
Karl-Heinz Brodbeck gehört zu den wenigen Ökonomen, die seit den 1990er Jahren nicht völlig falsch gelegen haben. Sicher gilt das auch für einige US-amerikanische Keynesianer, aber insgesamt hat spätestens die Finanzkrise und ihre Folgewirkungen gezeigt, dass die akademische Ökonomie und die Praxis in Unternehmen und Staat, die ihr folgt, tatsächlich falsch lagen. Brodbeck hält daher den Anspruch, der Wirtschaftswissenschaft, eine prognosefähige science zu sein, für empirisch widerlegt. Erschwerend kommen die durchaus bedrohliche ökologische Schieflage und die weltweit eher noch steigende Armut hinzu, die nur wenige wie Binswanger ernsthaft berücksichtigt haben – obgleich viele Probleme seit mehr als 100 Jahren bekannt sind. Im vorigen Kurs haben wir entsprechende Probleme thematisiert, die jetzt im Gespräch mit den Texten Brodbecks vertieft werden. Dabei legt Brodbeck im Unterschied zu anderen Philosophen und Ökonomen eine teilweise buddhistisch inspirierte Auffassung vor, die erklären soll, warum die meisten Menschen in unserer Weltgegend kaum den Entwicklungen widersprochen haben, welche sich nun krisenhaft verdichten. Irritierend für den gewöhnlichen Diskurs mag erscheinen, dass Brodbeck mit den phänomenologischen Philosophien, auch mit Teilen der frühen Kritischen Theorie den Hauptgrund der negativen wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Prozesse darin sieht, dass die cartesianischen Ideen praktisch in der Gesellschaft universalisiert sind. D. h.: Er unterstellt,
„dass die Arbeitsteilung zwischen Philosophie, mathematischen Naturwissenschaften und ökonomischer Theorie für eine Erkenntnis ihres Zusammenhangs fatale Folgen hatte. Es ist gerade diese Arbeitsteilung, die es verhindert, dass in den jeweiligen Disziplinen der je eigene ‚Gegenstand‘ in seinen Grundkategorien enträtselt wird.“ (Brodbeck 2009, 10)
Denn ein Gegenstand lässt sich nicht vereinzeln bzw. isolieren. Umgekehrt geht Brodbeck ganzheitlich bzw. holistisch vor, was dazu führt, dass er glaubt, die „Gegenstände“ der menschlichen Praxis nicht zuletzt vor dem Hintergrund seiner buddhistischen Praxis genauer erfassen zu können. Zutreffend unterstellt er m. E. im Blick auf die mittelalterliche und moderne Entwicklung, dass die aristotelische Substanzmetaphysik indirekt durch das cartesische Programm, das ökonomisch explizit etwa bei Adam Smith rezipiert wurde, umgesetzt wurde. Die „Substanz“ ist dasjenige, was nur bestimmt werden kann, also Eigenschaften haben kann, aber für sich so ist, wie es ist (Aristoteles, Peri hermeneias). Hieraus leitet Brodbeck ab, dass der „Satz der Identität“ hinter vielen theoretischen und praktischen Auffassung stecke, ökonomisch etwa hinter den „Robinsonaden“. Damit ist gemeint, dass
„es keine den Dingen oder Subjekten primär zukommende Identität (gibt)“ (8).
Brodbeck argumentiert hier vor dem Hintergrund nicht zuletzt der Umstellung, die Peirce mit Aristoteles gegen Aristoteles vollzogen hatte – alles erscheint durch Relationen, Beziehungen konstitutiert bzw. vollzieht sich in Beziehungen zu anderem. Ironischerweise allerdings verkennt Brodbeck, dass Peirce genau dies mit anderen Philosophen zuvor behauptet hat – und setzt so eine Geschichte fort, die in Deutschland durch Apel und Habermas begonnen wurde. Man unterstellt Peirce, er habe genau das getan, gegen was man selbst ist, aber irgendwie doch richtige Anregungen gegeben. Peirce sei Szientist gewesen, im Kern denke er wie die Positivisten bis Popper, mithin fehle die Ethikperspektive, er habe syllogistisch und nicht kommunikativ gedacht usf. Nun soll auch sein grundlegender Text zur Relationenlogik unterstellen, dass die Relationen den einzelnen Ereignissen oder Subjekten äußerlich sind. Das ist aber nicht der Fall – und man kann das heute auch in den entsprechenden Texten in „Phänomen und Logik der Zeichen“, auch in der Sekundärliteratur von Pape, Hampe, Pöttner u. a. nachlesen. Mithin sind auch weite Teile dessen, was Brodbeck zum Thema „Semiotik“ und „Logik“ schreibt, falsch und in gewisser Weise verdruckt. Er kämpft hier zum Teil gegen Windmühlen, statt dasjenige genau zu rezipieren und zu verbessern, was Peirce vor gut 100 Jahren und Whitehead in anderer Weise vor etwa 50 bis 70 Jahren gesagt hatten.
In der Sache ist aber vor allem wichtig, dass Brodbeck diese Fragen überhaupt aufwirft. In der Tat stecken in unseren Handlungen, die wir vollziehen, allgemeine Überzeugungen. Mit Recht bezeichnet Brodbeck diese Überzeugungen als „philosphisch“ und „metaphysisch“. Also untersucht Brodbeck unsere elementaren Handlungen im Alltag, wie wir sprechen und wie wir Geld zählen. Beide Alltagsformen sind für die Ausbildung von Gesellschaft wesentlich. Und die „Geldrechnung“ hat sich Brodbeck zufolge als dominant gezeigt:
„Noch der subtilste Geist muss sich um Fragen seiner monetären Reproduktion, der Finanzierung seines Lebens kümmern. Das hat Spuren im Denken hinterlassen – überdeutliche Spuren.“ (1)
Daher sei die Geldrechnung alltäglich geworden, was u. A. dazu geführt habe, dass die „Logik“ so geworden sei, wie sie ist. Im Allgemeinen ist diese Auffassung richtig und produktiv, insofern sie betont, dass Theorien bzw. allgemeine Annahmen in der Praxis entstehen. Konkret ist das m. E. aber nur teilweise richtig, falls überhaupt. Man kann Peirce’ Relationenlogik so nicht verstehen – und diese wäre wichtig, um Brodbecks Gedanken transparenter zu machen.
Brodbeck akzeptiert weiter implizit die Peircesche Auffassung in der „Pragmatischen Maxime“, dass Theorien Praxis sind, die Realität, wie Dewey formulierte, einen praktischen Charakter besäße – und folglich auch die praktischen Folgen zur Bedeutung einer Theorie gehören.
“Bedenken Sie, welche Wirkungen, die denkbarerweise praktische Relevanz haben könnten, wir dem Gegenstand unserer Konzeption zuschreiben. Folglich besteht die Konzeption dieser Wirkungen aus dem Ganzen unserer Konzeption des Gegenstands!”
(Charles Peirce, How to make our ideas clear, 1878)
Und wir sehen nun klar, dass die ökonomischen Theorien aufgrund ihrer Folgen schlecht sind. Dieses Argument ist berechtigt. Peirce hat das mindestens so klar zum Ausdruck gebracht wie Brodbeck:
„Ethik ist die Theorie des selbstkontrollierten Handelns und Überlegens. Logik ist die Theorie selbstkontrollierten oder überlegten Denkens und muss sich als solche in ihren Prinzipien auf die Ethik stützen.“ (Phänomen und Logik der Zeichen, 21993 [stw 425]), 41f)
D. h.: Die Ethik stellt Peirce zufolge eine wesentliche Grundlage der Logik dar. Widersprechen die logischen Verfahren der Ethik als Theorie selbstkontrollierten Handelns und Überlegens, dann können sie nicht „richtig“ sein. Mithin unterstellte Peirce keineswegs, dass die Logik aus der Geldrechnung entstanden sei. Denn letztere hielt Peirce nicht für universalisierbar, auch in der Dominanz, die in der modernen Gesellschaft üblich ist, für zerstörerisch. Folglich ist sie ethisch kritisierbar.
Brodbeck macht auf einen weiteren wesentlichen Punkt aufmerksam, warum die ökonomischen Theorien so falsch liegen. Sie werden – im Unterschied zu manchen sozialwissenschaftlichen Theorien – nicht teilnehmend (vgl. 5) entworfen. „Teilnehmend“ heißt: Der Ökonom gehört zur Gesellschaft und zum Wirtschaftssystem, über die bzw. das er schreibt. Stattdessen wird eine faktisch neutrale Beobachterposition etabliert, die sozusagen alles neutral betrachten kann. Brodbeck führt das auf Descartes und Smith zurück, aber es ist auch der Grundzug aller positivistischen Wissenschaftsauffassungen. Diese ist logisch nicht haltbar, wie schon Peirce gezeigt hatte. Denn schon die sprachliche bzw. logische Form ist selbst keine schlichte Aussage, wenn man etwa sagt: „Wissenschaftliche Theorien sind neutral“. Tatsächlich gilt: Sie sollen neutral sein, sonst gilt man in bestimmten Kreisen eben nicht als „Wissenschaftler/in“. Nach meinem Eindruck gibt es daher eher zu wenig gute Logik in den Wissenschaften als zu viel. Aber das ist sicher ein wichtiger Punkt im Streit.b
Im Kern sollten wir uns im Kurs auf den zentralen Punkt, die Geldgier und die ihr entsprechende Denkform konzentrieren. Diese sollen nicht zuletzt erklären, warum trotz negativer Folgen der Dominanz des Wirtschaftssystems die Bevölkerung dieses weiter akzeptiert. Denn auch die Bevölkerung ist in Abstufungen von der Geldgier erfasst. Sie akzeptiert den „Totalitarismus“ des Marktsystems, seine „Alternativlosigkeit“ (Margaret Thatcher, Angela Merkel [there is no alternative]), die nach dem Scheitern des „stalinistischen Kommunismus“ plausibel erscheine. Die entsprechende Haltung nennt Brodbeck „Marktgehorsam“, die von der Renterin bis zur Universität reiche.
Wie schon die Fehlinterpretation der Philosophie Peirce’ zeigt, stellt sich die Sache möglicherweise nicht als ganz so einheitlich-schlüssig dar. Es wird im Kurs darauf ankommen, die nicht seltenen Allaussagen Brodbecks empirisch zu erden. Allerdings zeigt sich dann immer noch, dass er wohl einen dominanten Zug der Zeit angibt. Logisch-semiotisch zwingt ihn die Verwendung von Allaussagen übrigens zu dem beachtlichen Umfang seines Werks, weil er faktisch alle Theorien und Handlungsweisen besprechen oder jedenfalls wahrnehmen muss. Und die Fehleranfälligkeit steigt ebenfalls.