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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegt die Weisheit verborgen …


30. Juli 2010

Wissenschaftstheorie III

1               Einige offene Erinnerungspunkte

Zur Frage des radikalen Konstruktivismus stelle ich gerne den Text des Kollegen Peter Lampe zur Verfügung, weil dieser sehr klar reflektiert ist:

Die Doppelstruktur, dass das ontisch-reale Gehirn zwei sich widersprechende Konstrukte generiert, ein alltagswirkliches und ein naturwissenschaftliches, erkannten wir bereits … Einerseits konstruiert das ontisch-reale Gehirn aufgrund eines bestimmten (mir unzugänglichen) Reizes aus der ontischen Realität die Farbwahrnehmung Rot, andererseits entwirft es das naturwissenschaftliche Bild, dass dieser Umweltreiz farblos ist und lediglich aus einer bestimmten (mir zugänglichen, in Nanometern bezifferbaren Frequenz) elektromagnetischer Wellen besteht. “Rot” verhält sich zu “eine elektromagnetische Wellenfrequenz um 700 Nanometer reizt den (wirklichen) visuellen Apparat, Rot wahrzunehmen”, wie “Mein Ich ist Autor des motorischen Tuns” sich verhält zu “Ein ‘readiness potential’ des wirklichen Gehirns setzt mein Tun in Gang”. Je widerspricht das eine Bildkonstrukt dem anderen. (Peter Lampe, Die Wirklichkeit als Bild, 2006, 59)

U. a. hierdurch ist mein Urteil über die grundsätzlich positivistische Natur des radikalen Konstruktivismus geprägt, dies lässt sich leicht im Verhältnis zu dem zu Peirce und Dewey schon Gesagten nachvollziehen. Die Aufgabe eines Kurses kann aber nur sein, Anregungen und Quellen zum eigenen Urteil zu geben. Im Pragmatismus gibt es derartige Auffassungen nicht, wohl aber im Positivismus, etwa bei Poppers Schüler Feyerabend. Das ist auch kein Geheimnis, nur dass die Positivisten nicht so vom Gehirn gesprochen haben, liegt auf der Hand. Ansonsten besteht der Glaube an die sinnliche Evidenz genauso, allerdings bleibt diese aporetisch. Denn das Gehirn „konstruiert“ eben widersprüchlich.

Die Pragmatisten sind keine Positivisten, das müssen wir in der kommenden Sitzung noch näher verstehen. Daher gibt es mindestens zwei Typen der Wissenschaftstheorie. M. E. sogar nur diese beiden …

Zum Verständnis des Ausdrucks „Pragmatismus“. Es ist besser, die gewöhnliche Verwendung, dass man mit etwas „pragmatisch“ umgeht, nicht als Leitidee als Hintergrund des Verstehens zu verwenden. Wesentlich ist, dass die Pragmatisten die Realität als Prozess einstufen, in den wissenschaftliches Erkennen praktisch eingreift und dann auch auf die Zukunft bezogen ein Veränderungspotenzial entfaltet. Wie Peirce sehr häufig, aber auch Dewey betont haben, ist diese Idee nicht genuin „amerikanisch“. Sie findet sich im Wesentlichen wohl schon bei Aristoteles zumindest in seinen gesellschaftsbezogenen Schriften angedeutet oder gar ausgeführt. Sie liegt sicher auch der „Kritik der praktischen Vernunft“ Kants zugrunde, im Kern aber auch schon der „Kritik der reinen Vernunft“. Denn die Grenzen der Vernunft, die dort gezogen werden, sind jedenfalls auch solche praktischer Art. Dass dabei Verantwortlichkeit für das eigene wissenschaftliche Tun ausgeschlossen sei und diese nur eine Frage der „Umsetzung“ sei, ist eine Idee der Positivist/inn/en. Sie findet sich am Ende des 19. Jahrhundert interessanterweise auch im Neukantianismus. Diese Auffassung ist logisch unhaltbar, wenn dabei unterstellt wird, dies ließe sich sozusagen „wissenschaftlich“ oder „logisch“ ableiten. Wissenschaftliche Verfahrensweisen zu befolgen oder „logisch“ zu denken, ist stets eine Aufforderung, wie die Texte von Weber und Popper schon in ihrer sprachlichen und logischen Form zwingend zeigen. Peirce hatte das entsprechend notiert und daher die Ethik als oberste normative Wissenschaft angesehen, welcher auch die Logik als Theorie des kontrollierten Denkens untergeordnet sei.

Die Positivist/inn/en unterstellen also, dass es eine sinnliche Evidenz gäbe, auf der sich dann wissenschaftliche Theorien durch logisch korrekte Kombination aufbauen ließen. Wittgenstein hat das insofern präzisiert, dass tatsächlich die sinnliche Wahrnehmung durch die Sprache dominiert sei, mithin ließ sich ihm zufolge das positivistische Programm nur dann aufrechterhalten, wenn die Sprache im Aussagesatz, der Proposition ein Bild der sinnlichen Wahrnehmung von Einzelsachverhalten darstelle. Dass dann alle wichtigen Themen wegfallen, weil so nur die „Naturwissenschaften“ vorgehen könnten, führt zum Postulat einer individuellen mystischen Erfahrung, in der die Frage nach dem Lebenssinn schweigend beantwortet werde.

Popper ist schon bei Prüfungen eines Doktoranden gegen diese Position als Zweitprüfer angerannt, konnte sich aber nicht durchsetzen und war philosophisch weitgehend isoliert. Daher unterstellte er auch öffentlich, seine eigene Falsifikationstheorie sei nicht positivistisch, ein rhetorischer Versuch, der aber keiner kritischen Nachprüfung Stich hält. Popper bezweifelt nachhaltig, dass die induktive Verallgemeinerung von Sinneserfahrungen in den Naturwissenschaften, Geschichtswissenschaften, Sozialwissenschaften usf. haltbar sei. Es handelt sich um eine „Katastrophentheorie der Erkenntnis“, wie es Frank Miege formuliert hat. Dabei übernimmt er entweder ohne Kenntlichmachung bestimmte Einsichten von Peirce’ Quantorenlogik, die gezeigt hatte, dass eine durch „alle“ oder „einige“ bestimmte Aussage praktisch zu interpretieren sei – und verkürzt sie falsifikatiorisch. Oder er hat das wirklich aufgrund der Lektüre der „Principia Mathematica“ von Russell und Whitehead selbst entworfen. Im ersten Fall wäre das für die Reputation von Popper betrüblich, im zweiten leicht kritisierbar. An sich war Poppers Punkt also schon gut sechzig Jahre bekannt. Die Eleganz von Peirce’ Quantorenlogik besteht darin, dass ich jeden einzelnen Fall einer Menge oder eines Bereichs, über den Aussagen gemacht werden, untersuchen muss. Mit Falsifikationismus aber hat die Quantorenlogik an sich eher nichts zu tun. Und Peirce war in diesem Sinn erheblich weniger aufgeregt als Popper.

Bertrand Russell hat den Hauptunterschied von Positivist/inn/en und Pragmatist/inn/en klar formuliert: „Ein bedeutender Unterschied zwischen uns entsteht dadurch, so glaube ich, dass Dr. Dewey hauptsächlich mit Theorien und Hypothesen befasst ist, während ich mich hauptsächlich mit Behauptungen über einzelne Sachverhalte befasse.“ Verhielte es sich so, wie Wittgenstein im Tractatus behauptet, dann wäre mithin die positivistische Theorie basal recht abgesichert. Die „Behauptungen über einzelne Sachverhalte“ wären ein (sprachliches) Bild der Sachverhalte. Aber die Pragmatist/inn/en sind an diesem Punkt sehr hartnäckig gewesen. Sie halten auch die angebliche sinnliche Evidenz für zeichenhaft erschlossen, mithin können diese nicht als „matter of facts“ gehandelt werden. (Zitiert nach: The Essential Dewey II, 202) Möglicherweise könnte dies dann als „konstruktivistisch“ gedeutet oder eher missdeutet werden. Dass es sich anders verhält, werden wir am Montagabend genauer besprechen.

2               Typen von „Wissenschaft“

Seit der Entstehung der Quantenmechanik durch Planck, Heisenberg u. a. gibt es wohl keine Wissenschaft mehr, die in sich selbst nur einen homogenen Typ darstellt, vielleicht ist das noch bei der Chemie der Fall, aber schon die Biologie hatte nach Darwin auch noch von Uexküll u. a. wie Barbara McClintock, die dann innerhalb einer Wissenschaft verschiedene Konzeptionen derselben vertreten. So sieht es auch bei klassischer Physik und Quantenmechanik aus, zwar wird die Quantenmechanik von keinem Physiker bestritten, aber für den gewöhnlichen makroskopischen Bereich können ihre Effekte faktisch vernachlässigt werden, so jedenfalls viele Physiker/innen. Mithin hat auch nicht die Ablösung eines Paradigmas durch ein anderes stattgefunden, wie Thomas S. Kuhn behauptet (Th. S. Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen [stw 25]) hatte, in der Physik gibt es stattdessen tatsächlich unterschiedliche Ansichten über die Bedeutung der Quantenmechanik. Ludwik Fleck (Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache, 1935 [1980]) hatte hier von „Denkstilen“ gesprochen, Kuhn hatte das dann in eine historische Abfolge gebracht, die von manchen sogar als Fortschrittstheorie (miss)verstanden wurde. Diese Auffassung hat sich nicht bewährt.

Dies gilt seit ihren Anfängen bis heute auch für Soziologie, Psychologie, Geschichtswissenschaft, Ökonomie, Literaturwissenschaft, Linguistik, Ethnologie und auch für Kunstlehren wie die Medizin, die z. B. als Hintergrundtheorien klassische Physik und Chemie haben kann. Zugleich können aber auch andere Wissenschaften hier das Verhältnis von Gesundheit und Krankheit in der Praxis erhellen wie Psychologie, Soziologie und Kommunikationstheorie bzw. Hermeneutik, wie das etwa in der Psychosomatischen Medizin behauptet wird. Diese Tendenz besteht unverändert seit den 1850er Jahren, scheint also ein relativ stabiles Element der Wissenschaftsgeschichte und der Evolution der Wissenschaften zu sein. Meine Vermutung aufgrund meiner eigenen Arbeit in den letzten zehn Jahren besteht darin, dass das Wechseln der Modelle, ihre Gleichzeitigkeit und das Vorherrschen bzw. Zurücktreten von Betrachtungsweisen, wie eine Wissenschaft den Wirklichkeitsausschnitt, den sie zu bearbeiten vorgibt, modellhaft erfasst, in der neueren Zeit nicht zuletzt mit der Konkurrenz von Maschinenmodellen und komplexeren Modellen, die unterstellen, sie seien „ganzheitlich“ u. ä., zusammenhängt. Dewey sah daher für die Philosophie die Chance, als eine Art „Verbindungsoffizierin“ zwischen den Wissenschaften und den in ihnen z. T. konkurrierend vertretenen Denkstilen zu agieren (vgl. dazu auch kritisch: Michael Hampe, Erkenntnis und Praxis [stw 1776], 182ff).

Wenn ich ein Problem mit einem Maschinenmodell erkläre, beschreibe ich die Zusammenhänge eines Ereignisses oder von Ereignissen als Teil einer Maschine. Eine Maschine funktioniert nach einem bekannten Regelsystem – und die Zuordnung zu einer Regel daraus erklärt das Ereignis deduktiv. Aus dem Bestehen der Regel kann das Ereignis als einzelner Fall der Regel abgeleitet werden. So funktioniert im Kern auch die klassische Physik, wohl auch die Chemie. Aber seit Darwin den Zufall in die Biologie einführte, wurde prominent am deduktiv-mechanistischen Modell ein Fragezeichen angebracht, was dann bei von Uexküll u. a. z. B. zur Unterstellung von Kreativität führte, wofür Barbara McClintock möglicherweise mit ihren „springenden Genen“ möglicherweise experimentelle Belege brachte. Ihr zufolge ist der zumeist bis heute als „DNA-Junk“ o. Ä. bezeichnete Anteil des Genoms in der Lage bei großen Stresssituationen das Genom zu ändern.

Gegen das deduktive „Erklären“ wandte sich insbesondere in Deutschland im Kontext des Neukantianismus die Emphase des „Verstehens“. Dies sollte dann auch eine Ordnung unter den Wissenschaften schaffen, nämlich diejenige von Naturwissenschaften, welche „erklärten“, und „Geisteswissenschaften“, welche „verstünden“. Bei Dilthey u. a. war dabei wohl immer unterstellt, dass die Welt der „Natur“ sozusagen abständig betrachtet werden könne, dies könne man auch ruhig deduktiv erklären. Die Welt des „Geistes“ aber setzte unsere eigene Beteiligung, unser Interesse, unser Engagement voraus, weshalb er bei Literatur, Kunst, Geschichte usf. vom „Verstehen“ als Einfühlen sprach. Man konnte also nicht ohne eigene Beteiligung, eigenes Engagement geistige Erzeugnisse anderer Menschen „verstehen“, daher war ein subjektiv engagierter Stil in einzelnen Geisteswissenschaften erlaubt – und ist dies heute durchaus auch noch. Für Deutschland wurde dann durch Manfred Franks wichtige Interpretation von Schleiermachers Hermeneutik (Das individuelle Allgemeine, 1975) deutlich, dass Dilthey nicht nur eine falsche Interpretation von Schleiermachers Hermeneutik vorgelegt hatte, sondern dass insgesamt seine Auffassung zu einseitig gewesen war. Denn „geistige“ Erzeugnisse äußern sich immer nur zeichenhaft, selbst bei der Telepathie scheint es nicht anders zu sein. Mithin mussten die Regeln der Zeichen erfasst werden. Frank kam zu der Überzeugung, dass Schleiermachers Interpretationstheorie zu folgen sei. Dabei ginge es nicht um „Einfühlen“, sondern um den Versuch, Fremdes zu verstehen, bei Schleiermacher als „Divination“ bezeichnet, bei Peirce bekanntlich Abduktion. Die Hermeneutik oder Kulturwissenschaft steht, sofern man es nicht vereinfacht, vor der Aufgabe, stets Neues und Fremdes zu verstehen, mit dem man dann einverstanden oder auch nicht einverstanden sein kann. Und in der Folge von Schleiermacher war er auch der Überzeugung, dass man bestimmte geistige Erzeugnisse dann praktisch fortschreibt oder auch kritisch verändert. Darin besteht immer noch das Wahrheitsmoment von Diltheys Idee. Nur hatte er tapfer übersehen, dass in den USA die Pragmatisten zeitgleich diese Idee schon auf das Realitätsproblem insgesamt angewendet hatten. Die Anschauung, dass es nur solche Regeln gebe wie diejenigen in der Physik, aus denen das einzelne Ereignis zwingend deduktiv abgeleitet werden könne, hatte Peirce schon früh als „falsche Verallgemeinerung“ bezeichnet. D. h. aber auch, dass jenes zu verstehende Fremde mir eben nicht in jedem Fall vertraut ist, was dann nicht zuletzt in der Ethnologie gerade auch gegen Imperalismus und Eurozentrismus nicht zu Unrecht betont wurde. Man näherte sich also doch immer deutlicher der Auffassung des Aristoteles wieder an, es gebe vielleicht so etwas, das notwendig so sei, wie es sei. Für die ganz große Mehrheit der Fälle aber gelte: „Es kann alles immer auch anders sein.“ Davon ist die Frage deutlich zu unterscheiden, ob uns Sachverhalte der „Natur“, der „Gesellschaft“, der „Kultur“ so angehen, das wir zu Stellungnahme herausgefordert sind. Nach den Pragmatisten, die ein prozessphilosophisches Realitätskonzept haben, jedenfalls schon. Aber manchen Menschen ist die Astronomie und die Teilchentheorie völlig egal, ihnen sind andere Themen wichtiger. Zur klaren Unterscheidung in den Wissenschaften taugt daher m. E. die Eigenbeteiligung, das Engagement nicht, weil es dazu unterschiedliche Meinungen gibt, was dem einzelnen Menschen wichtig ist. Zur Unterscheidung taugt m. E. mithin auf den Spuren des Aristoteles nur die Unterscheidung nach Regeltypen und der Wahrscheinlichkeit des jeweiligen Regeltyps.

Philosophische Erwägungen zur Gliederung der Wissenschaften vor dem Hintergrund der Gesamttätigkeiten der Philosophie

Im Kern unterstellt heute wohl auch die Physik zumeist, dass ihre Regeln induktiv erschlossen sind, aber eben sehr gut. Das ist bei vielen Regeln sonst in der Wirklichkeit aber nicht der Fall. Für die Regeln der Sozialwissenschaften gilt natürlich eine geringere Wahrscheinlichkeit, weil die Dynamiken der Gesellschaften stärker sind. Was ist damit gemeint?

Eine soziologische Theorie ist nicht zu 50 % wahr, Alexandra Hake hat in einer Umfrage im Rahmen ihrer Dissertation nachgewiesen, dass viele Medizinstudierende nicht wussten, was es heißt, dass man ein bestimmtes prozentuell angebbares Krankheitsrisiko etwa als Raucher/in hat. Es geht darum, ob man unter allen Raucher/inne/n zu derjenigen Gruppe gehört, welche die Krankheit bekommt – oder nicht. Helmut Schmidt ist als wirklich schwerer Raucher nicht von einem Lungenkarzinom betroffen, mithin gehörte er offenbar nicht zu der entsprechenden Gruppe, natürlich lässt sich dies nicht ganz sicher sagen … In der Soziologie geht es um Handlungen oder Kommunikationen, die angenommen oder abgelehnt werden können, so auch in der Ökonomie, dort wird das aber nur von einer Minderheit anerkannt. Über das Annehmen oder Ablehnen von Handlungen oder Kommunikationen lassen sich induktive und nicht zuletzt abduktive Voraussagen machen, weil es für Ablehnung oder Annahme beobachtbare Gründe gibt, die von den Menschen durchaus geäußert werden. Entsprechend gibt es hierzu quantitave und qualitative Studien. Diese wissenschaftlichen Prognosen treffen auf viele soziale Prozesse zu, auf viele aber nicht. Warum? Weil offenbar viele Menschen doch anders handeln, als man es von ihnen erwartet, weshalb es vielen Theorien nicht gelungen ist, beispielsweise die Finanzkrise vorauszusagen u. Ä. Das gilt natürlich nur, wenn man nicht unterstellt, es gebe ein heimliches Regelsystem, dass alle Handlungen und Kommunikationen steuert. Gäbe es dies, wären alle Wissenschaften vom Typ der klassischen Physik, aber nicht einmal in der Medizin wird das heute noch – belehrt durch die Erfahrung – unterstellt, ansonsten wären die Doppelblindstudien kaum verstehbar. Denn dort wird ja nicht belegt, dass ein Medikament auf jeden Fall wirkt, sondern dass es bei einer größeren Gruppe statistisch betrachtet offenbar „besser“ wirkt als ein entsprechendes „Placebo“. Wobei hierbei kein kausaler Wirkungsbegriff, sondern ein statistischer Wirkungsbegriff zugrunde liegt.

Edmund Stoiber hat in der ihm eigenen deutlichen Art wieder einmal einen wichtigen Beitrag zur Wissenschaftstheorie geliefert, der durchaus die Situation in Deutschland, Europa und den Vereinigten Staaten, die tatsächlichen Kämpfe erhellt. „Wir können auch nicht ein Volk von Geisteswissenschaftlern sein, davon allein können wir nicht leben.“ Ich gehe nicht auf die problematische logische Form des Satzes bzw. Arguments ein. Von den Wissenschaften wird erwartet – und dies ist seit 1850 durchaus nicht unberechtigt –, dass sie praktisch wirksam sind. Dabei gilt als das hervorstechendste Praxismerkmal der Wissenschaften auch bei Stoiber, dass diese die ökonomische Sicherheit der Bevölkerung durch entsprechende Forschung, die dann wirtschaftlich angewendet wird, begünstigen. Bei Geisteswissenschaftler/inne/n scheint das nach dem Urteil Stoibers eher nicht der Fall zu sein. Sie sind vielleicht nicht unwichtig, aber bitte mehr Naturwissenschaftler/inn/en! Seit dem „Kommunistischen Manifest“ und dann auch detaillierter in Herbert Spencers „Die ersten Prinzipien der Philosophie“ ist der Sachverhalt grundsätzlich genau analysiert. Die Frage für den dritten Teil unseres Kurses lautet nun: Wie ist aus Ihrer Sicht Edmund Stoibers Argument zu beurteilen?

23. Juli 2010

Wissenschaftstheorie II

Die zweite Sitzung befasst sich mit der pragmatistischen Position. Dazu sind einige einleitende Bemerkungen nötig. Ich beginne daher mit einleitenden und abgrenzenden Bemerkungen zur neukantianischen und positivistischen Position (1). Als zweiten Punkt erörtere ich die Zeichenhaftigkeit der Erkenntnis und die daraus folgenden Konsequenzen (2). Peirce, Dewey und andere haben in der jüngeren Zeit entsprechend den Fallibilismus in den Wissenschaften begründet, der gelegentlich mit Poppers Falsifikationismus verwechselt wird (3).

Der Pragmatismus setzt keine statische Wirklichkeit voraus, daher setzt er auf Demokratie und in diesem Kontext wurde entsprechend die wichtigste nachklassische Erziehungstheorie entwickelt. Auch für eine erfolgreiche Wissenschaft als gesellschaftliches Subsystem ist diese Erziehung ausschlaggebend. Auf diesen Punkt gehe ich hier nicht gesondert ein, sondern verweise auf meine ausführliche Darstellung.

1               Hinführung und Abgrenzung

Der Pragmatismus ist mit einigen Aufsätzen auch in die wissenschaftstheoretische Diskussion eingetreten, die Charles Sanders Peirce seit 1868 in der Zeitschrift The Journal of Speculative Philosophy veröffentlicht hat, darunter auch der berühmte Aufsatz How to Make Our Ideas Clear (1878), am leichtesten erreichbar in: The Essential Peirce I, 1992, 142ff; eine einigermaßen passable Übersetzung findet sich in Apel, Peirce. Schriften zum Pragmatismus usf. (1991; stw 945), 182ff. Der philosophische Ansatz der ursprünglichen Pragmatisten Peirce, James, Dewey schätzt die Bedeutung der Wissenschaften hoch ein, daher gebührt ihnen auch philosophische Aufmerkamkeit. Aber bei den drei ersten bedeutenden Pragmatisten gibt es auch alltagsphilosophische, kulturphilosophische, soziologische, politische, religionsphilosophische und sogar psychologische Reflexionen. Peirce ist als Einzelwissenschaftler Logiker gewesen, er hat die moderne Relationenlogik mit entwickelt, außerdem war er einer der Begründer der Semiotik. William James gilt mit Recht als einer der Begründer der empirischen Psychologie. John Dewey ist nach meinem Urteil der bedeutendste nachklassische Pädagoge. Die Pragmatisten vertreten z. T. sehr unterschiedliche Positionen, aber sie eint dennoch eine Grundüberzeugung, die Dewey so zusammenfasst:

„Sofern sich jemand schon auf die Überzeugung verpflichtet hat, dass die Realität sauber und abschließend in einem Paket mit einem Band verpackt ist, das nicht mehr aufgeschnürt werden kann, es mithin keine unvollendeten Themen oder neue Abenteuer gibt, wird er der Auffassung widersprechen, dass Wissen eine Differenz erzeugt, wie man auch sonst jedem unverschämten aufdringlichen Menschen widerspricht. Doch sofern man davon überzeugt ist, dass sich die Welt selbst im Übergangsprozess befindet, warum sollte dann die Überzeugung, dass das Wissen der bedeutendste Modus ihrer Modifikation und das einzige Organ ihrer Leitung sei, a priori schädlich sein? (Does Reality Possess a Practical Character?, The Essential Dewey I, 124ff, 125).

Dies besagt im Kontext dieses grundlegenden Aufsatzes mindestens dreierlei:

(1)  Die Realität sei nicht nur praktisch erschließbar, das scheint aufgrund der experimentellen Praxis der Naturwissenschaften seit dem 17. Jahrhundert unabweisbar. Das wäre ein bloßer truism, eine bloße Binsenwahrheit. Die Pragmatisten vertreten aber darüber hinaus:

(2)  Die Realität steht den handelnden Menschen, auch den experimentierenden Wissenschaftler/innen nicht statisch gegenüber, sondern sie wird sowohl durch das Experiment als auch durch die darauf folgende Praxis verändert. Insofern befindet sich die Realität in einem durch menschliches wissenschaftliches Erkennen mitbestimmten Veränderungsprozess. Auch dies war im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts aufgrund der ökonomisch-technischen Umsetzung physikalischer und chemischer Erkenntnisse unabweisbar.

(3)  Darüber hinaus war allen klassischen Pragmatisten klar, dass auch die Folgen der Handlungen in der Wissenschaft in die Erfassung wissenschaftlicher Handlungen eingehen müssen. Auch bei heutigen Pragmatisten wie Putnam, Habermas, Hampe und Pape wird genau dies betont – und das ist angesichts des katastrophalen Scheiterns des wissenschaftlich-ökonomisch-technischen Projektes an der Klimaveränderung überaus aktuell.

So hatte Peirce als erster diesen Punkt in seiner „Pragmatischen Maxime“ ausdrücklich festgehalten:

“Bedenken Sie, welche Wirkungen, die denkbarerweise praktische Relevanz haben könnten, wir dem Gegenstand unserer Konzeption zuschreiben. Folglich besteht die Konzeption dieser Wirkungen aus dem Ganzen unserer Konzeption des Gegenstands!”

(Charles Peirce, How to make our ideas clear, 1878)

Für die Pragmatisten geht es also keineswegs nur wissenschaftlich darum, wie etwas ist, sondern auch darum, wie es sein wird, wie also die wissenschaftliche Erkenntnis etwas verändert, indem sie die Realität verändert, mithin eine Differenz erzeugt, die praktisch wirksam ist – gute, aber auch schlechte Folgen haben kann. Dies alles geht in einen verantwortlichen wissenschaftlichen Akt ein, Dewey hat mit Recht in seiner grundlegenden Darstellung der ursprünglichen pragmatistischen Positionen betont, dass Peirce gerade den Universalitätsaspekt in seiner ursprünglichen Bestimmung des Pragmatismus gemeint hat (The Development of American Pragmatism, The Essential Dewey I, 3ff, 4 u. ö.). Und dies besagt, dass die pragmatistische Wissenschaftskonzeption stets in ein ethisches Konzept eingebettet ist.

Pragmatist/inn/en sind also Ethiker/innen, die alle Zusammenhänge eines wissenschaftlich zu erfassenden Sachverhalts einbeziehen. Damit waren sie damals nicht unumstritten, denn dies besagt u. a. auch, dass wissenschaftliche Aussagen nicht „wertneutral“ sind.

Eine „Uebereinstimmung [sc. der Herausgeber des ‘Archivs für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik’] besteht … bezüglich der Schätzung des Wertes theoretischer Erkenntnis unter ‘einseitigen’ Gesichtspunkten, sowie bezüglich der Forderung der Bildung scharfer Begriffe und der strengen Scheidung von Erfahrungswissen und Werturteil, wie sie hier … vertreten wird“  (Max Weber, Die „Objektivität“ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis, in: Ders., Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, hg. v. J. Winckelmann, 71988 (UTB 1495), 146-214 ).

Die Quellen der folgenden beiden Zitate Karl Poppers sind verlinkt:

„Aus der Feststellung einer Tatsache lässt sich niemals ein Satz herleiten, der eine Norm, eine Entscheidung oder einen Vorschlag für ein bestimmtes Vorgehen ausspricht.“[4]:77

 

„Alle Diskussionen über die Definition des Guten oder die Möglichkeit es zu definieren, sind völlig unnütz.“[4]:294

Anders als Weber und auch als Popper meint Peirce demgegenüber:

„Ethik ist die Theorie des selbstkontrollierten Handelns und Überlegens. Logik ist die Theorie selbstkontrollierten oder überlegten Denkens und muss sich als solche in ihren Prinzipien auf die Ethik stützen.“ (Phänomen und Logik der Zeichen, 21993 [stw 425]), 41f)

Dadurch kann sich jede/r sein/ihr eigenes Bild über die völlige Eigenständigkeit der pragmatistischen Ansatzes bilden. Es dürfte auch bei einer aufmerksamen Lektüre der Behauptungen Webers und Poppers klar werden, warum Peirce, James und Dewey sich nicht davon überzeugen ließen, dass wissenschaftliches Handeln wertneutral sei.

2               Semiotik und Erkenntnis

Es war das von allen anderen auch anerkannte Verdienst Peirce’ bestimmte Grundlagen logisch-semiotischer Art gelegt zu haben, die manchmal nicht direkt zitiert werden, aber noch bis zu Deweys Theory of Inquiry (1938 [vgl. wichtige Auszüge in: The Essential Dewey II]), die akzeptierte Grundlage bildeten. Dewey hatte bei Peirce Logik gehört – und das macht sich auf jeden Fall bemerkbar.

Grafik 1: Genuin Triadische Bezeichnungsrelation, keines der drei Relata der Bezeichnungsrelation Zeichen, Objekt und Interpretant darf fehlen, alle sind stets durch die genuin triadische Bezeichnungsrelation verbunden, der Interpretant ist stets eine reflexive Interpretation eines schon vorhanden Interpretationsprozesses.

Dass Erkennen und wissenschaftliches Erkennen Zeichenprozesse sind, ist eigentlich auch ein truism, aber leider wird dieser häufig nicht beachtet. Noch heute meint man, eine wissenschaftliche Behauptung sei eine Vorstellung, ein mentales Urteil, möglicherweise handelt es sich sogar um – bislang unbeobachtbare – Gehirnprozesse. Davon kann kaum eine Rede sein, wissenschaftliche Behauptungen werden öffentlich gemacht, öffentlich diskutiert usf. Mithin sind sie Zeichenprozesse. Die Pointe Peirce’ besteht in zwei wesentlichen Punkten:

(1)  Der wissenschaftliche Prozess ist als Erkennen mit dem Objekt in einer genuin triadischen Relation relational verbunden, die sinnliche Wahrnehmung des „Objekts“ im „Zeichen“ wird im „Interpretanten“ dargestellt. Da der Interpretant selbstreflexiv darstellt, ist auch unterstellt, dass schon die sinnliche Wahrnehmung im Zeichen auf einen solchen triadischen Prozess zurückgeht, mithin: Sofern sinnliche Wahrnehmung selbst ein Zeichenprozess ist, sind die angeblichen Sinnesdaten als absoluter Ausgangspunkt wissenschaftlicher Erkenntnis, wie dies die Positivisten unterstellten, Teile eines unendlichen Zeichenprozesses, ein Punkt, den besonders Bertrand Russell als überaus bedrohlich empfand; vgl. die Auseinandersetzung zwischen Russell und Dewey in: The Essential Dewey II, 201ff; 408ff; mit ausführlichen und fairen Russellzitaten, in denen Russell auf der Machschen Position beharrt.) Dewey hat später mit Recht betont, dass die Ideen von Peirce mit denen von Whitehead besonders verwandt seien, weil beide auf unterschiedliche Weise, den falschen Gemeinplatz infragegestellt hätten, es gäbe so etwas wie eine Subjekt-Objekt-Spaltung usf. bzw. eine faktisch sichere Ausgangsbasis in Sinnesdaten. Auch Sinnesdaten beruhen auf einem Interpretationsprozess, so Peirce, mithin müssen viele solche Interpretationen miteinander verglichen werden. Folglich ist anders als Popper meinte, nicht nur die Induktion problematisch, wie also die Sinnesdaten zu einer Theorie zusammengefügt werden, schon die sinnliche Erfahrung stellt eine prinzipiell fallible Interpretation dar.

(2)  Für alle Pragmatisten bis hin zu Habermas heißt das dann, dass der Wissenschaftsprozess zukunftsoffen ist, er hat als Ziel mithin die Zustimmung aller derjenigen, die sich wissenschaftlich kompetent engagieren. Bzw. man kann zurückhaltender sagen, dass er dieses Ziel  haben können muss, wenn man gründlich nachdenkt. Dies heißt dann aber auch, dass man im Sinne der „Pragmatischen Maxime“ Peirce’ stets die Konsequenzen des eigenen wissenschaftlichen Handelns mitbedenken muss, Ethikkomissionen werden heute additiv sozusagen standardmäßig aufgebaut. Für Dewey bedeutete dies, dass die Zahl derjenigen, die wissenschaftlich kompetent sind, durch geeignete demokratische Erziehung möglichst weit gefasst werden muss; vgl. dazu meine Darstellung. Anders als in der spätpositivistischen oder neopositivistischen Position Poppers liegt also kein prinzipieller Erkenntniszweifel vor. Stattdessen besteht die Erwartung, dass die Wissenschaften vor dem Hintergrund einer breiten Kompetenz in der Bevölkerung ihre hochkomplexen und universal angesetzten Aufgaben einigermaßen lösen und dabei die Realität zugunsten sittlicher Ziele verändern könnten. Es sind hier also keineswegs die wissenschaftlichen Expert/inn/en gefragt, sondern die ursprüngliche pragmatistische Idee besteht darin, dass es zu einer Demokratie gehört, dass das Wissenschaftssystem möglichst viele Menschen durch Allgemeinbildung und in die Tiefe gehende unendliche Bildungsbemühungen beteiligt. Dies ist besonders eindrücklich von Dewey bedacht worden, der auch die entsprechenden sozialen Voraussetzungen immer deutlicher erkannte, z. B. einen Sozialstaat, der deutlich über gewöhnliche „amerikanische Verhältnisse“ hinausgeht; vgl. „Democracy is Radical“, in: The Essential Dewey I, 337ff, aber Dewey zufolge sehr wohl in den klassischen Dokumenten der amerikanischen Revolution und Demokratie angelegt sei.

Interessant ist, dass der schon im ersten Beitrag erwähnte Johann Jakob von Uexküll prinzipiell den Ansatz von Peirce und Dewey, dass also „Realität“ im dargestellten Sinne unter Zeichenverwendung „praktisch“ sei, auch bei den lebenden Wesen ab dem Einzeller unterstellt:

Grafik 2: Quelle: Thure von Uexküll u. a., Psychosomatische Medizin, 2008, 9.

Das „Merken“ führt zum „Wirken“, wodurch die Realität, die wahrgenommen wurde, verändert wird. Dies geht Uexküll zufolge nur durch eine entsprechende Interpretation, die u. a. am eigenen Bedürfnis orientiert ist.

Zwischen den Pragmatisten und von Uexküll scheint keine wechselseitige oder auch nur einseitige Wahrnehmung zustandegekommen zu sein.

3               Fallibilismus

Wer die Realität als in einem ständigen Übergangsprozess begriffen sieht, kann die Rolle der Wissenschaften ganz gelassen als soziale Systeme mit Fallibilismus als wesentlichem methodischem Aspekt und dauernder selbstkritischer Besinnung bestimmen. Der entsprechende Wikipediaartikel hat das unbestreitbare Verdienst, die Sache nicht ganz auf Poppers Niveau herunterzubeamen. M. E. ist Poppers Falsifikationismus kein Fallibilismus im Sinne von Peirce und Dewey, dass dies dennoch oft als Fallibilismus bezeichnet wird, ist ein bedauerlicher Mangel, aber so etwas kommt in der Wissenschafts- und Philosophiegeschichte nicht sehr selten vor. Der Fallibilismus ist aufgrund der Grundidee der Pragmatisten wissenschaftlich zwingend, weil schon die Sinnesdaten Teile der dynamischen genuin triadischen Bezeichnungsrelation sind, ganz zu schweigen von allen weiteren abduktiven, induktiven oder gelegentlich auch deduktiven Interpretationen größeren Ausmaßes. Weiter ist den Pragmatisten zufolge die Bedeutung einer wissenschaftlichen Behauptung oder Theorie auf die Zukunft ausgelegt, mithin können im Verlauf ihrer Weiterinterpretation ständig Veränderungen auftreten – und wie die Wissenschaftsgeschichte zeigt, ist dies auch der Fall. Jede Induktion muss sich in der Zukunft bewähren – und das gilt auch und gerade für die Naturgesetze, die manche für recht gut erkannt halten. Allerdings zeigt die Geschichte der Wissenschaften auch, dass bestimmte Einsichten wissenschaftlicher Art sich bewährt haben. Das ist deshalb der Fall, weil wir unsere Behauptungen und Theorien in entsprechenden Praxissituationen stets überprüfen und verbessern können, das setzt mit Dewey eben eine sehr verbreitete wissenschaftliche Kompetenz in einer möglichst breiten Öffentlichkeit voraus. Popper ist gegen diese Auffassung relativ massiv vorgegangen und hat entsprechende Politikberatung bei Helmut Schmidt u. a. betrieben. Das war vor allem in der Frage der Klimakatastrophe fatal – auch das an sich ganz intelligente Menschen wie Helmut Schmidt sich von Poppers Aura täuschen ließen, anstatt dessen Behauptungen kritisch zu hinterfragen. Auch die Deutsche Bahn hat das Problem noch nicht ganz verstanden gehabt, wie sich in den letzten drei Wochen offenbart hat. Daher lässt sich inzwischen an diesem Beispiel eigentlich ganz leicht sehen, dass der Falsifikationismus Poppers mit dem Fallibilismus von Peirce und Dewey schwerlich mithalten kann. Popper hat die ökologischen Behauptungen und Theorien nur als zu falsifizierende Theorien betrachtet, dabei waren die Ansichten von Alfred Russel Wallace im Kern richtig. Sie müssen wie jede Theorie natürlich angepasst werden. Aber die Idee des Erkenntniszweifels, die hinter Poppers Theorie liegt, scheint eher zweifelhaft, wie die Entwicklung zeigt.

15. Juli 2010

Wissenschaftstheorie I

Die erste Sitzung erklärt zuerst den Hintergrund des Aufkommens der Wissenschaftstheorie im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Der Artikel „Wissenschaftstheorie“ auf „Wikipedia“ ist insofern hilfreich, als zumindest die wichtigsten Positionen gesammelt sind. Eine Ordnung ist allerdings in diesem Artikel nicht zu erkennen. Diese muss im Kurs erst erstellt werden.

Die Wissenschaften lösen sich im 19. Jahrhundert sukzessive aus der philosophischen Fakultät, voran die Naturwissenschaften Physik und Chemie. Entscheidend ist bei diesem Prozess, dass vor allem diese beiden Naturwissenschaften technisch und industriell umsetzbare Theorien lieferten, sodass das kapitalistische und später auch das realsozialistische Wirtschaftssystem ökonomische Umsetzungen „wissenschaftlicher Erkenntnisse“ boten. Schon früh setzt sich allerdings bei einer Minderheit die Auffassung durch, dass zumindest die Physik nicht als Leitdisziplin dessen gelten könne, was „Wissenschaft“ sei, so fungiert die Biologie immer schon als Alternative im naturwissenschaftlich geprägten Aspekt des Wissenschaftssystems. Insbesondere akzeptierte Darwin den Zufall als einen wesentlichen Aspekt der Entwicklung der Arten, während dieser in der klassischen Physik keine Rolle spielte. Eher romantische Positionen wie diejenige von Jakob Johann von Uexküll entwickelten komplexe Wechselwirkungsmodelle von Lebewesen und Umwelt, die nur durch Zeichenprozesse vereinheitlicht werden konnten (vgl. den entsprechenden Wikipedia-Artikel). Damit war der Anschluss an andere Wissenschaftskonzeptionen wie in der Soziologie und den Kulturwissenschaften seit der Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert möglich, was sich über die Jahrzehnte auch so bestätigt hat. Die Geschichte der Wissenschaften im 19. und 20. Jahrhundert zeigt m. E., dass es keine beständigen Leitdisziplinen, allenfalls beständige Fragestellungen gibt, die methodisch jeweils anders angegangen werden.

Die Disziplin „Wissenschaftstheorie“ innerhalb der Philosophie entstand daher eher aus einer Verlegenheit. Wanderten die Wissenschaften aus der Philosophie als akademischer Disziplin aus, dann konnten doch die Philosophen wenigstens noch überlegen, was „Wissenschaft“ eigentlich sei. Zum Glück war dies unter den Wissenschaften aber eher umstritten, man war also nicht ganz überflüssig geworden – zumindest konnte das einigen so erscheinen.

Andere – so in der Phänomenologie und in der frühen Kritischen Theorie – gaben sich eher wissenschaftskritisch, weil die wissenschaftlichen Theorien nur zu mehr oder weniger gut bestätigten Theorien führten, aber nicht zu den Sachen selbst. Bis heute ist dieser Punkt teilweise in der Öffentlichkeit unbekannt, eine wissenschaftliche Theorie steht immer weiter zur Bestätigung an, Versuche wie derjenige von Stephen Hawking, die Physik noch am Ende des 20. Jahrhunderts in eine abgeschlossene deduktive Theorie von Allem zu verwandeln, sind auch s. E. gescheitert, weshalb er nach der Jahrtausendwende pathetisch vom „Ende der Physik“ spricht.

Der Kurs muss daher mehrere Probleme klären:

  1. Welche Haupttypen der Wissenschaftstheorie gibt es? M. E. sind es zwei, der Positivismus und der Pragmatismus. Alle anderen Positionen wie etwa der „Neukantianismus“ oder der „Radikale Konstruktivismus“ lassen sich faktisch auf eine dieser beiden Positionen reduzieren bzw. sind Folgeerscheinungen von positivistischen und/oder pragmatistischen Ideen. Der Hauptgegensatz von Positivismus und Pragmatismus besteht in drei Punkten:

    2. Gehört der Wissenschaft betreibende Mensch bzw. auch die Wissenschaft selbst zur Realität – oder steht sie dieser „neutral“ gegenüber?

      3. Gibt es in der Realität allgemeine Sachverhalte wie Regeln, Relationen, Beziehungen – oder gibt es nur Einzelereignisse?

      4.Was bedeuten die Antworten auf die Fragen 1. und 2. für das Verständnis von Wissenschaft und Ethik bzw. die Rolle der Wissenschaften in der Gesellschaft?

      5. Welche Typen der Wissenschaften gibt es? M. E. ist dies nach den Einsichten des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts von dem (angestrebten) Wahrscheinlichkeitsgrad der jeweiligen wissenschaftlichen Theorie abhängig

      6. Verfehlen die Wissenschaften möglicherweise die Realität? Welche Zugänge zu realitätsgerechtem Erkennen und Handeln gäbe es sonst? Hier spielen die Alltagserfahrung und die Kunst eine bedeutende Rolle.

      Schon am Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert war den nachdenklichen Menschen klar, dass die Wissenschaften keineswegs nur dem Guten, Wahren und Schönen zugeordnet waren. Wie dies zu bewerten ist, ist einer der Gegenstände der Wissenschaftskritik, denn beispielsweise die sozialen und nicht zuletzt ökologischen Folgen der Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse in industrielle Praxis waren bekannt, aber noch nicht breiter anerkannt. Führt dies zu einer ethischen Ablehnung der Wissenschaften – oder ist eine andere Position möglich?

      1              Der Positivismus

      Wir rechnen in der Folge auch den sogenannten „Kritischen Rationalismus“ Karl Poppers zum Positivismus. In der Darstellung stelle ich einige Grundzüge dar, um dies zuerst an Machs Grundprogramm, dann an Wittgensteins kritischem Tractatus und knapp an Poppers Hauptidee aufzuzeigen.

      Der Ausdruck „Positivismus“ geht in seiner Bedeutung bis heute auf Auguste Comte zurück, der übrigens insbesondere „Soziologe“ war. Comte war davon überzeugt, dass es in der Menschheitsgeschichte eine Entwicklung hin zu besserer Erkenntnis gebe. So seien zuerst viele Religionen aufgetreten, die dann in einer zweiten Phase einen Rationalisierungsschub durch den sogenannten „Monotheismus“ erfahren hätten. Dieser werde nun gegenwärtig von der Wissenschaft abgelöst, die sich nur auf beobachtbare Sachverhalte in methodisch kontrollierter Weise beziehe. Interessant an Comtes Position ist der Punkt, dass seine positivistische Position selbst als Kern einer neuen aufgeklärten und humanen Weltkultur dienen sollte. Mithin stand die Bedeutung der „Wissenschaft“ für die humane menschliche Gesellschaft im Vordergrund seines Interesses. Dieser Punkt ist bei vielen Positivist/inn/en nicht ganz aus den Augen verloren worden, beispielsweise Bertrand Russell hat ihn vor allem praktisch vertreten.

      Auf welche beobachtbaren Sachverhalte soll man sich nun wie methodisch beziehen? Das ist die Hauptfrage, die in den positivistischen Positionen bis zum Kritischen Rationalismus Karl Poppers zu beantworten versucht wird.

      Einer der einflussreichsten Positivisten war Ernst Mach (1838-1916), an seiner Auffassung lassen sich bestimmte Grundpositionen des Positivismus leicht klar machen.

      „Alles menschliche Handeln und Trachten ist vom Verlangen nach Selbsterhaltung bestimmt. Durch die Ausbildung der höheren intellektuellen Funktionen werden gerade jene angeborenen Eigenschaften und Reflexe ersetzt, die den niederen Organismen ihr Dasein ermöglichen.“

      Antimetaphysische Vorbemerkungen, 1900

      Im Positivismus herrscht eine Rhetorik der Antimetaphysik vor. Dabei wird alles dasjenige, was die sinnliche Wahrnehmung überschreite, als „metaphysisch“ bezeichnet. Diese Unterscheidung hat sich so weitgehend auch im gesunden Menschenverstand durchgesetzt, wir werden aber in der nächsten Sitzung sehen, dass dies vor dem Hintergrund der philosophischen Tradition keineswegs selbstverständlich ist. Zunächst aber versuchen wir, uns die Hauptpunkte von Machs These verständlich zu machen. Er versucht in bestimmter Weise die Anschauung Comtes zu präzisieren:

      1. Die Quelle aller menschlichen Erkenntnis ist das „Gegebene“.

      2. Gegeben ist nur eine Mannigfaltigkeit von Sinneseindrücken (Empfindungen).

      3. Nicht gegeben ist alles, was zusätzlich zu den Inhalten der sinnlichen Wahrnehmung die „Welt“ konstituiert.

      4. Die Unterscheidung zwischen Ich und Welt ist haltlos.

      5. Es gibt keine metaphysische Erkenntnis über außersinnliche Realität.

      Die am Positivismus orientierte Philosophie wie diejenige Ernst Machs unterstellt wissenschaftstheoretisch neben dem universalen Selbsterhaltungstrieb eigentlich nur die Wirklichkeit von einzelnen Sinneswahrnehmungen, die dann in einfachen Sätzen dargestellt werden können, wie: „Der vorige Abschnitt in diesem Text hat einen weißen Hintergrund“; „Die Farbe dieses Satzes ist blau“ usf.

      Alle allgemeinen Konzepte oder Begriffe wie „weiß“, „blau“ müssen auf einzelne Sinneswahrnehmungen zurückgeführt werden. Es gibt also nicht „das Weiß“, sondern nur einzelne Sinneswahrnehmungen, die wir mit dem Wort „blau“ kennzeichnen. Also falls Sie sinnlich wahrnehmen können, das der drittletzte Satz eine Blaufärbung hat und Sie darin mit mir und untereinander übereinstimmen, könnte der Satz zutreffen.

      Den einzelnen Sinneswahrnehmungen entsprechen positivistisch aber nur einzelne Ereignisse. Die Wirklichkeit besteht aus einer unendlichen Serie von Einzelereignissen. Aller Zusammenhang, den wir unterstellen, ist von uns in diese Ereignisse hineingelegt. Positivistisch entspricht diesen Hineinlegungen nichts Wirkliches, es sind Vereinfachungen, die sich für unsere Kommunikation und unsere Selbsterhaltung als nützlich herausgestellt haben. Mithin bleibt es unsicher, ob jener Satz tatsächlich „blau“ ist. Unumstritten ist wohl hier im Kreis, dass dies aber gelten könnte.

      Die Wirklichkeit ist mithin positivistisch ein Sandmeer von Einzelereignissen, das wir in unseren einzelnen Sinneswahrnehmungen erfassen. Dabei sollten wir es auch belassen, so die Positivisten. Größere Sinnzusammenhänge existieren nicht, sondern sind eine über die Sinneserfahrung hinausgehende metaphysische Täuschung.

      Der Mensch ist ein recht intelligentes Tier, dessen intellektuelle Fähigkeiten aber auf die tierische Sinneswahrnehmung von Einzelereignissen zurückgeführt werden müssen. Ethik kann hier bestenfalls utilitaristisch sein, man sucht den größten Nutzen für die jeweilige Gruppe. Denn auch Gruppen haben einen Selbsterhaltungstrieb, der Einzelne profitiert möglicherweise davon, wenn sich die Gruppe selbst erhalten kann.

      Dass es sích so ähnlich verhält, wenn die Positivisten recht hätten, wird bis heute wohl von manchen Menschen unterschätzt. Alles Allgemeine wie Beziehungen auch im Alltag, personale Beziehungen würden sich in bestenfalls dem Selbsterhaltungstrieb unterworfene Einzelereignisse auflösen. Nach Mach und vielen anderen gilt das auch für uns selbst, das wir den einzelnen Ereignissen unseres Handelns und Erlebens eine Kontinuität unterstellen, ist eine Hypothese. „Ich“ und „Welt“ sind mehr oder weniger lose Ereignissequenzen.

      Bei Ludwig Wittgenstein (1889-1951) gibt es zwei wesentliche Phasen:

      In seiner frühen Phase glaubt er die traditionellen Probleme der Philosophie durch logische Analyse als irreführend erweisen zu können. Was sich nicht in einer logischen Form ausdrücken lässt, steht unter Sinnlosigkeitsverdacht (Tractatus-logico-philosophicus [1921]). Die spätere Phase ist nachpositivistisch, eher pragmatistisch, dies interessiert uns hier nicht.

      Schon in der frühen Phase der logischen Sprachanalyse zeigt sich Wittgenstein frei von den Vorurteilen seiner positivistischen Zeitgenossen:

      „Wir fühlen, dass, selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. Freilich bleibt dann eben keine Frage mehr; und dies ist die Antwort.

      Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden dieses Problems.

      (Ist dies nicht der Grund, warum Menschen, denen der Sinn des Lebens nach langen Zweifeln klar wurde, warum diese dann nicht sagen konnten, worin dieser Sinn bestand?)

      Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische.“

      (Tractatus, 6.52)

      Die logische Sprachanalyse führt also dazu, dass die traditionellen Probleme der Philosophie als Scheinprobleme erkannt werden. Aber auch die Wissenschaft vermag keinen Ersatz für die menschliche Sinnfrage zu bieten.

      „Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie — auf ihnen — über sie hinausgestiegen ist. (Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.)

      Er muss diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.

      Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“

      (Tractatus, 6.54; 7)

      Es geht darum, die elementaren Elemente der Sprache logisch festzustellen und diese mit der durch die Sprache bezeichneten Wirklichkeit zu vergleichen  – bzw. sie darauf zu beziehen. Gleichwohl gibt es für eine klare Auffassung der Wirklichkeit bzw. auch der „Welt“, wie Wittgenstein wohl nahezu gleichbedeutend sagt, keinen sprachfreien Zugang. So gilt:

      „Das Buch will … dem Denken eine Grenze ziehen, oder – vielmehr nicht dem Denken, sondern dem Ausdruck der Gedanken: Denn um dem Denken eine Grenze zu ziehen, müssten wir beide Seiten dieser Grenzen denken können (wir müssten also denken können, was sich nicht denken lässt).“ (Tractatus, Vorwort, 9)

      Und genau dies ist selbstverständlich nicht der Fall. Man muss die andere Seite der Grenze kennen, wenn man eine Grenze zieht – doch wir kennen sie nicht. Das heißt keineswegs, dass es keine andere Seite gibt. Aber es heißt sehr wohl, dass wir sie nicht im strengen Sinn „denken“ können. Folglich bleibt nichts anderes übrig, als dem „Ausdruck der Gedanken“ eine „Grenze zu ziehen“ – und dies geschieht innerhalb der Sprache.

      Damit sind eine ganze Reihe von schwerwiegenden Vorentscheidungen getroffen:

      (1) Ein seiner Grenzen bewusstes Denken ist ein Denken mit klarem Ausdruck. Der Ausdruck des Denkens ist sprachlich. Und die Grenze wird dadurch bestimmt, dass die Sprachlogik des Denkens erhellt wird.

      (2) Die Sprachlogik ist am (Aussage-)Satz und den Verknüpfungen von (Aussage-) Sätzen orientiert.

      (3) Der Satz bezieht sich auf einen Wirklichkeits- bzw. Weltausschnitt. („Martin Pöttner sitzt hier“)

      (4) Für diese Beziehung schlägt Wittgenstein eine Bild- bzw. Abbildbeziehung vor.

      (5) Die Verknüpfungen der Sätze werden durch eine logische Syntax erfasst, insbesondere durch die Beziehungen „und“, „oder“, „wenn – dann“, „entweder – oder“ „ist äquivalent mit“, die in den Wahrheitswertetafeln analysiert werden.

      (6) Die logisch korrekte Kombination aller wahren Sätze würde eine Darstellung der Welt sein.

      (7) Das Wahrsein eines Satzes bedeutet, dass der im Satz ausgedrückte Sinn „der Fall ist“. („Martin Pöttner sitzt hier“ ist genau dann wahr, wenn Martin Pöttner hier sitzt)

      (8) Folglich gilt: „Die Welt ist alles, was der Fall ist“ (1) – wenn „die Welt“  durch eine logisch korrekte Kombination aller wahren Sätze ausgedrückt würde.

      Natürlich ist die im Tractatus vorgetragene logische Konstruktion nicht irgendwie geschichtlich neutral. Sie reagiert auf geschichtliche Prozesse, die bestimmte Entscheidungen oder Selektionen nahe legten. Dass Wittgenstein für die Erfassung des Wesens der Sprache ein logisches Modell vorlegte, bedeutete die Privilegierung, Bevorzugung eines bestimmten Rationalitätsmodells – und in diesem Fall ein eher deduktives. Denn schon bei Induktionen oder noch stärker bei Hypothesen oder Abduktionen treten beachtliche Unbestimmtheiten auf, die es auch fraglich erscheinen lassen, ob z. B. nur zwischen „wahr“ und „falsch“ unterschieden werden kann – oder man noch einen dritten Wert wie „unbestimmbar“ o.  Ä. einführen muss.

      Es geht um die Ausbildung eines zweckrationalen Rationalitätsmodells, das nicht zuletzt aus praktischen Gründen der technischen Umsetzbarkeit usf. auf klaren Verhältnissen besteht. Mit diesem Modell lässt sich alles klar sagen, aber das hilft uns Wittgenstein zufolge nicht bei der Lösung unserer Lebensprobleme. Auf die Philosophie bezogen führt das zu schwer erträglichen Spannungen:

      „Die richtige Methode der Philosophie wäre eigentlich die: Nichts zu sagen, als was sich sagen lässt, also Sätze der Naturwissenschaft – also etwas, was mit Philosophie nichts zu tun hat –, und dann immer, wenn ein anderer etwas Metaphysisches sagen wollte, ihm nachzuweisen, dass er gewissen Zeichen in seinen Sätzen keine Bedeutung gegeben hat. Diese Methode wäre für den anderen unbefriedigend – er hätte nicht das Gefühl, dass wir ihn Philosophie lehrten – aber sie wäre die einzig streng richtige.“ (6.53)

      Der naturwissenschaftlich-technische Bezug wird hier überdeutlich. Aber auch, dass Wittgenstein genau weiß, dieses Programm wäre „für den anderen“ unbefriedigend – und natürlich auch für Wittgenstein. Man muss also einen anderen Weg als den der klaren Sprache wählen, um wieder zur Philosophie zu kommen. Denn Naturwissenschaft ist als solche natürlich keine Philosophie. Daher schlägt er eine überraschende und hermeneutisch aufschlussreiche Interpretation seines Textes vor:

      „Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf ihnen – über sie hinausgestiegen ist. (Er muss sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.) Er muss diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig“ (6.54).

      Gegen diese Pointe rannte insbesondere Karl Popper (1902-1994) in der Folge lebenslang an, er wollte das positivistische Programm, dass die Wissenschaften die Wirklichkeitserfassung zentral steuern und bestimmen könnten, was wirklich und Fortschritt sei, aufrechterhalten, ohne sich selbst als „Positivisten“, sondern als „Kritischen Rationalisten“ zu verstehen. Popper war in seiner Jugend in Wien Sozialist gewesen, sogar Mitglied der KPÖ geworden. Abgestoßen wurde er von den Gewaltexzessen, die sich hierbei wie auch in der Weimarer Republik ergaben. Da er nach nationalsozialistischer Auffassung „Jude“ war, musste er fliehen und schrieb sein Werk über die „Offene Gesellschaft und ihre Feinde“. Darin bekämpfte er totalitäre Auffassungen, die er bis zu Platons Staat zurückverfolgte.

      Eine von manchen Kommunisten und vielen Nationalsozialisten verfochtene Behauptung lautet: „Juden sind ein Bankiersvolk“ (vgl. Hannah Arendts Totalitarismusband, wo dies nachgewiesen wird). Sätze, Behauptungen und Theorien wie diese sind es, die Popper bekämpfte. Logisch handelt es sich um eine komplexe Behauptung:

      „Eine Person ist Jude/Jüdin und ist Bankier/in bzw. genetisch/sozial ähnlich geprägt.“

      Da hier das logische Zeichen „und“ als Verknüpfung fungiert, müssen beide Aspekte wahr sein, man kann auch stattdessen sagen: Alle Juden/Jüdinnen sind Bankier/s/innen. Um eine solche Behauptung zu widerlegen, genügt ein Gegenbeispiel. Im Kern verstand Popper alle wissenschaftliche Theorien so, dass sie stets Allaussagen machten, insofern genügte es zur „Falsifikation“ derartiger Theorien eben Gegenbeispiele zu liefern. Hintergrund ist eine Art Katastrophentheorie der Erkenntnis, bei bestehenden Theorien ist nur noch nicht bekannt, dass sie falsch sind. Also besteht die Haupttätigkeit eines Wissenschaftlers/einer Wissenschaftlerin darin, Theorien zu bilden und sie dann zu falsifizieren, ein Gegenbeispiel genügt ja schon … Darin besteht Poppers Beitrag zur Wissenschaftstheorie, theoretisch ist alles erlaubt, die Theorie muss nur so formuliert sein, dass man nach Gegenbeispielen suchen kann, also einen schwarzen Schwan finden, wenn die Theorie lautet: „Alle Schwäne sind weiß“.

      Die Frage lautet, ob das wirklich etwas bedeutet.