1 Einige offene Erinnerungspunkte
Zur Frage des radikalen Konstruktivismus stelle ich gerne den Text des Kollegen Peter Lampe zur Verfügung, weil dieser sehr klar reflektiert ist:
Die Doppelstruktur, dass das ontisch-reale Gehirn zwei sich widersprechende Konstrukte generiert, ein alltagswirkliches und ein naturwissenschaftliches, erkannten wir bereits … Einerseits konstruiert das ontisch-reale Gehirn aufgrund eines bestimmten (mir unzugänglichen) Reizes aus der ontischen Realität die Farbwahrnehmung Rot, andererseits entwirft es das naturwissenschaftliche Bild, dass dieser Umweltreiz farblos ist und lediglich aus einer bestimmten (mir zugänglichen, in Nanometern bezifferbaren Frequenz) elektromagnetischer Wellen besteht. “Rot” verhält sich zu “eine elektromagnetische Wellenfrequenz um 700 Nanometer reizt den (wirklichen) visuellen Apparat, Rot wahrzunehmen”, wie “Mein Ich ist Autor des motorischen Tuns” sich verhält zu “Ein ‘readiness potential’ des wirklichen Gehirns setzt mein Tun in Gang”. Je widerspricht das eine Bildkonstrukt dem anderen. (Peter Lampe, Die Wirklichkeit als Bild, 2006, 59)
U. a. hierdurch ist mein Urteil über die grundsätzlich positivistische Natur des radikalen Konstruktivismus geprägt, dies lässt sich leicht im Verhältnis zu dem zu Peirce und Dewey schon Gesagten nachvollziehen. Die Aufgabe eines Kurses kann aber nur sein, Anregungen und Quellen zum eigenen Urteil zu geben. Im Pragmatismus gibt es derartige Auffassungen nicht, wohl aber im Positivismus, etwa bei Poppers Schüler Feyerabend. Das ist auch kein Geheimnis, nur dass die Positivisten nicht so vom Gehirn gesprochen haben, liegt auf der Hand. Ansonsten besteht der Glaube an die sinnliche Evidenz genauso, allerdings bleibt diese aporetisch. Denn das Gehirn „konstruiert“ eben widersprüchlich.
Die Pragmatisten sind keine Positivisten, das müssen wir in der kommenden Sitzung noch näher verstehen. Daher gibt es mindestens zwei Typen der Wissenschaftstheorie. M. E. sogar nur diese beiden …
Zum Verständnis des Ausdrucks „Pragmatismus“. Es ist besser, die gewöhnliche Verwendung, dass man mit etwas „pragmatisch“ umgeht, nicht als Leitidee als Hintergrund des Verstehens zu verwenden. Wesentlich ist, dass die Pragmatisten die Realität als Prozess einstufen, in den wissenschaftliches Erkennen praktisch eingreift und dann auch auf die Zukunft bezogen ein Veränderungspotenzial entfaltet. Wie Peirce sehr häufig, aber auch Dewey betont haben, ist diese Idee nicht genuin „amerikanisch“. Sie findet sich im Wesentlichen wohl schon bei Aristoteles zumindest in seinen gesellschaftsbezogenen Schriften angedeutet oder gar ausgeführt. Sie liegt sicher auch der „Kritik der praktischen Vernunft“ Kants zugrunde, im Kern aber auch schon der „Kritik der reinen Vernunft“. Denn die Grenzen der Vernunft, die dort gezogen werden, sind jedenfalls auch solche praktischer Art. Dass dabei Verantwortlichkeit für das eigene wissenschaftliche Tun ausgeschlossen sei und diese nur eine Frage der „Umsetzung“ sei, ist eine Idee der Positivist/inn/en. Sie findet sich am Ende des 19. Jahrhundert interessanterweise auch im Neukantianismus. Diese Auffassung ist logisch unhaltbar, wenn dabei unterstellt wird, dies ließe sich sozusagen „wissenschaftlich“ oder „logisch“ ableiten. Wissenschaftliche Verfahrensweisen zu befolgen oder „logisch“ zu denken, ist stets eine Aufforderung, wie die Texte von Weber und Popper schon in ihrer sprachlichen und logischen Form zwingend zeigen. Peirce hatte das entsprechend notiert und daher die Ethik als oberste normative Wissenschaft angesehen, welcher auch die Logik als Theorie des kontrollierten Denkens untergeordnet sei.
Die Positivist/inn/en unterstellen also, dass es eine sinnliche Evidenz gäbe, auf der sich dann wissenschaftliche Theorien durch logisch korrekte Kombination aufbauen ließen. Wittgenstein hat das insofern präzisiert, dass tatsächlich die sinnliche Wahrnehmung durch die Sprache dominiert sei, mithin ließ sich ihm zufolge das positivistische Programm nur dann aufrechterhalten, wenn die Sprache im Aussagesatz, der Proposition ein Bild der sinnlichen Wahrnehmung von Einzelsachverhalten darstelle. Dass dann alle wichtigen Themen wegfallen, weil so nur die „Naturwissenschaften“ vorgehen könnten, führt zum Postulat einer individuellen mystischen Erfahrung, in der die Frage nach dem Lebenssinn schweigend beantwortet werde.
Popper ist schon bei Prüfungen eines Doktoranden gegen diese Position als Zweitprüfer angerannt, konnte sich aber nicht durchsetzen und war philosophisch weitgehend isoliert. Daher unterstellte er auch öffentlich, seine eigene Falsifikationstheorie sei nicht positivistisch, ein rhetorischer Versuch, der aber keiner kritischen Nachprüfung Stich hält. Popper bezweifelt nachhaltig, dass die induktive Verallgemeinerung von Sinneserfahrungen in den Naturwissenschaften, Geschichtswissenschaften, Sozialwissenschaften usf. haltbar sei. Es handelt sich um eine „Katastrophentheorie der Erkenntnis“, wie es Frank Miege formuliert hat. Dabei übernimmt er entweder ohne Kenntlichmachung bestimmte Einsichten von Peirce’ Quantorenlogik, die gezeigt hatte, dass eine durch „alle“ oder „einige“ bestimmte Aussage praktisch zu interpretieren sei – und verkürzt sie falsifikatiorisch. Oder er hat das wirklich aufgrund der Lektüre der „Principia Mathematica“ von Russell und Whitehead selbst entworfen. Im ersten Fall wäre das für die Reputation von Popper betrüblich, im zweiten leicht kritisierbar. An sich war Poppers Punkt also schon gut sechzig Jahre bekannt. Die Eleganz von Peirce’ Quantorenlogik besteht darin, dass ich jeden einzelnen Fall einer Menge oder eines Bereichs, über den Aussagen gemacht werden, untersuchen muss. Mit Falsifikationismus aber hat die Quantorenlogik an sich eher nichts zu tun. Und Peirce war in diesem Sinn erheblich weniger aufgeregt als Popper.
Bertrand Russell hat den Hauptunterschied von Positivist/inn/en und Pragmatist/inn/en klar formuliert: „Ein bedeutender Unterschied zwischen uns entsteht dadurch, so glaube ich, dass Dr. Dewey hauptsächlich mit Theorien und Hypothesen befasst ist, während ich mich hauptsächlich mit Behauptungen über einzelne Sachverhalte befasse.“ Verhielte es sich so, wie Wittgenstein im Tractatus behauptet, dann wäre mithin die positivistische Theorie basal recht abgesichert. Die „Behauptungen über einzelne Sachverhalte“ wären ein (sprachliches) Bild der Sachverhalte. Aber die Pragmatist/inn/en sind an diesem Punkt sehr hartnäckig gewesen. Sie halten auch die angebliche sinnliche Evidenz für zeichenhaft erschlossen, mithin können diese nicht als „matter of facts“ gehandelt werden. (Zitiert nach: The Essential Dewey II, 202) Möglicherweise könnte dies dann als „konstruktivistisch“ gedeutet oder eher missdeutet werden. Dass es sich anders verhält, werden wir am Montagabend genauer besprechen.
2 Typen von „Wissenschaft“
Seit der Entstehung der Quantenmechanik durch Planck, Heisenberg u. a. gibt es wohl keine Wissenschaft mehr, die in sich selbst nur einen homogenen Typ darstellt, vielleicht ist das noch bei der Chemie der Fall, aber schon die Biologie hatte nach Darwin auch noch von Uexküll u. a. wie Barbara McClintock, die dann innerhalb einer Wissenschaft verschiedene Konzeptionen derselben vertreten. So sieht es auch bei klassischer Physik und Quantenmechanik aus, zwar wird die Quantenmechanik von keinem Physiker bestritten, aber für den gewöhnlichen makroskopischen Bereich können ihre Effekte faktisch vernachlässigt werden, so jedenfalls viele Physiker/innen. Mithin hat auch nicht die Ablösung eines Paradigmas durch ein anderes stattgefunden, wie Thomas S. Kuhn behauptet (Th. S. Kuhn, Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen [stw 25]) hatte, in der Physik gibt es stattdessen tatsächlich unterschiedliche Ansichten über die Bedeutung der Quantenmechanik. Ludwik Fleck (Entstehung und Entwicklung einer wissenschaftlichen Tatsache, 1935 [1980]) hatte hier von „Denkstilen“ gesprochen, Kuhn hatte das dann in eine historische Abfolge gebracht, die von manchen sogar als Fortschrittstheorie (miss)verstanden wurde. Diese Auffassung hat sich nicht bewährt.
Dies gilt seit ihren Anfängen bis heute auch für Soziologie, Psychologie, Geschichtswissenschaft, Ökonomie, Literaturwissenschaft, Linguistik, Ethnologie und auch für Kunstlehren wie die Medizin, die z. B. als Hintergrundtheorien klassische Physik und Chemie haben kann. Zugleich können aber auch andere Wissenschaften hier das Verhältnis von Gesundheit und Krankheit in der Praxis erhellen wie Psychologie, Soziologie und Kommunikationstheorie bzw. Hermeneutik, wie das etwa in der Psychosomatischen Medizin behauptet wird. Diese Tendenz besteht unverändert seit den 1850er Jahren, scheint also ein relativ stabiles Element der Wissenschaftsgeschichte und der Evolution der Wissenschaften zu sein. Meine Vermutung aufgrund meiner eigenen Arbeit in den letzten zehn Jahren besteht darin, dass das Wechseln der Modelle, ihre Gleichzeitigkeit und das Vorherrschen bzw. Zurücktreten von Betrachtungsweisen, wie eine Wissenschaft den Wirklichkeitsausschnitt, den sie zu bearbeiten vorgibt, modellhaft erfasst, in der neueren Zeit nicht zuletzt mit der Konkurrenz von Maschinenmodellen und komplexeren Modellen, die unterstellen, sie seien „ganzheitlich“ u. ä., zusammenhängt. Dewey sah daher für die Philosophie die Chance, als eine Art „Verbindungsoffizierin“ zwischen den Wissenschaften und den in ihnen z. T. konkurrierend vertretenen Denkstilen zu agieren (vgl. dazu auch kritisch: Michael Hampe, Erkenntnis und Praxis [stw 1776], 182ff).
Wenn ich ein Problem mit einem Maschinenmodell erkläre, beschreibe ich die Zusammenhänge eines Ereignisses oder von Ereignissen als Teil einer Maschine. Eine Maschine funktioniert nach einem bekannten Regelsystem – und die Zuordnung zu einer Regel daraus erklärt das Ereignis deduktiv. Aus dem Bestehen der Regel kann das Ereignis als einzelner Fall der Regel abgeleitet werden. So funktioniert im Kern auch die klassische Physik, wohl auch die Chemie. Aber seit Darwin den Zufall in die Biologie einführte, wurde prominent am deduktiv-mechanistischen Modell ein Fragezeichen angebracht, was dann bei von Uexküll u. a. z. B. zur Unterstellung von Kreativität führte, wofür Barbara McClintock möglicherweise mit ihren „springenden Genen“ möglicherweise experimentelle Belege brachte. Ihr zufolge ist der zumeist bis heute als „DNA-Junk“ o. Ä. bezeichnete Anteil des Genoms in der Lage bei großen Stresssituationen das Genom zu ändern.
Gegen das deduktive „Erklären“ wandte sich insbesondere in Deutschland im Kontext des Neukantianismus die Emphase des „Verstehens“. Dies sollte dann auch eine Ordnung unter den Wissenschaften schaffen, nämlich diejenige von Naturwissenschaften, welche „erklärten“, und „Geisteswissenschaften“, welche „verstünden“. Bei Dilthey u. a. war dabei wohl immer unterstellt, dass die Welt der „Natur“ sozusagen abständig betrachtet werden könne, dies könne man auch ruhig deduktiv erklären. Die Welt des „Geistes“ aber setzte unsere eigene Beteiligung, unser Interesse, unser Engagement voraus, weshalb er bei Literatur, Kunst, Geschichte usf. vom „Verstehen“ als Einfühlen sprach. Man konnte also nicht ohne eigene Beteiligung, eigenes Engagement geistige Erzeugnisse anderer Menschen „verstehen“, daher war ein subjektiv engagierter Stil in einzelnen Geisteswissenschaften erlaubt – und ist dies heute durchaus auch noch. Für Deutschland wurde dann durch Manfred Franks wichtige Interpretation von Schleiermachers Hermeneutik (Das individuelle Allgemeine, 1975) deutlich, dass Dilthey nicht nur eine falsche Interpretation von Schleiermachers Hermeneutik vorgelegt hatte, sondern dass insgesamt seine Auffassung zu einseitig gewesen war. Denn „geistige“ Erzeugnisse äußern sich immer nur zeichenhaft, selbst bei der Telepathie scheint es nicht anders zu sein. Mithin mussten die Regeln der Zeichen erfasst werden. Frank kam zu der Überzeugung, dass Schleiermachers Interpretationstheorie zu folgen sei. Dabei ginge es nicht um „Einfühlen“, sondern um den Versuch, Fremdes zu verstehen, bei Schleiermacher als „Divination“ bezeichnet, bei Peirce bekanntlich Abduktion. Die Hermeneutik oder Kulturwissenschaft steht, sofern man es nicht vereinfacht, vor der Aufgabe, stets Neues und Fremdes zu verstehen, mit dem man dann einverstanden oder auch nicht einverstanden sein kann. Und in der Folge von Schleiermacher war er auch der Überzeugung, dass man bestimmte geistige Erzeugnisse dann praktisch fortschreibt oder auch kritisch verändert. Darin besteht immer noch das Wahrheitsmoment von Diltheys Idee. Nur hatte er tapfer übersehen, dass in den USA die Pragmatisten zeitgleich diese Idee schon auf das Realitätsproblem insgesamt angewendet hatten. Die Anschauung, dass es nur solche Regeln gebe wie diejenigen in der Physik, aus denen das einzelne Ereignis zwingend deduktiv abgeleitet werden könne, hatte Peirce schon früh als „falsche Verallgemeinerung“ bezeichnet. D. h. aber auch, dass jenes zu verstehende Fremde mir eben nicht in jedem Fall vertraut ist, was dann nicht zuletzt in der Ethnologie gerade auch gegen Imperalismus und Eurozentrismus nicht zu Unrecht betont wurde. Man näherte sich also doch immer deutlicher der Auffassung des Aristoteles wieder an, es gebe vielleicht so etwas, das notwendig so sei, wie es sei. Für die ganz große Mehrheit der Fälle aber gelte: „Es kann alles immer auch anders sein.“ Davon ist die Frage deutlich zu unterscheiden, ob uns Sachverhalte der „Natur“, der „Gesellschaft“, der „Kultur“ so angehen, das wir zu Stellungnahme herausgefordert sind. Nach den Pragmatisten, die ein prozessphilosophisches Realitätskonzept haben, jedenfalls schon. Aber manchen Menschen ist die Astronomie und die Teilchentheorie völlig egal, ihnen sind andere Themen wichtiger. Zur klaren Unterscheidung in den Wissenschaften taugt daher m. E. die Eigenbeteiligung, das Engagement nicht, weil es dazu unterschiedliche Meinungen gibt, was dem einzelnen Menschen wichtig ist. Zur Unterscheidung taugt m. E. mithin auf den Spuren des Aristoteles nur die Unterscheidung nach Regeltypen und der Wahrscheinlichkeit des jeweiligen Regeltyps.
Philosophische Erwägungen zur Gliederung der Wissenschaften vor dem Hintergrund der Gesamttätigkeiten der Philosophie
Im Kern unterstellt heute wohl auch die Physik zumeist, dass ihre Regeln induktiv erschlossen sind, aber eben sehr gut. Das ist bei vielen Regeln sonst in der Wirklichkeit aber nicht der Fall. Für die Regeln der Sozialwissenschaften gilt natürlich eine geringere Wahrscheinlichkeit, weil die Dynamiken der Gesellschaften stärker sind. Was ist damit gemeint?
Eine soziologische Theorie ist nicht zu 50 % wahr, Alexandra Hake hat in einer Umfrage im Rahmen ihrer Dissertation nachgewiesen, dass viele Medizinstudierende nicht wussten, was es heißt, dass man ein bestimmtes prozentuell angebbares Krankheitsrisiko etwa als Raucher/in hat. Es geht darum, ob man unter allen Raucher/inne/n zu derjenigen Gruppe gehört, welche die Krankheit bekommt – oder nicht. Helmut Schmidt ist als wirklich schwerer Raucher nicht von einem Lungenkarzinom betroffen, mithin gehörte er offenbar nicht zu der entsprechenden Gruppe, natürlich lässt sich dies nicht ganz sicher sagen … In der Soziologie geht es um Handlungen oder Kommunikationen, die angenommen oder abgelehnt werden können, so auch in der Ökonomie, dort wird das aber nur von einer Minderheit anerkannt. Über das Annehmen oder Ablehnen von Handlungen oder Kommunikationen lassen sich induktive und nicht zuletzt abduktive Voraussagen machen, weil es für Ablehnung oder Annahme beobachtbare Gründe gibt, die von den Menschen durchaus geäußert werden. Entsprechend gibt es hierzu quantitave und qualitative Studien. Diese wissenschaftlichen Prognosen treffen auf viele soziale Prozesse zu, auf viele aber nicht. Warum? Weil offenbar viele Menschen doch anders handeln, als man es von ihnen erwartet, weshalb es vielen Theorien nicht gelungen ist, beispielsweise die Finanzkrise vorauszusagen u. Ä. Das gilt natürlich nur, wenn man nicht unterstellt, es gebe ein heimliches Regelsystem, dass alle Handlungen und Kommunikationen steuert. Gäbe es dies, wären alle Wissenschaften vom Typ der klassischen Physik, aber nicht einmal in der Medizin wird das heute noch – belehrt durch die Erfahrung – unterstellt, ansonsten wären die Doppelblindstudien kaum verstehbar. Denn dort wird ja nicht belegt, dass ein Medikament auf jeden Fall wirkt, sondern dass es bei einer größeren Gruppe statistisch betrachtet offenbar „besser“ wirkt als ein entsprechendes „Placebo“. Wobei hierbei kein kausaler Wirkungsbegriff, sondern ein statistischer Wirkungsbegriff zugrunde liegt.
Edmund Stoiber hat in der ihm eigenen deutlichen Art wieder einmal einen wichtigen Beitrag zur Wissenschaftstheorie geliefert, der durchaus die Situation in Deutschland, Europa und den Vereinigten Staaten, die tatsächlichen Kämpfe erhellt. „Wir können auch nicht ein Volk von Geisteswissenschaftlern sein, davon allein können wir nicht leben.“ Ich gehe nicht auf die problematische logische Form des Satzes bzw. Arguments ein. Von den Wissenschaften wird erwartet – und dies ist seit 1850 durchaus nicht unberechtigt –, dass sie praktisch wirksam sind. Dabei gilt als das hervorstechendste Praxismerkmal der Wissenschaften auch bei Stoiber, dass diese die ökonomische Sicherheit der Bevölkerung durch entsprechende Forschung, die dann wirtschaftlich angewendet wird, begünstigen. Bei Geisteswissenschaftler/inne/n scheint das nach dem Urteil Stoibers eher nicht der Fall zu sein. Sie sind vielleicht nicht unwichtig, aber bitte mehr Naturwissenschaftler/inn/en! Seit dem „Kommunistischen Manifest“ und dann auch detaillierter in Herbert Spencers „Die ersten Prinzipien der Philosophie“ ist der Sachverhalt grundsätzlich genau analysiert. Die Frage für den dritten Teil unseres Kurses lautet nun: Wie ist aus Ihrer Sicht Edmund Stoibers Argument zu beurteilen?


