31. März 2010
Auf freundlichen Hinweis von Herrn Dethlefsen weise ich auf folgende Sendung hin: http://www.swr.de/swr2/service/audio-on-demand/-/id=661264/did=6193514/pv=mplayer/vv=popup/nid=661264/138kt87/index.html . Es geht um die Sendung “Wie unfrei macht uns der freie Markt?” um 17.05 bis 17.50. Sie können sich über den Link die Sendung anhören.
7. März 2010
Der Kurs behandelt die in der Literatur und der Öffentlichkeit sehr umstrittene Frage, ob
- wirtschaftliches Handeln moralisch sensibel vorgehen muss –
- oder einfach nur vollzogen werden muss.
Dass diese Alternative überhaupt so diskutiert wird, setzt voraus, dass
(1) es wählbare Möglichkeiten gibt, die unterschiedlich bewertet werden können – bzw.
(2) dass Letzteres nicht der Fall ist, mithin menschliches Handeln im wirtschaftlichen Bereich vollständig determiniert ist.
Wir haben im letzten Kurs zur Genproblematik kennengelernt, dass die darwinistisch argumentierende Biologie stark von bestimmten wirtschaftstheoretischen Annahmen des Typs (2) geleitet ist. Tatsächlich aber gibt es gute Gründe dafür, dass biotische Prozesse auch im Bereich der Molekularbiologie nicht gut auf diese Weise verstanden werden können, so Bauer und Hoffmeyer. Sollten für biotische Prozesse Zeichenprozesse grundlegend sein, wie insbesondere Hoffmeyer darlegt, dann ist das Moment der Interpretation nicht ausschließbar, mithin auch das Moment des Nichtverstehens bzw. des Andersverstehens.
Im Hintergrund dieses Problems steht, dass in vielen Schulen und Universitäten leider der Unterricht nicht hinreichend mögliche Alternativen deutlich macht. Die komplexen Wirklichkeitsmodelle beispielsweise der deutschen Frühromantik, Johann Wolfgang von Goethes und des Amerikanischen Transzendentalismus, auch des amerikanischen Pragmatismus werden faktisch ausgeklammert. Dass die Wirtschaftswissenschaften in vielen Bereichen mit dem Wirtschaftsgeschehen nicht übereinstimmen, dürfte den meisten Menschen mit der „Finanzkrise“ deutlich geworden sein – allerdings haben die Prophet/inn/en der Weltsicht, welche die Finanzkrise hervorgebracht hat, weder ihre Lehrstühle noch die Institutsleitungen abgeben müssen, sodass wir sowohl im Wissenschaftssystem als auch in den Massenmedien nach einem Schockmoment wieder mit den gleichen fehlerhaften Ansichten konfrontiert werden, es gibt nur wenige Außenseiter wie Brodbeck 2009, welche die Rolle des Kindes einnehmen, das sagt, der Kaiser sei nackt. Doch die meisten Wissenschaftler/innen und auch die allermeisten Bürger/innen können bzw. wollen dies nicht sehen. Es war die „Gier“ einiger Banker/innen, welche mit „großer Lippe“ (Angela Merkel) das an sich wunderbar funktionierende System fast zum Einsturz gebracht habe und den Staat erpresse.
Wir sollten im Kurs zu verstehen versuchen, wie schwierig es ist, die Position (1) von wählbaren Alternativen zu vertreten. Die Position (2) scheint in der Arbeitsgesellschaft faktisch unhintergehbar, die Marxist/inn/en sind nicht weniger deterministisch als die Neoliberalen, aber auch als die Altliberalen, deren Wirtschaftstheorie Marx im Wesentlichen als zutreffend ansah. Die Weichen sind jedoch schon im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts gestellt worden, insofern zutreffend erkannt wurde, dass die liberalen und marxistischen Annahmen unterkomplex waren, weil sie ihre Rechnungen ohne die Umwelt des Wirtschaftssystems gemacht hatten. Dies wurde von Marxist/inn/en und Liberalen – und wird auch heute noch – tapfer übertönt, ist aber ähnlich überzeugend und von Tiefsinn geprägt wie die These von der „Gier“ der Banker/innen. Sofern aber wirtschaftliches Handeln die Möglichkeiten enthält, die eigene Lebensgrundlage und die anderer natürlicher Gattungen zu zerstören, ist die moralische oder sittliche Frage unabweisbar. Die marxistischen und liberalen Vertreter von Position (2) versuchen die Frage nach der Einseitigkeit „wirtschaftlicher“ Rationalität bzw. von deren Gestaltbarkeit möglichst wenig zu thematisieren. Stattdessen kommunizieren sie offensiv möglichst „objektive Faktoren“ sozialer und/oder genetischer Art, warum es nicht anders geht, es also keine Alternativen gibt. Doch es gibt sie, sagt das Bundesverfassungsgericht, weil im Grundgesetz eine andere Weltsicht vertreten wird, die sogar juristisch relevant ist.
Definitionen
- Der Ausdruck „Ethik“ bezieht sich auf die philosophische Reflexion unterschiedlicher sittlicher bzw. moralischer Handlungsweise bzw. deren Regeln.
- Die Ausdrücke „Moral“ bzw. „Sitte“ beziehen sich auf konkrete Handlungsweisen bzw. deren Regeln.
14. Februar 2010
Themen von Wirtschaft und Ethik, VHS Neckargemünd
(1) Kennenlernen, Plan, vier grundlegende Texte (Charles Peirce, Alfred Russel Wallace, Karl Homann, Peter Ulrich) – 15.03.2010
(2) Adam Smith und Friedrich von Hayek – 29.03.2010
(3) Karl Marx – 12.04.2010
(4) Nikolai Kondratjew – 19.04.2010
(5) John Maynard Keynes – 26.04.2010
(6) Kritikpunkt: Alfred Russel Wallace und Hans-Christoph Binswanger – 03.05.2010
(7) Karl Homann – 10.05.2010
(8) Die St. Galler Schule, Ulrich, Ruegg-Sturm I – 17.05.2010
(9) Die St. Galler Schule, Ulrich, Ruegg-Sturm II – 31.05.2010
(10) Abschluss – 07.06.2010
Die Texte, die ich verfasse, stehen Ihnen stets eine Woche vor jeder Sitzung hier im Blog zur Verfügung. Empfehlenswert zur begleitenden und vertiefenden Lektüre sind Peter Ulrich, Integrative Wirtschaftsethik, 2000 und mehrere neue Auflagen; Karl-Heinz Brodbeck, Die Herrschaft des Geldes, 2009.
In jeder Sitzung bitte ich Sie in den letzten fünf Minuten, die Sitzung mittels eines Fragebogens zu bewerten.

- Grafik 1: Ruegg-Stürm 2003, 22 Abb. 2
Wegen beruflicher Belastungen müssen die angekündigten philosophischen Vorträge im März 2010 entfallen.
Neue Termine:
08. Mai 2010 – Grundzüge von Thomas Fuchs, Ort: Sandgasse 13, 69207 Sandhausen, 14.30 bis 19 Uhr, einschließlich kleinem geselligen Beisammensein. Kosten: 15 € pro Person.
12. Juni 2010 – Grundzüge von Jesper Hoffmeyers biosemiotischen Ansatz, alles andere wie am 08. Mai 2010
4. Dezember 2009
Die Sitzung befasste sich zum großen Teil mit Problemen der letzten Sitzung, weil jetzt klarer geworden war, dass es mehrere mögliche Betrachtungsweisen biotischer Prozesse gibt. Schon Bauer, stärker aber Hoffmeyer unterstellen, dass der einzelne Prozess nur im Kontext der gesamten Prozesse im Organismus verstanden werden kann, weshalb Hoffmeyer eine semiotische Vernetzung der einzelnen Prozesse unterstellt.
Dabei stößt man auf Unendlichkeitsprobleme und Unschärfen, es wird deutlicher, dass auch wissenschaftliche Erkenntnis stets nur vorläufigen Wert hat – mithin also in Zukunft verbessert, widerlegt und gegebenenfalls nur leicht modifiziert bestätigt wird. Demgegenüber suggerieren Vertreter wie Dawkins, dass wissenschaftliche Erkenntnis einen wesentlichen Schlüssel finden müsse, mit dem man das gesamte Schloss aufschließen könne, ihm zu Folge geht dies mit der Metapher des „egoistischen Gens“. Sollten die neueren Forschungen im Recht sein, ist diese metaphorische Drapierung des Organismus hinfällig. Wenn das Genom den Prozess der Ontogenese nicht determinieren kann, hängt die ganze Konstruktion des „egoistischen Gens“ in der Luft.
Aber falls es unvermeidlich Unendlichkeitsprobleme und Unschärfen gibt, warum soll man dann überhaupt das Phänomen des Ganzen thematisieren – und sich nicht auf die Erkenntnis von Einzelsachverhalten beschränken? Weil das Einzelne nur im Gesamtzusammenhang angemessen erkannt werden kann. Jede Erkenntnis ist dann aber zumindest mit einem hypothetisch-abduktiven Rest verbunden, sodass gerade die Handlungen, die auf einer solchen Erkenntnis beruhen, stets revidierbar sein müssen. Das gilt nicht nur für den Bereich der Medizin, sondern auch für die Bereiche der Politik und der Wirtschaft. U. a. aus diesem Grund ist die Demokratie prinzipiell anderen Staatsformen überlegen, wird aber stets zu unterminieren versucht.
Dadurch wird nicht auf einmal alles besser, wohl aber ist seit dem 16. Jahrhundert doch einiges besser geworden. Die Demokratie erzwingt nicht sittliches oder vernünftiges Handeln, wohl aber ist sie in der Lage durch Rechtssetzung sanktionsbewehrte Erwartungssicherheit in bestimmten Bereichen herzustellen. Daher wurde seit einigen Jahren an bestimmten Aspekten des Grundgesetzes gearbeitet, um diese zu verändern – zumeist hat das Bundesverfassungsgericht derartige Gesetze als zumindest teilweise verfassungswidrig erklärt. Die moderne Demokratie funktioniert also nicht ohne dasjenige Recht, welches seit der europäischen und nordamerikanischen Aufklärung Gestalt annimmt. Gerade die Finanzkrise hat musterhaft gezeigt, dass das Grundgesetz mit den Artikeln 14 und 15 auch schwierigen Situationen gewachsen ist.
Wer also hohe sittliche Ansprüche hat, muss sich in der Demokratie selbst dafür einsetzen, dass diese auch wirksam werden.
Das Problem der prädiktiven Medizin besteht bei multifaktoriellen Krankheiten wie Diabetes mellitus in der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Sollte ein Mensch zwei Eltern mit dieser Krankheit besitzen, beträgt die statistische Wahrscheinlichkeit 50 %, dass er diese auch bekommt. Und sie beträgt 50 %, dass er sie nicht bekommt. Was tun? Hier verbindet sich das konkrete Problem mit dem zuvor erörterten Problem. Wie geht man eigentlich mit höchst unscharfen Einsichten um? Da Wahrscheinlichkeiten nichts über den tatsächlichen Verlauf beim einzelnen Menschen aussagen, ist hier höchste Zurückhaltung geboten – so wie es auch der Bundestag beschlossen hat.
27. Oktober 2009
Im Vordergrund der Sitzung standen Verständnisprobleme und das Konzept von Charles Darwin. Wieso haben wir Maturana und Dawkins besprochen? Ging es nicht um das Verhältnis von „systemisch“ vs. „nicht-systemisch“? Der Systembegriff wird seit der Antike verwendet. In der neueren Zeit prägt der Systembegriff weithin philosophische und wissenschaftliche Begrifflichkeiten. Systeme bilden stets Elemente und Relationen (Beziehungen) aus. Die durch die Relationen bestimmte Gestalt des Systems wird als Struktur bezeichnet. Eine solche Struktur kann als mechanistisch begriffen werden, dann sind die Systeme Maschinen – wie bei Dawkins im Gefolge einer bedeutenden Tradition seit Descartes. Hier gelten sehr starke induktive oder deduktive Regeln, welche die Stabilität des Systems erzeugen – bei Dawkins erschaffen beispielsweise die Gene solche „Maschinen“. Seit der deutschen Frühromantik und dem Amerikanischen Transzendentalismus wird dieser Mechanismus deutlich kritisiert. Hier tendieren die Systeme dazu, autopoietisch zu werden, d. h., sie sind so angelegt, dass sie sich in jedem Vollzug von Elementen und Relationen im Kontext ihrer Umwelt auf sich selbst beziehen und sich selbst erzeugen. Das gilt für biotische, psychische und soziale Systeme. So auch Maturana. Dadurch werden die Betrachtungsweisen ungleich komplexer. Die System-Umwelt-Differenz ist dann nicht nach der einen oder anderen Seite ganz eindeutig und leicht festzulegen. Solche autopoietischen Systeme gelten als selbstreferenziell-geschlossen. D. h., ihr Selbstbezug bestimmt, wie Energie und Information im System selbst interpretiert bzw. bewertet sowie gestaltet werden. Als bekanntes Beispiel geht Thomas Fuchs 2008, 111, auf das Eisen ein:
„Lebewesen lassen sich zunächst als komplexe Körper oder Systeme auffassen, die sich bei fortwährendem Wechsel ihres Stoffes in ihrer Form und Struktur durch die Zeit hindurch erhalten. Dabei ist diese Erhaltung als aktive Selbstorganisation oder Autopoiese (Maturana u. Varela 1987) zu begreifen, denn die Form des Organismus lässt den Stoff nicht einfach durch sich hindurchströmen wie die Form eines Strudels das Flusswasser, sondern sie unterwirft ihn ihrem eigenen Prinzip und Zweck, bindet ihn ein und verwandelt ihn. Dabei gewinnt der Stoff neue, ‚emergente‘ Eigenschaften, die ihm nur im systemischen Zusammenhang des Organismus zukommen. So verhält sich das im Hämoglobin gebundene Eisen grundlegend anders als mineralisch vorkommendes Eisen: Es oxidiert nicht irreversibel, sondern es ist in der Lage, Sauerstoff reversibel zu binden, was eine entscheidende Voraussetzung des tierischen Energiehaushalts darstellt.“
Die Pointe liegt hier darauf, dass die „inneren“ chemischen Eigenschaften des Eisens im Hämoglobin andere sind als diejenigen des mineralischen Eisens in der Umwelt. Wie schon früher diskutiert, gilt das dann auch für sogenannte Ursache-Wirkungsbeziehungen, die nicht einfach von „außen“ nach „innen“ ununterbrochen verlaufen, sondern durch den selbstreferenziellen Interpretationsprozess des Systems entsprechend modifiziert werden. Bei einer schlichten und ganz einförmigen Gestalt der Wirklichkeit sollte so etwas nicht auftreten. Hier sollte man erwarten dürfen, dass Eisen überall die gleichen chemischen Eigenschaften hat. Aber die Wirklichkeit ist komplex und vielgestaltig. Darauf reagieren u. a. autopoetische Systemtheorien.
Nach meiner Wahrnehmung zeigte sich nochmals deutlich, dass viele Teilnehmer/innen es schwer akzeptieren können, dass Wissenschaftler/innen keineswegs ohne Bilder oder Modelle arbeiten, die nicht schlicht den beobachteten Sachverhalten entnommen sind – sondern diese Sachverhalte auf die eine oder andere Weise interpretieren, Dawkins mit dem mächtigen Bild der Maschine. In diesem Sinn gibt es keine „vorurteilsfreie Wissenschaft“. Wie u. a. im Gefolge des Pragmatismus gezeigt wurde, ist nicht nur die Erläuterung wissenschaftlicher Ergebnisse für sogenannte „Laien“ an Alltagssprache und deren Bilder gebunden. Dies gilt selbstverständlich auch für die Ausbildung wissenschaftlicher Hypothesen und Theorien.
Darwins Evolutionstheorie unterstellt einen Dreischritt:
- Die grundlegende Veränderung wird durch eine Zufallsvariation bei der Vererbung erklärt.
- Über eine lange Zeitdauer muss sich eine derartige Veränderung bewähren.
- Über den schließlichen evolutionären Erfolg entscheidet die natürliche Selektion im Existenzkampf (struggle for existence) unter Umweltbedingungen.
Wie schon im 19. Jahrhundert sehr kritisch diskutiert wurde, entstammt die Idee und das Leit-Bild für den dritten Aspekt aus der Ökonomie. Also auch hier nicht einfach eine vorurteilsfreie Betrachtung der vorhandenen Abweichungen, sondern die Konstruktion großer naturgeschichtlicher Zusammenhänge vor dem Hintergrund eines aus der Ökonomie entnommenen Bildes. Wie Malthus’ Überbevölkerungstheorie ist Darwins Punkt 3 daher auf jeden Fall eine mechanistische Theorie. Punkt 1 ist allerdings sehr viel komplexer zu sehen, hier wird der Mechanismus vielleicht durchbrochen. Pech für Darwin: Malthus’ Theorie ist zweifellos falsch, was schon zu Lebzeiten Darwins immerhin behauptet wurde (etwa: Ricardo).
10. Oktober 2009
Die Gendebatte gäbe es nicht, wenn es keine Wissenschaften gäbe. Nun betrifft diese Debatte aber mindestens zwei philosophische Grundfragen, jedenfalls wenn Philosophie sich als Liebe zur Weisheit versteht, worin ja der griechische Wortsinn von Philosophie (φιλοσοφία [philosophia]) besteht. Die Liebe zur Weisheit fragt in diesem Kontext mindestens:
- Was ist der Mensch? – Spezifischer: Wer bin ich selbst? Wer sind wir selbst?
- Wie ist alles zu verstehen?
- Wie wollen wir leben?
Dawkins gibt uns darauf die Antwort: Wir sind aufgrund unserer Gene „Chicagoer Gangster“, die sich aber vielleicht altruistisch belehren lassen, dass sie ihre egoistischen Ziele nur mit dieser altruistischen Maskierung erreichen können. Das sind ziemlich deutliche Antworten auf die Fragen: „Was ist der Mensch?“ und „Wie wollen wir leben?“
Maturana sieht das ganz anders. Aber auch seine Antworten sind von den Fragen: „Was ist der Mensch?“ und „Wie wollen wir leben?“ bestimmt. Das biotische Sein des Menschen vor dem Hintergrund des grundlegenden Genmaterials ist durch Liebe bestimmt. Dagegen kann man sich wehren, insbesondere die sprachliche Anfertigung von Beschreibungen kann uns dazu bringen, andere auszugrenzen und die anderen Menschen nicht allesamt als gleichwertig anzusehen.
Wie die folgende Abbildung 3 zu zeigen versucht, gibt es sehr viele verschiedene Möglichkeiten Philosophie zu betreiben, sich auf verschiedene Wissenschaftstypen zu beziehen, auch auf den Alltag. (weiterlesen…)
3. Oktober 2009
Empfehle folgenden Aufruf zu unterschreiben, der von Politiker/inne/n, Gewerkschaftler/inne/n und Wissenschaftler/inne/n unterstützt wird. Hoffnungsvoll stimmt, dass hier politische, wissenschaftliche und religiöse Initiativen zusammenarbeiten, um eine an den Grenzen unserer Verfassung angesiedelte Praxis der Behörden zu beenden. Gefordert wird zunächst nur die z. T. moralisch anstößige Anwendung des § 31 des Sozialgesetzbuches II auszusetzen.
Am 05.10. beginnt in Neckargemünd im Prinz-Karl-Gebäude um 19.30 Uhr der neue philosophische Kurs in der VHs.
Den Text zur ersten Sitzung finden Sie hier.

Martin Pöttner •

08:49 •
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29. August 2009
Die Bundeskanzlerin legt Wert darauf, dass Josef Ackermann über das Zustandekommen jenes Essens nicht zutreffend im ZDF berichtet habe. Auch ihre Antwort, die Heinrichmartin Kreye mir zugesandt hat, unterstellt diese Version. Der Artikel in der SZ von Nico Fried untersucht dies mit dem üblichen Personality-Tiefsinn, auf den weite Teile der Mainstreammedien seit gut zehn Jahren herabgesunken sind. Die Bundeskanzlerin selbst ist freilich zu klug, um die faktische Katastrophe jenes von ihr im “Kontext” des sechzigsten Geburtstags von Josef Ackermann ausgerichteten Abendessens mit Menschen aus Bildung, Kultur, Entertainment, Wirtschaft und Politik nicht zu übersehen. Daher betont sie, dass es auf “Distanz” der Funktionseliten von Politik und Wirtschaft ankomme.
Jenes Essen hat aber offensichtlich eine ganz andere Bedeutung. Anders als im Wahlkampf gegenwärtig betont, war Frau Dr. Merkel eine unerbittliche Anhängerin der neoliberalen Ideologie, weshalb sie Ackermann früher auch wegen seiner Rolle in der Mannesmann-Affäre verteidigt hat. Ackermann wurde bekanntlich nicht verurteilt. Das Wahlprogramm 2005 legt den Siegeszug der neoliberalen Ideologie offen, der sich in der Union ereignet hatte. An der Spitze dieser Bewegung stand Angela Merkel.
In der Tat hat sich Merkels Überzeugung offenbar geändert – und dies ist durchaus respektabel. Aber die stets weiter verteidigte 25-%-auf- das-Eigenkapital-Rendite Ackermanns ist eine der Hauptursachen der Finanzkrise, jedenfalls die Mentalität, welche hinter dieser Rendite-Erwartung steht. Ackermanns Lehrer Hans Christoph Binswanger urteilt in jenem denkwürdigen FAZ-Interview folgendermaßen:
Goethe hat die Papiergeldschöpfung in die Nähe der Alchemie, der Magie gerückt, die es vermag, natürliche Abläufe wundersam zu beschleunigen. Herr Ackermann, Sie haben der Deutschen Bank das Ziel vorgegeben, über einen Konjunkturzyklus hinweg im Schnitt jährlich eine Eigenkapitalrendite von 25 Prozent zu erreichen. Das läuft auf eine Verdopplung des Eigenkapitals in wenigen Jahren hinaus. Vielen gilt dieses Ziel als der Inbegriff von Maßlosigkeit. Dennoch haben Sie es unlängst bekräftigt.
Ackermann: Zunächst einmal: Wir sprechen hier von einer Vorsteuerrendite, also gar so schnell verdoppelt sich das Eigenkapital nicht. Außerdem hat das mit Maßlosigkeit nichts zu tun. Solche Renditen erwirtschaften die besten Banken der Welt seit vielen Jahren. Wenn eine Bank im Konzert der Besten mitspielen will – und das ist der Anspruch der Deutschen Bank -, muss sie auch vergleichbare Renditen wie die Besten erzielen. Das kommt nicht nur den Aktionären zugute, sondern auch Mitarbeitern, Kunden und der Gesellschaft als Ganzes. Um ein guter Arbeitgeber zu sein, Arbeitsplätze zu schaffen, Steuern zu zahlen oder für gute, soziale Zwecke etwas tun zu können, muss man gute Gewinne erwirtschaften. Im Übrigen: Dank ihrer hohen Ertragskraft in den zurückliegenden Jahren war die Deutsche Bank jetzt in der Lage, die Krise ohne staatliche Unterstützung aus der Tasche der Steuerzahler durchzustehen. Natürlich kann man diskutieren, ob dieses „faustische Streben“ nach immer mehr, immer größer, immer schneller richtig ist. Aber man muss sich dabei auch bewusst sein, dass mit weniger Geldschöpfung und weniger Wachstum wahrscheinlich auch der allgemeine Wohlstand geringer sein wird.
Die Krise hat gezeigt, dass es sich bei der vermeintlichen Wertschöpfung oft nur um heiße Luft gehandelt hat. Die Buchwerte haben sich buchstäblich in Luft aufgelöst. Hohe Eigenkapitalrenditen lassen sich eben nur erzielen, wenn ein Unternehmen mit großem Kredithebel arbeitet. Kreditvergabe führt zu Geldschöpfung, unter Umständen zu Spekulationsblasen – die schließlich platzen.
Ackermann: Deswegen ist es ganz wichtig, Institutionen zu schaffen, die sich mit bedenklichen Entwicklungen rechtzeitig auseinandersetzen und verhindern, dass Spekulationsblasen entstehen. Sie haben insofern recht, als die Banken unter den jetzigen „Spielregeln“ relativ wenig Eigenkapital benötigen. Nach den Basel-II-Vorschriften der Bankaufseher müssen Banken ihr Geschäft nur mit mindestens 4 Prozent Kernkapital unterlegen. Das erleichtert es natürlich, eine hohe Eigenkapitalrendite zu erzielen.
Ist es nicht so: Für eine hohe Rendite muss man hohe Risiken eingehen?
Ackermann: Nein, das sehe ich nicht so. Gerade in Geschäftsfeldern, die wenig riskant sind, etwa in der Vermögensverwaltung oder im Beratungsgeschäft, benötigt man wenig Eigenkapital – bei gleichem Gewinn ist die Rendite auf einem solchen Geschäftsfeld also viel höher als auf Gebieten mit hohen Risiken, für die die Aufsicht eine höhere Eigenkapitalunterlegung vorschreibt. Die Höhe der Eigenkapitalrendite hängt stark vom Geschäftsmodell ab.
Herr Binswanger, halten Sie eine Eigenkapitalrendite von 25 Prozent für ein realistisches Ziel?
Binswanger: Für Einzelne ja. Aber nicht generell. Eine solch hohe Rendite lässt sich auf Dauer nur in einem monopolistischen oder oligopolistischen Markt erzielen. Für alle Unternehmen scheint mir das hingegen nicht möglich, es sei denn, es kommt über Kreditvergabe zu Spekulationsblasen. Doch wenn diese Blasen platzen, kommt es statt zu Gewinnen zu Verlusten.
Ackermann: Natürlich kann nicht jedes einzelne Unternehmen oder können nicht alle Unternehmen im Schnitt solch eine Rendite erzielen!
Die Einladung für Ackermann war also durchaus als Zustimmung der wichtigsten Akteurin der politischen Funktionselite zu derjenigen und eine Hommage an diejenige Person zu verstehen, welche für die falsche Haltung im Finanzsektor verantwortlich ist. Ackermann redet tapfer an Binswangers scharfem Einwand vorbei. Und Angela Merkel distanziert sich gerade nicht glaubwürdig von ihrer früheren falschen Haltung. Diese Haltung hat die schwerste Wirtschaftskrise seit über 70 Jahren verursacht.
31. Mai 2009
Fuchs hat in den letzten Jahren eine Reihe von Beiträgen zur Kritik an der Gehirnforschung bzw. besonders an solchen Vertretern dieser Disziplin veröffentlicht, die wohl nicht zuletzt in den Massenmedien u. a. durch die „Giordano-Bruno-Stiftung”, die ähnlich wie die „Initiative für Neue Soziale Marktwirtschaft” medienbegleitend zu agieren scheint, in einer breiteren Öffentlichkeit prominent sind. Damit soll keine vorschnelle Identifizierung beider Strömungen vorgenommen werden. Es ist aber klar, dass der neoliberale Homo oeconomicus durchaus mit dem Singerschen Menschen verwandt ist, dessen neuronale Verschaltungen ihn festlegen – und der deswegen „nicht anders kann”[1]. Denn beide kennen keine reale Freiheit. Und beide haben Probleme, ein realistisches Verhältnis zum Anderen einzunehmen, beispielsweise die Art. 5, 14 und 15 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland hinreichend und angemessen zu würdigen. (weiterlesen…)

Martin Pöttner •

21:17 •
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