Zum Inhalt springen


Alltag und Philosophie - Im Alltag liegt die Weisheit verborgen …


30. Oktober 2011

EFG-Griesheim

http://www.servicioskoinonia.org/cerezo/dibujosB/16ordinarioB7.jpg


 

Der Text der heutigen Predigt steht in Mk 2, in den VV. 1-12:

 

1 Und nach einigen Tagen ging er wieder nach Kapharnaum; und es wurde bekannt, dass er im Haus war.

2 Und es versammelten sich viele, sodass sie nicht genügend Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und er sagte ihnen das Wort.

3 Und es kamen einige zu ihm, die brachten einen Gelähmten – dieser wurde von vier Menschen getragen.

4 Und da die Träger ihn wegen der Menge nicht zu ihm bringen konnten, deckten sie das Dach auf, wo Jesus war, machten ein Loch und ließen das Bett herunter, auf dem der Gelähmte lag.

5 Als nun Jesus ihr Vertrauen sah, sprach er zu dem Gelähmten:

„Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!“

6 Es saßen da aber einige Schriftgelehrte und dachten in ihren Herzen:

7 „Was redet der da so?

Er lästert Gott!

Wer kann außer Gott allein Sünden vergeben?“

8 Und Jesus erkannte sogleich in seinem Geist, dass sie so bei sich selbst dachten, und sprach zu ihnen:

„Was denkt Ihr so etwas in Euren Herzen?

9 Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen:

Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen:

Steh auf, nimm Dein Bett und geh umher?

10 Damit Ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden“ – Dabei wandte er sich zu dem Gelähmten –:

11 „Ich sage Dir, steh auf, nimm Dein Bett und geh heim!“

12 Und dieser stand auf, nahm sein Bett und ging sofort hinaus vor aller Augen, sodass sie sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: Wir haben so etwas noch nie gesehen.

 

Liebe Gemeinde,

 

nach heutiger medizinischer Einsicht beruhen Lähmungen mit ganz überwiegender Wahrscheinlichkeit auf z. T. schweren Störungen des Zentralen Nervemsystems, auch der peripheren Nerven, die medizinischer Therapie zugänglich sind, wie das bei meinem Schlaganfall war, dann geht man nach einiger Zeit wieder umher. Oder diese Störungen des Nervensystems sind der medizinischen Therapie bislang nicht zugänglich, dann bleibt man sitzen – zumindest im Rollstuhl. Es ist ein schweres Schicksal.

Die Schwere der Krankheit wird in unserer Erzählung aus Kapharnaum betont. Jesus ist wie immer unterwegs und verkündigt seine Botschaft vom Evangelium, das nahegekommen ist, eben das Wort – und dem man Vertrauen schenken und entsprechend von seinem bisherigen Lebenswandel umkehren soll.

Das Interesse der Menschen ist groß. Das Haus, in dem Jesus sich befindet, ist überfüllt. Auch vor dem Haus ist alles überfüllt. Dennoch bringen vier Menschen einen Gelähmten zu Jesus, durchs Dach, es wird von den Vieren aufgegraben. Jesus sieht das Vertrauen der vier Menschen, die sich gegen Widerstände durchsetzen. Damit ist nach der Logik des Markusevangeliums eigentlich das Problem gelöst. Wer auf das Evangelium vertraut, nimmt an der Schöpfermacht Gottes Teil – und vermag ganz Außergewöhnliches zu leisten, wie es die vier Träger des Gelähmten auch tun. Sie graben das Dach über Jesus auf, umgehen so die Menge und bringen den Gelähmten zu Jesus, damit er ihn heile.

Jesus sieht das Vertrauen der vier Träger. Seine Reaktion ist aber etwas auffällig:

„Mein Sohn, Deine Sünden sind Dir vergeben!“ – sagt er zu dem Gelähmten.

Das ist eine merkwürdige Provokation. Sie reagiert darauf, dass in einigen jüdischen und biblischen Texten solche Krankheiten wie diejenige des Gelähmten als Folge seiner Verstöße gegen das Gesetz Gottes verstanden wurden. Ich selbst bin religiös mit dieser Tradition erzogen worden.

Jesus diskutiert das nicht weiter, sondern vergibt dem Gelähmten seine Sünden. Das empfinden nun die „Schriftgelehrten“ als ungeheuerliche Provokation. Sie sitzen im Haus:

„Was redet der da so?

Er lästert Gott!

Wer kann außer Gott allein Sünden vergeben?“ – so denken sie. Jesus kann Gedanken lesen:

„Was denkt ihr solches in euren Herzen?

9 Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen:

Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen:

Steh auf, nimm dein Bett und geh umher?

10 Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden – so sprach er zu dem Gelähmten:

11 Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim!“

Das macht der bisher Gelähmte und alle sind erstaunt und guter Dinge.

Der Text erweckt den Eindruck, als ob sogar die Schriftgelehrten in den allgemeinen Lobpreis Gottes einstimmen, mithin ihre religiöse Empörung vergessen oder über den Haufen geworfen haben. Aus dem weiteren Verlauf des Markusevangeliums wissen wir aber, dass die Mehrheit der Schriftgelehrten auf jeden Fall am Vorwurf der Gotteslästerung festhält. Jesus wird zudem als messianischer Aufrührer verdächtigt und so den Römern präsentiert, damit diese ihn am Kreuz hinrichten.

Jesus vermeidet dennoch nicht die Provokation der Schriftgelehrten. Denn ihm geht es um dem gelähmten Menschen, der von den vier Trägern mit Vertrauen auf das Evangelium gebracht wird. So ist er im Horizont des Evangeliums, des Vertrauens und der Umkehr. Er partizipiert über die vertrauende Aktion der Träger an der Schöpfermacht Gottes. Dass er gesündigt hat, wird schon so sein, Jesus vergibt ihm seine Sünden. Aber das eigentliche Hemmnis sind die Schriftgelehrten, die religiös empört im Haus sitzen.

Jesus stellt ihnen eine argumentative Frage. Es ist ein Schluss vom Kleineren auf das Größere – oder umgekehrt, je nach Position:

„ Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen:

Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen:

Steh auf, nimm dein Bett und geh umher?“

Ja, was ist leichter?

Wir wissen medizinisch, dass gegenwärtig keineswegs alle Lähmungen geheilt werden können, ganz im Gegenteil. Bei meiner war es wahrscheinlich, wenn auch keineswegs sicher. Ich habe viele Patient/inn/en erlebt, bei denen eine Heilung nicht eintrat – die Ärzt/inn/e/n waren rat- und hilflos. Weil ich Theologieprofessor bin, sagte der Chefarzt der Schmieder-Kliniken zu mir: „Wir machen keine Heilsversprechen!“ Gemeint war: „Das könnt ihr schon machen! Aber hier geht es um stets unsichere Heilungswahrscheinlichkeiten …“

Daher dürften wir aus unserer Erfahrungsperspektive wahrscheinlich antworten: „Es ist leichter zu sagen: Deine Sünden sind Dir vergeben!“ So was können Theolog/inn/en immer behaupten, überprüfen kann man es ohnehin nicht …

Natürlich lässt Jesus die Debatte nicht ganz offen, er heilt den Gelähmten.

Er hat natürlich die Vollmacht Sünden zu vergeben und er heilt den Gelähmten. Wäre die Lehre richtig, dass Sünden die Ursache von Krankheiten sind, ist damit aus Jesu Perspektive dennoch klar: Es geht um den Gelähmten im Horizont des Vertrauens seiner Träger auf das Evangelium.

 

Liebe Gemeinde,

 

das ist nach meiner Überzeugung der Kern dieser Erzählung, die auch in unser z. T. durch schweres Leiden gezeichnetes Leben eingreifen, uns dennoch aktivieren und trösten kann. Wer auf einer Lehre beharrt, dass Krankheiten durch Sünden verursacht sind, hat die Logik des Evangeliums und des Vertrauens auf es nicht verstanden – und versucht sich selbst in den Vordergrund zu spielen.

„Ich bin ganz gesund, also habe ich nicht gesündigt. Also bin ich gut und gerecht.“

Nach Jesu Meinung ist dies nicht der Fall. Er sei zu den Kranken gekommen, die Gesunden bedürften ja keines Arztes, wie er in der Folgeerzählung ironisch sagen wird, die wir in der Schriftlesung gehört haben. Diese Überheblichkeit der religiös Tollen und sich als Gerechte verstehenden Menschen geht Jesus hier provokativ an.

Zugleich hält die Erzählung aber auch einen Hoffnungsüberschuss für diejenigen bereit, welche die Grenze ärztlicher Kunst erfahren mussten und ein schweres Schicksal meistern müssen: Selbst wenn mir direkt nicht geholfen wird, so gibt es doch andere Träger, die für mich vertrauen. Das tun vielleicht nicht viele, aber doch einige – diese Erfahrung habe ich im letzten halben Jahr machen dürfen. Ohne solche Träger geht es nicht. In einer solchen Situation trennt sich die Spreu vom Weizen. Und es bleibt wahr, dass es gut ist, dass Vertrauen und die Hoffnung nie ganz aufzugeben. Insofern stimme ich nach dem letzten halben Jahr in den Lobpreis Gottes ein.

26. Oktober 2011

Der Primat der Ethik VHs Neckargemünd)

Die Sitzung befasste sich mit der „Pragmatischen Maxime“ und der kulturellen Verantwortungsperspektive, die sie enthält. Dem Dozenten erschien es so, als würde angesichts des EGH-Urteils weniger die Perspektive Peirce’ als einleuchtend (Handlungszusammenhang, der wird genau reflektiert – und dies führt relativ zwingend dazu, dass Embryonen der Status der realen Möglichkeit des Menschseins zugeschrieben wird) empfunden werden. Sie sollen ja in eine Gebärmutter eingepflanzt werden, sind dem Handlungszusammenhang zufolge also immer schon mehr als bloße Zellhaufen, die man einfach wegschütten kann, sofern man den Handlungszusammenhang, in welchem die Embryonen entstehen, reflektiert. Peirce zufolge genügt es vollkommen, das offen und kritisch zu reflektieren, was man tut. Natürlich wurde die eingetretene Situation längst vorausgeahnt, als die Präimplantationsdiagnostik mit ihren „überzähligen Embryonen“ erörtert wurde. Daher waren wegen der vorausgesehenen Folgen einige dagegen. Der nicht-utilitaristisch argumentierende EGH hat aus der Menschenrechtsperspektive argumentiert. Sowohl die USA als auch die EU akzeptieren diese, wenn diese auch nicht immer respektiert werden. Diese Menschenrechtsargumentation benötigt keine ontologische Naturrechtsperspektive, wie Papst Benedikt glaubt, sondern eine kritische Reflexion der Handlungssituation, in der die Implikationen deutlich werden können. Überzählige Embryonen, können in eine Gebärmutter eingepflanzt werden, das hat sich empirisch bewährt.

Wer glaubt, den Handlungszusammenhang, der allein für ethische Reflexion ausschlaggebend ist, vernachlässigen zu können, diskutiert über biotische Sachverhalte und stellt fest, dass man „naturwissenschaftlich“ gar nicht so genau sagen könne, wann das Leben und das Menschsein beginne. Peirce und der EGH reflektieren aber genau den Handlungszusammenhang und schreiben den Embryonen aufgrund des Handlungszusammenhangs ein „Sein-Können“ zu, das sich in der Gebärmutter realisiert. Ohne dieses „Sein-Können“ würde die Implantation in die Gebärmutter nicht funktionieren. Positivist/inn/en und Utilitarist/inn/en sind für diesen Punkt ganz menschenrechtsunsensibel.

Pragmatist/inn/en sind also Ethiker/innen, die alle Zusammenhänge eines wissenschaftlich zu erfassenden Sachverhalts einbeziehen. Damit waren sie damals nicht unumstritten, denn dies besagt u. a. auch, dass wissenschaftliche Aussagen nicht „wertneutral“ sind.

Eine „Uebereinstimmung [sc. der Herausgeber des ‘Archivs für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik’] besteht … bezüglich der Schätzung des Wertes theoretischer Erkenntnis unter ‘einseitigen’ Gesichtspunkten, sowie bezüglich der Forderung der Bildung scharfer Begriffe und der strengen Scheidung von Erfahrungswissen und Werturteil, wie sie hier … vertreten wird“  (Max Weber, Die „Objektivität“ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis, in: Ders., Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, hg. v. J. Winckelmann, 71988 (UTB 1495), 146-214 ).

Die Quellen der folgenden beiden Zitate Karl Poppers sind verlinkt:

„Aus der Feststellung einer Tatsache lässt sich niemals ein Satz herleiten, der eine Norm, eine Entscheidung oder einen Vorschlag für ein bestimmtes Vorgehen ausspricht.“[4]:77

„Alle Diskussionen über die Definition des Guten oder die Möglichkeit es zu definieren, sind völlig unnütz.“[4]:294

Anders als Weber und auch als Popper meint Peirce demgegenüber:

„Ethik ist die Theorie des selbstkontrollierten Handelns und Überlegens. Logik ist die Theorie selbstkontrollierten oder überlegten Denkens und muss sich als solche in ihren Prinzipien auf die Ethik stützen.“ (Phänomen und Logik der Zeichen, 21993 [stw 425]), 41f)

Dadurch kann sich jede/r sein/ihr eigenes Bild über die völlige Eigenständigkeit der pragmatistischen Ansatzes bilden. Es dürfte auch bei einer aufmerksamen Lektüre der Behauptungen Webers und Poppers klar werden, warum Peirce, James und Dewey sich nicht davon überzeugen ließen, dass wissenschaftliches Handeln wertneutral sei. Weber und Popper bedienen sich mehr oder weniger unbewusst, jedenfalls unreflektiert Formen des sittlichen Sprechens und stellen Gebote bzw. Verbote auf. Wer also wissenschaftlich spricht, darf nicht werten. Peirce zufolge ist aber eine solche Position weder eine des selbstkontrollierten Denkens noch eine solchen Handelns. Einfaches Lesen mit logisch-semiotischer Subtilität zeigt die Selbstwidersprüchlichkeit der Position von Neukantianern, Positivisten und Neopositivisten auf. Die ‚Wissenschaften sind nach Peirce’ Überzeugung wertvoll. Mithin sind auch wissenschaftliche Sätze nicht wertneutral, sondern stets eine Bestätigung und ein Vollzug selbstkontrollierten Denkens. So etwas setzt eine ethische Entscheidung und Reflexion voraus. Warum besser selbstkontrolliert als anarchisch?

Es handelt sich um eine wissenschaftliche normative Theorie, ebenso eine Überlegung. Damit knüpft Peirce an Aristoteles an, der die bisherigen sittlichen Produktionen wahrnahm und kritisch reflektieren wollte und dies auch getan hat. Bei Peirce liegt ein besonderer Akzent auf den sittlichen Einstellungen, die im alltäglichen Konsens vorhanden sind. Möglicherweise kommt es dazu, dass ein letzter Dissens offen bleibt. Möglicherweise wäre Poppers Urteil gar das Ende der philosophischen Reflexion. Die Beobachtung der sittlichen Anstrengungen in der Menschheit sprechen nicht dafür. Heute entspricht den Überlegungen Peirce′ am ehesten die enwickelte diskursethische Position. Denn auch diese ist zu der Einsicht gelangt, dass man auf alltagsphilosophischen Bildungsprozessen aufbaut, mithin viele Menschen schon immer philosophische sittliche Urteile getroffen haben. Die Ereignisse seit Mitte März in Deutschland, die auch demoskopisch gemessen wurden, haben das empirisch belegt. Die übergroße Mehrheit in der Bevölkerung war zum Ausstieg aus der Kernenergie bereit. Ich selbst habe Diskussionen in der Sauna in Leimen mitbekommen, welche mir eine qualitative Abduktion erlaubten, die ich auch veröffentlicht habe. Sie hat sich dann gut zwei Monate später als zutreffend gezeigt.

D. h.: Fragen wie diese und auch solche der Menschenrechte werden stets in der Bevölkerung verhandelt. Diese ist in Demokratien das Forum, welches auch schwierige Fragen letztlich entscheidet. In Deutschland sind noch zu wenig Formen der direkten Demokratie verfassungsmäßig institutionalisiert. Am 27. November dieses Jahres aber findet auch in Baden-Württemberg eine solche Entscheidung statt. Die Gegner/innen von “Stuttgart 21″ müssen dann wenigstens 40 % davon überzeugen, mit “Nein!” zu stimmen.

Von neukantianischen Positionen des Primats der Ethik unterscheidet sich die Position Peirce′, wie an Weber gezeigt, dadurch, dass wissenschaftliche Prozesse stets als bewertende und auch zu bewertende interpretiert werden.

Psalm 8 (TUD)

Psalm 8 (TUD)

 

Vielleicht entstammt der Text dem vierten oder dritten Jahrhundert v. d. Z. Es handelt sich um ein poetisch entworfenes Lied (Refrainstruktur). Im Refrain wird das Herr-Sein Gottes im Blick auf die Erde betont. Der Mensch wird vor dem Hintergrund der Schöpfungswerke wahrgenommen, die nicht zuletzt aus der Abendhimmel-Perspektive dargestellt werden. Der Text steht sicher in Parallele zu großen Texten der abendländischen Geschichte wie der Antigone des Sophokles, wie Herr Hettler betonte.

Sein Profil erhält der Text durch den Hinweis im Lied, dass der Lobpreis Gottes als Machtmittel von Kindern und gesellschaftlich nicht sehr angesehenen Menschen gesungen werde. Dies wird als Machterweis gegen Gottes Widersacher gedeutet. Nach längerer Diskussion erschien es uns möglich, diesen irritierenden Textbestandteil so zu deuten, dass es Menschen geben könnte, die selbst als Herr der Welt auftreten möchten, der Mensch wäre dann nicht nur als Bild Gottes verstanden, sondern selbst als Gott.

Der Mensch wäre mithin als aktiver Bewahrer in der Schöpfung verstanden, der freilich für die Schöpfung gefährlich werden kann. Insofern näherten wir uns einem Teilthema des Seminars, der Grenzen zu den Tieren, wobei uns wichtig erschien, dass es Wildtiere gibt, mit denen der Mensch lebt und auch Gott interagiert.

So verstanden könnte der Text durchaus der ökologischen Krise standhalten – uns auch noch nach ihrem Eintreten ansprechen.

Innerhalb des Seminars verweist der Text auf paulinische Text, offenkundig natürlich auf Röm 8.

 

Psalm 8 (TUD)

 

Vielleicht entstammt der Text dem vierten oder dritten Jahrhundert v. d. Z. Es handelt sich um ein poetisch entworfenes Lied (Refrainstruktur). Im Refrain wird das Herr-Sein Gottes im Blick auf die Erde betont. Der Mensch wird vor dem Hintergrund der Schöpfungswerke wahrgenommen, die nicht zuletzt aus der Abendhimmel-Perspektive dargestellt werden. Der Text steht sicher in Parallele zu großen Texten der abendländischen Geschichte wie der Antigone des Sophokles, wie Herr Hettler betonte.

Sein Profil erhält der Text durch den Hinweis im Lied, dass der Lobpreis Gottes als Machtmittel von Kindern und gesellschaftlich nicht sehr angesehenen Menschen gesungen werde. Dies wird als Machterweis gegen Gottes Widersacher gedeutet. Nach längerer Diskussion erschien es uns möglich, diesen irritierenden Textbestandteil so zu deuten, dass es Menschen geben könnte, die selbst als Herr der Welt auftreten möchten, der Mensch wäre dann nicht nur als Bild Gottes verstanden, sondern selbst als Gott.

Der Mensch wäre mithin als aktiver Bewahrer in der Schöpfung verstanden, der freilich für die Schöpfung gefährlich werden kann. Insofern näherten wir uns einem Teilthema des Seminars, der Grenzen zu den Tieren, wobei uns wichtig erschien, dass es Wildtiere gibt, mit denen der Mensch lebt und auch Gott interagiert.

So verstanden könnte der Text durchaus der ökologischen Krise standhalten – uns auch noch nach ihrem Eintreten ansprechen.

Innerhalb des Seminars verweist der Text auf paulinische Text, offenkundig natürlich auf Röm 8.

20. Oktober 2011

Die “Pragmatische Maxime” – eine kulturphilosophische Regel

Wir haben uns in der Sitzung vom 17.10. um ein ausreichendes Verständnis des allgemeinen und umfassenden Philosophieansatzes von Charles Peirce bemüht – und sogar eines der metaphysischen Probleme besprochen, das Peirce tatsächlich behandelt: die Gottesfrage, wobei Peirce viele allgemeine Äußerungen hinzuzieht, welche ihn anregen. Neben Traditionen von Judentum, Christentum und Islam spielen bei Peirce auch Neohinduideen eine nicht unbeachtliche Rolle. Dies war alles am Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den USA bekennt und wurde kontrovers diskutiert.[1] Philosophie verarbeitet solche Traditionen und reflektiert sie kritisch darauf, ob sie Erfahrungsgehalte symbolisieren – oder ob man aufgrund solcher Bilder Erfahrungen machen kann. Welches Thema man metaphysisch durch allgemeine Unterstellungen angeht: Peirce hält nichts von geschmäcklerischen, vielleicht schöngeistigen Theoriedebatten, weil Theorien selbst durch Praxis gewonnen wurden, praktisch überprüft und ggf. dann verändert oder auch verworfen werden. Die pragmatistische Philosophie konzentriert sich mithin auf den kulturellen Kontext der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in dem klar wurde, dass die soziale Ausdifferenzierung der Wissenschaften sogenanntes „Wissen“ bereitstellt, das es ermöglicht, praktische Regeln zu entwerfen, die sich therapeutisch, pädagogisch und ökonomisch sehr gut bewährten. Das sind entweder Techniken oder Kunstlehren.

  • Um Techniken handelt es sich, wenn solche Regeln Handlungen bestimmen, die das angestrebte Ziel stets erreichen, also z. B. Glühbirnen produzieren, die immer dann leuchten, sofern man auf einen Schalter drückt (Th. A. Edison).
  • Um Kunstlehren handelt es sich, wenn solche Regeln Handlungen bestimmen, bei denen der Erfolg im Einzelfall nicht sicher ist, die mithin stets vom Einzelfall her angepasst werden müssen (etwa Pädagogik, Medizin).

Das ist keine typisch „amerikanische“ Entdeckung. Aber im amerikanischen Pragmatismus brachen sich – vermittelt durch den „Amerikanischen Transzendentalismus (Emerson, Thoreau, Fuller u. a.) die Ideen, die von den Frühromantiker/innen, Goethe, Schleiermacher und Humboldt stammen, eine Bahn. Ich habe daher auch auf den Kontext der Demokratie verwiesen, der für das Verständnis der Werke von Peirce, James und Dewey sehr ausschlaggebemd ist, der natürlich in Deutschland in einem ernsthaften Sinn erst nach 1968 existierte, im Kern erst in den 1970er Jahren bestimmend wurde. Denn die Möglichkeiten politischer Freiheit setzten die Energien frei, welche ein Leben in Selbstbestimmung schön machen können. Das formuliert in der Unabhängigkeitserklärung die Rede vom „pursuit of happiness). Aber – so reflektiert die sogenannte „pragmatische Maxime“, welche praktische Folgen bzw. Wirkungen eine wissenschaftliche Theorie haben kann, sollte abgeschätzt werden.

Bedenken Sie, welche Wirkungen, die denkbarerweise praktische Relevanz haben könnten, wir dem Gegenstand unserer Konzeption zuschreiben. Folglich besteht die Konzeption dieser Wirkungen aus dem Ganzen unserer Konzeption des Gegenstands!

(Charles Peirce, How to make our ideas clear, 1878)

Pape hat schon in den 1980er Jahren (z. B. Einleitung zu „Phänomenologie und Logik der Zeichen“) darauf verwiesen, dass Grundfragen des „Prinzips Verantwortung“ (Hans Jonas, ein Heideggerschüler) hier völlig klar formuliert werden. Wenn also zu den abgeschätzten möglichen Wirkungen solche gehören, die sittlich missbilligt werden müssen, ergeben sich konfliktreiche ethische Aufgaben. Wie ist z. B. eine demokratische Kontrolle der Wissenschaften möglich? Peirce setzt also darauf, dass neben der philosophischen Tätigkeit der Wissenschaftler/innen ein universaler Horizont in der Gesellschaft entsteht, der eben verantwortlich darüber entscheidet, welche technischen und kunstmäßigen Projekte durchgeführt werden – und welche besser unterlassen werden sollten, weil ihre Wirkungen die Möglichkeit der Freiheit negieren.

Der Europäische Gerichtshof (EGH) hat in dieser Woche in diesem Sinne eine entsprechende Entscheidung zur Stammzellenforschung getroffen, die den Wünschen und gedanklichen Ambitionen der Zivilgesellschaft in Teilen Europas entspricht – ein Beispiel für die Institutionalisierung solcher demokratischer Meinungsbildungsprozesse, die auch Peirce für notwendig hielt. Natürlich lässt sich ökonomisch besser mit (finanzieller und technischer) Industrieunterstützung forschen. Aber die hierzu erforderliche Patentierung von bestimmten praktisch hervorgerufenen Zellveränderungen widerspricht elementaren Prinzipien der Menschenrechte. Um dies zu verstehen, muss man nur allgemein gebildet sein, welches eine Voraussetzung von Demokratie im Sinne von Peirce und seinem Schüler Dewey ist.

  • Die in den Wissenschaften entworfenen Abduktionen (Hypothesen)
  • werden mithin deduktiv auf Überprüfungskontexte in der kunstmäßig oder technisch modellierten Erfahrung (etwa des Labors) bezogen,
  • wo sie auf ihre induktive Tauglichkeit in immer neuen Erfahrungen überprüft werden.

Die „pragmatische Maxime“ formuliert diesen durch und durch praktischen Zusammenhang. Und Handlungen gehören ganz klar in den Bereich der Ethik. Es gehört zu den negativen – und wie wir heute u. a. an der Klimakatastrophe und Fukushima sehen – fatalen Folgen des Erfolgs von Positivismus und Neopositivismus, dass sie die Peirce’sche Idee, wie Ideen klar gemacht werden, aus dem Bereich der Ethik in einen angeblich “neutralen” wissenschaftlichen Bereich transformiert haben, wo (was nicht so gerne zugegeben wird) letztlich kurzfristige ökonomische Interessen den Ausschlag geben, siehe den sich immer noch brüstenden Oliver Brüstle (Universität Bonn).

Logisch-semiotisch verhält es sich so: Das Ziel wäre eine Therapie für Parkinson. Die Abduktion lautet: Dieses Ziel kann durch gentechnologische Manipulation von Zellen „überzähliger Embryonen“ erreicht werden, weil sich hieraus geeignete Präparate gegen Parkinson gewinnen lassen. Deduktiv findet diese Manipulation seit drei Jahren oder mehr statt. Eine Überprüfung, die induktiv den Erfolg einigermaßen sicherstellen könnte, ist noch nicht in Sicht. Der EGH hat klar aus der Sicht der Menschenrechte die Konsequenzen gezogen. Embryonen dürfen nicht als Mittel behandelt werden. Sie tragen die reale Möglichkeit des Menschseins in sich. Im positivistischen und neopositivistischen Kontext werden entsprechende elementare ethische Fragen bewusst ausgeklammert. Mithin sind die Ideen solcher Wissenschaftler/innen und Philosoph/inn/en Peirce zufolge unklar.

  • Warum?
  • Und hat Peirce recht oder unrecht?
  • Wie hätte der Papst argumentiert?

Pape hat mit Recht vor gut 30 Jahren darauf verwiesen, dass die Philosophie durch eine derartige logisch-semiotische Subtilität gesellschaftliche Streitfragen klären helfen kann – und dadurch dazu beiträgt, die geistige „Umweltverschmutzung“ zu mildern. Das ist eine schöne Aufgabe der Philosophie.


[1] Es ist unbestritten, dass es auch Cowboys und Cowgirls gab. Sie waren kulturell aber weniger bedeutend, als das Genre „Western“ nahelegen könnte. Auch im Mittleren Westen und an der Frontier wurden philosophische Fragen diskutiert, wie man sich an dem Begründer der Osteopathie Andrew Taylor Stil exemplarisch klar machen kann.

19. Oktober 2011

TUD

Zur nächsten Sitzung am 25.10. ist Psalm 8 zu lesen!

 

Ich bin unter kontakt@bildungundalltag.de zu erreichen.

12. Oktober 2011

Worum geht es bei Peirce?

1                  Erinnerung an die erste Sitzung (10.10. Vhs Neckargemünd)

Zur Einstimmung auf das Hauptthema der Philosophie von Charles Peirce wurde der folgende Text besprochen, ergänzend zu meinen Erläuterungen ist der Text “Intellektuelle Autobiografie” aus den Semiotischen Schriften I vielleicht hilfreich.

 

„Meine Herren und Damen!

Philosophie ist der Versuch – denn wie das Wort selbst schon impliziert, ist sie unvollkommen und muss es sein –, einen umfassend aufgeklärten Begriff von Allem zu bilden. Alle Menschen philosophieren, und wie Aristoteles sagt, müssen wir es tun, und sei es nur, um die Vergeblichkeit der Philosophie zu beweisen. Wer sich um Philosophie nicht kümmert, besitzt genauso metaphyissche Theorien wie alle anderen – nur sind es ungeschlachte, falsche und weitschweifige Theorien. Manche Menschen bemühen sich, dem Einfluss metaphysischer Theorien zu entgehen, indem sie die Metaphysik außer Acht lassen. Die Erfahrung zeigt aber, dass sich diese Menschen mehr noch als alle anderen im eisernen Griff metaphysischer Theorien befinden, weil es eben Theorien sind, die sie noch niemals bezweifelt haben. Kein Mensch steht so im Bann der Metaphysik wie der völlig ungebildete, kein Mensch ist von ihrer Herrschaft so sehr befreit wie der Metaphysiker selbst. Da sich also jeder Mensch von den Dingen im Allgemeinen Begriffe bilden muss, ist es äußerst wichtig, dass sie sorgfältig konstruiert werden.“ (Semiotische Schriften I [1866], 128)

 

Der geänderte Plan fand die Zustimmung der Teilnehmenden. Er lautet:

 

  • 17.10. Peirce’ Hauptthema: Umfassende Philosophie, die im einzelnen Leben beginnt
  • 24.10. Die „pragmatische Maxime“
  • 31.10. Der Primat der Ethik
  • 07.11. Semiotik I
  • 24.11. Semiotik II
  • 28.11. Wahrnehmung und Erfahrung
  • 05.12. Pragmatismus und Phänomenologie
  • 12.12. Religionsphilosophie
  • 19.12. Abschlussdiskussion

Zur Sitzung am 17.10. sollen die Teilnehmer/innen drei Vorschläge beitragen, die Themen für das nächste Semester sein könnten.

2                  Das Hauptthema von Peirce’ Philosophie: Umfassende Philosophie, die im einzelnen Leben beginnt

Nach Peirce versucht die Philosophie, „einen umfassend aufgeklärten Begriff von Allem zu bilden“. Dabei ist die Verwendung von „aufgeklärt“ überzufällig. Denn alle Menschen philosophieren – und alle bilden allgemeine Konzepte aus, z. B.: „der Mensch ist eine schwäbische Hausfrau“. Diese allgemeine, metaphysische Unterstellung lautet logisch ausgedrückt: Wenn etwas ein Mensch ist, dann ist er eine schwäbische Hausfrau. Wir haben uns das an Themen wie „Freiheit“ und vor allem der „Seele“ klar gemacht. Peirce folgt in diesen und anderen Fragen im Wesentlichen Aristoteles, welcher den Erkenntnisdrang und das Philosophieren-Wollen bei allen Menschen lokalisiert. Daher gehen in die Arbeit „professioneller“ Philosoph/inn/en auch die Meinungen und Ansichten bzw. auch gelegentliche Äußerungen wie z. B. diejenige Meinung ein, der Mensch sei eine schwäbische Hausfrau.

D. h.: Die Philosophie von Peirce ruht auf den vielen allgemeinen Äußerungen der Mitmenschen auf, welche der professionelle Philosoph „aufklärt“, wie sich dann in der Folge noch zeigen wird: logisch-semiotisch bearbeitet. Am Ende solcher Arbeit könnte tatsächlich ein Begriff von Allem stehen. Dieser „Begriff“ bezieht sich auf alle Aspekte der Realität, soll mithin, wie wir sehen werden; ein relationales Konzept sein. Natürlich ist auch der „Beweis“ möglich, dass die Philosophie vergeblich ist.

Neben der Arbeit der Wissenschaften wie Physik, Biologie und Psychologie sind für professionelle Philosoph/inn/en mithin die Äußerungen „einfacher“ Menschen aufschlussreich, die in ihrem praktischen Umgang mit der Realität, zu der sie selbst gehören, allgemeine Begriffe ausbilden. Fügt man den Punkt hinzu, dass solche Begriffe nicht rein beschaulich-theoretisch, sondern handlungsleitend sind, hat man in dem anfänglich zitierten Text aus den logischen Lowell-Lectures das voll entfaltete Syndrom der Peirce’schen Philosophie vor Augen.

„Alle Menschen sind schwäbische Hausfrauen“ bedeutet als Praxismaxime in den letzten beiden Jahren in der zweiten Phase der Finanzkrise: „Mer gäwet für die Griechen usf. nix!“ Peirce wie Aristoteles zufolge lassen sich solche Konzepte in Praxismaximen umformen, die dann handlungsleitend sind und die Praxis einzelner Menschen und Gruppen bestimmen.

Das Hauptprinzip der Philosophie Peirce’ ist also recht übersichtlich. Vielleicht hat Peirce weniger als Wittgenstein den Überlegenheitsgestus des akademischen Philosophen aufgegeben. Anders als jener ist er aber tatsächlich an allen Äußerungen von Menschen und Tieren interessiert, ihm zufolge lassen sich auch bei der genauen Beobachtung der Wahrnehmungsleistungen von Tieren Lernfortschritte feststellen. Das schauen wir uns im Bereich der Semiotik genauer an.