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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegt die Weisheit verborgen …


30. August 2009

Der Ansatz von Thomas Fuchs

Aufgrund von Erfahrungen in Veranstaltungen über den philosophischen Versuch von Thomas Fuchs, zu denen Reaktionen von Leser/innen der bisherigen Beiträge hier im Blog kommen, möchte ich einige grundsätzliche Bemerkungen machen. Für mich selbst sind Fuchs’ leibphänomenologische Erwägungen anregend. Ich selbst bin kein phänomenologischer Philosoph, aber die Zeiten von Schulphilosophien dürften längst vorbei sein. Was Phänomenolog/inn/en und Pragmatist/inn/en verbindet, ist die Einsicht, dass eine philosophische Anschauung nur dann für uns relevant sein kann, wenn sie unser alltägliches Erleben und Handeln aufzunehmen vermag. Die Phänomenolog/inn/en neigen gelegentlich zu sehr weit gespannten Anschauungen, wie der auch von Thomas Fuchs positiv rezipierte Hermann Schmitz:

„Mir genügt nicht die isolierende Durchmusterung des eigenleiblich spürbaren Gegenstandsgebiets; ich bin vielmehr bestrebt, dessen zentrale Bedeutung im Menschsein und in der Lebenserfahrung nach allen Seiten auszuleuchten …

Was ich zu sagen habe, kann nur zur Geltung kommen, wenn zähe, jahrtausendealte Dogmen der klassischen Erkenntnistheorie und Anthropologie mit den zugehörigen Scheinproblemen ausgerottet werden.“[1]

Schmitz zufolge wurde die Bedeutung jenes „eigenleiblichen Spürens“ und dessen Gegenstandsgebiet seit gut 2.400 Jahren durch eine „Intellektualkultur“ verdeckt[2], die sich u. a. in Naturwissenschaft, Psychologie, physischer Technik und Sozialtechnologie niedergeschlagen habe. Wer das etwas anders sieht – und dies ist bei mir der Fall – kann dennoch sehr interessiert die leibphänomenologischen Metaphern zur Kenntnis nehmen und sich von ihnen anregen lassen. Viele Phänomenolog/inn/en sind der Überzeugung, dass ihre philosophischen Überzeugungen in mehr oder weniger scharfen „Begriffen“ ausgedrückt werden. Das ist für Außenbeobachter/innen nicht sehr überzeugend, aber auch für durchaus von der phänomenologischen Philosophie stark beeindruckte „Insider“ nicht[3]. Auch Fuchs’ stark durch Raummetaphern geprägte Sprache erregt in Philosophiekursen gelegentlich Erstaunen und durchaus auch Unverständnis.

„Leiblichkeit ist die grundlegende Weise des menschlichen Erlebens – insofern der Leib nicht als Körperding, sondern als Zentrum räumlichen Existierens aufgefasst wird, von dem gerichtete Felder von Wahrnehmung, Bewegung, Verhalten und Beziehung zur Mitwelt ausgehen. Leiblichkeit in diesem umfassenden Sinn transzendiert den Leib und bezeichnet dann das in ihm verankerte Verhältnis von Person und Welt, bis hin zu ihren sozialen und ökologischen Beziehungen.“[4]

Wer als Physiker/in das Wort „Felder“ jetzt in einem physikalischen Kode rekonstruiert, bekommt möglicherweise beachtliche Rezeptionsprobleme. Dennoch wird man selbst erleben können, dass Schmitz und Fuchs mit solchen Metaphern auf etwas Reales Bezug nehmen, welches wir „leiblich“ spüren können. Für Fuchs sind jedenfalls räumliche Metaphern, um unsere Existenz in der Welt zu beschreiben, grundlegend.

Josef Forster, ohne Titel, wohl nach 1916
Abb. 1 Josef Forster, ohne Titel, wohl nach 1916

„Werfen wir zum Schluss noch einmal einen Blick auf das Bild von Josef Forster. Der Mann steht nicht auf seinen Füßen, sein Gesicht ist maskiert; er hat den Kontakt zur Erde und zu anderen verloren. Er geht auf Stelzen, mit denen er ‚Gewicht‘ zu gewinnen versucht, was wir als eine konkretistische Redeweise ansehen und so übersetzen können: Er sucht den empfundenen Verlust von Selbstsein und Selbstwert auszugleichen. Wir können annehmen, dass das Bild einem Kampf ums seelische Überleben in der Verlorenheit einer Anstalt, in der Einsamkeit des psychischen Andersseins abgerungen ist. Und doch schwingt auch ein Moment von Freude und Stolz in diesem Bild mit, wenn es heißt, mit Hilfe seiner Stelzen könne dieser Mann ‚mit großer Geschwindigkeit durch die Luft gehen‘. So mag der schizophrene Künstler bei allem Leiden in seinen eigenweltlichen Bildschöpfungen auch eine Art von Freude gefunden haben, die wir nur von ferne zu erahnen vermögen.“ [5]

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28. August 2009

Aktuelle Veranstaltungen

Im Moment führe ich mit dem Philosophiekreis Heidelberg eine Camus-Lektüre durch („Der Mythos des Sisyphos“, 112009). Hier geht es um das Absurde angesichts der Determination des Menschen, ist das aktuell, von vorgestern – oder hat es etwas mit jüngeren Debatten etwa im neurobiologischen Bereich zu tun?

Die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde in Darmstadt-Griesheim veranstaltet am 05.09. und 06.09. eine Tagung zum Thema „Evangelien und Rhetorik“, die ich leite. Hierbei geht es um eine den Entstehungsumständen angemessene Rezeption der Evangelientexte der christlichen Bibel, die eine nichtdogmatische Lektüre im gegenwärtigen Lebensvollzug erlauben. Historisch-semiotische und religions-philosophische Überlegungen können dazu positiv beitragen.

31. Mai 2009

Thomas Fuchs’ Kritik an bestimmten Vertretern der Gehirnforschung – und sein eigener Entwurf

Fuchs hat in den letzten Jahren eine Reihe von Beiträgen zur Kritik an der Gehirnforschung bzw. besonders an solchen Vertretern dieser Disziplin veröffentlicht, die wohl nicht zuletzt in den Massenmedien u. a. durch die „Giordano-Bruno-Stiftung”, die ähnlich wie die „Initiative für Neue Soziale Marktwirtschaft” medienbegleitend zu agieren scheint, in einer breiteren Öffentlichkeit prominent sind. Damit soll keine vorschnelle Identifizierung beider Strömungen vorgenommen werden. Es ist aber klar, dass der neoliberale Homo oeconomicus durchaus mit dem Singerschen Menschen verwandt ist, dessen neuronale Verschaltungen ihn festlegen – und der deswegen „nicht anders kann”[1]. Denn beide kennen keine reale Freiheit. Und beide haben Probleme, ein realistisches Verhältnis zum Anderen einzunehmen, beispielsweise die Art. 5, 14 und 15 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland hinreichend und angemessen zu würdigen. (weiterlesen…)

26. Mai 2009

Brutaler Mord an einem Ehepaar und das Problem der Freiheit – Thomas Fuchs zu Felix D. und Torben B., Tessin, Mecklenburg

“Das  Böse”- gibt es das überhaupt? [1] Handelt es sich nicht um eine Fiktion, die wir wissenschaftlich erledigen können, wenn wir wissen, wie es zu bestimmten Handlungen kommt, die wir gewöhnlich als „böse” bezeichnen? Natürlich beobachtet man in den Massenmedien bei Amokläufen wie zuletzt in Winnenden ein Entsetzen, hier ließ sich keine leichte Erklärung finden, sieht man davon ab, dass der Vater des Täters gegen die Waffengesetze verstoßen hat. In Foren konnte man gelegentlich sehr schnelle psychologische Ferndiagnosen lesen. Mann oder Frau versucht, derartige Ereignisse induktiv unter eine schon bekannte Regel zu bringen, das Entsetzen ist dann jedenfalls einigermaßen ordentlich „wissenschaftlich” zu erfassen.

Thomas Fuchs wendet sich dieser Frage anhand eines u. a. auch massenmedial kommunizierten Falles zu:

„An einem Samstagabend im Januar 2007 klingeln der 17-jährige Felix D. und sein gleichaltriger Freund Torben B. an einer Haustür in Tessin, ihrem kleinen mecklenburgischen Heimatdorf. Der Bewohner öffnet, er kennt die beiden seit langem aus der Nachbarschaft, es sind freundliche und höfliche Jungen aus intakten Familien. Doch da ruft Felix ‚Reno!’, das ist das Codewort zum Losschlagen. Die beiden Jungen ziehen ihre mitgebrachten Messer und halten sie dem Mann an die Kehle mit den Worten: ‚Auf die Knie!’ Er wehrt sich und erfasst ein Messer, doch da lassen die Eindringlinge alle Hemmungen fahren und stechen blindlings auf ihn ein. Während er im Todeskampf zu Boden geht, stürmen die 17-Jährigen die Treppe hoch, treffen auf die Ehefrau des Mannes, die sie mit insgesamt 62 Messerstichen töten. Als sie später noch röchelt, sticht Felix sie noch einmal in den Kopf, um sie endgültig zu töten. Der Sohn des Ehepaares entgeht nur knapp dem Blutrausch, weil es ihm gelingt, in Todesangst in seinem Zimmer eingesperrt die Polizei zu benachrichtigen, die das Paar schließlich stellt und zur Aufgabe zwingt. Weder Alkohol, Drogen oder eine psychische Krankheit noch Feindschaft gegenüber den Opfern erklären die Tat; es hätte ebenso beliebige andere im Dorf treffen können.” (172)

  • Nach einer kurzen Skizzierung dieses Geschehens stellt Fuchs zunächst allgemein die Frage nach „dem Bösen”, wobei er sich nicht zuletzt an den „mythischen” Erzählungen in 1. Mose (Genesis) 2 bis 4 (Paradiesstory, Kain und Abel) orientiert, hierbei erörtert er auch verschiedene Ansichten, die „das Böse” naturwissenschaftlich (u. a. soziobiologisch, sozialdarwinistisch, evolutionsbiologisch) erklären wollen (S. 173-186 [1]).
  • Danach erörtert Fuchs den konkreten Fall (S. 186-190 [2]).
  • Abschließend gibt Fuchs einen „Ausblick”, in dem das Verhältnis von „dem Bösen” und der „Freiheit” (S. 190-194 [3]) nochmals präzisiert wird.

Dieser Aufsatz setzt relativ aktuell an und führt diese Aktualität auf psychiatrische und philosophische Grundfragen zurück, die wir hier auch schon im Kontext der Position Fuchs’ besprochen haben. Anhand der kritischen Besprechung dieses Artikels sollen auch Grundstrukturen von Fuchs’ Ansatz und häufig wiederkehrende Argumente deutlich werden. (weiterlesen…)

22. Mai 2009

Zur Philosophie von Thomas Fuchs

In den folgenden Wochen werde ich hier im Blog mehrere Arbeiten von Thomas Fuchs besprechen.

Prof. Dr. Dr. Thomas Fuchs, Heidelberg Fuchs ist Psychiater an der Universitätsklinik Heidelberg und arbeitet an einer phänomenologischen Auffassung von Psychopathologie und Psychotherapie. Er ist als einer der schärfsten Kritiker der neueren Gehirnforschung hervorgetreten. Fuchs schreibt sensibel, kann sarkastisch-ironisch sein und pointiert scharf. In den folgenden beiden Monaten werden hier seine Bücher “Das Gehirn ein Beziehungsorgan” und “Leib und Lebenswelt” besprochen.

Dabei werden nicht vordergründige Polemiken interessieren. Es steht hier natürlich der philosophische Ansatz im Fokus, inwieweit eine phänomenologische Fragestellung beispielsweise in der Auffassung von Wahrnehmung unsere lebensweltliche Erfahrung rechtfertigen kann, obwohl diese durch manche naturwissenschaftlichen Auffassungen infrage gestellt erscheint. Fuchs steht einer Reihe von Entwicklungen der Lebenswissenschaften äußerst skeptisch, fast schon resignativ gegenüber. Wir werden fragen, ob dies plausibel ist, ob es hierzu vielleicht Alternativen gibt.

Fuchs’ Arbeiten finden inzwischen ein breiteres auch außerakademisches Interesse, der Philosophiekurs Heidelberg behandelt am 29.05. einen Aufsatz (“Quer durch jedes Menschenherz”) über das Böse aus psychiatrischer Perspektive, in der VHs Neckargemünd findet am 20.06. ein ganztätiger Kurs zu Fuchs’  Buch über das “Gehirn als Beziehungsorgan” statt.

13. Mai 2009

Alltagsphilosophie achte Sitzung

20          Erinnerung an den 11.05.

Update 14.05.

Ich habe den Kurs zum Thema „Alltagsphilosophie” angeboten, weil ich die Sachfragen zu diesem Problem ausdiskutieren möchte. Mein Wunsch war es, inhaltlich stärker Übungen durchzuführen, weil diese erforderlich sind, um Alltagsphilosophie zu erproben. Doch handelt es sich um den Kurs der Teilnehmer/innen – und diese problematisieren teilweise den Ansatz von seiten der Wissenschaften oder von alternativen Ansätzen her stärker, als ich dies erwartet hatte. Folglich müssen wir diesen Punkt tatsächlich ausdiskutieren. Die Teilnehmer/innen, die stärker an den Übungen interessiert waren, bitte ich um Nachsicht. Wir kommen – auch deswegen, weil am nächsten Termin viele gar nicht da sind – nur zur ausführlichen Bestimmung der Argumentation, auch im Vergleich mit wissenschaftlichen Argumentationen.

Am 11.05. konnte die ausführliche Diskussion in einem nicht unwichtigen Punkt erreicht werden, es wurde nach sorgfältiger Kenntnisnahme des Textes von Wolf Singer nicht mehr infrage gestellt, dass dieser beabsichtigt, die sogenannten „subjektiven” Qualitäten unserer Selbstwahrnehmung und Selbstinterpretation durch eine sogenannte „objektive” wissenschaftliche Beschreibung zu ersetzen. Für diese Absicht liegen aber bisher keine belastbaren wissenschaftlichen Ergebnisse vor. Damit hat sich die These bestätigt, dass Modelle, die das Problem unseres Selbstverhältnisses aus der Perspektive von Wissenschaftstypus 1 im Sinne der klassischen Physik beschreiben, unser alltägliches Selbstverständnis als Täuschung erklären müssen – worin ein wesentlicher Punkt des Kurskonzeptes und der Bedeutung von Alltagsphilosophie liegt. Ob es richtig ist, dass die Frage der Willensfreiheit durch Gerhard Roth neuerdings anders als noch im Jahr 2003 beantwortet wird, wurde erörtert – und dies scheint wahrscheinlich. Allerdings ist die Position Pauens, aus dem Jahr 2007, auf die Roth neuerdings eingeschwenkt zu sein scheint, m. E. keine hinreichende Freiheitsauffassung und kein entsprechendes Selbstverständnis, wohl aber handelt es sich um eine etwas erträglichere Position als diejenige von 2003 (und sie ist auch mit dem Grundgesetz eher vereinbar). Diese Fragen sind alltagsphilosophisch insbesondere deshalb von Interesse, weil von den Positionen Peirce’ und Brodbecks her die selbstbestimmte und freie Veränderung von Gewohnheiten unseres Erlebens und Handelns als wesentlich erachtet wird. D. h., gerade die buddhistisch inspirierte Position Brodbecks äußert eine emphatische Freiheitsauffassung. Es reicht nicht aus, dass ich damit einverstanden bin, wie ich geworden bin und werde – und dies Selbstbestimmung nenne. Ich sollte mich angesichts dessen, wie ich geworden bin, in verschiedenen Graden selbstbestimmt neu entwerfen können, erst dann ist man bei attraktiven Freiheitsverständnissen angelangt, wie sie etwa Tugendhat und Sartre vertreten bzw. vertreten haben. Zur Ausbildung einer derartigen freien Haltung sind selbstverständlich Gesundheit und entsprechende soziale Verhältnisse nötig, nur ist das schon seit der Nikomachischen Ethik des Aristoteles bekannt und philosophisch reflektiert. Insofern erbringen in dieser Frage die Frage nach Verletzungen des Vorderhirns oder Probleme bei der Serotonin- bzw. Dopaminausschüttung allenfalls eine empirische Verfeinerung von Einsichten, an den Grundfragen hat die Gehirnforschung nichts geändert. (weiterlesen…)

9. Mai 2009

VHs Eberbach-Neckargemünd, Samstag, den 20.06.

fuchswerbung1

Das Gehirn - ein Beziehungsorgan, Thomas Fuchs

6. Mai 2009

Alltagsphilosophie siebte Sitzung

18          Erinnerung an den 04.05.

Ich beginne mit einer ausführlichen Ergänzung, die aufgrund einer längeren Diskussion im Anschluss an die Erinnerung an den 27.04. entstanden ist. Sie kreiste um das Problem des klassischen Ansatzes der Physik, sofern er im Kontext der Gehirnforschung verwendet wird, aber auch um das Problem des „Radikalen Konstruktivismus”, der heute − nachdem der frühere andersgeartete Erlanger „Konstruktivismus” wohl überwiegend schon vergessen ist – in der Regel alleine als „Konstruktivismus” gilt. Dieser wurde in Fortführung und Weiterbildung der autopoietischen Systemtheorie der Biologen Humberto Maturana und Francesco Varela in der feministischen Theoriebildung, in der Soziologie, in der Literaturwissenschaft und auch in Teilen der Neurobiologie vor allem seit der zweiten Hälfte der 1980er Jahre angewendet. Sogar in der evangelischen Theologie zeigten sich Resonanzen. Inzwischen sind eher Nachhutgefechte zu beobachten, aber auch diese sind noch heftig.

Über meine Kritik an Gerhard Roth als radikalem Konstruktivisten kam es zu einer Kontroverse, weil Herr Dethlefsen meinte, dieser sei ein empirischer Wissenschaftler – und empirische Wissenschaftler könnten so etwas nicht behaupten:

„Die Feststellung, dass die von mir erlebte Welt des Ichs, meines Körpers und des Raumes um mich herum ein Konstrukt des Gehirns ist, führt zu der viel diskutierten Frage: Wie kommt die Welt wieder nach draußen? Die Antwort hierauf lautet: Sie kommt nicht nach draußen, sie verlässt das Gehirn gar nicht. Das Arbeitszimmer, in dem ich mich gerade befinde, der Schreibtisch und die Kaffeetasse vor mir werden ja von mir als ‚draußen’ in Bezug auf meinen Körper und mein Ich erlebt. Diese beiden sind aber ebenfalls Konstrukte, nur ist es so, dass mit der Konstruktion meines Körpers auch der zwingende Eindruck erzeugt wird, dieser Körper sei von der Welt umgeben und stehe in deren Mittelpunkt. Und schließlich wird [...] ein Ich erzeugt, das das Gefühl hat, in diesem Körper zu stecken, und dadurch wird es erlebnismäßig zum Zentrum der Welt. (Aus der Sicht des Gehirns, Frankfurt/M. 2003, 48)

Möglicherweise versteht sich Gerhard Roth also eher nicht als „empirischen Wissenschaftler” im Sinne von Herrn Dethlefsen. Typisch – auch im Sinne der bisherigen Kursergebnisse – die Produktion von Scheinproblemen („das Ich”), ohne dass irgendwie angegeben würde, wie das alles „konstruiert” wird. Ökologisch ist die Position von Roth natürlich sehr hilfreich, wenn alles im Gehirn ist und da auch nicht herauskommt, können wir uns an sich viel Umweltverschmutzung und -verbrauch und auch viele Debatten ersparen. Mein sarkastischer Kommentar im letzten Satz – ich füge das hinzu, um mögliche Missverständnisse dieses Satzes zu vermeiden – soll darauf hinweisen, dass Roth die Worte nicht im alltäglichen Sinn gebraucht. Mutmaßlich findet das Arbeitszimmer von Gerhard Roth selbst in seinem Superhirn keinen Platz. Und selbst die Kaffeetasse, die darin einen Ort finden könnte, würde mutmaßlich doch Beschädigungen beispielsweise des limbischen Systems hervorrufen. Nicht einmal die Worte „Kaffeetasse” und „Arbeitszimmer” befanden sich bei nüchterner Betrachtung in Roths Gehirn, als er sie schrieb. Danach befanden sie sich im Buch – und jetzt vor Ihnen am Bildschirm oder auf dem Ausdruck. Und ich vermute ganz stark, dass Sie von den 40 Hertz-Schwingungen der Stoffwechselprozesse, die beim Schreiben der Worte in Gerhard Roths Gehirn stattfanden, nichts mehr spüren. Wenn doch, teilen Sie mir dies bitte ausführlich und auf jeden Fall experimentell wiederholbar mit! Aus der Kursperspektive kann das Zitat von Gerhard Roth jedenfalls als wunderschönes Beispiel dafür dienen, welche Beulen man sich beim Denken holen kann, wenn man den alltäglichen Sprachgebrauch nicht hinreichend beachtet, sondern freischwebend theoretisiert. Ich belasse es bei diesen Sarkasmen und erspare mir die Parallelisierung derartiger Äußerungen mit entsprechenden Beispielen aus der Psychopathologie, die Thomas Fuchs (Das Gehirn – ein Beziehungsorgan, 2008) für diese Fälle nicht selten durchführt. Zu Fuchs’ Buch findet hier in der VHs Neckargemünd am Samstag, dem 20.06. ein ganztägiger Kurs statt.

Zur ebenfalls angesprochenen Frage der Willensfreiheit hier ein Beispiel aus einem Streitgespräch vor der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften:

„Natürlich geht die Mehrheit der Strafrechtstheoretiker nicht von einer unbedingten Freiheit aus, sondern von einer Art eingeschränkter Willensfreiheit, wie sie zum Beispiel der Philosoph Peter Bieri vertritt (Bieri 2001), das heißt von der Fähigkeit, vor der Tat von seiner eigenen Motivationslage zurückzutreten und diese zu überdenken (Deliberationsfähigkeit). Aus handlungspsychologischer und neurobiologischer Sicht ist diese Fähigkeit zwar wichtig für eine „vernünftige”, weil langfristige Handlungsplanung, aber hierbei ist nichts an Handlungsfreiheit zu finden. Es handelt sich um einen komplexen, wenngleich vollständig determiniert ablaufenden Prozess des Widerstreits der Motive.

Aufgrund psychologischer und neurowissenschaftlicher Erkenntnisse müssen wir von folgendem Sachverhalt ausgehen: Menschen können im Sinne eines persönlichen Verschuldens nichts für das, was sie wollen und wie sie sich entscheiden, und dies gilt unabhängig davon, ob ihnen die einwirkenden Faktoren bewusst sind oder nicht, ob sie sich schnell entscheiden oder lange hin und her überlegen. Sie werden in dem jeweils einen oder anderen Fall eventuell völlig unterschiedliche Dinge tun, aber sie tun dies nicht frei. Die Gene, die vor- und nachgeburtlichen Entwicklungen und Fehlentwicklungen, die frühkindlichen Erfahrungen und Traumatisierungen, die späteren Erfahrungen und Einflüsse aus Elternhaus, Freundeskreis, Schule und Gesellschaft – all dies formt unser emotionales Erfahrungsgedächtnis, und dessen Auswirkungen auf unser Handeln unterliegen nicht dem freien Willen. Dies gilt selbstverständlich auch für Personen, die Straftaten begehen.” (Gerhard Roth)

Sollte Roth inzwischen diese beiden Positionen hinreichend klar revidiert haben, behaupte ich für diese Revisionen natürlich das Gegenteil, aber vor allem die erste Äußerung ist in schwerer Weise irreführend, die zweite nur ganz schwach gedanklich kontrolliert. Philosophisch geht die Motividee wohl vor allem auf Schopenhauer zurück, der explizit den „freien Willen” im gewöhnlichen Verstand bestritten hat – freilich einen transzendentalen freien Willen unterstellte, wohl auch ein Vorbild für Roths erstaunliches Postulat eines „realen Gehirns” im Unterschied zum „wirklichen Gehirn”, wobei er unterstellt, das „wirkliche Gehirn” sei Teil der erlebbaren Wirklichkeit, die vom „realen Gehirn” konstruiert werde[1]. Doch Prägungen und Motive unterliegen stets der möglichen Reflexion und damit ihrer möglichen selbstbestimmten Veränderung – wie wir hier im Kurs ja festgestellt haben. Ob diese Reflexion greift und eine Veränderung stattfindet, ist damit nicht gesagt, dies genügt aber für das Argument ihrer realen Möglichkeit. Der Minimalbegriff der Freiheit setzt voraus, dass ich unter identischen Umständen hätte anders handeln können, es handelt sich um eine Frage, die sich in der Rückschau stellt. Wie die früheren Arbeiten von Pauen[2] und jetzt wieder die gemeinsame Arbeit mit Roth zeigen, akzeptiert er diesen Minimalbegriff von Freiheit gerade nicht (vgl. Michael Pauen, Gerhard Roth, Freiheit, Schuld und Verantwortung. Grundzüge einer naturalistischen Theorie der Willensfreiheit, Frankfurt/M. 2008, 166 u. ö.) – m. E. aufgrund einer unzutreffenden Darstellung. Insofern dürfte auch Roth seine Äußerungen nicht ernsthaft korrigiert, bestenfalls gemäßigt haben. Von Freiheit in einem ernst zu nehmenden Sinn ist nicht die Rede, wenn ich mich reflexiv damit einverstanden erkläre, was ohnehin geschieht, also davon überzeugt bin, was ich tue. Das ist sicher eine notwendige, aber in keiner Weise eine hinreichende Bedingung einer freien Handlung. Das unter identischen Umständen auch anders Handelnkönnen lässt sich nicht eliminieren. Maßstab sind hier die Bestimmungen der Menschenrechte in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UNO (1948) und im Grundgesetz (1949), dazu die höchstrichterlichen Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichtes.

Unklar schien mir aufgrund der Diskussion im bisherigen Kursverlauf geblieben zu sein, dass es bei ausschließlicher Geltung der Unterstellungen des Wissenschaftstypus 1 (vgl. Abbildung 1) für alle Sachverhalte tatsächlich keine Freiheit im Sinne des von mir skizzierten Minimalbegriffs der Freiheit geben kann. Solange man also wie Roth und Singer das Grundmodell der klassischen Physik als das wissenschaftlich ausschlaggebende ansieht, mit denen auch die Fragen von Freiheit, Selbstbestimmung usf. behandelt werden, müssen diese von uns alltäglich unterstellten Phänomene als Täuschung gedeutet werden, was u. a. der Sinn des Konstruktivismus bei Roth ist. Auch Singer hat sich nach anfänglicher Zurückhaltung in einem ähnlichen Kontext als Konstruktivist geoutet, wie der Abschnitt „Das Subjekt als kulturelles Konstrukt” in seinem Büchlein „Vom Gehirn zum Bewusstsein”, Frankfurt/M. 2006, 47-57, beweist. Ob er seine eigene neurobiologische Forschung auch als „Konstrukt” bewertet, geht daraus bislang aber nach meiner Wahrnehmung nicht hervor, konsequent aber wäre das, denn auch die Neurobiologie „ist nichts anderes” als ein Phänomen der „kulturellen Evolution”.

„Mir scheint …, dass die Ich-Erfahrung bzw. die subjektiven Konnotationen von Bewusstsein kulturelle Konstrukte sind, soziale Zuschreibungen, die dem Dialog zwischen Gehirnen erwuchsen und deshalb aus der Betrachtung einzelner Gehirne nicht erklärbar sind. Die Hypothese, die ich diskutieren möchte, ist, dass die Erfahrung ein autonomes, subjektives Ich zu sein, auf Konstrukten beruht, die im Laufe unserer kulturellen Evolution entwickelt wurden. Selbstkonzepte hätten dann den ontologischen Status einer sozialen Realität … Wir Menschen … sind in … der Lage, in Dialoge einzutreten der Art ‚ich weiß, dass du weißt, wie ich fühle’ oder ‚ich weiß, dass du weißt, dass ich weiß, wie du fühlst” usw. Interaktionen dieser Art führen also zu einer iterativen wechselseitigen Bespiegelung im je anderen. …

Der Dialog, der den Individuationsprozess erst möglich macht, vollzieht sich bereits in der frühen Kindheit und erlaubt erste Ich-Identifikationen schon nach den ersten Lebensjahren. Dieser frühe Dialog zwischen Bezugspersonen und Kind vermittelt diesem in sehr prägnanter und asymmetrischer Weise die Erfahrung, offenbar ein autonomes, frei agierendes, verantwortliches Selbst zu sein, hört es doch ohne Unterlass: ‚tu nicht dies, sondern tu das, lass dass, sonst –’, oder ‚mach das, andernfalls –!’ …

Wichtig für mein Argument ist …, dass dieser frühe Lernprozess in einer Phase sich ereignet, in der die Kinder noch kein episodisches Gedächtnis aufbauen können. Wir erinnern uns nicht an die ersten zwei bis drei Lebensjahre, weil in dieser frühen Entwicklungsphase die Hirnstrukturen noch nicht ausgebildet sind, die zum Aufbau eines episodischen Gedächtnisses erforderlich sind. Es geht dabei um das Vermögen, Erlebtes in raumzeitliche Bezüge einzubetten und den gesamten Kontext des Lernvorganges und nicht nur das Erlernte selbst zu erinnern …

Diese frühkindliche Amnesie scheint mir dafür verantwortlich, dass die subjektiven Konnotationen von Bewusstsein für uns eine ganz andere Qualität haben als die Erfahrungen mit anderen sozialen Konstrukten. Vielleicht erleben wir diese Aspekte unseres Selbst deshalb auf so eigentümliche Weise als von ganz anderer Qualität, als aus Bekanntem nicht herleitbar, weil die Erfahrung, so zu sein, in einer Entwicklungsphase installiert worden ist, an die wir uns nicht erinnern können. Wir haben an den Verursachungsprozess keine Erinnerung …

Innerhalb neurobiologischer Beschreibungssysteme wäre das, was wir als freie Entscheidung erfahren, nichts anderes als eine nachträgliche Begründung von Zustandsänderungen, die ohnehin erfolgt wären, deren tatsächliche Verursachungen für uns aber in der Regel nicht in ihrer Gesamtheit fassbar sind.”

Auch hier die gleichen Scheinprobleme wie bei Roth, „das Ich” usf. Da Singer keine anderen als die Argumentationen auf dem Niveau der klassischen Physik zulassen will, kann er auch zu keinen anderen Ergebnissen kommen. Wer also „naturalistisch” in diesem Sinn versteht, kann keine Freiheit im Sinne des minimalen Freiheitsbegriffs zulassen, dies habe ich jetzt noch einmal sehr ausführlich belegt, weil mir dies angesichts der Diskussion noch nicht ausreichend verstanden zu sein erschien. Der performative Selbstwiderspruch in Äußerungen wie denjenigen von Singer oder Roth besteht darin, dass sie den Art. 5 des Grundgesetzes, welcher die Freiheit von Wissenschaft und Kunst garantiert, dazu benutzen, genau diesen Vorgang als nicht freien darzustellen. Freiheit ist eine aufgrund der frühkindlichen Amnesie mangels des episodischen Gedächtnisses als Konstruktion vergessene Konstruktion. Man sieht daran, dass die Bundesrepublik immer noch ein liberaler Staat ist. Sie erlaubt es beamteten Professoren, die Freiheitsgrundlage des Grundgesetzes im Sinne der Menschenrechte öffentlich wissenschaftlich infrage zu stellen, weil eine liberale Ordnung darauf setzt, dass auch groteske Irrtümer im offenen Diskurs korrigiert werden können.

Wie bei dem Ausdruck „Konstruktivismus” ist beim Ausdruck „naturalistisch” im Kontext des Freiheitsproblems sehr genau zu beachten, was die jeweiligen Autoren darunter verstehen. Verstehen sie den Ausdruck im Sinne von Wissenschaftstyp 1, kann es keine Freiheit im Sinne des Minimalbegriffs, den ich hier skizziert habe, geben. Autoren, die diesen Freiheitsbegriff vertreten, wie Ernst Tugendhat, und zugleich den Begriff „naturalistisch” verwenden, versuchen daher Klärungen herbeizuführen, hier ein nicht unpolemisches Beispiel:

„Bei der Hirnforschung finde ich ziemlich verrückt, was da heute läuft. [...] Man kann lediglich feststellen, in welchen Bereichen des Gehirns welche Typen von Prozessen ablaufen. Aber dann kommen diese Professoren der Gehirnphysiologie und stellen Theorien über die Nichtexistenz menschlicher Freiheit auf, die sich nur darauf stützen, dass sie sagen, wir sind Wissenschaftler und glauben an den Determinismus. Sie nehmen die philosophische Literatur der ganzen letzten Jahrzehnte überhaupt nicht wahr, in der versucht wird, Determinismus und Willensfreiheit nicht als Gegensatz zu sehen. Das halte ich für eine völlig haltlose Spekulation. [...] In hundert Jahren kann die Hirnphysiologie vielleicht interessant werden für die Philosophie, aber bisher ist sie es nicht. Ich bin freilich ein Naturalist, ich sehe den Menschen als einen Teil der biologischen Entwicklung. Aber was in den biologischen Wissenschaften mit Bezug auf den Menschen gemacht wird, da ist sehr wenig Sinnvolles.” (taz-Interview vom 28.07.2007)

Damit ist nur angedeutet, dass die Wissenschaften vom Typ 1 noch eine Entwicklung durchlaufen müssen, bis sie phänomenadäquat werden. Der wichtigste aktuelle Versuch – im Kern wohl der einzige – ist derjenige von Thomas/Brigitte Görnitz, Der kreative Kosmos, Heidelberg/Berlin 2002. Er zeigt zumindest an, dass im quantenphysischen Bereich verstanden worden ist, dass es so nicht mehr weitergehen kann, weil die Realität komplexer ist, als sie in der klassischen Physik beschrieben wird. Mit Peirce dürfen von daher zumindest keine falschen Verallgemeinerungen kommen.

Das Hauptthema der Sitzung waren die Argumentationstypen von Abduktion, Induktion und Deduktion im Alltag. Damit sind wir nicht fertig geworden, sodass wir dies in der Sitzung am 11.05. vervollständigen, erweitern und ganz gründlich ausdiskutieren müssen. Stellen diese Argumentationstypen im Alltag, die zwar gewohnt, aber häufig nicht bewusst sind, doch eine der wesentlichen Bedingungen der Möglichkeit dar, dass Alltagsphilosophie eine Realität sein kann und auch faktisch stattfindet. Dies ist seit der klassischen Phase der griechischen Philosophie bekannt – und wurde dort im Kontext der Rhetorik reflexiv erarbeitet. Insofern verlangsamen wir mit guten Gründen das Thema des Kurses – und fassen die Übungen zu Gewohnheiten und Kreativität zu einer Sitzung zusammen. Nicht erwarten darf man, dass im Alltag irgendwie argumentiert wird wie an der Universität, sofern dort auf Sorgfalt Wert gelegt wird, oder in einem wissenschaftlichen Institut. Das wäre in den Alltagserfordernissen schon aus Zeitgründen eher kontraproduktiv – und wie Aristoteles meinte, auch eher langweilig, es fehlt dazu der die Rezipierenden einschließende und herausfordernde Esprit. Denn die Rezipierenden stellen die Vollständigkeit der Argumentation selbsttätig her, es handelt sich ja um Kommunikationen. Von „Beweisen” ist übrigens umgekehrt auch im Wissenschaftsbereich so häufig nicht die Rede.

Zum besseren Überblick zitiere ich die Aufgabenbeispiele noch einmal und füge daran die schon erarbeiteten Lösungen an. Ich habe mit 16.1.7, 16.1.8 und 16.1.9 drei weitere Texte hinzugefügt, die von Wolf Singer und Gerhard Roth stammen, deren argumentative Struktur untersucht und mit den Alltagsargumentationen hier verglichen werden soll. 16.1.4 (Frank-Walter Steinmeier in Afghanistan) und 16.2 (Zu jeder Argumentation Gegenargumente bilden) waren noch nicht bearbeitet und werden uns dann in der Sitzung am Montag, dem 11.05. beschäftigen.

16.1.1  Thorsten Hild (Wirtschaftswissenschaftler), taz-online 29.04.2009

„Löhne haben für das Überleben der Wirtschaft eine gar nicht zu überschätzende Bedeutung. Geht die Lohnsumme plötzlich und unkontrolliert zurück, droht nichts weniger, als dass der Wirtschaftskreislauf zum Erliegen kommt.”

Der Wirtschaftskreislauf darf nicht zum Erliegen kommen!

Der Wirtschaftskreislauf kann zum Erliegen kommen, wenn die Lohnsumme plötzlich und unkontrolliert zurückgeht.

→           Die Lohnsumme sollte möglichst konstant bleiben!

Die Schlussform bzw. Argumentationsform ist deduktiv, es handelt sich um einen praktischen Syllogismus, wie ihn Aristoteles sowohl in der „Nikomachischen Ethik” als auch in der „Rhetorik” analysiert hat. Hier müssen aus dem Kontext und der eigenen Beschäftigung mit solchen Sachverhalten die Ergänzungen der Argumentation erbracht werden. Dies wird von Ihnen als aktiven und selbstständigen Bürger/innen erwartet. Ob der Zusammenhang, den Hild unterstellt, besteht, können Sie beispielsweise unter Eurostat, den Publikationen der Europäischen Kommission zu statistischen Fragen nachsehen – oder sich um entsprechende Veröffentlichungen in Buchform bemühen.

16.1.2   Wolfgang Wagner, Angst ist ein guter Ratgeber, FR-Online, 30.04.2009

„Wenn einem heute in der S-Bahn jemand in den Nacken niest, hat der Schauer, der einen überfällt, sicher auch psychische Gründe. Mancher wird es bereuen, die schweißfeuchte Hand, die ihm gereicht wurde, gedrückt zu haben. Schul- und Kindergartenleiter werden aufmerksamer auf ihre Zöglinge achten.

Doktoren werden noch mehr eingebildete Kranke beruhigen und die Krankenhäuser mehr vermeintliche Notfälle behandeln. Die Schweinegrippe hat Deutschland erreicht.”

Verschiedene Fälle, die auch anders betrachtet werden können, bilden sich zu einer Regel aus: Die „Schweinegrippe” hat Deutschland erreicht.

Mein Niesen oder das Niesen anderer in meiner direkten Umgebung könnte ein Symptom der „Schweinegrippe” sein.

→ Zur Vorsicht suche ich doch einen Doktor auf.

Hier bereitete die möglicherweise ironische Formulierung des Textes von Wagner Schwierigkeiten, den argumentativen Weg zu erkennen. Schließlich wurde die Schlussform aber aufgrund der Information aus der Überschrift einhellig als Induktion erkannt. Die Induktion ist in der Rhetorik die häufigste Schlussform in der politischen Beratungsrede und wird von Wagner hier auch so verwendet. Diskutiert wurde hier auch der Weg von einer allerersten Abduktion zur schließlichen Regelbildung, was gerade durch den mehrdeutigen Text angeregt wurde.

16.1.3   Barack Obama, Pressekonferenz zum 100. Tag seiner Präsidentschaft, SZ-Online, 30.04.2009

„Barack Obama hat keinen Grund für Selbstzweifel: Auf der landesweit übertragenen Pressekonferenz zum 100. Tag seiner Präsidentschaft gibt es nicht eine einzige böse, schmerzhafte Frage. ‚Wir sind gut gestartet’, lautet der Tenor Obamas bei seinem wie stets souveränen Auftritt. Niemand im traditionsreichen, prächtig möblierten East Room des Weißen Hauses widerspricht.

‚Obamas Start war der eindrucksvollste seit Franklin D. Roosevelt’, hatte schon der Time-Kolumnist Joe Klein jubilierend geschrieben. Aber auch Obama weiß, dass er trotz seiner ungebrochenen Beliebtheit bei Öffentlichkeit und Medien nur Schonzeit hat.

Eine dramatische Wirtschaftskrise, riesige Staatsschulden und zwei Kriege lasten auf der neuen Regierung. Dazu will Obama auch das marode Gesundheitswesen und die Schulen reformieren, den Klimawandel bekämpfen und vieles mehr. ‚Wir werden das schaffen’, sagte Obama selbstbewusst. Seine ersten 100 Tage wertete er positiv: ‚Ich bin stolz auf das, was wir erzielt haben, … erfreut über den Fortschritt, aber nicht zufrieden.’”

Wir werden es schaffen, es zeigen sich schon erste Indizien! Eine Neuauflage von „Yes, we can!”

Schlussform: Abduktion, große Teile des Textes in der SZ dienen nur zur Emphase der Abduktion. Ob diese zutrifft, wird und kann sich auch erst an folgenden Ereignissen zeigen, kann also frühestens in zwei oder drei Jahren einigermaßen beurteilt werden. Viele politische Programme und Verlautbarungen sind Abduktionen, weil sie auf die Zukunft ausgerichtet sind, über die mutmaßlich niemand so genau Bescheid weiß.

16.1.4  Außenminister Frank-Walter Steinmeier bei seinem Afghanistanbesuch, SZ-Online 30.04.2009

„Die Anschläge überschatteten den unangekündigten Besuch von Außenminister Frank-Walter Steinmeier in Kabul. Steinmeier verurteilte den tödlichen Anschlag als ‚feiges und heimtückisches Verbrechen’. Deutschland lasse sich durch solche Taten nicht davon abbringen, ‚diesem geschundenen Volk beiseite zu stehen’”.

Noch nicht analysiert!

16.1.5   Uli Hoeneß, FC Bayern FanTV vom 27.04.2009, zur Entlassung von Jürgen Klinsmann

„Ich möchte vielleicht noch hinzufügen, dass wir nicht den Fehler machen sollten, den sicher wahnsinnigen Ausrutscher in Barcelona zum entscheidenden Maßstab zu machen. Gegen Barcelona werden auch noch andere Mannschaften verlieren. Es kommt auf den Trend an, seit Weihnachten haben wir in allen Spielen, wo es drauf ankam, Tabellenführer zu werden, in Hamburg, in Berlin, jetzt gegen Schalke verloren. Das muss uns zu denken geben.”

Es ergibt sich seit Weihnachten ein Trend, Hamburg, Berlin usf.: Wir verlieren jedes Spiel, in dem es darum geht, Tabellenführer zu werden!

Dies gefährdet unsere sportlichen und wirtschaftlichen Ziele, daran muss der Trainer Schuld sein!

→ Klinsmann wird entlassen!

Schlussform: Induktion, der abduktive Prozess, wie es zu dieser Induktion gekommen ist, ist in diesem Zitat besonders gut zu erkennen, möglicherweise hat es bei Hoeneß nach dem Hamburgspiel zum ersten Mal in diese Richtung wickiemäßig geblitzt. Wickie ist der Star einer gleichnamigen Kinderbuchserie, die auch zeichentrickfilmartig verfilmt wurde, z. B. regelmäßig in Kika zu sehen. Wickie ist das helle, junge Köpfchen in einer Wikingergruppe, in der das kreative Denken in der Regel durch Kraftausübung ersetzt wird. Dadurch gerät die Gruppe auf ihren Raubzügen nicht selten in aussichtslose Situationen, aus denen dann der kreative kleine Wickie abduktiv einen Ausweg findet. Den Moment, in dem die Abduktion auftritt, markieren die kleinen Sterne, die hier auf dem Bild zu sehen sind. Sie treten stets blitzartig auf. Das ist noch besser in folgendem Video zu sehen: Wickievorspann. Wickies Abduktionen funktionieren immer, mal sehen, ob die zu einer Induktion ausgearbeitete Abduktion von Uli Hoeneß genauso gut funktioniert.

16.1.6   Christopher Flowers zum Übernahmeangebot, Faz.net vom 30.04.2009

„Der Großaktionär der Immobilienbank Hypo Real Estate (HRE), der amerikanische Investor J. C. Flowers, hat das Übernahmeangebot der Bundesregierung abgelehnt. Die Offerte der Bundesregierung für die Aktien der HRE bezeichnete Flowers in einer am Donnerstag veröffentlichten Erklärung als zu niedrig.”

Die angebotene Entschädigung ist zu niedrig!

→ Das Angebot der Bundesregierung wird abgelehnt!

Schlussform: Deduktion.

Neue Beispiele:

Versuchen Sie hierbei Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den Alltagsargumentationen in 16.1.1-6 und den wissenschaftlichen Argumentationen von Singer und Roth in 16.1.7-9 zu beschreiben!

16.1.7 Gerhard Roth, Aus der Sicht des Gehirns

„Die Feststellung, dass die von mir erlebte Welt des Ichs, meines Körpers und des Raumes um mich herum ein Konstrukt des Gehirns ist, führt zu der viel diskutierten Frage: Wie kommt die Welt wieder nach draußen? Die Antwort hierauf lautet: Sie kommt nicht nach draußen, sie verlässt das Gehirn gar nicht. Das Arbeitszimmer, in dem ich mich gerade befinde, der Schreibtisch und die Kaffeetasse vor mir werden ja von mir als ‚draußen’ in Bezug auf meinen Körper und mein Ich erlebt. Diese beiden sind aber ebenfalls Konstrukte, nur ist es so, dass mit der Konstruktion meines Körpers auch der zwingende Eindruck erzeugt wird, dieser Körper sei von der Welt umgeben und stehe in deren Mittelpunkt. Und schließlich wird [...] ein Ich erzeugt, das das Gefühl hat, in diesem Körper zu stecken, und dadurch wird es erlebnismäßig zum Zentrum der Welt.”

16.1.8. Gerhard Roth, Brandenburger Debatte

Aufgrund psychologischer und neurowissenschaftlicher Erkenntnisse müssen wir von folgendem Sachverhalt ausgehen: Menschen können im Sinne eines persönlichen Verschuldens nichts für das, was sie wollen und wie sie sich entscheiden, und dies gilt unabhängig davon, ob ihnen die einwirkenden Faktoren bewusst sind oder nicht, ob sie sich schnell entscheiden oder lange hin und her überlegen. Sie werden in dem jeweils einen oder anderen Fall eventuell völlig unterschiedliche Dinge tun, aber sie tun dies nicht frei. Die Gene, die vor- und nachgeburtlichen Entwicklungen und Fehlentwicklungen, die früh-kindlichen Erfahrungen und Traumatisierungen, die späteren Erfahrungen und Einflüsse aus Elternhaus, Freundeskreis, Schule und Gesellschaft – all dies formt unser emotionales Erfahrungsgedächtnis, und dessen Auswirkungen auf unser Handeln unterliegen nicht dem freien Willen. Dies gilt selbstverständlich auch für Personen, die Straftaten begehen.”

16.1.9 Wolf Singer, Vom Gehirn zum Bewusstsein

„Diese frühkindliche Amnesie scheint mir dafür verantwortlich, dass die subjektiven Konnotationen von Bewusstsein für uns eine ganz andere Qualität haben als die Erfahrungen mit anderen sozialen Konstrukten. Vielleicht erleben wir diese Aspekte unseres Selbst deshalb auf so eigentümliche Weise als von ganz anderer Qualität, als aus Bekanntem nicht herleitbar, weil die Erfahrung, so zu sein, in einer Entwicklungsphase installiert worden ist, an die wir uns nicht erinnern können. Wir haben an den Verursachungsprozess keine Erinnerung …”

16.2     Übung 2

Noch durchzuführen!

Bilden Sie zu jedem der vorstehenden Argumente Gegenargumente, selbst wenn Ihnen die Argumentation bzw. Begründung einleuchten sollte!


[1] Gerhard Roth, Das Gehirn und seine Wirklichkeit. Kognitive Neurobiologie und ihre philosophischen Konsequenzen. Suhrkamp, Frankfurt 82000, 314ff.328ff (Taschenbuchausgabe).

[2] Vgl. vor allem den groß angelegten Versuch von Michael Pauen, Was ist der Mensch? Die Entdeckung der Natur des Geistes, München 2007, 164ff.

24. März 2009

Alltagsphilosophie 2

2 Erinnerung an den 09.03.2009

Die Sitzung befasste sich vor allem mit dem Verständnis des Themas Alltagsphilosophie. Die Dudenhinweise auf bestimmte Verwendungsweisen des Ausdrucks „Alltag” und „alltäglich” führten bei einer Mehrheit der Teilnehmer/innen eher nicht zur Zustimmung. Wichtig war sicherlich der Hinweis von Herrn Dethlefsen, dass das Gemeinte möglicherweise besser durch „Lebenswelt” ausgedrückt werden könne. Der Ausdruck „Alltag”, sofern er nicht mit „Werktag” ineins gesetzt und dann von „Sonntag” oder „Wochenende” unterschieden wird, umfasst alles dasjenige, was uns jeden Tag begegnet, worin wir leben, was uns stört, was wir tun und lassen. Und das sind keineswegs nur lebensweltliche Bezüge in einem emphatischen Sinn, auch die tägliche oder häufige Benutzung des Internets, die unvermeidliche Kommunikation über Geld usf. gehören zu unserem Alltag. Über diese ganz verschiedenen und z. T. durchaus widersprüchlichen Aspekte des Alltags kann im Alltag selbst eine kritische oder nachdenkliche Reflexion entstehen, das ist der Anfang der Alltagsphilosophie, die jede/m/r prinzipiell möglich ist. Dabei geht es darum, wie man den Alltag bewältigen kann, wie das alles zu verstehen ist, auch anspruchsvoller, wie gutes Leben im Alltag möglich ist.

Dass man diese Fragen philosophisch nennen kann, weil es ja um Liebe zur Weisheit geht, ist vielleicht weitgehend unbestritten. Schwierig wird die Verwendung des Ausdrucks „Alltagsphilosophie” aber im Blick auf öffentliche Debatten, die etwa in den Medien ausgetragen werden. Auch in entsprechenden Sendungen zur Philosophiethematik steht das eher nicht im Vordergrund, falls ich nichts übersehen oder überhört habe. Dies ist nach meinem Eindruck vor allem ein Problem der akademischen Philosophie, die oft den Übersprung zu ihrer griechischen Herkunft vom Athener Marktplatz nicht mehr recht zu leisten vermag. Sokrates hat ja dort durch seine Fragekunst nur die Aufgabe der Hebamme, der die Gefragten dabei unterstützt, die für sie richtigen Antworten herauszufinden bzw. zu gebären. Das zeigt vor allem, dass es je nach individueller Perspektive möglicherweise mehrere Antworten auf eine Frage gibt. Und auch Sokrates, der etwas paradox vorgibt, nur dasjenige zu wissen, dass er nichts wisse, gibt nicht die „richtigen” Antworten. Schon damals war jedenfalls manchen klar, dass es für viele Fragen offenbar keine letzten Antworten gibt.

An diesem Ergebnis setzt auch Peirce an. Er beobachtet freilich, dass viele Menschen, er unterstellt offenbar sogar alle Menschen, allgemeine Lebensüberzeugungen hegen, die eine Interpretation aller Sachverhalte einschließen, wie unscharf oder „ungeschlacht” derartige Interpretationen auch sein mögen. Verhielte es sich so, dann philosophierten alle Menschen, denn eine besonnene Lebenskonzeption zu haben, ist ein philosophisches Ideal. Der Ausdruck „metaphysisch” bezieht sich auf allgemeine Überzeugungen, also darüber, wie die Sachverhalte immer sind o. Ä. Peirce zufolge handelt es sich hierbei nicht nur um Kopfgeburten, auch der Bauch und die Muskeln spielen eine gewisse Rolle.

Während Peirce jedenfalls eine Variante von Alltagsphilosophie vertrat, ist genau dies bei Singer eher ausgeschlossen. Er steht besonders deutlich für eine Weltsicht, die von den Wissenschaften beeindruckt ist und deren Wirklichkeitsauffassung für angemessener als unsere Alltagswahrnehmungen und -erfahrungen hält. Wenn unser Gehirn mit uns äquivalent wäre und man das Gehirn so interpretieren müsste, wie es Wolf Singer vorschriftsmäßig freilich nur hypothetisch tut – weil bislang keinerlei belastbare empirischen Erkenntnisse vorliegen -, dann wäre unser alltägliches Selbstverständnis als abwägende Menschen, die sich zu manchen Tätigkeiten entscheiden, freilich vom Illusionsverdacht bedroht. Singer deutet im Text indirekt an, dass keineswegs alle Naturwissenschaftler/innen mit seiner Sichtweise übereinstimmen und versucht daher, insbesondere quantenphysikalische Beiträge aus der Debatte herauszuhalten, wie sie etwa Carl-Friedrich von Weizsäcker oder Thomas Görnitz geäußert haben.

Insofern sollte ein Kurs über Alltagsphilosophie auch die Gegenargumente abwägen und die positiven Argumente kennenlernen, die es für oder gegen die sinnvolle Möglichkeit von Alltagsphilosophie gibt.

3 Die Situation an der vorletzten Jahrhundertwende

Es mag vielleicht überraschen, aber die Zeit der vorletzten Jahrhundertwende bietet für denjenigen oder diejenige, die oder der sich damit beschäftigt, weithin ähnliche Strukturen – und man kann nur hoffen, dass die teilweise unbesonnene Aufregung und Verdrängung damals nicht zu ähnlich verheerenden Ergebnissen wie 1914 und in der Folge auch 1939 führt. Der gesellschaftliche Grad der Verunsicherung ist in unserer Zeit mindestens genauso hoch wie damals, etwa die Exzesse in Winnenden sind ein grelles Schlaglicht – und es gibt eine ganze Reihe von Strategien, wie man diese Verunsicherung zu verdrängen versucht. Davon ist eine diejenige des angeblich stabilen ökonomischen Erfolgs, eine andere diejenige der angeblichen wissenschaftlichen Sicherheit. In unserer Zeit ist die Ökonomie erst kürzlich sowohl wirtschaftlich konkret als auch als Wissenschaft von ihrem Thron gestürzt, kein bedeutender akademischer Ökonom hat ernsthaft die Finanzkrise und die daraus entstehende Weltwirtschaftskrise vorausgesagt, obgleich die Wirtschaftswissenschaft vorgibt, in bestimmten Grenzen Prognosen abgeben zu können. Wenn Sie den letzten Bericht des Sachverständigenrats lesen, werden Sie feststellen, dass die gut 500 Seiten verdruckt sind, aber Sie können ihn kostenfrei im Internet zur Not am Bildschirm lesen. Vorausgesagt wurde das freilich eher von politisch-ökonomischen Außenseitern, die aufgrund ihrer Voraussagen entsprechend verspottet und verhöhnt wurden. Auch diese Struktur findet sich an der vorletzten Jahrhundertwende: Menschen, denen es oft nicht gelang, dauerhaft eine akademische Stelle zu erreichen, gehören zu den langfristig interessantesten Denkern der Epoche wie etwa Charles Peirce oder der deutsche Kulturphilosoph Georg Simmel. Selbstverständlich gab es damals entgegen der offiziellen wissenschaftlichen Fortschrittsrhetorik innerhalb und außerhalb der Wissenschaften Kritik an den dominierenden Tendenzen, beispielsweise in der Medizin. Hier waren etwa Deutschland und die Vereinigten Staaten in den alternativen Tendenzen führend, in Deutschland vor allem im Blick auf die Homöopathie, in den USA sowohl auf diese als auch auf die Osteopathie. Ausschlaggebend beispielsweise für die staatliche Akzeptanz der Osteopathie in vielen Staaten der USA war die positive Resonanz bei den Patient/inn/en, trotz allerschärfster Gegenwehr der Medical Association. Heute ist die Situation keineswegs anders. Trotz allerheftigsten Beschusses durch die evidence based medicine wünschen sich 79 % der gesetzlich Krankenversicherten die Erstattung von homöopathischen Heilmitteln. Dieses Beispiel soll zeigen, dass es alltägliche Überzeugungen gibt, die für die einzelnen Menschen auf Alltagserfahrungen, die sie selbst betreffen, beruhen. Diese bleiben von der wissenschaftlichen Fortschrittsrhetorik weitgehend unberührt und unbeeindruckt, weil sie eine eigene, für sie selbst wichtige Erfahrung gemacht haben.

Die Zeit seit den 1860er Jahren ist im Wissenschaftssystem die Zeit der Auflösung der großen philosophischen Fakultät, zu der alle Wissenschaften als Unterabteilungen mit Ausnahme der Medizin, der Theologie und der Rechtswissenschaft gehörten. Zuerst lösen sich die Naturwissenschaften wie die Physik und Chemie, dann die Biologie ab. Psychologie, Ökonomie und Soziologie folgen. In der Psychologie ist bis heute umstritten, ob sie nun eher zu den Naturwissenschaften, den Gesellschaftswissenschaften oder gar zu den Geisteswissenschaften gehöre. Die wissenschaftliche Fortschrittsrhetorik hatte suggeriert, dass mit der Zeit – etwa durch das Experiment – die wissenschaftlichen Fragen entschieden würden. Das ist nicht eingetreten, wer heute Texte vom Ende des 19. Jahrhunderts zur Gehirnforschung liest, wie ich es selbst aus Interesse, aber auch beruflich als Übersetzer getan habe, wird feststellen, dass die gleichen Probleme schon damals diskutiert worden, etwa das Verhältnis von neuronalen Prozessen und Bewusstsein. Keines von ihnen ist einer allseits akzeptierten Lösung näher gebracht worden. Zum einen stellt sich hier ein leicht erkennbares Sachproblem: Die Leitunterscheidung von Frau Lerche, die ich in der vorletzten Woche an die Tafel geschrieben habe, lautet: „Rational” vs. „emotional”. Dies ist sprachlich ausgedrückt und folgt bestimmten sprachlichen Regeln, die man mündlich oder schriftlich ausdrücken kann. Keine dieser Regeln lässt sich finden, wenn nun Frau Lerches Gehirn untersucht wird, denn dort gelten rhythmische chemisch-elektrische Kommunikationsregeln. Das Problem einer mangelnden Lösung hängt aber auch mit einer inneren wissenschaftlichen Struktur zusammen, welche durchaus die Wissenschaften relativiert. Eine wissenschaftliche Forschung beginnt mit einer möglicherweise erstaunlichen Beobachtung, die vielleicht eine Hypothese entstehen lässt, wie Ereignisse, Zusammenhänge usf. erklärt werden könnten. Diese Regel oder das Gesetz sind erfunden oder jedenfalls frei entworfen, um das Ereignis oder den Zusammenhang zu erklären. Man stellt hypothetisch-abduktiv eine Regel oder ein Gesetz auf, die das Beobachtete erklären könnten – und versucht diese Regel oder das Gesetz dann durch Experimente usf. zu bestätigen. Wenn man gut geforscht hat, hält die Regel oder das Gesetz einige Jahre oder Jahrzehnte, weshalb Nobelpreise oft sehr lange nach den Entdeckungen verliehen werden, weil in der Zwischenzeit mit Recht versucht wird, die aufgestellte Regel oder das Gesetz wissenschaftlich zu überprüfen oder zu widerlegen. Erst wenn das über längere Zeit nicht gelungen ist, kann ein Nobelpreis verliehen werden.

Dabei sind in den Wissenschaften unterschiedliche Ansprüche an Genauigkeit unerlässlich, was sich ebenfalls schon seit den 1860er Jahren abgezeichnet hatte, sofern die Wissenschaften die gesamte Wirklichkeit umfassen wollen:

Es gibt in der Wirklichkeit allgemein mehrere Typen, m. E. drei Typen von Regeln, denen auch drei Wissenschaftstypen entsprechen:

(1) Regeln, die gegen die Wahrscheinlichkeit 1 tendieren (es ist nahezu immer so – wie etwa, dass der Apfel immer nach unten vom Baum fällt, wenn wir das gewöhnliche Bezugssystem hier auf der Erde akzeptieren), das sind die sogenannten Naturgesetze, die freilich sehr wahrscheinlich auch nur Näherungen sind. Hiermit beschäftigen sich die Naturwissenschaften, wobei die Biologie schwächere Wahrscheinlicheitserwartungen hat als die Physik, wie etwa die Akzeptanz des Zufalls als entscheidendes Element der Evolution durch Darwin gezeigt hat. Methode: Induktives Schließen auf der Grundlage von Experimenten, d. h.: Es gibt verschiedene Fälle, die einander ähnlich zu sein scheinen, sodass man für sie eine gemeinsame Regel oder ein Gesetz unterstellt. Dieses muss aber in der Zukunft immer weiter untersucht werden. Dabei lassen sich Hypothesen niemals ausschließen, wie jetzt in der aktuellen wissenschaftlichen Kritik der Darwinschen Position aufgrund neuerer Einsichten in die Genomstruktur deutlich wird.

(2) Regeln, die eher um die Wahrscheinlichkeit 0,5 oder etwas höher schwanken (alles kann immer auch anders sein), das sind die sozialen Regeln, z. B.: Ob Bayern München Meister wird, hat auf die letzten 40 Jahre berechnet die Wahrscheinlichkeit 0,5, dass Angela Merkels CDU zukünftig stärkste Partei wird, vielleicht 0,7. Für diese Regeln, die sozialen Regeln, ist es konstitutiv, dass sie Ausnahmen kennen. Mit diesen Regeln befassen sich die Sozial- und Kulturwissenschaften. Methoden: Induktives und abduktives bzw. hypothetisches Schließen, z. B. für qualitative Studien in den Sozialwissenschaften unerlässlich, weil einzelne Äußerungen eines Individuums bei genauer Betrachtung schwerlich unter eine allgemeine Regel fallen. Dann kann man die einzelne Äußerung auch nicht aus einer solchen Regel ableiten. Ein Problem, das als Wissenschaften übrigens nach meiner Wahrnehmung sowohl Psychologie als auch Medizin haben …

(3) Regeln, die deutlich zwischen 0,00000001 und vielleicht 0,1 schwanken, das sind die Regeln, in denen Individuen dann vielleicht doch übereinstimmen. Solche Regeln werden von den Wissenschaften erforscht, die man traditionell „Geisteswissenschaften” nennt. Da man hier in der Regel die Selbstbestimmung und Freiheit, das Sich-zu-sich-Selbst-Verhalten als Verhalten zu meiner Zukunft, d. h. den Entwurf meiner selbst unterstellt, kann das auch nicht anders sein. Ich bin durchaus jedenfalls auch selbstbestimmt anders als meine Frau und sehr viele andere Menschen – und will dies auch sein. Sowohl in der bildenden Kunst als auch in der Literatur kommen derartige Entwürfe zum Ausdruck, weshalb sich die Geisteswissenschaften u. a. hiermit befassen. Methode: Schwaches induktives Schließen, starke qualitative Beschäftigung mit dem Einzelfall, Vorherrschen der Abduktion bzw. der Hypothese.

Induktion und Abduktion bzw. Hypothese sind die wichtigsten wissenschaftlichen Schlussverfahren, deduktive Schlussverfahren sind sowohl im Alltag als auch in der Wissenschaft nicht sehr prominent. Dabei wird angenommen, dass man aus einer oder mehreren Prämissen zwingend auf etwas schließen kann.

Alle Menschen sind sterblich.

Martin Pöttner ist ein Mensch.

Also ist Martin Pöttner sterblich (= wird sterben).

 

Niemand bestreitet das wohl hier im Raum, gleichwohl bleibt eine letzte Unsicherheit, wenn Sie genau nachdenken. Erleichtert wurde die Klassifizierung der Regeln in den Wissenschaften durch bestimmte Entwicklungen in der Mathematik, wozu unter anderem die Wahrscheinlichkeitsmathematik und vor allem die Relationenlogik gehören, aber das ist jetzt nur ein Hinweis … Die Schlussformen der Deduktion, Induktion und Abduktion sind seit der Antike bekannt und wurden im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts logisch perfektioniert.

Die folgende Abbildung 1 fasst diese Überlegungen zusammen und weist der Philosophie einen Ort zu, an dem sie sich sowohl auf den Alltag als auch auf die einzelnen Wissenschaftstypen bezieht. Damit sind alle Möglichkeiten verbunden, wie Philosophie betrieben werden kann, eher alltagsphilosophisch, eher naturwissenschaftlich inspiriert, eher an Fragen der Gesellschaftsentwicklung orientiert oder eher auf Fragen der Kunst usf. bezogen.

Mögliche Beziehungen von Philosophie

Abbildung 1: Beziehung der Philosophie auf die verschiedenen Wissenschaftstypen und auf den Alltag

Die Philosophie bezieht sich auf alle drei Wissensbereiche, darüber aber auch noch auf Sittlichkeit und vor allem den Alltag. Letzterer könnte nur dann ernsthaft ausgeklammert werden, so meine Position, wenn ausschließlich wissenschaftliche Aussagen vom Wissenschaftstypus (1) ernsthaft sachhaltig wären. Man liest – aufgrund dieses Glaubens von Wissenschaftler/inne/n dann häufig, dass ein Autor wie Darwin (so bei Joachim Bauer) etwas „vorweggenommen” habe, was erst heute wissenschaftlich und damit „richtig” begriffen werden könne. Es geht hierbei um folgende Aussage Darwins:

Sobald der Leidende [nach Verlust einer geliebten Person] sich vollständig bewusst wird, dass nichts mehr getan werden kann, nimmt Verzweiflung oder tiefer Kummer die Stelle des wahnsinnigen Schmerzes ein. Der Leidende sitzt bewegungslos da oder schwankt langsam hin und her. Die Zirkulation [wohl vor allem der Blutkreislauf; M. P.] wird träge … Ist der Schmerz sehr heftig, so führt er bald äußerste Niedergeschlagenheit oder Erschöpfung herbei.” (Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren, [1872] Frankfurt a. M. 2000, 92)

Diese Aussage Darwins ist offensichtlich auch dann richtig, wenn man nicht weiß, welche neurologischen Sachverhalte mit den entsprechenden Selbstbeobachtungen und Fremdbeobachtungen nach den gegenwärtigen wissenschaftlichen Hypothesen korrelieren. Es gibt über die Jahrhunderte und Jahrtausende verstreut sehr viele Texte, die sehr genaue Beobachtungen dessen darlegen, was wir heute überwiegend als „psychosomatisch” bezeichnen. „Überraschend” ist das nur für denjenigen, der sich selbst gegen die wissenschaftliche Ignoranz dieser Alltagsbeobachtungen auflehnen musste und als einzige Gegenstrategie den wissenschaftlichen „Beweis” kennt, der aber – wie schon im 19. Jahrhundert gezeigt – äußerst vergänglich sein kann, weil irgendein junger Mann oder eine junge Frau, vielleicht eine geschlechtlich paritätisch besetzte Arbeitsgruppe, das dann doch wieder modifiziert, auf einen bestimmten Bereich einschränkt oder gar widerlegt. Aber für viele alltags„psychologischen” Haltungen ist das, was Darwin sagt, alles andere als überraschend. Ich selbst habe das an mir und anderen auch schon so oder jedenfalls vergleichbar beobachtet.

Wie das Beispiel Darwins zeigt, war man im 19. Jahrhundert nur teilweise der Ansicht, dass ausschließlich eine wissenschaftlich-naturwissenschaftliche Erklärung vom Wissenschaftstyp (1) bestimmter erlebter und wahrgenommener Phänomene deren Realität verbürge. Darwin war offensichtlich nicht dieser Ansicht – und dies sollte stark zu denken geben.

Dies ist noch viel stärker bei denjenigen Sachverhalten der Fall, die sich mit unserer Selbstbestimmung, unserem Lebensentwurf und der Sittlichkeit oder Ethik befassen. Wenn man alles im Modell des Wissenschaftstypus (1) zu erklären versucht, gibt es keinen eigenen Lebensentwurf oder keine Sittlichkeit, denn diese Alltagsvorstellungen unterstellen so etwas wie abwägende Überlegung, Selbstbestimmung und eine Unterscheidung des Besseren oder Schlechteren nach Gründen, was vorzuziehen wäre, vielleicht auch die Unterscheidung des Guten vom Bösen – tatsächlich aber hat man bislang nur das Naturgesetz verkannt, nach dem sich solche Abwägungen, Entscheidungen usf. vollziehen. Ist alles nach Wissenschaftstyp (1) zu erklären, dann sind solche Erwägungen bestenfalls Illusionen. Nur ist Wissenschaftstyp (1) nicht alleine, es gibt ja auch Wissenschaftstyp (2) und (3), welche keinerlei prinzipielle Probleme mit den Phänomenen des Lebensentwurfes, der Selbstbestimmung oder der Sittlichkeit haben. Schon am Ende des 19. Jahrhunderts gab es daher Versuche, das Bewusstsein des Menschen, seine Sprache, die Kultur faktisch auf biotische bzw. genauer physiologische Prozesse zu reduzieren, die von den gewöhnlichen Menschen freilich als physiologische Prozesse undurchschaut sind.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass sich an der vorletzten Jahrhundertwende das Strukturmuster des Verhältnisses von Philosophie, Wissenschaften und Alltag herausgebildet hatte, das auch heute noch gültig ist.

Beziehung zwischen Alltag und Wissenschaft im Kontext philosophischer Positionen

Abbildung 2: Strukurmuster des Verhältnisses von Philosophie und Alltag, das sich an der vorletzten Jahrhundertwende ausgebildet hat.

Die Abbildung 2 soll darlegen, wie das Verhältnis von Alltag und Wissenschaft im Blick auf die Philosophie strukturiert ist. An den jeweiligen Extremen stehen Phänomenologie und Positivismus. Letzterer ist faktisch eine 100%ige Wissenschaftsphilosophie, Fragen sind nur philosophisch relevant, wenn sie wissenschaftlich oder auf die Wissenschaften bezogen geklärt werden können. Demgegenüber ist die Phänomenologie wissenschaftsskeptisch bis wissenschaftskritisch, ihr gilt das eigene, besonnen reflektierte Erleben und Handeln als der wahre Wirklichkeitsbezug, auf deren Grundlage dann auch die Wissenschaften operieren könnten, aber dies oft nicht tun, sondern das erschließende Erleben und Handeln oft durch abstrakte Theorien verstellen. Die Phänomenologie ist daher im Kern reine Alltagsphilosophie. Pragmatismus und Neukantianismus sind Philosophien, die beide Elemente in sich enthalten, der Pragmatismus geht wie die Phänomenologie von der Alltagserfahrung aus, nimmt aber die Wissenschaften sehr genau wahr, weil die Alltagserfahrung durch die Wissenschaften ja infrage gestellt werden kann. Der Neukantianismus akzeptiert faktisch die entstandenen Wissenschaften als Grundlage der Philosophie und ist darin dem Positivismus recht verwandt. Aber er glaubt, das Individuum könne trotz aller wissenschaftlichen Erkenntnisse dennoch Werte bestimmen oder setzen. Und dies ist für Fragen der Ethik oder Sittlichkeit ausschlaggebend. Nur ist das in der Wissenschaft selbst nicht möglich, denn diese kennt ausschließlich Tatsachen und Gesetze, welche die Tatsachen bestimmen, die jeweils wertungsfrei sein müssen.

Am Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeigte sich also, dass aufgrund der verschiedenen philosophischen Positionen ein Panorama von Möglichkeiten entstanden war, welches das Feld der möglichen Beziehungen von Alltag und Wissenschaft im Blick auf die Philosophie abgesteckt hat. Alltag und Wissenschaft können in Bezug zur Philosophie unterschiedlich kombiniert werden. Oder man setzt ausschließlich auf Alltag, dann besonders in Form der Lebenswelt. Es ist aber auch möglich, allein auf die Wissenschaften zu setzen – und kein Vertrauen in die alltäglichen Erfahrungen zu haben.

25. Dezember 2008

Karl-Heinz Brodbecks “buddhistische Wirtschaftsethik”

Die Buddhistische Wirtschaftsethik von Karl-Heinz Brodbeck (Aachen 2002) wird hier ausführlich in fünf Beiträgen besprochen, um die genaue Argumentation und das inhaltliche Profil dieses interessanten und aufschlussreichen Ansatzes zu erfassen. Brodbeck – buddhistische Wirtschaftsethik, Homepagebild Brodbeck betreibt eine instruktive Homepage, auf der eine Reihe von Texten geladen werden können.
Brodbeck lehrt Wirtschaftswissenschaften an der Fachhochschule Würzburg. In das hier besprochene Thema führt gut ein Vortrag ein, der im MP3-Format gehört werden kann. Brodbeck hat auch Philosophie studiert und besitzt sehr gute philosophische Kenntnisse. Das macht die Lektüre seiner Texte vielleicht auch für diejenigen spannend, die von Wirtschaftswissenschaftlern nicht sehr viel Erhellendes zu erwarten pflegen. Unter seinen Fachkolleg/inn/en stellt er eine der wirklich interessanten Ausnahmen dar, so gibt er zu, dass die Ökonomie als empirische Wissenschaft, welche ja Prognosen mit einigermaßen verlässlichen Charakter aufstellen können soll, gescheitert sei, wie es im Zitat der letzten Dezemberwoche heißt.
Philosophisch ist auch Brodbecks Zugang zum Buddhismus, wobei er mit Recht hervorhebt, dass im Buddhismus recht viele Konzepte ausgearbeitet worden sind, die man auch vor dem Hintergrund des Entstehens der Philosophie in Griechenland als „philosophisch“ bezeichnen kann. Wer einen gewissen Überblick über philosophische Positionen besitzt, wird bei Brodbeck nicht überrascht sein, dass hier bestimmte Pointen hervorgehoben werden:

  • die Rolle des Bewusstseins;
  • die Organisation des Erlebens und Handelns in Gewohnheiten;
  • den möglicherweise täuschenden und selbsttäuschenden Charakter solcher Gewohnheiten;
  • den möglichen erfolgreichen Versuch, bei Bewusstwerden solcher Gewohnheiten diese kreativ zu verändern.

Insofern kreist Brodbecks Denken um das Freiheitsproblem und in eins damit um das Kreativitätsproblem, welches auch für wirtschaftliches Handeln ausschlaggebend ist. Ob man in Brodbecks Buch einen religiös oder religionswissenschaftlich zutreffenden Eindruck buddhistischer Positionen oder Verhaltensweisen erhält, ist eher fraglich. Das ist aber auch nicht der Punkt des Buches. Es geht um eine philosophisch produktive Rekonstruktion bestimmter buddhistischer Unterstellungen, die auch gesprächsfähig für andere philosophische Positionen sind.
Die „buddhistische Wirtschaftsethik“ umfasst gut 160 Seiten Text, sodass wir in jedem Beitrag jeweils etwa 40 Seiten besprechen, der fünfte Beitrag wird eine kritische Würdigung enthalten, inwiefern eine alltagsphilosophische Position von Brodbeck etwas lernen kann.

Der buddhistische philosophische Ansatz und buddhistische Ethik

Brodbeck versteht den buddhistischen Ansatz als praktische Philosophie. Dabei steht im Vordergrund, dass Brodbeck wohl mit Recht formuliert, der Buddhismus sei schon bei Buddha selbst praktizierte Erkenntnis. Dadurch, dass man erkennt, in der Wirklichkeit sei alles Leiden bzw. Erleiden, wird also das Element der Rezeptivität oder Passivität betont. In dieser Betonung des Wirklichkeitsaspektes der Rezeptivität liegt sicher eine Eigentümlichkeit des Buddhismus begründet.

Warum gibt sich Buddha nicht damit zufrieden, dass es stets auch Spontaneität gibt oder geben kann, wenn es Rezeptivität gibt – also ein Ausgleich oder ein Überwiegen eines der beiden Wirklichkeitselemente vorliegt?

„Der Grund ist eine Täuschung. Sie beruht auf einem Mangel an Wissen und führt zu einer falschen Wahrnehmung der Welt. Die Menschen existieren nicht zuerst als Menschen und unterliegen dann, wie nebenbei, auch noch so etwas wie einer Täuschung. Vielmehr ist dies, ein Lebewesen zu sein, selbst ein Prozess der Täuschung. Das klingt dunkel, und es ist auch sehr schwer, die volle Tragweite dieser Täuschung zu sehen – und deshalb gibt es nicht besonders viele Buddhas unter den Menschen. Dennoch ist der Grundgedanke relativ einfach verstehbar. Ein Mensch zu sein heißt, in einem grundlegenden Nichtwissen… gefangen zu sein. Weil dieses Nichtwissen jedoch beim Menschen den Charakter eines Irrtums besitzt, deshalb kann man ihn auch beseitigen.“ (23)

Die Menschen täuschen sich darüber, dass sie bestimmten Aspekten der Wirklichkeit einen dauernden Bestand zuschreiben, worauf dann beispielsweise beständiges Glück aufbauen könnte. Doch nichts in der Wirklichkeit ist derart unabhängig, sondern alles ist mit allem verbunden und wechselseitig voneinander abhängig. Daraus folgt: Nichts hat einen derartigen unabhängigen Bestand, dass man sich darauf verlassen könnte, alles ist relativ und dem Werden unterworfen, die Wirklichkeit ist ein Prozess.
Man könnte nur nachvollziehbar glücklich sein, wenn diese grundlegende Prozessualität und Relationalität der Wirklichkeit nicht bestünde – aber so verhält es sich nicht. Daher bekämpft der Buddhismus vor allem unhaltbare Selbstfestlegungen wie die Scheinidee, der einzelne Mensch habe ein „Ich“ oder sei ein „Ego“, die sich neuerdings auch empirisch-wissenschaftlich in der philosophisch ganz irreführenden Gehirnforschung erneut manifestiert. Jetzt ist das philosophisch ohnehin unhaltbare „Ich“ ins Gehirn gerutscht… Das „Ich“ oder „Ego“ jedenfalls dient dann in bestimmten Auffassungen der Wirtschaft als entscheidende Instanz, um bestimmte weitergehende Auffassungen, wie Wirtschaft verlaufen muss, zu rechtfertigen. Natürlich wird das auch evolutionsbiologisch durch Thesen wie diejenige von Dawkins über das angebliche selfish gene gestützt, welche die allgemeine Theorie des Selbsterhaltungstriebs weiter fortführt:

„Der Widerspruch zwischen dem Bestreben, sich zu erhalten, und einer sich wandelnden Umwelt ist der Grund für den Prozess der Evolution des Lebendigen.“ (24)

Das ist eine interessante These, der Selbsterhaltungstrieb ist als conatus spätestens seit Spinozas Ethik zugestanden. Spinoza googlebildGekoppelt ist er hier mit der seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts schwer abweisbar gewordenen These, dass sich zumindest Leben nur in Auseinandersetzung mit und Anpassung an seine Umwelt erhält. Brodbecks Fassung des Problems ist natürlich schon systemtheorisch-wirtschaftstheoretisch etwa durch das St. Galler-Management-Modell festgestellt:

„Die hohe Umweltdynamik, an deren Erzeugung menschliche Neugierde und Kreativität im Allgemeinen und innovative Unternehmungen im Besonderen maßgeblich beteiligt sind, bringt für jede Unternehmung das Erfordernis einer kontinuierlichen Weiterentwicklung mit sich.“
Johannes Rüegg-Sturm, Das neue St. Galler Management-Modell, 2003, 23.

Brodbecks buddhistisch inspirierter Analyseperspektive zufolge ist das St. Galler-Modell vielleicht richtig, aber nicht empirisch verbreitet. Denn die Menschen sind an der Bestätigung ihrer Illusionen, Gewohnheiten in der sinnlichen Wahrnehmung, ihren Emotionen und Stimmungen, aktiven Festlegungen, wie eine Situation in ihren verschiedenen Aspekten wahrzunehmen bzw. zu interpretieren ist, durch gewohnte Bewegungsmuster und durch angewöhnte Denkprozesse orientiert, weshalb die „Weiterentwicklung“ angesichts der sich verändernden Umwelt in der Gesellschaft und bei den Individuen eher selten vorkommt, es gibt ja wenige Buddhas.
Aus dem Ensemble der etwa in der Rhetorik des Aristoteles im zweiten Buch breit analysierten Palette von Leidenschaften wählt die buddhistische Auffassungen nun zwei als Sicherung der illusionären Ich-Zentrierung aus. Bin ich ein Ich, das vielleicht auch sich nicht ganz seiner selbst sicher sein kann, dann bilden sich bei mir vorwiegend zwei Leidenschaften aus:

  • die Begierde, in der ich meinerseits vieles an mich ziehen kann, mein Geld, meine Tasse, mein Bauch, my castle is my home – vice versa usf.;
  • die Aggression, in der ich Einschränkungen meines als bedroht anzusehenden Ich-Bereiches heftig verteidige.

Demgegenüber steht nun als buddhistische Erkenntnis, dass diese grundlegende Zentrierung leer ist, auch unsere Selbstwahrnehmung und Selbstfestlegung ist ein dynamischer Prozess, der sich ständig verändert bzw. verändert wird – also nichts, was sich unverändert erhält und insofern Bestand hätte. Hat man dies einmal eingesehen – was nach Brodbeck selten ist, es gibt ja nur wenige Buddhas – dann ist man offen für die ethische Neuorientierung aus buddhistischer Perspektive, dem universal ausgelegten Mitgefühl mit allem Seienden, also nicht nur mit den Menschen.
Buddha googlebild
Diese Einsicht und die Wende zum Mitgefühl ist aber ein längerer Prozess, der geübt werden muss, es ist der Weg der Achtsamkeit auf dem von Buddha stammenden Edlen Achtfachen Pfad. Dieser ist der meditativ-praktische Pfad achtsamer Lebensführung. Er umfasst drei Stufen, die sich in acht Unterabschnitte einteilen und methodisch unterscheiden lassen:

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Grafik 1: Brodbeck, 37
Prajna steht für den Erkenntnisprozess, wird er achtsam (rechte Erkenntnis, rechte Gesinnung) ausgeübt, ergibt sich Sila als Moral im Sinne rechter Rede, rechten Tuns und rechten Lebensunterhaltes. Dies könnte freilich nur zum Festhalten an einer bestimmten Sittlichkeit, Wohlanständigkeit usf. führen. Daher setzt anschließend das Dhyana ein als Praxis zur „Erlösung vom Irrtum“ (36) in rechter Anstrengung, rechter Achtsamkeit und rechter Sammlung, womit Konzentration gemeint ist. Ursprünglich handelt es sich bei diesem Modell um eine mönchische bzw. nonnenmäßige Praxis, die radikal vom Geschehen der gewöhnlichen Gesellschaft unterschieden ist. Brodbeck bevorzugt freilich diejenigen Weiterentwicklungen im Buddhismus, die sich etwa im tibetischen Buddhismus als einer Variante des Vajrayana-Buddhismus oder im Zen-Buddhismus zeigen, in welchen diese Praxis durchaus auch sozusagen alltäglich von gewöhnlichen Menschen durchgeführt wird, um sich zu befreien. Diesen Zusammenhang hellt Brodbeck wenig auf, er orientiert sich beispielsweise an den auch in Deutschland relativ bekannten Äußerungen des Dalai Lama. Dalai Lama googlebild
Brodbeck rennt mit bestimmten besonders betonten Unterstellungen bei vielen denkenden Menschen offene Türen ein, wenn er gegen immer noch bei Wirtschaftswissenschaftler/innen anzutreffende positivistische Unterscheidungen von Bewertung bzw. Wert und Tatsache nun auch noch buddhistische Denkweisen anführt. Aber es ist schon lange klar, dass es logisch-semiotisch keine „Wertfreiheit“ gibt. Entscheidend ist in Brodbecks Ansatz über diese innerwirtschaftswissenschaftliche Unvernunftdebatte hinaus, dass er damit

  • einen Durchbruch der Ethik in die Wirtschaftswissenschaften erreichen will, wie es ja noch bei Adam Smith prinzipiell der Fall war, der seine Wirtschaftswissenschaft unter Moraltheorie darstellte;
  • für den einzelnen Menschen die Möglichkeit erreichen will, Zwangsfiguren seiner eigenen Selbstfestlegungen zu durchschauen;
  • an sich philosophisch witzige Figuren wie die Vergegenständlichung „des Marktes“ als agierender Entität als falsche Gewohnheit des Denkens durchschauen möchte.

Im Fokus dieser Kritik stehen vor allem neoliberale Positionen, die auch in ihrer stärksten Variante wie derjenigen von Hayeks seitens Brodbeck als illusionär eingeschätzt werden. Dabei teilt er mit von Hayek freilich dessen richtige Einschätzung, dass man nichts, also auch nicht „den Markt“, sozusagen von oben oder von außen überschauen kann. Das würde im Übrigen auch Keynes nicht bestreiten, allerdings Steuerungsmöglichkeit durch Notenbanken und nachfragestimulierende staatliche Programme durchaus betonen, auch wenn dadurch keine sichere Steuerungsmethode für wirtschaftliche Prozesse gefunden werden kann.
Auch Brodbecks buddhistische Position ist mit der Implementierung achtsamen Verhaltens und Mitgefühl in die wirtschaftlichen Prozesse dem pragmatischen muddling through nicht enthoben. Ihm zufolge setzt aber die Befolgung achtsamer Praxis und das Mitgefühl jene Kreativität frei, die sittlich haltbar ist. “Sittlich haltbar” heißt im buddhistischen Sinn Brodbecks, dass sie nicht wieder zum Aufbau des scheinbaren Egos oder des sogenannten “Ichs” führt, in dem Sinne, wenn ich mich so verhalte, bin ich ein sittlich guter Mensch. Das ist eigentlich kaum zu vermeiden, weshalb ich den religiös-philosophischen Punkt von Brodbeck als eher paradox-mystisch einschätze. Über die buddistische Position und Praxis wird das Paradox hoher Sittlichkeit bearbeitet. Diese kann zu Überlegenheitsgefühlen über andere, Selbstüberschätzung, falscher Demut usf. führen. Achtsamkeit und Konzentration wirken diesem Prozess entgegen.

Damit rückt eine Persönlichkeitsstruktur in das wirtschaftliche Geschehen ein, die nicht unbedingt mit dem homo oeconomicus der Wirtschaftswissenschaften oder jedenfalls vieler Wirtschaftswissenschaftler/innen äquivalent ist. Vor allem ist eine solche Persönlichkeitsstruktur von Mitgefühl für alle Wesen erfüllt, weshalb hier die ökologische Frage nicht irgendwie eine bloße Frage der Umwelt des Wirtschaftssystems ist, die leider nicht über Preise repräsentiert ist, weil nur diese ja die Sprache des Wirtschaftssystems darstellen. Gegen bloße konstruktivistische Positionen ist Brodbecks Position also realistisch. Werden viele derartige Persönlichkeitsstrukturen im Wirtschaftssystem agieren, muss es sich verändern, nicht revolutionär, sondern mit Geduld und achtsamem langem Atem. Revolutionen – wie Brodbeck mit Recht hervorhebt – sind zwingend hasserfüllt und gewaltsam. Es spricht daher sehr viel für pazifistische, friedliche und evolutionäre Veränderungen.