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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegen Weisheit und Liebe verborgen …


Die unbe­ab­sich­tig­ten Rück­kopp­lungs­pro­zes­se und die magi­sche Geld­quel­le des Wirt­schafts­sys­tems

Alfred Russel Wallace (1823-1913)


Im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts wurde allgemeiner bewusst:

(1)   Die wirtschaftlichen Erfolge beruhen auf der technisch-wirtschaftlichen Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse, insbesondere der Physik und Chemie.

(2)   Zugleich war klar, dass wissenschaftliche Erkenntnisse auf einer z. T. experimentellen Praxis beruhen, mithin Formen des Handelns sind. Wie alle Formen des Handelns müssen auch die wirtschaftlich umgesetzten wissenschaftlichen Erkenntnisse auf ihre möglichen Folgen bedacht werden, Peirce zufolge gilt dies natürlich schon bei der Reflexion der wissenschaftlichen Erkenntnisse selbst.

„Bedenken Sie, welche Wirkungen, die denkbarerweise praktische Relevanz haben könnten, wir dem Gegenstand unserer Konzeption zuschreiben. Folglich besteht die Konzeption dieser Wirkungen aus dem Ganzen unserer Konzeption des Gegenstands!“

(Charles Peirce, How to make our ideas clear, 1878)

(3)   In der Biologie wurde deutlicher, dass Organismen stets auf ihre Umwelt bezogen sind, eine anständige Bestimmung eines Organismus muss sein Verhältnis zur Umwelt genau erfassen.

(4)   Die Wirklichkeit ist insgesamt als Prozess zu verstehen, keineswegs als eine relativ stabile Ansammlung von Gegenständen, Dingen usf. Neben den Prozesscharakter der Wirklichkeit tritt daher immer stärker die Betonung von Beziehungen von Ereignissen, Dingen und Gegenständen, mithin die Kategorie der Relation. Entsprechend waren mathematisch-logisch in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts Wahrscheinlichkeitstheorie und Relationenlogik entstanden.

(5)   Man erkannte, dass der Organismus „Mensch“ mithilfe wissenschaftlicher Erkenntnisse seine Umwelt veränderte.

(6)   Und man erkannte, dass es hier Rückkopplungsprozesse geben könne. Diese zeigten sich einerseits bei Arbeitsunfällen, andererseits aber deutlich daran, dass die Luft beispielsweise in großen Städten wie London gesundheitsschädlich, keineswegs nur unangenehm war.

(7)   Alfred Russel Wallace zählte eigentlich nur zwei und zwei zusammen, wendete also die „Grundrechenarten“ (Angela Merkel) an, als er als mögliche Folge der Industrialisierung aufgrund des erhöhten Kohlendioxidstoßes eine menschlich miterzeugte Erwärmung des Klimas ernsthaft in Betracht zog.

„Der große Luftozean, der uns umgibt, hat die wunderbare Eigenschaft, die Wärmestrahlen der Sonne durchzulassen, ohne selbst von ihnen erwärmt zu werden; aber wenn die Erde aufgeheizt wird, erwärmt sich auch die Luft durch den Kontakt mit ihr und auch in erheblichem Maß durch die Hitze, die die warme Erde abstrahlt, denn reine, trockene Luft lässt die dunklen Wärmestrahlen zwar ungehindert passieren, aber der Wasserdampf und die Kohlensäure [CO2] in der Luft fangen sie ein und absorbieren sie.“ (Des Menschen Stellung im Weltall, 1903)

Wallace war eine der interessantesten intellektuellen Figuren der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, weil er wie etwa Peirce sich nicht mit dem naiven Materialismus der Zeitgenossen zufriedengab. Selbst Mitentdecker der biologischen Evolutionstheorie bestritt er im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, dass Mathematik, Kunst, Musik usf. durch die natural selection erklärt werden könnten, worauf noch die Erfindung der „Meme“ durch Richard Dawkins reagiert. Er wandte sich wie eine Reihe von Intellektuellen spiritualistischen bzw. auch spiritistischen Experimenten und Denkweisen zu, weil er – in der Tradition der Romantik – die schlichte Kombination von Materialismus und Mechanismus, wie sie uns auch in manchen Wirtschaftstheorien begegnet ist, unbefriedigend fand. Obwohl er Darwin persönlich schätzte, lehnte er die in seiner Theorie enthaltenen sozialdarwinistischen Pointen ab, ebenso die Tendenz zur Eugenik, die ebenfalls in diesem Kontext entstand. Sozial und politisch war er eher demokratischer Sozialist. Vor allem aber zeigten seine eigenen Forschungen:

„In Tropical Nature and Other Essays (1878) warnte er vor den Gefahren der Abholzung und Erosion des Bodens, besonders in tropischen Gebieten mit großen Niederschlagsmengen. Nachdem er auf die komplexen Interaktionen zwischen Vegetation und Klima aufmerksam geworden war, warnte er, dass die übermäßige Abholzung des Regenwaldes für den Kaffee-Anbau in Ceylon und Indien das Klima dieser Länder ungünstig beeinflussen könnte und später zu ihrer Verarmung führen würde, weil die Erosion des Bodens den weiteren Anbau unmöglich machen würde.[2] In seinem Buch Island Life griff Wallace erneut das Thema der Abholzung auf und beschrieb den Effekt von Neobiota, also von invasiven Arten, die durch den Menschen in fragile Ökosysteme eingeschleppt werden.“ (Art. Wikipedia zu Alfred Russel Wallace)

Die spiritualistische Neigung, die Wallace öffentlich verteidigte, war die Angriffsfläche, um seine ökologischen Positionen madig zu machen. Wie sich aber zeigt, hatte er weithin recht. Peirce’ Position besagt, dass die reale Möglichkeit solcher Folgen in das praktische Handeln eingehen muss, Wallace setzte sich beispielsweise für eine bessere Landverteilung ein, mithin übersah er das soziale Problem keineswegs. Die sozialökologische Position von Wallace besagt mithin, dass der Mensch nur dann ethisch reflektiert seine Stellung im Universum findet, wenn er sozialverträglich mit seinesgleichen und mit seiner natürlichen Umwelt lebt. Den Zynismus der darwinschen Theorie lehnte er mithin ab. Die ökonomische Ausbeutung der Erde, wie sie etwa im „Kommunistischen Manifest“ gefordert wird, hielt er entsprechend für naiv, weil auf mittlere und lange Sicht soziales Unheil daraus folge. Auf manche Diskussionen im Kurs bezogen, ist zu sagen, dass dieser Ökologe in keiner Weise eine Randfigur des gesellschaftlichen Diskurses war, sondern eher eine umstrittene Persönlichkeit. Man konnte seine Texte in den USA, Großbritannien und Deutschland lesen. Aber man verweigerte sich seiner Botschaft und lenkte auf Nebenthemen ab.

Hans Christoph Binswanger (*1929)

Binswanger ist wohl der erste bedeutende Ökonom, der auf die ökologische Problematik des wirtschaftlichen menschlichen Handelns wissenschaftlich einging. Ebenso verweigerte er den üblichen Geldtheorien seiner Zunft den Glauben, sondern entwickelte sehr eigenständige Ansichten, die u. a. auf der Romantik und insbesondere Goethe beruhen. Wie Brodbeck glaubt er, dass bestimmte Sachverhalte, die ökonomisch grundlegend sind, zuletzt von Aristoteles in der „Politik“ geäußert worden sind. Binswanger ist ein freundlicher, älterer Herr, der freilich geistig ganz unabhängig ist und dem intellektuellen Geröll seiner Zunftgenossen mit einer bewundernswerten ironischen Unbeugsamkeit gegenübersteht, wie ich auf einer Tagung in Bad Boll zum Zinsthema im Frühjahr 2008 erleben durfte. Er hat in den 1970er Jahren erkannt, dass sowohl die liberalen als auch die marxistischen Wirtschaftstheorien schon deshalb falsch sind, weil sie die u. a. von Wallace herausgefundenen natürlichen Rückkopplungsprozesse des wirtschaftlichen Handelns souverän missachten. In der sogenannten „Finanzkrise“ konnte er nochmals nachweisen, dass die offiziellen ökonomischen Geldtheorien nicht richtig sind, vielleicht bleibt manches von Keynes bestehen. Beide Theorieelemente – ökologisches Wirtschaften und Geldtheorie – hängen im Wachstumsthema zusammen. Binswanger versucht also – pointiert formuliert – zu erklären, warum die Wirtschaft stets wachsen soll bzw. wächst, zugleich aber auch die Grundlagen menschlichen Lebens zerstört. Binswanger geht mithin der Unheimlichkeit unseres eigenen Handelns nach, das wir alltäglich mehr oder weniger akzeptieren, es aber ethisch eigentlich nicht akzeptieren dürften. Da er nach St. Gallen berufen wurde, entwickelte sich an dieser ursprünglichen Handelshochschule eine bedeutende Wirschaftsuniversität, in der ernsthaft über Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt nachgedacht und geforscht wird. Binswangers Arbeiten haben u. a. das „St. Galler-Modell“ beeinflusst.

Binswanger ist ein Mann der ruhig geäußerten deutlichen Worte:

„Die Frage ist also nicht, ob es zu einer neuen Blase kommt, sondern nur, wo und wie?

Das kann ich nicht genau sagen, dazu fehlt mir die Fantasie. Mir wären ja auch nicht die strukturierten Kreditverbriefungen eingefallen, die die jetzige Krise mitverursacht haben. Aber ganz sicher ist, dass eine der nächsten Blasen wieder bei den Rohstoffen und Nahrungsmitteln auftreten wird. Die Internationale Energieagentur hat kürzlich prognostiziert, dass der Ölpreis auf 200 Dollar pro Barrel steigen wird. Ein solcher Trend nach oben muss die Spekulation anreizen.“

taz vom 03.12.2008

Die „Finanzkrise“ ist also Binswanger zufolge kein Zufall, sondern liegt in der ökonomischen Logik des Geldes und entsprechender gewöhnlicher Handlungsweisen. Wie man an der Spekulation gegen Griechenland zurzeit sieht, liegt er damit richtig, denn die Ratingagentur „Standard & Poors“, die schon in der „Finanzkrise“ negativ tätig war, hat die Kreditwürdigkeit von Griechenland, Portugal und Spanien heruntergestuft, was die EU veranlasst, Griechenland mit dem Internationalen Währungsfond finanziell zu helfen, damit dieses Land überhaupt noch seine Schulden bei spekulativ steigendem Zinssatz zurückzahlen kann.

Binswanger hat mit „Geld und Magie“ 1985 eine interessante Faustinterpretation aus ökonomisch-philosophischer Perspektive in einem Buch vorgelegt, dass nicht zufällig 2009 eine dritte Auflage erlebt hat. In diesem Buch sind die ökologische und die geldtheoretische Perspektive miteinander verbunden, es geht um die Klärung der Frage: Worin besteht der ökonomische Grund des Wachstums, das zugleich selbstzerstörerische Folgen zeitigt?

„Wenn wir den Faust aufmerksam lesen, dann kann es keinen Zweifel geben, dass Goethe der modernen Wirtschaft einen … alchemistischen Kerngehalt diagnostiziert. Dieser ist es, der der Wirtschaft heute ihre ungeheure Anziehungskraft verleiht, sodass sie allmählich alle Lebensbereiche in ihren Sog zieht. Es geht um die Möglichkeit eines kontinuierlichen Wachstums der Produktion ohne eine entsprechende Erhöhung des Leistungsaufwands.“ (23)

Das besagt nach Binswanger, das poetische Interieur des „Faust II“ enthalte – in dem allerlei merkwürdige Figuren der Esoterik und Hermetik auftreten, auch der Teufel als Mephistopheles – Goethes zu Lebzeiten nicht veröffentlichte Gesellschaftsdiagnose:

„Heute wird die Alchemie als Aberglaube abgetan. Es heißt, dass sich seit dem Aufkommen der modernen Wissenschaften die Geldmacherei endgültig als Phantasmagorie erwiesen habe und daher niemand mehr sinnlos seine Zeit mit solchen abstrusen Vorhaben vergeuden wolle. Ich behaupte etwas anderes: Die Versuche zur Herstellung des künstlichen Goldes wurden nicht deswegen aufgegeben, weil sie nichts taugten, sondern weil sich die Alchemie in anderer Form als so erfolgreich erwiesen hat, dass die mühsame Goldmacherei im Laboratorium gar nicht mehr nötig war. … Wir können den Wirtschaftsprozess als Alchemie deuten, wenn man zu wertvollem Geld kommen kann, ohne es vorher durch eine entsprechende Anstrengung verdient zu haben, wenn also eine echte Wertschöpfung möglich ist, die das Gesetz der Erhaltung von Energie und Masse außer Kraft setzt, die ein ständiges Wachstum der Wirtschaft möglich macht, das an keine Begrenzung gebunden ist, das schnell und immer schneller vor sich geht und in diesem Sinne Zauberei oder Magie ist.“ (1985, 22f)

Im „Faust II“ tritt Faust als schöpferischer Unternehmer auf, der finanzpolitisch agiert, indem er das Papiergeld einführt, aber vor allem mithilfe moderner Technik Land gewinnen will. Mephistopheles stellt aber die (selbst-)zerstörerische Pointe dieses Vorgehens dar:

„Faust:

Da rase draußen Flut bis an den Rand,

und wie sie nascht, gewaltsam einzuschließen,

Gemeindrang eilt, die Lücke zu verschließen. […]

Mephistophes (für sich):

Du bist doch nur für uns bemüht

Mit deinen Dämmen, deinen Buhnen;

Denn du bereitest schon Neptunen,

Dem Wasserteufel, großen Schmaus.

In jeder Art seid ihr verloren;

Die Elemente sind mit uns verschworen,

Und auf Vernichtung läuft’s hinaus.“

Binswanger kommentiert das folgendermaßen:

„Wer denkt hier nicht unwillkürlich an die Auseinandersetzung über die Atomenergie …, von der die heutigen Jünger Fausts sagen, dass für alle denkbaren Unfälle Sicherheitsvorkehrungen geschaffen und alle Gefahren gebannt werden können, während die Gegner glauben, die Worte des Mephistopheles zu hören?“ (63)

Binswanger zufolge hat die poetische Darstellung Goethes tatsächlich bestimmte Kernelemente der modernen Wirtschaft und ihrer selbstzerstörerischen Aspekte erfasst. Ihm zufolge sieht das Wirtschaftssystem, seine Elemente und Relationen (wie in Grafik 7 dargestellt) aus:

Grafik sieben des Kurses

Grafik sieben des Kurses

Grafik 7 des Kurses (Binswanger, Vorwärts zur Bescheidenheit, 2009, 20)

Das Bild stellt eine stets wachsende Spirale dar, die Wachstumsspirale. Das Wirtschaftssystem besteht aus drei Größen bzw. Elementen:

  • Bankensystem [B];
  • Unternehmen [U];
  • Haushalte [H].

Das Bankensystem (Zentralbank, Geschäftsbanken) steht als „alchemistische“ Geldschöpfungsquelle im Zentrum des Systems. Neben das Papiergeld treten als Beziehungen bzw. Relationen im System nun aber vor allem Sichteinlagen („Bankgeld“), die sich leicht vermehren lassen. Das System ist als prinzipiell dynamisch gedacht, es wird von der Natur als Ressource gespeist, die Steigerungstendenzen werden durch die menschliche Imagination, Fantasie usf. geleistet. Binswanger hält fest, dass es Rückwirkungen auf die Natur seitens der Unternehmen und der Haushalte gibt. Konsumgüter und Arbeits- wie Produktionsleistungen runden das Bild ab, das allerdings keinen Kreis, sondern eine Spirale darstellt. Der magische Aspekt, der dies zusammen mit kostengünstiger Naturvernutzung und Imagination leistet, ist die Geldschöpfung im Bankensystem, die nicht zuletzt über Sichteinlagen bzw. das „Bankgeld“ läuft.

Binswanger selbst kommentiert seine Grafik so:

„Die Ausweitung des Kreislaufs zur Spirale wird ermöglicht durch die Entnahme von Ressourcen aus der Natur (bei gleichzeitiger Abgabe von Abfällen und Emissionen an die Natur), durch die Imagination des Menschen, der neue Produkte und Verfahren erfindet, sowie durch die Geldschöpfung auf dem Kreditweg (dicke Pfeile)“ (2009, 20).

Binswanger zufolge verhält es sich nicht so, dass die Banken bloß die Spareinlagen von Haushalten und Unternehmen wieder an kreative Unternehmer/innen weitergeben. Stattdessen nimmt jede Geschäftsbank für einen Kredit an Haushalte und Unternehmen einen Kredit bei der Zentralbank auf. Dieser ist durch eine Kreditverbriefung des gewährten Kredits „gesichert“ – schon lange nicht mehr durch „Gold“. Mithin befindet sich die in der sogenannten „Finanzkrise“ sicher gesteigerte Methode der „Kreditverbriefung“ im Zentrum des Bankensystems, es geht hier also keineswegs um die ungeheure „Gier“ der Banker/innen, sondern nur um eine Methode, die in allen kapitalistischen Staaten genauso angewendet wird.

Weiter hält Binswanger entsprechend das Kreislaufdenken bzw. die Idee, dass rechnerisch immer ein Gleichgewicht von Gewinnen und Verlusten bestehe, in Wachstumswirtschaften für empirisch falsch, auch wenn die Liberalen und Neoliberalen so gerne vom „Gleichgewicht“ als Prinzip der Wirtschaft reden, hier ist er mit Kondratjew und Keynes einig. Der nötige Geldzufluss für das Wachstum kommt aus dem Bankensystem.

An sich hätte mit Anwendung der „Grundrechenarten“ die heute so sprichwörtliche „württembergische Hausfrau“ selbst darauf kommen können:

Damit die Verwandlung der Geldschöpfung in reale Wertschöpfung gelingt, müssen die Unternehmungen, die in Ergänzung zum Eigenkapital Kredite aufnehmen, einen Gewinn erzielen können, aus dem der Zins für die Kredite bezahlt wird und der darüber hinaus auch noch einen Reingewinn enthält, der das Investitionsrisiko des Eigenkapitals kompensiert. Das Investitionsrisiko besteht darin, dass die Investitionen erst in der Zukunft ausreifen, indem die Güter, die aufgrund der Investitionen heute produziert werden, erst morgen verkauft werden können … Die Arbeitsleistungen und Produktionsmittel (Boden, Energie, Rohstoffe) müssen aber heute schon bezahlt werden – und die Zukunft ist immer unsicher. …

Dies muss im Durchschnitt für alle Unternehmungen gelten, wenn die Wirtschaft funktionieren soll. Das heißt: Es muss die Chance eines Gewinns stets größer sein als die Chance eines Verlusts. Der Erwartungswert des Gewinns in der Gesamtwirtschaft muss positiv sein. Dies ist aber nur dann der Fall, wenn die Häufigkeit des Gewinns stets größer war und weiterhin größer ist als die Häufigkeit des Verlusts, wenn also die Unternehmungen im Saldo stets Gewinne gemacht haben und machen, also aus der Summe von Gewinnen und Verlusten stets ein Gewinnüberschuss resultiert.“ (2009,17f)

Dabei versteht Binswanger den Leitzins der Zentralbank und den Zins der Geschäftsbanken als Preis für den Kredit. Die Gefahren dieses Systems der kontinuierlichen „alchemistischen“ Geldschöpfung im System von Zentralbank und Geschäftbanken über Sichteinlagen, Bankgeld bzw. Kreditverbriefungen sind u. a. Inflation und „Blasen“. Letztere sind wg. der Imagination des Menschen äußerst wahrscheinlich. Wie Keynes unterstellt auch Binswinger, dass es sich in der Wirtschaft in der Regel um Abduktionen auf die Zukunft handelt, weshalb aus seiner Sicht auch unternehmerischer Gewinn gerechtfertigt ist.

Man könnte natürlich versuchen, die Gleichtgewichtsidee und die Anschauung, Wirtschaft sei ein Kreislauf bzw. es gäbe einen Kreislauf des Geldes aufrechterhalten, indem man unterstellt, dass die fortwährenden Gewinne der Unternehmen durch Verluste der Haushalte ausgeglichen werden. So verhält es sich nach Binswanger aber nicht:

„Damit die Unternehmungen zusammen im Saldo stets Gewinne erzielen können, müssen daher die Einnahmen aller Unternehmungen zusammengenommen stets größer sein als die Ausgaben aller Unternehmungen zusammen. Dies ist offensichtlich nicht möglich, wenn das Geld nur im Kreis läuft; d. h., wenn das Geld, das die Unternehmungen den Haushalten für ihre Produktionsleistungen bezahlen, einfach wieder von den Haushalten dazu benutzt wird, die Produkte zu kaufen, die die Unternehmungen mit ihrer Hilfe hergestellt haben.“ (18)

Die Idee, dass es einen Geldkreislauf und sogenannte „Gleichgewichte“ gäbe, ist mithin rein fiktiv, möglicherweise den wahren Sachverhalt sogar verschleiernd:

„Es könnten dann weder Zinsen bezahlt noch Reingewinne erzielt werden, die das Risiko des Kapitaleinsatzes decken. Ein positiver Gewinnsaldo und damit die Möglichkeit, Zinsen für das Fremdkapital zu bezahlen und Reingewinne zu erzielen, kann gesamtwirtschaftlich nur entstehen, wenn ständig Geld zufließt.“ (ebd.)

Es ist keine Frage, dass Binswanger – geleitet von der univeral orientierten romantischen Sichtweise, die durch Goethe moderater und teilweise auch besonnener dargestellt wird – seine Theorie so entwickelt, dass sie selbst zur Ethik beitragen kann.

Binswanger hält es für nötig, dass das Wachstum weltweit auf 1,8 % beschränkt bleibt. D. h., in unserer Weltgegend muss es erheblich niedriger liegen, weil China und Indien, die afrikanischen Länder noch Nachholbedarf haben, um eine menschenwürdige Lebensweise zu erreichen.

  • Raubbau an der Natur wird so begrenzt;
  • Spekulationsblasen mit großen wirtschaftlichen Folgen werden unwahrscheinlicher;
  • Er hält entsprechend eine Transformation der Aktiengesellschaft hin zu eher genossenschaftlichen Unternehmensformen für „nachhaltiger“, dies geht gegen den sogenannten „Shareholder-Value“ der Börsenspekulationen.

Mithin versucht er die Probleme des in Grafik 7 dargestellten Wirtschaftssystems nicht isoliert zu betrachten und bestimmte Aspekte gar nicht zu erwähnen oder auszublenden, wie dies in der Wirtschaftswissenschaft, aber auch in der Wirtschaftspolitik weithin passiert. So müsste in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung auch eine Ökobilanz eingehen. Damit muss auf die eine oder andere Weise der Naturverbrauch bzw. die Naturschädigung finanziell entgolten werden. Dies tendiert wohl dazu, das Wachstum einzuschränken. Die Ökosteuer in Deutschland ist ein erster, aber deutlich umkämpfter Schritt in diese Richtung, nach Binswanger müsste dies erheblich umfassender sein.

Weiter hält er eine Geldreform für entscheidend:

Im Anschluss an Irving Fisher sowie Joseph Huber und James Robertson schlägt Binswanger ein sogenanntes „Vollgeld“ vor. Für die Europäische Zentralbank müsse gelten:

„Der EZB-Rat hat das ausschließliche Recht, die Ausgabe von gesetzlichen Zahlungsmitteln zu genehmigen. Gesetzliche Zahlungsmittel umfassen Münzen, Banknoten und Sichtguthaben.“

So müsse die Satzung der EZB geändert werden.

Das Ziel besteht in der Verhinderung der ständigen Geldvermehrung durch Sichtguthaben bzw. „Bankgeld“. Die Kreditvergabe erfolgt daher nur im Rahmen des verfügbaren Zentralbankgeldes. Zumindest würden „Spekulationsblasen“ hierdurch vermeidbarer. Allerdings muss die Zentralbank auch weiterhin Geldschöpfung betreiben. Denn es bleiben ja weiterhin:

  • Gewinnrate der Unternehmen:
  • Zinsen.

Würde man versuchen, das Wachstum sozusagen auf „Null“ zu bringen, tritt nach Binswanger allmähliche Schrumpfung ein, daher seine weltweite Wachstumsrate von 1,8 %. Wie Wallace sieht Binswanger auch das soziale Problem, das mit seiner Position entsteht. Daher erwägt er, das zusätzlich von der Zentralbank unverschleiert geschaffene Geld nicht nur zusätzlich an die Banken zu verleihen, damit die Kreditrate steigen kann. Auch an den Staat könnte es zur Schuldentilgung ausgezahlt werden. Darüber hinaus hält er es nicht zuletzt für wichtig, zumindest Teile des Geldes an die Privathaushalte zu überweisen – als Zusatzeinkommen, gespeist von einer „Grundeinkommensidee“.

Wie gesagt, die sprichwörtliche württembergische Hausfrau hätte mit Anwendung der Grundrechenarten auch selbst darauf kommen können, dass ihr manches von Wirtschaftswissenschaften und Politik nur vorgespiegelt wird. Auch die Sachverhalte, die Wallace schon im 19. Jahrhundert erfasst hat, könnte sie im Prinzip bei ruhiger Betrachtung und allgemeiner Schulbildung selbst begreifen, wenn sie sich nicht nur dafür interessiert, mehr Haushaltsgeld zu bekommen – und die gesamte Wirklichkeit sonst mutwillig oder desinteressiert auszublenden. Binswanger und Wallace sehen das soziale Problem, das mit einem ökologisch orientierten Wirtschaften zusammenhängt, sehr genau – und versuchen dafür verschiedene Vorschläge zu unterbreiten. Beide sind aber ganz sicher davon überzeugt (gewesen) und haben es auch teilweise nachgewiesen, dass die bis heute dominierende Form des wirtschaftlichen Handelns selbstzerstörerisch ist. Daher unterstellen beide, dass der Mensch, anspruchsvoll Freiheit ausüben und ethisch handeln könne.

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Info:
Die unbe­ab­sich­tig­ten Rück­kopp­lungs­pro­zes­se und die magi­sche Geld­quel­le des Wirt­schafts­sys­tems ist Beitrag Nr. 1739
Autor:
Martin Pöttner am 1. Mai 2010 um 14:43
Category:
Biologie,Ökologie,Wirtschaft und Philosophie,Zeichen und Philosophie
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3 Comments »

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    #1 Trackback vom 15. Juli 2010 um 20:41

  2. Wissenschaftstheorie II » Alltag und Philosophie

    […] und Theo­ri­en nur als zu fal­si­fi­zie­ren­de Theo­ri­en betrach­tet, dabei waren die Ansich­ten von Alfred Rus­sel Wal­lace im Kern rich­tig. Sie müs­sen wie jede Theo­rie natür­lich ange­passt wer­den. Aber die Idee des Erkennt­nis­zwei­fels, […]

    #2 Pingback vom 24. Juli 2010 um 09:03

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