18. Januar 2012
Ich habe seit Juli gelegentlich an dieser Stelle über mich selbst geschrieben und meine Leser/innen und Kund/innen über meinen Werdegang nach meinem Schlaganfall am 11.04.2011 informiert. Dies war ein deutlicher Einschnitt in meinem Leben, ich habe wie ein Kleinkind erst Krabbeln und dann ganz langsam Laufen gelernt. Neben der Begleitung in der Kopfklinik und den Schmieder-Kliniken (Heidelberg) habe ich schon bald versucht, Kontakt zu Osteopath/inn/en zu suchen. Zum Einen, weil ich in der Fertigstellung der Übersetzung von Margaret Sorrels Buch über Charlotte Weaver durch den Schlaganfall unterbrochen wurde. Hier traf ich auf großes Entgegenkommen. Da meine Genesung noch fortdauert, wird die Fertigstellung bis Ende Februar andauern – aber das Ende ist in Sicht. Zum Anderen, weil ich aufgrund meiner Beschäftigung vor allem mit Still und Littlejohn durchaus zu den Kennern der „klassischen Osteopathie“ zähle, erhoffte ich mir von Osteopathenseite wesentliche Unterstützung beim Rehabilitations- und Genesungsprozess. Denn die recht verstandene Osteopathie ist eine (auch pragmatistisch inspirierte) Theorie der Nervensysteme, welche diese zu beeinflussen unternimmt. Diese Hoffnung hat nicht getrogen, drei Behandlungen führten zu Anstößen für teils dramatische Verbesserungen. Sodass ich jetzt begründet hoffen kann, dass ich im Frühsommer 2012 wieder zu einem Menschen werde, der jenem stark ähnelt, welcher glaubte, im März 2011 am bisherigen Höhepunkt seines Lebens angekommen zu sein. Dies wurde am 11.04.2011 als wahrscheinliche Illusion entlarvt, zumal mir am Abend dieses Tages in der Kopfklinik deutlich wurde, dass meine Frau sich mit hoher Wahrscheinlichkeit scheiden lassen werde. Diese Abduktion traf zu, obgleich ich die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben habe.
Das führte im November 2011 zu einer starken Identitätskrise, die bis Mitte Januar anhielt. Seit einigen Tagen hat sich aber meine Wahrnehmung aufgehellt. Teilweise habe ich wieder ein normales Körpergefühl. Die Zeiten als disembodied spirit scheinen der Vergangenheit anzugehören. Mein Tageslauf ist mir wieder zugänglich, ich kehre zu selbstbestimmten Formen des Lebens zurück. Aber es hat erheblich länger gedauert, als ich im Mai/Juni 2011 selbst erwartet hatte.
Am 11. März 2011 wurde auch für weniger ambitioniert denkende Menschen deutlich, dass diejenigen seit Peirce und Russel Wallace, welche auf die möglicherweise desaströsen Rückkopplungsprozesse des technisch-wirtschaftlich-wissenschaftlichen Komplexes verwiesen hatten, im Recht waren. Wie Peirce wohl spätestens 1904 gezeigt hat, ist die Ethik der Logik wissenschaftssystematisch vorzuordnen. Dieser Gedanke beruht u. a. auf Ideen des „Amerikanischen Transzendentalismus“, welcher die amerikanische Romantik darstellt. Und ohne diese ist auch die Osteopathie Stills nicht möglich gewesen. Ich werde diesen Zusammenhang hier Mitte Februar ausführlich darstellen. Mithin wird sich zeigen, warum Philosophie der Osteopathie so wichtig ist – und heute wieder Zukunft hat.
17. Januar 2012
Mk 5,35-43 ist im Mkev einer derjenigen Texte, der darüber kommuniziert, wie über die Grenzerfahrungen der Religion zu kommunizieren ist. Natürlich aus christlicher Perspektive, aber es gilt allgemein:
„Und was ist Religion? Sie ist eine Art Gefühlsregung in jedem einzelnen Menschen, oder auch: eine verborgene Wahrnehmung – eine tiefe Erkenntnis von etwas im uns umgebenden All; und wenn wir versuchen, diesem Gefühl Ausdruck zu geben, so wird es sich in mehr oder weniger extravagante Formen kleiden, und als mehr oder wenig zufällig erscheinen, immer aber wird es sich zu einem Ersten und Letzten, dem A und Ω, bekennen und in derselben Weise auf jenes Absolute bezogen sein, dem das individuelle Selbst eines Menschen als relatives Sein gegenübersteht. Doch Religion ist in ihrer Totalität nicht auf das einzelne Individuum beschränkt. Wie jede Gestalt von Realität ist sie wesentlich eine soziale und öffentliche Angelegenheit. Sie besteht in der Idee einer umfassenden Kirche, in der sich alle ihre Glieder zu einer organischen, systematischen Wahrnehmung der Ehre des Höchsten verbinden – einer Idee, die von Generation zu Generation wächst und einen Vorrang in den Entscheidungen über unser Verhalten, das private wie das öffentliche, beansprucht“. (RPh, 208f)
Entscheidend ist hierbei der Doppelsinn für „schlafen“, der offensiv offen gelegt und irritierend mit „scheintot“ konfrontiert wird. Dies ist im antiken Kontext seit Dan 12,1f bekannt. Seit dem AT wird über die Überwindung des Todes bildlich, metaphorisch bzw. symbolisch gesprochen.
Wir haben uns entschlossen, diesen Punkt an 1. Mose 1,26f exemplarisch zu diskutieren. Als weiteres offenes Problem kam die Pantheismusfrage hinzu.
14. Dezember 2011
Wir haben uns in der letzten Sitzung mit den Problemen der Wahrnehmung aus phänomenologischer Perspektive, aber auch entsprechenden Leistungen des Zeichenbegriffs Peirce’ befasst, wobei Frau Meissner dankenswerterweise auf Kants merkwürdige Annahme hinwies, man werde vom „Ding an sich“ affiziert.
In der Auseinandersetzung mit Merleau-Ponty und Fuchs wurde erörtert, inwiefern Wahrnehmung auch Kommunikation oder Austausch sei, was von Peirce und dieser grenzwertigen Auffassung Kants tatsächlich unterstellt wird. In der Sprache von Peirce ist also zu sagen, das (dynamische) Objekt bilde mit dem Zeichen eine derartige Beziehung, dass es den Interpretanten bestimme, in derselben triadischen Relation zu stehen, in der es selbst stehe. M. E. ist hier nur fraglich, ob man the same wie Pape mit „derselben“ oder „der gleichen“ übersetzen sollte, wohl das Letztere … Worauf es ankommt, ist der Sachverhalt, dass Peirce diese Affizierung des Interpreten über die triadische Bezeichnungsrelation eindeutig gedacht hat.
Wir haben versucht, uns ausführlicher mit dem Gedanken der „Zwischenleiblichkeit“ auseinanderzusetzen, was z. T. humorig ablief. Hier ist m. E. noch ein beachtliches Potenzial, das vor allem von der Phänomenologie entwickelt wird.
Der Kurs schließt mit einer Besinnung zur Religionsphilosphie Peirce’. Viele Texte finden sich in der Übersetzung Hermann Deusers „Religionsphilosophischen Schriften“ ([RPh] 1995). Hinzutreten muss noch der Aufsatz „Evolutionäre Liebe“ aus „Naturordnung und Zeichenprozess“ (1991 [EL]) Peirce gehört zu denjenigen originellen Denkern, die sich nicht vom Positivismus abschrecken ließen, obgleich er die wissenschaftliche Leistung der Positivisten ausdrücklich anerkannte. Aber er formulierte eine witzige Polemik über deren Lebensauffassung:
„Das Leben auf dem Globus ist eine gänzlich zufällige Enwicklungsphase, die, soweit wir wissen, keinem dauerhaften Ziel zustrebt. Sie ist ohne jeden Nutzen, außer dass sie hin und wieder ein angenehmes Nervenkitzeln bei diesem oder jenem Wanderer auf dieser ermüdenden und zwecklosen Reise hervorruft – einer Reise, die in einer Tretmühle nirgendwo beginnt und nirgendwo endet und deren Maschinerie ganz und gar nichts hervorbringt. Es gibt nichts Gutes im Leben außer gelegentlichen Freuden, und die sind trügerisch und werden bald vollständig verschwinden.“ (RPh 61f [1867/68]) (weiterlesen…)
8. Dezember 2011
Wir haben noch einmal in einer sehr intensiven Diskussion das Relationenproblem und die damit verbundenen Kritiken und teilweise großen Hoffnungen thematisiert, durchaus anregend kontrovers. Von dieser Stimmung war auch die Debatte zu „Wahrnehmung“ und „Erfahrung“ geprägt. Herr Dethlefsen vermisste an meinen Vorschlägen das Moment der Kreativität bei der Erfahrung, ich stelle in den Vordergrund, dass etwas auch als Neues für eine bestimmte Menschengruppe nur erfahren werden kann, wenn es mit eigenen Erfahrungen oder Erfahrungen anderer vor dem Hintergrund geteilter Zeichensysteme verglichen werden kann. Daher existiert das Problem des Neologismus, also der Bezeichnung von etwas, das bisher im Sprachsystem oder in bildlichen Darstellungsweisen noch keine Repräsentation gefunden hat. Dieses Problem wurde sehr sachgerecht erörtert, wobei deutlich wurde, dass die Induktion, die stets in der Zukunft neu bewährt werden muss, der dominante Schlusscharakter der Erfahrung ist.
Peirce rechnet systematisch damit, dass auch Wahrnehmung ein genuin triadischer Zeichenprozess ist. Mithin ist er kein infallibler Ausgangspunkt, was besonders Bertrand Russell irritierte. Wahrnehmung impliziert mithin also Interpretation – sie ist kein absoluter Ausgangspunkt, weil jedes Zeichen schon Interpretant sein soll usf.
Das Ende des 19. Jahrhunderts sah den anscheinenden Erfolg der Wissenschaften, aber eine Minderheit sah, dass dieser Erfolg, der industrielle Konsequenzen hatte, offensichtlich fatale Rückkopplungsprozesse haben könnte, so u. a. der Biologe Russell Wallace. Wir haben in diesem Kurs die Reaktion Peirce’ auf diese Kriseneinsichten in der „Pragmatischen Maxime“ ausführlich besprochen. Die Mehrheit hoffte entweder auf eine Humanisierung des Kapitalismus oder wandte sich sozialistischen Theorien zu, um den Kapitalismus abszuschaffen. In beiden Bewegungen war aber der Glaube an die Kompetenz der Wissenschaften, die sich in wirtschaftlichem Fortschritt niederschlage. Das ist der Hintergrund dafür, dass es eher wissenschaftszentrierte und stärker alltags- oder lebensweltorientierte Philosophien gab. Zu Grundinformationen zur Phänomenologie in der Folge Husserls vgl. hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Ph%C3%A4nomenologie#Ph.C3.A4nomenologie_Husserls. Der Lebenswelt-Begriff ist übrigens erst in der Spätphilosophie Husserls in dieser Zuspitzung entwickelt worden. Dort wird eine Art unmittelbarer Zugang zur Wirklichkeit postuliert, der durch die Wissenschaften verstellt werde. Zu den „Sachen selbst“ komme man im lebensweltlichen Umgang mit den Sachverhalten, indem man sie „sein lasse“, wie Heidegger formulierte, dessen praxisphilosophischen Ansatz in „Sein und Zeit“ Husserl im Kern in seiner Schrift über „Die Krisis der europäischen Wissenschaften“ stärker intellektualistisch reformulierte. Die Lebenswelt und deren praktischer Umgang mit den Sachverhalten werde „mathematisiert“ und damit verstellt bzw. entstellt. Heidegger sieht seit Mitte der 1930er Jahre vor allem den technischen Umgang mit den Sachverhalten hinter dem „Begreifen“ durch die Wissenschaften. Es ist schon lange gesehen worden, dass der praxisphilosophische Ansatz Heideggers in „Sein und Zeit“ zumindest Parallelen zum klassischen Pragmatismus aufweist. Das gilt im Allgemeinen für die Phänomenologie insgesamt, da diese wie Peirce u. a. das angebliche Subjekt-Objekt-Problem als irrig ansieht, der praxisphilosphische Ansatz Heideggers zeigt dies, wie dies auch bewusstseinsphilosophisch bei Husserl und Sartre zu zeigen versucht wurde. Der und das Andere sind im Bewusstsein schon „intentional“ mitgesetzt, man muss also hier keinen Sprung vollziehen.
Der Ansatz in „Sein und Zeit“ ist im Blick auf Subjektivität und Personalität wohl am ehesten gelungen, weil Personen als diejenige Entität verstanden wird, die sich zu sich selbst und zu anderem verhält, wobei sie stets Stellung zu sich nimmt – und darüber entscheidet, ob sie weiterleben will. Hier wird keine substanzontologische Philosophie des Subjekts vertreten, was in den transzendentalphilosophischen Versuchen Husserls wohl eher der Fall sein dürfte, also die Bewusstseinsprozesse finden am oder im transzendentalen Subjekt statt – dies kann mit den pragmatistischen Überlegungen nicht mithalten, die den Prozess der Subjektivität zu erfassen suchen. Wobei Heideggers Ansatz ganz gewiss so nicht zu verstehen ist …
Das ist dann existenzialistisch weiterentwickelt worden. Eine interessante Entwicklung innerhalb der Phänomenologie stellt die Wahrnehmungsphilosophie Maurice Merleau-Pontys dar. Sie wird stark von Thomas Fuchs aufgenommen – und hat nicht zuletzt im therapeutischen, auch medizinischen Bereich starke Resonanz gefunden, wobei er betont, dass Wesentliches an der Wahrnehmung mittels des Subjekt-Objekt-Schemas nicht erklärt werden könne. D. h., er unterstellt ähnlich wie Peirce, dass Wahrnehmung kein absoluter Ausgangspunkt ist, sondern ein Beziehungsgeschehen, was Peirce detailliert und nicht ganz einfach nachzuweisen sucht. Therapeutisch ist vor allem Merleau-Pontys Konzept der Zwischenleiblichkeit wichtig, als ein interpersonales Medium, das Personen verbindet. Hier liegt eine Parallele zu den Interaktionstheorien der Pragmatisten vor, aber Merleau-Ponty ist hier originell darin, dass eine Sphäre der sinnlich vermittelten Leiblichkeit besteht, die einen Austausch zulässt. Fuchs hat vor diesem Hintergrund das Entstehen von Selbstbewusstsein bei etwa acht Monate alten Kindern erklärt. Dieser Gedanke ist Peirce nicht fremd, schon die frühe Philosophie formuliert durchaus Vergleichbares – aber er kommt nach meinem Urteil zu nichts Konkretem. M. E. bieten sich in der Leiblichkeitsauffassung und der Wahrnehmungsphilosphie noch Chancen wechselseitgeen Lernens.
6. Dezember 2011
Die Teilnehmer/innen hatten noch etliche Nachfragen zu 1Kor 15. Dabei stand der Verwandlungs- und Prozessgedanke im Vordergrund, von dem manche kirchlich noch nichts gehört haben. Möglich ist, dass auch Paulus durchaus „negativ“ von Gott und der Auferweckung spricht. Gleichwohl ist positiv zu erkennen, dass der „Leib“ für ihn ein Beziehungsbegriff ist, der ein Selbstverhältnis, Weltverhältnisse und das durch Christus vermittelte Gottesverhältnis bezeichnet. Als „Leib Christi“ kann das Wort metaphorisch sogar die Gemeinde bezeichnen. Zwar erfährt man wenig darüber, wie dieser „geistliche“ Leib nun genau aussieht, aber klar ist, dass auch der Leib im „Glanz“ auf andere, anderes, sich selbst und Gott bezogen ist.
Mit der ausführlichen Erörterung von Gal 3,26-29 schlossen wir den Paulusteil zur Anthropologie ab, bevor wir zu Mt 6,19ff übergehen. Manchen erschien der Text vor dem Hintergrund ihrer kirchlichen Erfahrung eher revolutionär. Natürlich gibt es bei Paulus auch gegenteilige Texte, es ist unsicher, ob diese nachpaulinisch sind – oder Paulus einen schwachen Tag hatte. Jedenfalls ist Gal 3,26-29 wohl ein altes Taufbekenntnis o. Ä., das Paulus hier zustimmend zitiert. Danach wird der „Christus“ bzw. Messias „angezogen“, die Bekleidungsmetaphorik ist in der Antike verbreitet. Die Folge ist, dass weder „Männliches noch Weibliches, weder Jude noch Grieche bzw. Sklave noch Freier“ in Christus etwas gelten. Dominanzbestrebungen usf. sollen daher nicht sein. Für unser Grenzthema ist das wichtig: Anthropologisch werden gesellschaftliche und biotische Grenzen überschritten – ähnlich wie beim „natürlichen“ und „geistlichen“ Leib. Alle erfahren sich „in Christus“, sind also auf ihn bezogen. Das Christentum hat überwiegend in seiner Geschichte das Potenzial dieses Textes nicht hinreichend genutzt.
Interessant ist auch der Bezug auf „Abraham“, den „Vater des Glaubens“ usf. (vgl. Röm 4). In ihm sind nach 1. Mose 12 alle Völker gesegnet – eine durchaus aangemessene schriftgelehrte Interpretation, die diesem Text gegenüber anderen Texten den Vorzug gibt.
Paulinisch ist wieder klar: Der Mensch kommt aus dem „Glanz“. Dieser ist verlustig gegangen („Adam“) – und wird durch Kreuz und Auferweckung Jesu wieder für die Menschen vermittelt. Hier werden für die Gegenwart dann die dominanten gesellschaftlichen Gegensätze als vorübergehend verstanden.
Die Getauften stehen exemplarisch für alle Menschen, die dieser Prozess betrifft.
30. Oktober 2011
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Der Text der heutigen Predigt steht in Mk 2, in den VV. 1-12:
1 Und nach einigen Tagen ging er wieder nach Kapharnaum; und es wurde bekannt, dass er im Haus war.
2 Und es versammelten sich viele, sodass sie nicht genügend Raum hatten, auch nicht draußen vor der Tür; und er sagte ihnen das Wort.
3 Und es kamen einige zu ihm, die brachten einen Gelähmten – dieser wurde von vier Menschen getragen.
4 Und da die Träger ihn wegen der Menge nicht zu ihm bringen konnten, deckten sie das Dach auf, wo Jesus war, machten ein Loch und ließen das Bett herunter, auf dem der Gelähmte lag.
5 Als nun Jesus ihr Vertrauen sah, sprach er zu dem Gelähmten:
„Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!“
6 Es saßen da aber einige Schriftgelehrte und dachten in ihren Herzen:
7 „Was redet der da so?
Er lästert Gott!
Wer kann außer Gott allein Sünden vergeben?“
8 Und Jesus erkannte sogleich in seinem Geist, dass sie so bei sich selbst dachten, und sprach zu ihnen:
„Was denkt Ihr so etwas in Euren Herzen?
9 Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen:
Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen:
Steh auf, nimm Dein Bett und geh umher?
10 Damit Ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden“ – Dabei wandte er sich zu dem Gelähmten –:
11 „Ich sage Dir, steh auf, nimm Dein Bett und geh heim!“
12 Und dieser stand auf, nahm sein Bett und ging sofort hinaus vor aller Augen, sodass sie sich alle entsetzten und Gott priesen und sprachen: Wir haben so etwas noch nie gesehen.
Liebe Gemeinde,
nach heutiger medizinischer Einsicht beruhen Lähmungen mit ganz überwiegender Wahrscheinlichkeit auf z. T. schweren Störungen des Zentralen Nervemsystems, auch der peripheren Nerven, die medizinischer Therapie zugänglich sind, wie das bei meinem Schlaganfall war, dann geht man nach einiger Zeit wieder umher. Oder diese Störungen des Nervensystems sind der medizinischen Therapie bislang nicht zugänglich, dann bleibt man sitzen – zumindest im Rollstuhl. Es ist ein schweres Schicksal.
Die Schwere der Krankheit wird in unserer Erzählung aus Kapharnaum betont. Jesus ist wie immer unterwegs und verkündigt seine Botschaft vom Evangelium, das nahegekommen ist, eben das Wort – und dem man Vertrauen schenken und entsprechend von seinem bisherigen Lebenswandel umkehren soll.
Das Interesse der Menschen ist groß. Das Haus, in dem Jesus sich befindet, ist überfüllt. Auch vor dem Haus ist alles überfüllt. Dennoch bringen vier Menschen einen Gelähmten zu Jesus, durchs Dach, es wird von den Vieren aufgegraben. Jesus sieht das Vertrauen der vier Menschen, die sich gegen Widerstände durchsetzen. Damit ist nach der Logik des Markusevangeliums eigentlich das Problem gelöst. Wer auf das Evangelium vertraut, nimmt an der Schöpfermacht Gottes Teil – und vermag ganz Außergewöhnliches zu leisten, wie es die vier Träger des Gelähmten auch tun. Sie graben das Dach über Jesus auf, umgehen so die Menge und bringen den Gelähmten zu Jesus, damit er ihn heile.
Jesus sieht das Vertrauen der vier Träger. Seine Reaktion ist aber etwas auffällig:
„Mein Sohn, Deine Sünden sind Dir vergeben!“ – sagt er zu dem Gelähmten.
Das ist eine merkwürdige Provokation. Sie reagiert darauf, dass in einigen jüdischen und biblischen Texten solche Krankheiten wie diejenige des Gelähmten als Folge seiner Verstöße gegen das Gesetz Gottes verstanden wurden. Ich selbst bin religiös mit dieser Tradition erzogen worden.
Jesus diskutiert das nicht weiter, sondern vergibt dem Gelähmten seine Sünden. Das empfinden nun die „Schriftgelehrten“ als ungeheuerliche Provokation. Sie sitzen im Haus:
„Was redet der da so?
Er lästert Gott!
Wer kann außer Gott allein Sünden vergeben?“ – so denken sie. Jesus kann Gedanken lesen:
„Was denkt ihr solches in euren Herzen?
9 Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen:
Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen:
Steh auf, nimm dein Bett und geh umher?
10 Damit ihr aber wisst, dass der Menschensohn Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf Erden – so sprach er zu dem Gelähmten:
11 Ich sage dir, steh auf, nimm dein Bett und geh heim!“
Das macht der bisher Gelähmte und alle sind erstaunt und guter Dinge.
Der Text erweckt den Eindruck, als ob sogar die Schriftgelehrten in den allgemeinen Lobpreis Gottes einstimmen, mithin ihre religiöse Empörung vergessen oder über den Haufen geworfen haben. Aus dem weiteren Verlauf des Markusevangeliums wissen wir aber, dass die Mehrheit der Schriftgelehrten auf jeden Fall am Vorwurf der Gotteslästerung festhält. Jesus wird zudem als messianischer Aufrührer verdächtigt und so den Römern präsentiert, damit diese ihn am Kreuz hinrichten.
Jesus vermeidet dennoch nicht die Provokation der Schriftgelehrten. Denn ihm geht es um dem gelähmten Menschen, der von den vier Trägern mit Vertrauen auf das Evangelium gebracht wird. So ist er im Horizont des Evangeliums, des Vertrauens und der Umkehr. Er partizipiert über die vertrauende Aktion der Träger an der Schöpfermacht Gottes. Dass er gesündigt hat, wird schon so sein, Jesus vergibt ihm seine Sünden. Aber das eigentliche Hemmnis sind die Schriftgelehrten, die religiös empört im Haus sitzen.
Jesus stellt ihnen eine argumentative Frage. Es ist ein Schluss vom Kleineren auf das Größere – oder umgekehrt, je nach Position:
„ Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen:
Dir sind deine Sünden vergeben, oder zu sagen:
Steh auf, nimm dein Bett und geh umher?“
Ja, was ist leichter?
Wir wissen medizinisch, dass gegenwärtig keineswegs alle Lähmungen geheilt werden können, ganz im Gegenteil. Bei meiner war es wahrscheinlich, wenn auch keineswegs sicher. Ich habe viele Patient/inn/en erlebt, bei denen eine Heilung nicht eintrat – die Ärzt/inn/e/n waren rat- und hilflos. Weil ich Theologieprofessor bin, sagte der Chefarzt der Schmieder-Kliniken zu mir: „Wir machen keine Heilsversprechen!“ Gemeint war: „Das könnt ihr schon machen! Aber hier geht es um stets unsichere Heilungswahrscheinlichkeiten …“
Daher dürften wir aus unserer Erfahrungsperspektive wahrscheinlich antworten: „Es ist leichter zu sagen: Deine Sünden sind Dir vergeben!“ So was können Theolog/inn/en immer behaupten, überprüfen kann man es ohnehin nicht …
Natürlich lässt Jesus die Debatte nicht ganz offen, er heilt den Gelähmten.
Er hat natürlich die Vollmacht Sünden zu vergeben und er heilt den Gelähmten. Wäre die Lehre richtig, dass Sünden die Ursache von Krankheiten sind, ist damit aus Jesu Perspektive dennoch klar: Es geht um den Gelähmten im Horizont des Vertrauens seiner Träger auf das Evangelium.
Liebe Gemeinde,
das ist nach meiner Überzeugung der Kern dieser Erzählung, die auch in unser z. T. durch schweres Leiden gezeichnetes Leben eingreifen, uns dennoch aktivieren und trösten kann. Wer auf einer Lehre beharrt, dass Krankheiten durch Sünden verursacht sind, hat die Logik des Evangeliums und des Vertrauens auf es nicht verstanden – und versucht sich selbst in den Vordergrund zu spielen.
„Ich bin ganz gesund, also habe ich nicht gesündigt. Also bin ich gut und gerecht.“
Nach Jesu Meinung ist dies nicht der Fall. Er sei zu den Kranken gekommen, die Gesunden bedürften ja keines Arztes, wie er in der Folgeerzählung ironisch sagen wird, die wir in der Schriftlesung gehört haben. Diese Überheblichkeit der religiös Tollen und sich als Gerechte verstehenden Menschen geht Jesus hier provokativ an.
Zugleich hält die Erzählung aber auch einen Hoffnungsüberschuss für diejenigen bereit, welche die Grenze ärztlicher Kunst erfahren mussten und ein schweres Schicksal meistern müssen: Selbst wenn mir direkt nicht geholfen wird, so gibt es doch andere Träger, die für mich vertrauen. Das tun vielleicht nicht viele, aber doch einige – diese Erfahrung habe ich im letzten halben Jahr machen dürfen. Ohne solche Träger geht es nicht. In einer solchen Situation trennt sich die Spreu vom Weizen. Und es bleibt wahr, dass es gut ist, dass Vertrauen und die Hoffnung nie ganz aufzugeben. Insofern stimme ich nach dem letzten halben Jahr in den Lobpreis Gottes ein.
26. Oktober 2011
Psalm 8 (TUD)
Vielleicht entstammt der Text dem vierten oder dritten Jahrhundert v. d. Z. Es handelt sich um ein poetisch entworfenes Lied (Refrainstruktur). Im Refrain wird das Herr-Sein Gottes im Blick auf die Erde betont. Der Mensch wird vor dem Hintergrund der Schöpfungswerke wahrgenommen, die nicht zuletzt aus der Abendhimmel-Perspektive dargestellt werden. Der Text steht sicher in Parallele zu großen Texten der abendländischen Geschichte wie der Antigone des Sophokles, wie Herr Hettler betonte.
Sein Profil erhält der Text durch den Hinweis im Lied, dass der Lobpreis Gottes als Machtmittel von Kindern und gesellschaftlich nicht sehr angesehenen Menschen gesungen werde. Dies wird als Machterweis gegen Gottes Widersacher gedeutet. Nach längerer Diskussion erschien es uns möglich, diesen irritierenden Textbestandteil so zu deuten, dass es Menschen geben könnte, die selbst als Herr der Welt auftreten möchten, der Mensch wäre dann nicht nur als Bild Gottes verstanden, sondern selbst als Gott.
Der Mensch wäre mithin als aktiver Bewahrer in der Schöpfung verstanden, der freilich für die Schöpfung gefährlich werden kann. Insofern näherten wir uns einem Teilthema des Seminars, der Grenzen zu den Tieren, wobei uns wichtig erschien, dass es Wildtiere gibt, mit denen der Mensch lebt und auch Gott interagiert.
So verstanden könnte der Text durchaus der ökologischen Krise standhalten – uns auch noch nach ihrem Eintreten ansprechen.
Innerhalb des Seminars verweist der Text auf paulinische Text, offenkundig natürlich auf Röm 8.
Psalm 8 (TUD)
Vielleicht entstammt der Text dem vierten oder dritten Jahrhundert v. d. Z. Es handelt sich um ein poetisch entworfenes Lied (Refrainstruktur). Im Refrain wird das Herr-Sein Gottes im Blick auf die Erde betont. Der Mensch wird vor dem Hintergrund der Schöpfungswerke wahrgenommen, die nicht zuletzt aus der Abendhimmel-Perspektive dargestellt werden. Der Text steht sicher in Parallele zu großen Texten der abendländischen Geschichte wie der Antigone des Sophokles, wie Herr Hettler betonte.
Sein Profil erhält der Text durch den Hinweis im Lied, dass der Lobpreis Gottes als Machtmittel von Kindern und gesellschaftlich nicht sehr angesehenen Menschen gesungen werde. Dies wird als Machterweis gegen Gottes Widersacher gedeutet. Nach längerer Diskussion erschien es uns möglich, diesen irritierenden Textbestandteil so zu deuten, dass es Menschen geben könnte, die selbst als Herr der Welt auftreten möchten, der Mensch wäre dann nicht nur als Bild Gottes verstanden, sondern selbst als Gott.
Der Mensch wäre mithin als aktiver Bewahrer in der Schöpfung verstanden, der freilich für die Schöpfung gefährlich werden kann. Insofern näherten wir uns einem Teilthema des Seminars, der Grenzen zu den Tieren, wobei uns wichtig erschien, dass es Wildtiere gibt, mit denen der Mensch lebt und auch Gott interagiert.
So verstanden könnte der Text durchaus der ökologischen Krise standhalten – uns auch noch nach ihrem Eintreten ansprechen.
Innerhalb des Seminars verweist der Text auf paulinische Text, offenkundig natürlich auf Röm 8.
20. Oktober 2011
Wir haben uns in der Sitzung vom 17.10. um ein ausreichendes Verständnis des allgemeinen und umfassenden Philosophieansatzes von Charles Peirce bemüht – und sogar eines der metaphysischen Probleme besprochen, das Peirce tatsächlich behandelt: die Gottesfrage, wobei Peirce viele allgemeine Äußerungen hinzuzieht, welche ihn anregen. Neben Traditionen von Judentum, Christentum und Islam spielen bei Peirce auch Neohinduideen eine nicht unbeachtliche Rolle. Dies war alles am Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den USA bekennt und wurde kontrovers diskutiert.[1] Philosophie verarbeitet solche Traditionen und reflektiert sie kritisch darauf, ob sie Erfahrungsgehalte symbolisieren – oder ob man aufgrund solcher Bilder Erfahrungen machen kann. Welches Thema man metaphysisch durch allgemeine Unterstellungen angeht: Peirce hält nichts von geschmäcklerischen, vielleicht schöngeistigen Theoriedebatten, weil Theorien selbst durch Praxis gewonnen wurden, praktisch überprüft und ggf. dann verändert oder auch verworfen werden. Die pragmatistische Philosophie konzentriert sich mithin auf den kulturellen Kontext der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in dem klar wurde, dass die soziale Ausdifferenzierung der Wissenschaften sogenanntes „Wissen“ bereitstellt, das es ermöglicht, praktische Regeln zu entwerfen, die sich therapeutisch, pädagogisch und ökonomisch sehr gut bewährten. Das sind entweder Techniken oder Kunstlehren.
- Um Techniken handelt es sich, wenn solche Regeln Handlungen bestimmen, die das angestrebte Ziel stets erreichen, also z. B. Glühbirnen produzieren, die immer dann leuchten, sofern man auf einen Schalter drückt (Th. A. Edison).
- Um Kunstlehren handelt es sich, wenn solche Regeln Handlungen bestimmen, bei denen der Erfolg im Einzelfall nicht sicher ist, die mithin stets vom Einzelfall her angepasst werden müssen (etwa Pädagogik, Medizin).
Das ist keine typisch „amerikanische“ Entdeckung. Aber im amerikanischen Pragmatismus brachen sich – vermittelt durch den „Amerikanischen Transzendentalismus (Emerson, Thoreau, Fuller u. a.) die Ideen, die von den Frühromantiker/innen, Goethe, Schleiermacher und Humboldt stammen, eine Bahn. Ich habe daher auch auf den Kontext der Demokratie verwiesen, der für das Verständnis der Werke von Peirce, James und Dewey sehr ausschlaggebemd ist, der natürlich in Deutschland in einem ernsthaften Sinn erst nach 1968 existierte, im Kern erst in den 1970er Jahren bestimmend wurde. Denn die Möglichkeiten politischer Freiheit setzten die Energien frei, welche ein Leben in Selbstbestimmung schön machen können. Das formuliert in der Unabhängigkeitserklärung die Rede vom „pursuit of happiness“). Aber – so reflektiert die sogenannte „pragmatische Maxime“, welche praktische Folgen bzw. Wirkungen eine wissenschaftliche Theorie haben kann, sollte abgeschätzt werden.
Bedenken Sie, welche Wirkungen, die denkbarerweise praktische Relevanz haben könnten, wir dem Gegenstand unserer Konzeption zuschreiben. Folglich besteht die Konzeption dieser Wirkungen aus dem Ganzen unserer Konzeption des Gegenstands!
(Charles Peirce, How to make our ideas clear, 1878)
Pape hat schon in den 1980er Jahren (z. B. Einleitung zu „Phänomenologie und Logik der Zeichen“) darauf verwiesen, dass Grundfragen des „Prinzips Verantwortung“ (Hans Jonas, ein Heideggerschüler) hier völlig klar formuliert werden. Wenn also zu den abgeschätzten möglichen Wirkungen solche gehören, die sittlich missbilligt werden müssen, ergeben sich konfliktreiche ethische Aufgaben. Wie ist z. B. eine demokratische Kontrolle der Wissenschaften möglich? Peirce setzt also darauf, dass neben der philosophischen Tätigkeit der Wissenschaftler/innen ein universaler Horizont in der Gesellschaft entsteht, der eben verantwortlich darüber entscheidet, welche technischen und kunstmäßigen Projekte durchgeführt werden – und welche besser unterlassen werden sollten, weil ihre Wirkungen die Möglichkeit der Freiheit negieren.
Der Europäische Gerichtshof (EGH) hat in dieser Woche in diesem Sinne eine entsprechende Entscheidung zur Stammzellenforschung getroffen, die den Wünschen und gedanklichen Ambitionen der Zivilgesellschaft in Teilen Europas entspricht – ein Beispiel für die Institutionalisierung solcher demokratischer Meinungsbildungsprozesse, die auch Peirce für notwendig hielt. Natürlich lässt sich ökonomisch besser mit (finanzieller und technischer) Industrieunterstützung forschen. Aber die hierzu erforderliche Patentierung von bestimmten praktisch hervorgerufenen Zellveränderungen widerspricht elementaren Prinzipien der Menschenrechte. Um dies zu verstehen, muss man nur allgemein gebildet sein, welches eine Voraussetzung von Demokratie im Sinne von Peirce und seinem Schüler Dewey ist.
- Die in den Wissenschaften entworfenen Abduktionen (Hypothesen)
- werden mithin deduktiv auf Überprüfungskontexte in der kunstmäßig oder technisch modellierten Erfahrung (etwa des Labors) bezogen,
- wo sie auf ihre induktive Tauglichkeit in immer neuen Erfahrungen überprüft werden.
Die „pragmatische Maxime“ formuliert diesen durch und durch praktischen Zusammenhang. Und Handlungen gehören ganz klar in den Bereich der Ethik. Es gehört zu den negativen – und wie wir heute u. a. an der Klimakatastrophe und Fukushima sehen – fatalen Folgen des Erfolgs von Positivismus und Neopositivismus, dass sie die Peirce’sche Idee, wie Ideen klar gemacht werden, aus dem Bereich der Ethik in einen angeblich “neutralen” wissenschaftlichen Bereich transformiert haben, wo (was nicht so gerne zugegeben wird) letztlich kurzfristige ökonomische Interessen den Ausschlag geben, siehe den sich immer noch brüstenden Oliver Brüstle (Universität Bonn).
Logisch-semiotisch verhält es sich so: Das Ziel wäre eine Therapie für Parkinson. Die Abduktion lautet: Dieses Ziel kann durch gentechnologische Manipulation von Zellen „überzähliger Embryonen“ erreicht werden, weil sich hieraus geeignete Präparate gegen Parkinson gewinnen lassen. Deduktiv findet diese Manipulation seit drei Jahren oder mehr statt. Eine Überprüfung, die induktiv den Erfolg einigermaßen sicherstellen könnte, ist noch nicht in Sicht. Der EGH hat klar aus der Sicht der Menschenrechte die Konsequenzen gezogen. Embryonen dürfen nicht als Mittel behandelt werden. Sie tragen die reale Möglichkeit des Menschseins in sich. Im positivistischen und neopositivistischen Kontext werden entsprechende elementare ethische Fragen bewusst ausgeklammert. Mithin sind die Ideen solcher Wissenschaftler/innen und Philosoph/inn/en Peirce zufolge unklar.
- Warum?
- Und hat Peirce recht oder unrecht?
- Wie hätte der Papst argumentiert?
Pape hat mit Recht vor gut 30 Jahren darauf verwiesen, dass die Philosophie durch eine derartige logisch-semiotische Subtilität gesellschaftliche Streitfragen klären helfen kann – und dadurch dazu beiträgt, die geistige „Umweltverschmutzung“ zu mildern. Das ist eine schöne Aufgabe der Philosophie.
[1] Es ist unbestritten, dass es auch Cowboys und Cowgirls gab. Sie waren kulturell aber weniger bedeutend, als das Genre „Western“ nahelegen könnte. Auch im Mittleren Westen und an der Frontier wurden philosophische Fragen diskutiert, wie man sich an dem Begründer der Osteopathie Andrew Taylor Stil exemplarisch klar machen kann.

Martin Pöttner •

09:09 •
Alltag,
als Künstler/in,
Bildung,
Biologie,
Erfahrung,
Gehirn,
Homo oeconomicus,
Kultur,
Kunstlehre,
Mensch und Universum,
Ökologie,
Phänomen,
Politik,
Religion und Mystik,
Technik,
Wahrheit,
Was ist der Mensch?,
Was ist Philosophie?,
Wie wollen wir leben?,
Wirtschaft und Philosophie,
Zeichen und Philosophie •
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12. Oktober 2011
1 Erinnerung an die erste Sitzung (10.10. Vhs Neckargemünd)
Zur Einstimmung auf das Hauptthema der Philosophie von Charles Peirce wurde der folgende Text besprochen, ergänzend zu meinen Erläuterungen ist der Text “Intellektuelle Autobiografie” aus den Semiotischen Schriften I vielleicht hilfreich.
„Meine Herren und Damen!
Philosophie ist der Versuch – denn wie das Wort selbst schon impliziert, ist sie unvollkommen und muss es sein –, einen umfassend aufgeklärten Begriff von Allem zu bilden. Alle Menschen philosophieren, und wie Aristoteles sagt, müssen wir es tun, und sei es nur, um die Vergeblichkeit der Philosophie zu beweisen. Wer sich um Philosophie nicht kümmert, besitzt genauso metaphyissche Theorien wie alle anderen – nur sind es ungeschlachte, falsche und weitschweifige Theorien. Manche Menschen bemühen sich, dem Einfluss metaphysischer Theorien zu entgehen, indem sie die Metaphysik außer Acht lassen. Die Erfahrung zeigt aber, dass sich diese Menschen mehr noch als alle anderen im eisernen Griff metaphysischer Theorien befinden, weil es eben Theorien sind, die sie noch niemals bezweifelt haben. Kein Mensch steht so im Bann der Metaphysik wie der völlig ungebildete, kein Mensch ist von ihrer Herrschaft so sehr befreit wie der Metaphysiker selbst. Da sich also jeder Mensch von den Dingen im Allgemeinen Begriffe bilden muss, ist es äußerst wichtig, dass sie sorgfältig konstruiert werden.“ (Semiotische Schriften I [1866], 128)
Der geänderte Plan fand die Zustimmung der Teilnehmenden. Er lautet:
- 17.10. Peirce’ Hauptthema: Umfassende Philosophie, die im einzelnen Leben beginnt
- 24.10. Die „pragmatische Maxime“
- 31.10. Der Primat der Ethik
- 07.11. Semiotik I
- 24.11. Semiotik II
- 28.11. Wahrnehmung und Erfahrung
- 05.12. Pragmatismus und Phänomenologie
- 12.12. Religionsphilosophie
- 19.12. Abschlussdiskussion
Zur Sitzung am 17.10. sollen die Teilnehmer/innen drei Vorschläge beitragen, die Themen für das nächste Semester sein könnten.
2 Das Hauptthema von Peirce’ Philosophie: Umfassende Philosophie, die im einzelnen Leben beginnt
Nach Peirce versucht die Philosophie, „einen umfassend aufgeklärten Begriff von Allem zu bilden“. Dabei ist die Verwendung von „aufgeklärt“ überzufällig. Denn alle Menschen philosophieren – und alle bilden allgemeine Konzepte aus, z. B.: „der Mensch ist eine schwäbische Hausfrau“. Diese allgemeine, metaphysische Unterstellung lautet logisch ausgedrückt: Wenn etwas ein Mensch ist, dann ist er eine schwäbische Hausfrau. Wir haben uns das an Themen wie „Freiheit“ und vor allem der „Seele“ klar gemacht. Peirce folgt in diesen und anderen Fragen im Wesentlichen Aristoteles, welcher den Erkenntnisdrang und das Philosophieren-Wollen bei allen Menschen lokalisiert. Daher gehen in die Arbeit „professioneller“ Philosoph/inn/en auch die Meinungen und Ansichten bzw. auch gelegentliche Äußerungen wie z. B. diejenige Meinung ein, der Mensch sei eine schwäbische Hausfrau.
D. h.: Die Philosophie von Peirce ruht auf den vielen allgemeinen Äußerungen der Mitmenschen auf, welche der professionelle Philosoph „aufklärt“, wie sich dann in der Folge noch zeigen wird: logisch-semiotisch bearbeitet. Am Ende solcher Arbeit könnte tatsächlich ein Begriff von Allem stehen. Dieser „Begriff“ bezieht sich auf alle Aspekte der Realität, soll mithin, wie wir sehen werden; ein relationales Konzept sein. Natürlich ist auch der „Beweis“ möglich, dass die Philosophie vergeblich ist.
Neben der Arbeit der Wissenschaften wie Physik, Biologie und Psychologie sind für professionelle Philosoph/inn/en mithin die Äußerungen „einfacher“ Menschen aufschlussreich, die in ihrem praktischen Umgang mit der Realität, zu der sie selbst gehören, allgemeine Begriffe ausbilden. Fügt man den Punkt hinzu, dass solche Begriffe nicht rein beschaulich-theoretisch, sondern handlungsleitend sind, hat man in dem anfänglich zitierten Text aus den logischen Lowell-Lectures das voll entfaltete Syndrom der Peirce’schen Philosophie vor Augen.
„Alle Menschen sind schwäbische Hausfrauen“ bedeutet als Praxismaxime in den letzten beiden Jahren in der zweiten Phase der Finanzkrise: „Mer gäwet für die Griechen usf. nix!“ Peirce wie Aristoteles zufolge lassen sich solche Konzepte in Praxismaximen umformen, die dann handlungsleitend sind und die Praxis einzelner Menschen und Gruppen bestimmen.
Das Hauptprinzip der Philosophie Peirce’ ist also recht übersichtlich. Vielleicht hat Peirce weniger als Wittgenstein den Überlegenheitsgestus des akademischen Philosophen aufgegeben. Anders als jener ist er aber tatsächlich an allen Äußerungen von Menschen und Tieren interessiert, ihm zufolge lassen sich auch bei der genauen Beobachtung der Wahrnehmungsleistungen von Tieren Lernfortschritte feststellen. Das schauen wir uns im Bereich der Semiotik genauer an.
10. September 2011
Die Philosophie von Charles Peirce (1839-1914) ist aktuell. Nach konservativer Meinung hat sich die Bundeskanzlerin als „Pragmatistin“ erwiesen, weil sie angesichts der „tagespolitischen Ereignisse“ (FAZ) von Fukushima ihre Haltung zur Kernenergie geändert hat – was entsprechende Konsequenzen hatte. Dabei ist ein Begriff von „Pragmatismus“ impliziert, der unterstellt, man setze politisch nur dasjenige durch, was sich angesichts von Widerständen gegenüber der Bevölkerung vertreten lasse. Aber auch im Sinne von Peirce war das eine „pragmatistische“ Entscheidung. Denn angesichts unabweisbarer Erfahrungen ließ sich feststellen, dass die Betreibung der Kernergie offensichtlich tödliche Folgen haben kann, mithin mit den Menschenrechten unvereinbar ist. Folglich ist das Betreiben der Kernergie in einem Land, das die Menschenrechte achtet, nicht weiter möglich.
Nicht nur diese Aktualität besteht, sondern Peirce bietet eine breite Themenpalette, von der wir im Kurs an der VHS Neckargemünd einige Themen besprechen wollen:
10.10. Wechselseitige Vorstellung und Kursplan
17.10. Leben und Werk
24.10. Die „pragmatische Maxime“
31.10. Der Primat der Ethik
07.11. Semiotik I
14.11. Semiotik II
21.11. Wahrnehmung und Erfahrung
28.11. Pragmatismus und Phänomenologie
05.12. Religionsphilosophie
12.12. Abschlussdiskussion
Aus der Perspektive der Teilnehmer/innen können diese Themen verändert werden. Bitte schreiben Sie mir hierzu eine E-Mail mit ihren Vorschlägen.

Martin Pöttner •

13:41 •
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