12. November 2010

Uni Zürich, Prof. Dr. Ernst Fehr, Geldgier
Kapitel 5.1, aber auch das gesamte Kapitel 5 unterstellen, dass die Menschen global im Wesentlichen, wenn auch mit Intensitätsunterschieden, durch dieselbe Leidenschaft bestimmt sind, es handelt sich um die Geldgier. Diese wird durch den sozialen Kontakt mit der „Geldrechnung“, mithin mittels einer konkreten Lebenspraxis bestimmt. Es handelt sich also nicht einfach um eine anthropologische Grundkonstante, sondern diese Leidenschaft und ihre hohe Stellung unter allen Leidenschaften wird durch gesellschaftliche Gewöhnung erzeugt. Sie prägt immer stärker unsere Verhältnisse, die Brodbeck als „Ich-Du-Es-Beziehungen“ charakterisiert. (weiterlesen…)
1. November 2010
Die Sitzung diente der kursorischen Kenntnisnahme der Hauptthesen Wittgensteins
zu religiöser Kommunikation. Der Text wurde als etwas disparat wahrgenommen. Das scheint auch mir zutreffend, freilich ist dies der sehr wohl überlegte Stil der Spätphilosophie Wittgensteins. Die Vorlesungen, welche das Buch enthält, scheinen 1938ff gehalten worden zu sein, es handelt sich z. T. um Manuskripte von Nachschriften.
Die Spätphilosophie Wittgensteins unterstellt, dass wissenschaftliche oder auch im engeren Sinn naturwissenschaftliche Rationalität nicht nur nicht die einzige Form von Rationalität innerhalb der modernen Gesellschaft darstellt. Es kann auch andere Formen der Rationalität geben. (weiterlesen…)
31. Oktober 2010
Am 06.11. findet die nächste Sitzung in Sandhausen, Sandgasse 13 statt. Es wird gewünscht, dass nur ein Text mit zwei Zeitstunden besprochen wird.
Dann ist der Text „Quantenmechanik und Kantsche Philosophie“, 62ff, Thema der Sitzung. Ich werde diesen zu Beginn der Sitzung kurz zusammenfassen und am Ende dieses Textes schon einige Hinweise geben.
Die erste Sitzung befasste sich mit der „Geschichte der Quantentheorie“ und der „Kopenhagener Deutung der Quantentheorie“ (3ff; 42ff). Vgl. Sie auch die Links hier. Wie an der Begrifflichkeit sichtbar wird, geht es Heisenberg zufolge stets um eine Erweiterung des bisherigen mechanischen Wissens der Physik. Die „Quantentheorie“ beschreibt bisher unerkannte mechanische Vorgänge in der Natur. (weiterlesen…)
4. Dezember 2009
Die Sitzung befasste sich zum großen Teil mit Problemen der letzten Sitzung, weil jetzt klarer geworden war, dass es mehrere mögliche Betrachtungsweisen biotischer Prozesse gibt. Schon Bauer, stärker aber Hoffmeyer unterstellen, dass der einzelne Prozess nur im Kontext der gesamten Prozesse im Organismus verstanden werden kann, weshalb Hoffmeyer eine semiotische Vernetzung der einzelnen Prozesse unterstellt.
Dabei stößt man auf Unendlichkeitsprobleme und Unschärfen, es wird deutlicher, dass auch wissenschaftliche Erkenntnis stets nur vorläufigen Wert hat – mithin also in Zukunft verbessert, widerlegt und gegebenenfalls nur leicht modifiziert bestätigt wird. Demgegenüber suggerieren Vertreter wie Dawkins, dass wissenschaftliche Erkenntnis einen wesentlichen Schlüssel finden müsse, mit dem man das gesamte Schloss aufschließen könne, ihm zu Folge geht dies mit der Metapher des „egoistischen Gens“. Sollten die neueren Forschungen im Recht sein, ist diese metaphorische Drapierung des Organismus hinfällig. Wenn das Genom den Prozess der Ontogenese nicht determinieren kann, hängt die ganze Konstruktion des „egoistischen Gens“ in der Luft.
Aber falls es unvermeidlich Unendlichkeitsprobleme und Unschärfen gibt, warum soll man dann überhaupt das Phänomen des Ganzen thematisieren – und sich nicht auf die Erkenntnis von Einzelsachverhalten beschränken? Weil das Einzelne nur im Gesamtzusammenhang angemessen erkannt werden kann. Jede Erkenntnis ist dann aber zumindest mit einem hypothetisch-abduktiven Rest verbunden, sodass gerade die Handlungen, die auf einer solchen Erkenntnis beruhen, stets revidierbar sein müssen. Das gilt nicht nur für den Bereich der Medizin, sondern auch für die Bereiche der Politik und der Wirtschaft. U. a. aus diesem Grund ist die Demokratie prinzipiell anderen Staatsformen überlegen, wird aber stets zu unterminieren versucht.
Dadurch wird nicht auf einmal alles besser, wohl aber ist seit dem 16. Jahrhundert doch einiges besser geworden. Die Demokratie erzwingt nicht sittliches oder vernünftiges Handeln, wohl aber ist sie in der Lage durch Rechtssetzung sanktionsbewehrte Erwartungssicherheit in bestimmten Bereichen herzustellen. Daher wurde seit einigen Jahren an bestimmten Aspekten des Grundgesetzes gearbeitet, um diese zu verändern – zumeist hat das Bundesverfassungsgericht derartige Gesetze als zumindest teilweise verfassungswidrig erklärt. Die moderne Demokratie funktioniert also nicht ohne dasjenige Recht, welches seit der europäischen und nordamerikanischen Aufklärung Gestalt annimmt. Gerade die Finanzkrise hat musterhaft gezeigt, dass das Grundgesetz mit den Artikeln 14 und 15 auch schwierigen Situationen gewachsen ist.
Wer also hohe sittliche Ansprüche hat, muss sich in der Demokratie selbst dafür einsetzen, dass diese auch wirksam werden.
Das Problem der prädiktiven Medizin besteht bei multifaktoriellen Krankheiten wie Diabetes mellitus in der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Sollte ein Mensch zwei Eltern mit dieser Krankheit besitzen, beträgt die statistische Wahrscheinlichkeit 50 %, dass er diese auch bekommt. Und sie beträgt 50 %, dass er sie nicht bekommt. Was tun? Hier verbindet sich das konkrete Problem mit dem zuvor erörterten Problem. Wie geht man eigentlich mit höchst unscharfen Einsichten um? Da Wahrscheinlichkeiten nichts über den tatsächlichen Verlauf beim einzelnen Menschen aussagen, ist hier höchste Zurückhaltung geboten – so wie es auch der Bundestag beschlossen hat.
22. November 2009
John Dewey (1859-1953) ist einer der bedeutendsten Pädagogiker der Moderne. In Deutschland bzw. im deutschen Sprachraum würde man seine pädagogische Position als Reformpädagogik bezeichnen. Darunter kann man diejenigen Positionen

John Dewey
verstehen, welche Einsichten der klassischen Pädagogik wie derjenigen Friedrich Schleiermachers (2000a; b) in lebbare Formen umsetzte. Dewey ist m. E. deshalb von besonderer Bedeutung, weil er eine sozial verantwortliche und entschieden demokratische Position vertrat. Es kann nur zur Demokratie kommen und diese kann auch nur bestehen, wenn die Schule selbst für Kinder Demokratie erlebbar und gestaltbar macht. Dewey ist mithin nicht der Überzeugung, dass man in der Schule für das Leben lerne, wie ein verbreiteter Sinnspruch in unserer Weltgegend lautet. Es verhält sich anders: Die Schule ist ein Teil des Lebens und mithin auch des demokratischen und sozial verantwortlichen Lebens.
Ich werde über Weihnachten bzw. den Jahresabschluss hinaus hier Deweys Text My Pedagogic Creed (1897) übersetzen und mit einigen kommentierenden Bemerkungen versehen. Der Regierungserklärung von Angela Merkel zufolge soll ja Deutschland zur “Bildungsrepublik” werden. Hierzu hat Dewey Wesentliches beizutragen. Denn seine Auffassung ist wesentlich grundlegender als diejenigen Überzeugungen, die bestenfalls von der OECD beeinflusst sind, aber schlimmstenfalls Sarrazinsche Formen annehmen können. Von derartigen Auffassungen ist der jedenfalls massenmedial zumeist notierte Bildungsdiskurs bestimmt. So findet sich in früher renommierten Zeitungen wie der “Zeit” bemerkenswert oft eine abfällige Bemerkung über “bildungsferne Schichten” – ein Ausdruck, der zeigt, wie lebensfremd und reflexionsarm nicht selten der Diskurs in Deutschland geführt wird. Hier besteht mithin noch ein beachtliches Potenzial an Nachdenklichkeit, Information, an eigener Übung und Selbsterfahrung, um in der Sache gedanklich und praktisch weiter zu kommen.
Dewey hat seinen Text der fingierten Gattung “Glaubensbekenntnis” folgend in Artikel gegliedert, es sind fünf. Und jede dritte Woche wird hier ein “Glaubensartikel” übersetzt und in der folgenden Woche mit Hinweisen versehen.

Martin Pöttner •

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27. Oktober 2009
Im Vordergrund der Sitzung standen Verständnisprobleme und das Konzept von Charles Darwin. Wieso haben wir Maturana und Dawkins besprochen? Ging es nicht um das Verhältnis von „systemisch“ vs. „nicht-systemisch“? Der Systembegriff wird seit der Antike verwendet. In der neueren Zeit prägt der Systembegriff weithin philosophische und wissenschaftliche Begrifflichkeiten. Systeme bilden stets Elemente und Relationen (Beziehungen) aus. Die durch die Relationen bestimmte Gestalt des Systems wird als Struktur bezeichnet. Eine solche Struktur kann als mechanistisch begriffen werden, dann sind die Systeme Maschinen – wie bei Dawkins im Gefolge einer bedeutenden Tradition seit Descartes. Hier gelten sehr starke induktive oder deduktive Regeln, welche die Stabilität des Systems erzeugen – bei Dawkins erschaffen beispielsweise die Gene solche „Maschinen“. Seit der deutschen Frühromantik und dem Amerikanischen Transzendentalismus wird dieser Mechanismus deutlich kritisiert. Hier tendieren die Systeme dazu, autopoietisch zu werden, d. h., sie sind so angelegt, dass sie sich in jedem Vollzug von Elementen und Relationen im Kontext ihrer Umwelt auf sich selbst beziehen und sich selbst erzeugen. Das gilt für biotische, psychische und soziale Systeme. So auch Maturana. Dadurch werden die Betrachtungsweisen ungleich komplexer. Die System-Umwelt-Differenz ist dann nicht nach der einen oder anderen Seite ganz eindeutig und leicht festzulegen. Solche autopoietischen Systeme gelten als selbstreferenziell-geschlossen. D. h., ihr Selbstbezug bestimmt, wie Energie und Information im System selbst interpretiert bzw. bewertet sowie gestaltet werden. Als bekanntes Beispiel geht Thomas Fuchs 2008, 111, auf das Eisen ein:
„Lebewesen lassen sich zunächst als komplexe Körper oder Systeme auffassen, die sich bei fortwährendem Wechsel ihres Stoffes in ihrer Form und Struktur durch die Zeit hindurch erhalten. Dabei ist diese Erhaltung als aktive Selbstorganisation oder Autopoiese (Maturana u. Varela 1987) zu begreifen, denn die Form des Organismus lässt den Stoff nicht einfach durch sich hindurchströmen wie die Form eines Strudels das Flusswasser, sondern sie unterwirft ihn ihrem eigenen Prinzip und Zweck, bindet ihn ein und verwandelt ihn. Dabei gewinnt der Stoff neue, ‚emergente‘ Eigenschaften, die ihm nur im systemischen Zusammenhang des Organismus zukommen. So verhält sich das im Hämoglobin gebundene Eisen grundlegend anders als mineralisch vorkommendes Eisen: Es oxidiert nicht irreversibel, sondern es ist in der Lage, Sauerstoff reversibel zu binden, was eine entscheidende Voraussetzung des tierischen Energiehaushalts darstellt.“
Die Pointe liegt hier darauf, dass die „inneren“ chemischen Eigenschaften des Eisens im Hämoglobin andere sind als diejenigen des mineralischen Eisens in der Umwelt. Wie schon früher diskutiert, gilt das dann auch für sogenannte Ursache-Wirkungsbeziehungen, die nicht einfach von „außen“ nach „innen“ ununterbrochen verlaufen, sondern durch den selbstreferenziellen Interpretationsprozess des Systems entsprechend modifiziert werden. Bei einer schlichten und ganz einförmigen Gestalt der Wirklichkeit sollte so etwas nicht auftreten. Hier sollte man erwarten dürfen, dass Eisen überall die gleichen chemischen Eigenschaften hat. Aber die Wirklichkeit ist komplex und vielgestaltig. Darauf reagieren u. a. autopoetische Systemtheorien.
Nach meiner Wahrnehmung zeigte sich nochmals deutlich, dass viele Teilnehmer/innen es schwer akzeptieren können, dass Wissenschaftler/innen keineswegs ohne Bilder oder Modelle arbeiten, die nicht schlicht den beobachteten Sachverhalten entnommen sind – sondern diese Sachverhalte auf die eine oder andere Weise interpretieren, Dawkins mit dem mächtigen Bild der Maschine. In diesem Sinn gibt es keine „vorurteilsfreie Wissenschaft“. Wie u. a. im Gefolge des Pragmatismus gezeigt wurde, ist nicht nur die Erläuterung wissenschaftlicher Ergebnisse für sogenannte „Laien“ an Alltagssprache und deren Bilder gebunden. Dies gilt selbstverständlich auch für die Ausbildung wissenschaftlicher Hypothesen und Theorien.
Darwins Evolutionstheorie unterstellt einen Dreischritt:
- Die grundlegende Veränderung wird durch eine Zufallsvariation bei der Vererbung erklärt.
- Über eine lange Zeitdauer muss sich eine derartige Veränderung bewähren.
- Über den schließlichen evolutionären Erfolg entscheidet die natürliche Selektion im Existenzkampf (struggle for existence) unter Umweltbedingungen.
Wie schon im 19. Jahrhundert sehr kritisch diskutiert wurde, entstammt die Idee und das Leit-Bild für den dritten Aspekt aus der Ökonomie. Also auch hier nicht einfach eine vorurteilsfreie Betrachtung der vorhandenen Abweichungen, sondern die Konstruktion großer naturgeschichtlicher Zusammenhänge vor dem Hintergrund eines aus der Ökonomie entnommenen Bildes. Wie Malthus’ Überbevölkerungstheorie ist Darwins Punkt 3 daher auf jeden Fall eine mechanistische Theorie. Punkt 1 ist allerdings sehr viel komplexer zu sehen, hier wird der Mechanismus vielleicht durchbrochen. Pech für Darwin: Malthus’ Theorie ist zweifellos falsch, was schon zu Lebzeiten Darwins immerhin behauptet wurde (etwa: Ricardo).
30. August 2009
Aufgrund von Erfahrungen in Veranstaltungen über den philosophischen Versuch von Thomas Fuchs, zu denen Reaktionen von Leser/innen der bisherigen Beiträge hier im Blog kommen, möchte ich einige grundsätzliche Bemerkungen machen. Für mich selbst sind Fuchs’ leibphänomenologische Erwägungen anregend. Ich selbst bin kein phänomenologischer Philosoph, aber die Zeiten von Schulphilosophien dürften längst vorbei sein. Was Phänomenolog/inn/en und Pragmatist/inn/en verbindet, ist die Einsicht, dass eine philosophische Anschauung nur dann für uns relevant sein kann, wenn sie unser alltägliches Erleben und Handeln aufzunehmen vermag. Die Phänomenolog/inn/en neigen gelegentlich zu sehr weit gespannten Anschauungen, wie der auch von Thomas Fuchs positiv rezipierte Hermann Schmitz:
„Mir genügt nicht die isolierende Durchmusterung des eigenleiblich spürbaren Gegenstandsgebiets; ich bin vielmehr bestrebt, dessen zentrale Bedeutung im Menschsein und in der Lebenserfahrung nach allen Seiten auszuleuchten …
Was ich zu sagen habe, kann nur zur Geltung kommen, wenn zähe, jahrtausendealte Dogmen der klassischen Erkenntnistheorie und Anthropologie mit den zugehörigen Scheinproblemen ausgerottet werden.“[1]
Schmitz zufolge wurde die Bedeutung jenes „eigenleiblichen Spürens“ und dessen Gegenstandsgebiet seit gut 2.400 Jahren durch eine „Intellektualkultur“ verdeckt[2], die sich u. a. in Naturwissenschaft, Psychologie, physischer Technik und Sozialtechnologie niedergeschlagen habe. Wer das etwas anders sieht – und dies ist bei mir der Fall – kann dennoch sehr interessiert die leibphänomenologischen Metaphern zur Kenntnis nehmen und sich von ihnen anregen lassen. Viele Phänomenolog/inn/en sind der Überzeugung, dass ihre philosophischen Überzeugungen in mehr oder weniger scharfen „Begriffen“ ausgedrückt werden. Das ist für Außenbeobachter/innen nicht sehr überzeugend, aber auch für durchaus von der phänomenologischen Philosophie stark beeindruckte „Insider“ nicht[3]. Auch Fuchs’ stark durch Raummetaphern geprägte Sprache erregt in Philosophiekursen gelegentlich Erstaunen und durchaus auch Unverständnis.
„Leiblichkeit ist die grundlegende Weise des menschlichen Erlebens – insofern der Leib nicht als Körperding, sondern als Zentrum räumlichen Existierens aufgefasst wird, von dem gerichtete Felder von Wahrnehmung, Bewegung, Verhalten und Beziehung zur Mitwelt ausgehen. Leiblichkeit in diesem umfassenden Sinn transzendiert den Leib und bezeichnet dann das in ihm verankerte Verhältnis von Person und Welt, bis hin zu ihren sozialen und ökologischen Beziehungen.“[4]
Wer als Physiker/in das Wort „Felder“ jetzt in einem physikalischen Kode rekonstruiert, bekommt möglicherweise beachtliche Rezeptionsprobleme. Dennoch wird man selbst erleben können, dass Schmitz und Fuchs mit solchen Metaphern auf etwas Reales Bezug nehmen, welches wir „leiblich“ spüren können. Für Fuchs sind jedenfalls räumliche Metaphern, um unsere Existenz in der Welt zu beschreiben, grundlegend.

- Abb. 1 Josef Forster, ohne Titel, wohl nach 1916
„Werfen wir zum Schluss noch einmal einen Blick auf das Bild von Josef Forster. Der Mann steht nicht auf seinen Füßen, sein Gesicht ist maskiert; er hat den Kontakt zur Erde und zu anderen verloren. Er geht auf Stelzen, mit denen er ‚Gewicht‘ zu gewinnen versucht, was wir als eine konkretistische Redeweise ansehen und so übersetzen können: Er sucht den empfundenen Verlust von Selbstsein und Selbstwert auszugleichen. Wir können annehmen, dass das Bild einem Kampf ums seelische Überleben in der Verlorenheit einer Anstalt, in der Einsamkeit des psychischen Andersseins abgerungen ist. Und doch schwingt auch ein Moment von Freude und Stolz in diesem Bild mit, wenn es heißt, mit Hilfe seiner Stelzen könne dieser Mann ‚mit großer Geschwindigkeit durch die Luft gehen‘. So mag der schizophrene Künstler bei allem Leiden in seinen eigenweltlichen Bildschöpfungen auch eine Art von Freude gefunden haben, die wir nur von ferne zu erahnen vermögen.“ [5]
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27. Juni 2009
Semesterende, Prüfungen, eine intensive Übersetzung, dazu neue Lektüren, abweichende, überraschende eigene Lebenserfahrungen haben bei mir eine gewisse Nachdenklichkeitsphase eingeleitet. Vor Ende Juli erwarten Sie bitte keine längeren Beiträge von mir – dann werde ich die angekündigten Beiträge zu Fuchs, Brodbeck und Binswanger hier einstellen.
Da der Kurs zur “Alltagsphilosophie” (vgl. die entsprechenden Bildungsmaterialien) eine Reihe von Gegeneinwänden gegen die von mir angedachte Philosophiekonzeption vorgetragen hat, muss ich noch einmal ruhig und gelassen nachdenken. Vielleicht liest auch der eine Leser oder die andere Leserin sich ein – und äußert sich hier dazu oder schreibt mir eine E-Mail: kontakt@alltagundphilosophie.com. Über Kritiken und kritische Anregungen freue ich mich sehr.
In den angekündigten Beiträgen gehe ich explizit oder implizit auf meine Erwägungen und die möglichen bzw. tatsächlichen Gegeneinwände ein.
Im Motto des Blogs ist meine These enthalten: Bei einer besonnenen Betrachtung unseres alltäglichen Erlebens und Handelns, unserer beruflichen Tätigkeit, unserer Glückserfahrungen, unseres Scheiterns, auch der Erfolglosigkeit bei der Verfolgung von Zielen und Wünschen stoßen wir auf die allgemeinen Strukturen unserer Erfahrung und der Wirklichkeit als ganzer, sofern sie von uns erfahren werden kann. Dabei stoßen wir nicht auf etwas, das unveränderlich das Wesen/die Essenz o. Ä. der Wirklichkeit ausmacht, sondern auf Ereignisse, Prozesse, Geschehnisse, zu denen wir mit unseren Ereignissen, Beziehungen, Prozessen, dem kontinuierlichen Strom unseres Bewusstseins usf. gehören. Die Weisheit (σοφία, sofia) schlägt keine abschließenden Lösungen für komplexe Probleme vor – aber sie unterstellt, dass in unseren alltäglichen kritischen Gesprächen ein Potenzial für ihre Lösung liegt, die wir gemeinsam im Handeln zu erreichen versuchen sollten.
31. Mai 2009
Fuchs hat in den letzten Jahren eine Reihe von Beiträgen zur Kritik an der Gehirnforschung bzw. besonders an solchen Vertretern dieser Disziplin veröffentlicht, die wohl nicht zuletzt in den Massenmedien u. a. durch die „Giordano-Bruno-Stiftung”, die ähnlich wie die „Initiative für Neue Soziale Marktwirtschaft” medienbegleitend zu agieren scheint, in einer breiteren Öffentlichkeit prominent sind. Damit soll keine vorschnelle Identifizierung beider Strömungen vorgenommen werden. Es ist aber klar, dass der neoliberale Homo oeconomicus durchaus mit dem Singerschen Menschen verwandt ist, dessen neuronale Verschaltungen ihn festlegen – und der deswegen „nicht anders kann”[1]. Denn beide kennen keine reale Freiheit. Und beide haben Probleme, ein realistisches Verhältnis zum Anderen einzunehmen, beispielsweise die Art. 5, 14 und 15 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland hinreichend und angemessen zu würdigen. (weiterlesen…)

Martin Pöttner •

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26. Mai 2009
“Das Böse”- gibt es das überhaupt? [1] Handelt es sich nicht um eine Fiktion, die wir wissenschaftlich erledigen können, wenn wir wissen, wie es zu bestimmten Handlungen kommt, die wir gewöhnlich als „böse” bezeichnen? Natürlich beobachtet man in den Massenmedien bei Amokläufen wie zuletzt in Winnenden ein Entsetzen, hier ließ sich keine leichte Erklärung finden, sieht man davon ab, dass der Vater des Täters gegen die Waffengesetze verstoßen hat. In Foren konnte man gelegentlich sehr schnelle psychologische Ferndiagnosen lesen. Mann oder Frau versucht, derartige Ereignisse induktiv unter eine schon bekannte Regel zu bringen, das Entsetzen ist dann jedenfalls einigermaßen ordentlich „wissenschaftlich” zu erfassen.
Thomas Fuchs wendet sich dieser Frage anhand eines u. a. auch massenmedial kommunizierten Falles zu:
„An einem Samstagabend im Januar 2007 klingeln der 17-jährige Felix D. und sein gleichaltriger Freund Torben B. an einer Haustür in Tessin, ihrem kleinen mecklenburgischen Heimatdorf. Der Bewohner öffnet, er kennt die beiden seit langem aus der Nachbarschaft, es sind freundliche und höfliche Jungen aus intakten Familien. Doch da ruft Felix ‚Reno!’, das ist das Codewort zum Losschlagen. Die beiden Jungen ziehen ihre mitgebrachten Messer und halten sie dem Mann an die Kehle mit den Worten: ‚Auf die Knie!’ Er wehrt sich und erfasst ein Messer, doch da lassen die Eindringlinge alle Hemmungen fahren und stechen blindlings auf ihn ein. Während er im Todeskampf zu Boden geht, stürmen die 17-Jährigen die Treppe hoch, treffen auf die Ehefrau des Mannes, die sie mit insgesamt 62 Messerstichen töten. Als sie später noch röchelt, sticht Felix sie noch einmal in den Kopf, um sie endgültig zu töten. Der Sohn des Ehepaares entgeht nur knapp dem Blutrausch, weil es ihm gelingt, in Todesangst in seinem Zimmer eingesperrt die Polizei zu benachrichtigen, die das Paar schließlich stellt und zur Aufgabe zwingt. Weder Alkohol, Drogen oder eine psychische Krankheit noch Feindschaft gegenüber den Opfern erklären die Tat; es hätte ebenso beliebige andere im Dorf treffen können.” (172)
- Nach einer kurzen Skizzierung dieses Geschehens stellt Fuchs zunächst allgemein die Frage nach „dem Bösen”, wobei er sich nicht zuletzt an den „mythischen” Erzählungen in 1. Mose (Genesis) 2 bis 4 (Paradiesstory, Kain und Abel) orientiert, hierbei erörtert er auch verschiedene Ansichten, die „das Böse” naturwissenschaftlich (u. a. soziobiologisch, sozialdarwinistisch, evolutionsbiologisch) erklären wollen (S. 173-186 [1]).
- Danach erörtert Fuchs den konkreten Fall (S. 186-190 [2]).
- Abschließend gibt Fuchs einen „Ausblick”, in dem das Verhältnis von „dem Bösen” und der „Freiheit” (S. 190-194 [3]) nochmals präzisiert wird.
Dieser Aufsatz setzt relativ aktuell an und führt diese Aktualität auf psychiatrische und philosophische Grundfragen zurück, die wir hier auch schon im Kontext der Position Fuchs’ besprochen haben. Anhand der kritischen Besprechung dieses Artikels sollen auch Grundstrukturen von Fuchs’ Ansatz und häufig wiederkehrende Argumente deutlich werden. (weiterlesen…)

Martin Pöttner •

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