe orientierten Interpretation des Wirtschaftssystems auch die alchimistische und gleichzeitig selbstzerstörische Potenz grundlegender finanzieller wirtschaftlicher Handlungsweisen diagnostiziert. Der romantische Aspekt ist auch für die Arbeit von Wallace grundlegend. Von der weithin unreflektiert mechanistisch argumentierenden Mehrheit wird solche Kritik versucht auszugrenzen, nach der Katastrophe der „Finanzkrise“ und den nun nicht mehr ganz übersehbaren Vorboten der ökologischen Krise in Form der Klimakatastrophe, die jedenfalls zum großen Teil menschlich induziert ist, steht diese Mehrheit sozusagen „im Hemd“ dar – weigert sich aber noch, die Verantwortung zu übernehmen.

Binswanger zeigt, dass die Methode der Kreditverbriefung eine Grundoperation des Finanzsystems ist, Geschäftsbankenkredite werden als „Sichteinlage“ bei der „Zentralbank“ hinterlegt, ein fortwährender Prozess der Geldschöpfung, der aber ausschließlich auf Zukunft angelegt ist. Kredite werden nicht von der Bank selbst refinanziert, sondern durch einen Kredit seitens der Zentralbank, ein an sich allgemein bekannter Sachverhalt, der aber einigen im Kurs nicht transparent war, zumal er in den Mainstream-Medien keineswegs verschwiegen, wenn auch nicht ausführlich erklärt wird – es ist besser, dass “unsere Menschen” das nicht gerade auf die Nase gebunden bekommen. Seit Bretton Woods liegt das offen zutage, aber es hat eine ironische Note, dass es schon Goethe im Faust II stark relativiert hatte. Daraus erklärt sich so manches, was in den letzten beiden Jahren mit viel Lärm und Getöse begleitet wurde. Einsicht war da kaum zu gewinnen. Bei Binswanger kann man sie nachlesen, ein wenig Geduld ist erforderlich, die Wachstumshysterie wird schon ein wenig dadurch gemäßigt, wenn man noch einmal nachliest und dann bitte auch nachrechnet, dass „Wachstum“ ganz unwahrscheinlich ohne Geldvermehrung seitens Geschäftsbanken und Zentralbanken zustande kommt. Binswanger will eine Ökobilanz, dazu eine Geldreform einführen, welche das Geldschöpfungsrecht allein auf die Zentralbanken einschränkt. Er erwägt, nicht zuletzt angesichts der sozialen Schwierigkeiten, die eine ökologische Wirtschaftsreform zweifellos aufwerfen wird, Teile des neu geschaffenen Zentralbankgeldes an die privaten Haushalte zu überweisen, wobei seine Grundeinkommensvariante eher als regional ausgebbares Zusatzeinkommen konzipiert ist.

1. Mai 2010

Die unbeabsichtigten Rückkopplungsprozesse und die magische Geldquelle des Wirtschaftssystems

Alfred Russel Wallace (1823-1913)


Im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts wurde allgemeiner bewusst:

(1)   Die wirtschaftlichen Erfolge beruhen auf der technisch-wirtschaftlichen Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse, insbesondere der Physik und Chemie.

(2)   Zugleich war klar, dass wissenschaftliche Erkenntnisse auf einer z. T. experimentellen Praxis beruhen, mithin Formen des Handelns sind. Wie alle Formen des Handelns müssen auch die wirtschaftlich umgesetzten wissenschaftlichen Erkenntnisse auf ihre möglichen Folgen bedacht werden, Peirce zufolge gilt dies natürlich schon bei der Reflexion der wissenschaftlichen Erkenntnisse selbst.

„Bedenken Sie, welche Wirkungen, die denkbarerweise praktische Relevanz haben könnten, wir dem Gegenstand unserer Konzeption zuschreiben. Folglich besteht die Konzeption dieser Wirkungen aus dem Ganzen unserer Konzeption des Gegenstands!“

(Charles Peirce, How to make our ideas clear, 1878)

(3)   In der Biologie wurde deutlicher, dass Organismen stets auf ihre Umwelt bezogen sind, eine anständige Bestimmung eines Organismus muss sein Verhältnis zur Umwelt genau erfassen.

(4)   Die Wirklichkeit ist insgesamt als Prozess zu verstehen, keineswegs als eine relativ stabile Ansammlung von Gegenständen, Dingen usf. Neben den Prozesscharakter der Wirklichkeit tritt daher immer stärker die Betonung von Beziehungen von Ereignissen, Dingen und Gegenständen, mithin die Kategorie der Relation. Entsprechend waren mathematisch-logisch in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts Wahrscheinlichkeitstheorie und Relationenlogik entstanden.

(5)   Man erkannte, dass der Organismus „Mensch“ mithilfe wissenschaftlicher Erkenntnisse seine Umwelt veränderte.

(6)   Und man erkannte, dass es hier Rückkopplungsprozesse geben könne. Diese zeigten sich einerseits bei Arbeitsunfällen, andererseits aber deutlich daran, dass die Luft beispielsweise in großen Städten wie London gesundheitsschädlich, keineswegs nur unangenehm war.

(7)   Alfred Russel Wallace zählte eigentlich nur zwei und zwei zusammen, wendete also die „Grundrechenarten“ (Angela Merkel) an, als er als mögliche Folge der Industrialisierung aufgrund des erhöhten Kohlendioxidstoßes eine menschlich miterzeugte Erwärmung des Klimas ernsthaft in Betracht zog.

„Der große Luftozean, der uns umgibt, hat die wunderbare Eigenschaft, die Wärmestrahlen der Sonne durchzulassen, ohne selbst von ihnen erwärmt zu werden; aber wenn die Erde aufgeheizt wird, erwärmt sich auch die Luft durch den Kontakt mit ihr und auch in erheblichem Maß durch die Hitze, die die warme Erde abstrahlt, denn reine, trockene Luft lässt die dunklen Wärmestrahlen zwar ungehindert passieren, aber der Wasserdampf und die Kohlensäure [CO2] in der Luft fangen sie ein und absorbieren sie.“ (Des Menschen Stellung im Weltall, 1903)

Wallace war eine der interessantesten intellektuellen Figuren der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, weil er wie etwa Peirce sich nicht mit dem naiven Materialismus der Zeitgenossen zufriedengab. Selbst Mitentdecker der biologischen Evolutionstheorie bestritt er im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, dass Mathematik, Kunst, Musik usf. durch die natural selection erklärt werden könnten, worauf noch die Erfindung der „Meme“ durch Richard Dawkins reagiert. Er wandte sich wie eine Reihe von Intellektuellen spiritualistischen bzw. auch spiritistischen Experimenten und Denkweisen zu, weil er – in der Tradition der Romantik – die schlichte Kombination von Materialismus und Mechanismus, wie sie uns auch in manchen Wirtschaftstheorien begegnet ist, unbefriedigend fand. Obwohl er Darwin persönlich schätzte, lehnte er die in seiner Theorie enthaltenen sozialdarwinistischen Pointen ab, ebenso die Tendenz zur Eugenik, die ebenfalls in diesem Kontext entstand. Sozial und politisch war er eher demokratischer Sozialist. Vor allem aber zeigten seine eigenen Forschungen:

„In Tropical Nature and Other Essays (1878) warnte er vor den Gefahren der Abholzung und Erosion des Bodens, besonders in tropischen Gebieten mit großen Niederschlagsmengen. Nachdem er auf die komplexen Interaktionen zwischen Vegetation und Klima aufmerksam geworden war, warnte er, dass die übermäßige Abholzung des Regenwaldes für den Kaffee-Anbau in Ceylon und Indien das Klima dieser Länder ungünstig beeinflussen könnte und später zu ihrer Verarmung führen würde, weil die Erosion des Bodens den weiteren Anbau unmöglich machen würde.[2] In seinem Buch Island Life griff Wallace erneut das Thema der Abholzung auf und beschrieb den Effekt von Neobiota, also von invasiven Arten, die durch den Menschen in fragile Ökosysteme eingeschleppt werden.“ (Art. Wikipedia zu Alfred Russel Wallace)

Die spiritualistische Neigung, die Wallace öffentlich verteidigte, war die Angriffsfläche, um seine ökologischen Positionen madig zu machen. Wie sich aber zeigt, hatte er weithin recht. Peirce’ Position besagt, dass die reale Möglichkeit solcher Folgen in das praktische Handeln eingehen muss, Wallace setzte sich beispielsweise für eine bessere Landverteilung ein, mithin übersah er das soziale Problem keineswegs. Die sozialökologische Position von Wallace besagt mithin, dass der Mensch nur dann ethisch reflektiert seine Stellung im Universum findet, wenn er sozialverträglich mit seinesgleichen und mit seiner natürlichen Umwelt lebt. Den Zynismus der darwinschen Theorie lehnte er mithin ab. Die ökonomische Ausbeutung der Erde, wie sie etwa im „Kommunistischen Manifest“ gefordert wird, hielt er entsprechend für naiv, weil auf mittlere und lange Sicht soziales Unheil daraus folge. Auf manche Diskussionen im Kurs bezogen, ist zu sagen, dass dieser Ökologe in keiner Weise eine Randfigur des gesellschaftlichen Diskurses war, sondern eher eine umstrittene Persönlichkeit. Man konnte seine Texte in den USA, Großbritannien und Deutschland lesen. Aber man verweigerte sich seiner Botschaft und lenkte auf Nebenthemen ab.

Hans Christoph Binswanger (*1929)

Binswanger ist wohl der erste bedeutende Ökonom, der auf die ökologische Problematik des wirtschaftlichen menschlichen Handelns wissenschaftlich einging. Ebenso verweigerte er den üblichen Geldtheorien seiner Zunft den Glauben, sondern entwickelte sehr eigenständige Ansichten, die u. a. auf der Romantik und insbesondere Goethe beruhen. Wie Brodbeck glaubt er, dass bestimmte Sachverhalte, die ökonomisch grundlegend sind, zuletzt von Aristoteles in der „Politik“ geäußert worden sind. Binswanger ist ein freundlicher, älterer Herr, der freilich geistig ganz unabhängig ist und dem intellektuellen Geröll seiner Zunftgenossen mit einer bewundernswerten ironischen Unbeugsamkeit gegenübersteht, wie ich auf einer Tagung in Bad Boll zum Zinsthema im Frühjahr 2008 erleben durfte. Er hat in den 1970er Jahren erkannt, dass sowohl die liberalen als auch die marxistischen Wirtschaftstheorien schon deshalb falsch sind, weil sie die u. a. von Wallace herausgefundenen natürlichen Rückkopplungsprozesse des wirtschaftlichen Handelns souverän missachten. In der sogenannten „Finanzkrise“ konnte er nochmals nachweisen, dass die offiziellen ökonomischen Geldtheorien nicht richtig sind, vielleicht bleibt manches von Keynes bestehen. Beide Theorieelemente – ökologisches Wirtschaften und Geldtheorie – hängen im Wachstumsthema zusammen. Binswanger versucht also – pointiert formuliert – zu erklären, warum die Wirtschaft stets wachsen soll bzw. wächst, zugleich aber auch die Grundlagen menschlichen Lebens zerstört. Binswanger geht mithin der Unheimlichkeit unseres eigenen Handelns nach, das wir alltäglich mehr oder weniger akzeptieren, es aber ethisch eigentlich nicht akzeptieren dürften. Da er nach St. Gallen berufen wurde, entwickelte sich an dieser ursprünglichen Handelshochschule eine bedeutende Wirschaftsuniversität, in der ernsthaft über Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt nachgedacht und geforscht wird. Binswangers Arbeiten haben u. a. das „St. Galler-Modell“ beeinflusst.

Binswanger ist ein Mann der ruhig geäußerten deutlichen Worte:

„Die Frage ist also nicht, ob es zu einer neuen Blase kommt, sondern nur, wo und wie?

Das kann ich nicht genau sagen, dazu fehlt mir die Fantasie. Mir wären ja auch nicht die strukturierten Kreditverbriefungen eingefallen, die die jetzige Krise mitverursacht haben. Aber ganz sicher ist, dass eine der nächsten Blasen wieder bei den Rohstoffen und Nahrungsmitteln auftreten wird. Die Internationale Energieagentur hat kürzlich prognostiziert, dass der Ölpreis auf 200 Dollar pro Barrel steigen wird. Ein solcher Trend nach oben muss die Spekulation anreizen.“

taz vom 03.12.2008

Die „Finanzkrise“ ist also Binswanger zufolge kein Zufall, sondern liegt in der ökonomischen Logik des Geldes und entsprechender gewöhnlicher Handlungsweisen. Wie man an der Spekulation gegen Griechenland zurzeit sieht, liegt er damit richtig, denn die Ratingagentur „Standard & Poors“, die schon in der „Finanzkrise“ negativ tätig war, hat die Kreditwürdigkeit von Griechenland, Portugal und Spanien heruntergestuft, was die EU veranlasst, Griechenland mit dem Internationalen Währungsfond finanziell zu helfen, damit dieses Land überhaupt noch seine Schulden bei spekulativ steigendem Zinssatz zurückzahlen kann.

Binswanger hat mit „Geld und Magie“ 1985 eine interessante Faustinterpretation aus ökonomisch-philosophischer Perspektive in einem Buch vorgelegt, dass nicht zufällig 2009 eine dritte Auflage erlebt hat. In diesem Buch sind die ökologische und die geldtheoretische Perspektive miteinander verbunden, es geht um die Klärung der Frage: Worin besteht der ökonomische Grund des Wachstums, das zugleich selbstzerstörerische Folgen zeitigt?

„Wenn wir den Faust aufmerksam lesen, dann kann es keinen Zweifel geben, dass Goethe der modernen Wirtschaft einen … alchemistischen Kerngehalt diagnostiziert. Dieser ist es, der der Wirtschaft heute ihre ungeheure Anziehungskraft verleiht, sodass sie allmählich alle Lebensbereiche in ihren Sog zieht. Es geht um die Möglichkeit eines kontinuierlichen Wachstums der Produktion ohne eine entsprechende Erhöhung des Leistungsaufwands.“ (23)

Das besagt nach Binswanger, das poetische Interieur des „Faust II“ enthalte – in dem allerlei merkwürdige Figuren der Esoterik und Hermetik auftreten, auch der Teufel als Mephistopheles – Goethes zu Lebzeiten nicht veröffentlichte Gesellschaftsdiagnose:

„Heute wird die Alchemie als Aberglaube abgetan. Es heißt, dass sich seit dem Aufkommen der modernen Wissenschaften die Geldmacherei endgültig als Phantasmagorie erwiesen habe und daher niemand mehr sinnlos seine Zeit mit solchen abstrusen Vorhaben vergeuden wolle. Ich behaupte etwas anderes: Die Versuche zur Herstellung des künstlichen Goldes wurden nicht deswegen aufgegeben, weil sie nichts taugten, sondern weil sich die Alchemie in anderer Form als so erfolgreich erwiesen hat, dass die mühsame Goldmacherei im Laboratorium gar nicht mehr nötig war. … Wir können den Wirtschaftsprozess als Alchemie deuten, wenn man zu wertvollem Geld kommen kann, ohne es vorher durch eine entsprechende Anstrengung verdient zu haben, wenn also eine echte Wertschöpfung möglich ist, die das Gesetz der Erhaltung von Energie und Masse außer Kraft setzt, die ein ständiges Wachstum der Wirtschaft möglich macht, das an keine Begrenzung gebunden ist, das schnell und immer schneller vor sich geht und in diesem Sinne Zauberei oder Magie ist.“ (1985, 22f)

Im „Faust II“ tritt Faust als schöpferischer Unternehmer auf, der finanzpolitisch agiert, indem er das Papiergeld einführt, aber vor allem mithilfe moderner Technik Land gewinnen will. Mephistopheles stellt aber die (selbst-)zerstörerische Pointe dieses Vorgehens dar:

„Faust:

Da rase draußen Flut bis an den Rand,

und wie sie nascht, gewaltsam einzuschließen,

Gemeindrang eilt, die Lücke zu verschließen. [...]

Mephistophes (für sich):

Du bist doch nur für uns bemüht

Mit deinen Dämmen, deinen Buhnen;

Denn du bereitest schon Neptunen,

Dem Wasserteufel, großen Schmaus.

In jeder Art seid ihr verloren;

Die Elemente sind mit uns verschworen,

Und auf Vernichtung läuft’s hinaus.“

Binswanger kommentiert das folgendermaßen:

„Wer denkt hier nicht unwillkürlich an die Auseinandersetzung über die Atomenergie …, von der die heutigen Jünger Fausts sagen, dass für alle denkbaren Unfälle Sicherheitsvorkehrungen geschaffen und alle Gefahren gebannt werden können, während die Gegner glauben, die Worte des Mephistopheles zu hören?“ (63)

Binswanger zufolge hat die poetische Darstellung Goethes tatsächlich bestimmte Kernelemente der modernen Wirtschaft und ihrer selbstzerstörerischen Aspekte erfasst. Ihm zufolge sieht das Wirtschaftssystem, seine Elemente und Relationen (wie in Grafik 7 dargestellt) aus:

Grafik sieben des Kurses

Grafik sieben des Kurses

Grafik 7 des Kurses (Binswanger, Vorwärts zur Bescheidenheit, 2009, 20)

Das Bild stellt eine stets wachsende Spirale dar, die Wachstumsspirale. Das Wirtschaftssystem besteht aus drei Größen bzw. Elementen:

  • Bankensystem [B];
  • Unternehmen [U];
  • Haushalte [H].

Das Bankensystem (Zentralbank, Geschäftsbanken) steht als „alchemistische“ Geldschöpfungsquelle im Zentrum des Systems. Neben das Papiergeld treten als Beziehungen bzw. Relationen im System nun aber vor allem Sichteinlagen („Bankgeld“), die sich leicht vermehren lassen. Das System ist als prinzipiell dynamisch gedacht, es wird von der Natur als Ressource gespeist, die Steigerungstendenzen werden durch die menschliche Imagination, Fantasie usf. geleistet. Binswanger hält fest, dass es Rückwirkungen auf die Natur seitens der Unternehmen und der Haushalte gibt. Konsumgüter und Arbeits- wie Produktionsleistungen runden das Bild ab, das allerdings keinen Kreis, sondern eine Spirale darstellt. Der magische Aspekt, der dies zusammen mit kostengünstiger Naturvernutzung und Imagination leistet, ist die Geldschöpfung im Bankensystem, die nicht zuletzt über Sichteinlagen bzw. das „Bankgeld“ läuft.

Binswanger selbst kommentiert seine Grafik so:

„Die Ausweitung des Kreislaufs zur Spirale wird ermöglicht durch die Entnahme von Ressourcen aus der Natur (bei gleichzeitiger Abgabe von Abfällen und Emissionen an die Natur), durch die Imagination des Menschen, der neue Produkte und Verfahren erfindet, sowie durch die Geldschöpfung auf dem Kreditweg (dicke Pfeile)“ (2009, 20).

Binswanger zufolge verhält es sich nicht so, dass die Banken bloß die Spareinlagen von Haushalten und Unternehmen wieder an kreative Unternehmer/innen weitergeben. Stattdessen nimmt jede Geschäftsbank für einen Kredit an Haushalte und Unternehmen einen Kredit bei der Zentralbank auf. Dieser ist durch eine Kreditverbriefung des gewährten Kredits „gesichert“ – schon lange nicht mehr durch „Gold“. Mithin befindet sich die in der sogenannten „Finanzkrise“ sicher gesteigerte Methode der „Kreditverbriefung“ im Zentrum des Bankensystems, es geht hier also keineswegs um die ungeheure „Gier“ der Banker/innen, sondern nur um eine Methode, die in allen kapitalistischen Staaten genauso angewendet wird.

Weiter hält Binswanger entsprechend das Kreislaufdenken bzw. die Idee, dass rechnerisch immer ein Gleichgewicht von Gewinnen und Verlusten bestehe, in Wachstumswirtschaften für empirisch falsch, auch wenn die Liberalen und Neoliberalen so gerne vom „Gleichgewicht“ als Prinzip der Wirtschaft reden, hier ist er mit Kondratjew und Keynes einig. Der nötige Geldzufluss für das Wachstum kommt aus dem Bankensystem.

An sich hätte mit Anwendung der „Grundrechenarten“ die heute so sprichwörtliche „württembergische Hausfrau“ selbst darauf kommen können:

Damit die Verwandlung der Geldschöpfung in reale Wertschöpfung gelingt, müssen die Unternehmungen, die in Ergänzung zum Eigenkapital Kredite aufnehmen, einen Gewinn erzielen können, aus dem der Zins für die Kredite bezahlt wird und der darüber hinaus auch noch einen Reingewinn enthält, der das Investitionsrisiko des Eigenkapitals kompensiert. Das Investitionsrisiko besteht darin, dass die Investitionen erst in der Zukunft ausreifen, indem die Güter, die aufgrund der Investitionen heute produziert werden, erst morgen verkauft werden können … Die Arbeitsleistungen und Produktionsmittel (Boden, Energie, Rohstoffe) müssen aber heute schon bezahlt werden – und die Zukunft ist immer unsicher. …

Dies muss im Durchschnitt für alle Unternehmungen gelten, wenn die Wirtschaft funktionieren soll. Das heißt: Es muss die Chance eines Gewinns stets größer sein als die Chance eines Verlusts. Der Erwartungswert des Gewinns in der Gesamtwirtschaft muss positiv sein. Dies ist aber nur dann der Fall, wenn die Häufigkeit des Gewinns stets größer war und weiterhin größer ist als die Häufigkeit des Verlusts, wenn also die Unternehmungen im Saldo stets Gewinne gemacht haben und machen, also aus der Summe von Gewinnen und Verlusten stets ein Gewinnüberschuss resultiert.“ (2009,17f)

Dabei versteht Binswanger den Leitzins der Zentralbank und den Zins der Geschäftsbanken als Preis für den Kredit. Die Gefahren dieses Systems der kontinuierlichen „alchemistischen“ Geldschöpfung im System von Zentralbank und Geschäftbanken über Sichteinlagen, Bankgeld bzw. Kreditverbriefungen sind u. a. Inflation und „Blasen“. Letztere sind wg. der Imagination des Menschen äußerst wahrscheinlich. Wie Keynes unterstellt auch Binswinger, dass es sich in der Wirtschaft in der Regel um Abduktionen auf die Zukunft handelt, weshalb aus seiner Sicht auch unternehmerischer Gewinn gerechtfertigt ist.

Man könnte natürlich versuchen, die Gleichtgewichtsidee und die Anschauung, Wirtschaft sei ein Kreislauf bzw. es gäbe einen Kreislauf des Geldes aufrechterhalten, indem man unterstellt, dass die fortwährenden Gewinne der Unternehmen durch Verluste der Haushalte ausgeglichen werden. So verhält es sich nach Binswanger aber nicht:

„Damit die Unternehmungen zusammen im Saldo stets Gewinne erzielen können, müssen daher die Einnahmen aller Unternehmungen zusammengenommen stets größer sein als die Ausgaben aller Unternehmungen zusammen. Dies ist offensichtlich nicht möglich, wenn das Geld nur im Kreis läuft; d. h., wenn das Geld, das die Unternehmungen den Haushalten für ihre Produktionsleistungen bezahlen, einfach wieder von den Haushalten dazu benutzt wird, die Produkte zu kaufen, die die Unternehmungen mit ihrer Hilfe hergestellt haben.“ (18)

Die Idee, dass es einen Geldkreislauf und sogenannte „Gleichgewichte“ gäbe, ist mithin rein fiktiv, möglicherweise den wahren Sachverhalt sogar verschleiernd:

„Es könnten dann weder Zinsen bezahlt noch Reingewinne erzielt werden, die das Risiko des Kapitaleinsatzes decken. Ein positiver Gewinnsaldo und damit die Möglichkeit, Zinsen für das Fremdkapital zu bezahlen und Reingewinne zu erzielen, kann gesamtwirtschaftlich nur entstehen, wenn ständig Geld zufließt.“ (ebd.)

Es ist keine Frage, dass Binswanger – geleitet von der univeral orientierten romantischen Sichtweise, die durch Goethe moderater und teilweise auch besonnener dargestellt wird – seine Theorie so entwickelt, dass sie selbst zur Ethik beitragen kann.

Binswanger hält es für nötig, dass das Wachstum weltweit auf 1,8 % beschränkt bleibt. D. h., in unserer Weltgegend muss es erheblich niedriger liegen, weil China und Indien, die afrikanischen Länder noch Nachholbedarf haben, um eine menschenwürdige Lebensweise zu erreichen.

  • Raubbau an der Natur wird so begrenzt;
  • Spekulationsblasen mit großen wirtschaftlichen Folgen werden unwahrscheinlicher;
  • Er hält entsprechend eine Transformation der Aktiengesellschaft hin zu eher genossenschaftlichen Unternehmensformen für „nachhaltiger“, dies geht gegen den sogenannten „Shareholder-Value“ der Börsenspekulationen.

Mithin versucht er die Probleme des in Grafik 7 dargestellten Wirtschaftssystems nicht isoliert zu betrachten und bestimmte Aspekte gar nicht zu erwähnen oder auszublenden, wie dies in der Wirtschaftswissenschaft, aber auch in der Wirtschaftspolitik weithin passiert. So müsste in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung auch eine Ökobilanz eingehen. Damit muss auf die eine oder andere Weise der Naturverbrauch bzw. die Naturschädigung finanziell entgolten werden. Dies tendiert wohl dazu, das Wachstum einzuschränken. Die Ökosteuer in Deutschland ist ein erster, aber deutlich umkämpfter Schritt in diese Richtung, nach Binswanger müsste dies erheblich umfassender sein.

Weiter hält er eine Geldreform für entscheidend:

Im Anschluss an Irving Fisher sowie Joseph Huber und James Robertson schlägt Binswanger ein sogenanntes „Vollgeld“ vor. Für die Europäische Zentralbank müsse gelten:

„Der EZB-Rat hat das ausschließliche Recht, die Ausgabe von gesetzlichen Zahlungsmitteln zu genehmigen. Gesetzliche Zahlungsmittel umfassen Münzen, Banknoten und Sichtguthaben.“

So müsse die Satzung der EZB geändert werden.

Das Ziel besteht in der Verhinderung der ständigen Geldvermehrung durch Sichtguthaben bzw. „Bankgeld“. Die Kreditvergabe erfolgt daher nur im Rahmen des verfügbaren Zentralbankgeldes. Zumindest würden „Spekulationsblasen“ hierdurch vermeidbarer. Allerdings muss die Zentralbank auch weiterhin Geldschöpfung betreiben. Denn es bleiben ja weiterhin:

  • Gewinnrate der Unternehmen:
  • Zinsen.

Würde man versuchen, das Wachstum sozusagen auf „Null“ zu bringen, tritt nach Binswanger allmähliche Schrumpfung ein, daher seine weltweite Wachstumsrate von 1,8 %. Wie Wallace sieht Binswanger auch das soziale Problem, das mit seiner Position entsteht. Daher erwägt er, das zusätzlich von der Zentralbank unverschleiert geschaffene Geld nicht nur zusätzlich an die Banken zu verleihen, damit die Kreditrate steigen kann. Auch an den Staat könnte es zur Schuldentilgung ausgezahlt werden. Darüber hinaus hält er es nicht zuletzt für wichtig, zumindest Teile des Geldes an die Privathaushalte zu überweisen – als Zusatzeinkommen, gespeist von einer „Grundeinkommensidee“.

Wie gesagt, die sprichwörtliche württembergische Hausfrau hätte mit Anwendung der Grundrechenarten auch selbst darauf kommen können, dass ihr manches von Wirtschaftswissenschaften und Politik nur vorgespiegelt wird. Auch die Sachverhalte, die Wallace schon im 19. Jahrhundert erfasst hat, könnte sie im Prinzip bei ruhiger Betrachtung und allgemeiner Schulbildung selbst begreifen, wenn sie sich nicht nur dafür interessiert, mehr Haushaltsgeld zu bekommen – und die gesamte Wirklichkeit sonst mutwillig oder desinteressiert auszublenden. Binswanger und Wallace sehen das soziale Problem, das mit einem ökologisch orientierten Wirtschaften zusammenhängt, sehr genau – und versuchen dafür verschiedene Vorschläge zu unterbreiten. Beide sind aber ganz sicher davon überzeugt (gewesen) und haben es auch teilweise nachgewiesen, dass die bis heute dominierende Form des wirtschaftlichen Handelns selbstzerstörerisch ist. Daher unterstellen beide, dass der Mensch, anspruchsvoll Freiheit ausüben und ethisch handeln könne.