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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegt die Weisheit verborgen …


1. November 2010

Wittgenstein I – Religiosität und Bildlichkeit im NT

Die Sitzung diente der kursorischen Kenntnisnahme der Hauptthesen Wittgensteins zu religiöser Kommunikation. Der Text wurde als etwas disparat wahrgenommen. Das scheint auch mir zutreffend, freilich ist dies der sehr wohl überlegte Stil der Spätphilosophie Wittgensteins. Die Vorlesungen, welche das Buch enthält, scheinen 1938ff gehalten worden zu sein, es handelt sich z. T. um Manuskripte von Nachschriften.

Die Spätphilosophie Wittgensteins unterstellt, dass wissenschaftliche oder auch im engeren Sinn naturwissenschaftliche Rationalität nicht nur nicht die einzige Form von Rationalität innerhalb der modernen Gesellschaft darstellt. Es kann auch andere Formen der Rationalität geben. (weiterlesen…)

22. November 2009

John Dewey — Mein pädagogisches Glaubensbekenntnis I

John Dewey (1859-1953) ist einer der bedeutendsten Pädagogiker der Moderne. In Deutschland bzw. im deutschen Sprachraum würde man seine pädagogische Position als Reformpädagogik bezeichnen. Darunter kann man diejenigen Positionen

John Dewey

John Dewey

verstehen, welche Einsichten der klassischen Pädagogik wie derjenigen Friedrich Schleiermachers (2000a; b) in lebbare Formen umsetzte. Dewey ist m. E. deshalb von besonderer Bedeutung, weil er eine sozial verantwortliche und entschieden demokratische Position vertrat. Es kann nur zur Demokratie kommen und diese kann  auch nur bestehen, wenn die Schule selbst für Kinder Demokratie erlebbar und gestaltbar macht. Dewey ist mithin nicht der Überzeugung, dass man in der Schule für das Leben lerne, wie ein verbreiteter Sinnspruch in unserer Weltgegend lautet. Es verhält sich anders: Die Schule ist ein Teil des Lebens und mithin auch des demokratischen und sozial verantwortlichen Lebens.

Ich werde über Weihnachten bzw. den Jahresabschluss  hinaus hier Deweys Text My Pedagogic Creed (1897) übersetzen und mit einigen kommentierenden Bemerkungen versehen. Der Regierungserklärung von Angela Merkel zufolge soll ja Deutschland zur “Bildungsrepublik” werden.  Hierzu hat Dewey Wesentliches beizutragen. Denn seine Auffassung ist wesentlich grundlegender als diejenigen Überzeugungen, die bestenfalls von der OECD beeinflusst sind, aber schlimmstenfalls Sarrazinsche Formen annehmen können. Von derartigen Auffassungen ist der jedenfalls massenmedial zumeist notierte Bildungsdiskurs bestimmt. So findet sich in früher renommierten Zeitungen wie der “Zeit” bemerkenswert oft eine abfällige Bemerkung über “bildungsferne Schichten” – ein Ausdruck, der zeigt, wie lebensfremd  und reflexionsarm nicht selten der Diskurs in Deutschland geführt wird. Hier besteht mithin noch ein beachtliches Potenzial an Nachdenklichkeit, Information, an eigener Übung und Selbsterfahrung, um in der Sache gedanklich und praktisch weiter zu kommen.

Dewey hat seinen Text der fingierten Gattung “Glaubensbekenntnis” folgend in Artikel gegliedert, es sind fünf. Und jede dritte Woche wird hier ein “Glaubensartikel” übersetzt und in der folgenden Woche mit  Hinweisen versehen.

28. August 2009

Aktuelle Veranstaltungen

Im Moment führe ich mit dem Philosophiekreis Heidelberg eine Camus-Lektüre durch („Der Mythos des Sisyphos“, 112009). Hier geht es um das Absurde angesichts der Determination des Menschen, ist das aktuell, von vorgestern – oder hat es etwas mit jüngeren Debatten etwa im neurobiologischen Bereich zu tun?

Die Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde in Darmstadt-Griesheim veranstaltet am 05.09. und 06.09. eine Tagung zum Thema „Evangelien und Rhetorik“, die ich leite. Hierbei geht es um eine den Entstehungsumständen angemessene Rezeption der Evangelientexte der christlichen Bibel, die eine nichtdogmatische Lektüre im gegenwärtigen Lebensvollzug erlauben. Historisch-semiotische und religions-philosophische Überlegungen können dazu positiv beitragen.

27. Juni 2009

Liegt im Alltag die Weisheit verborgen?

Semesterende, Prüfungen, eine intensive Übersetzung, dazu neue Lektüren, abweichende, überraschende  eigene Lebenserfahrungen haben bei mir eine gewisse Nachdenklichkeitsphase eingeleitet. Vor Ende Juli erwarten Sie bitte keine längeren Beiträge von mir – dann werde ich die angekündigten Beiträge zu Fuchs, Brodbeck und Binswanger hier einstellen.

Da der Kurs zur “Alltagsphilosophie” (vgl. die entsprechenden Bildungsmaterialien) eine Reihe von Gegeneinwänden gegen die von mir angedachte Philosophiekonzeption vorgetragen hat, muss ich noch einmal ruhig und gelassen nachdenken. Vielleicht liest auch der eine Leser oder die andere Leserin sich ein – und äußert sich hier dazu oder schreibt mir eine E-Mail: kontakt@alltagundphilosophie.com. Über Kritiken und kritische Anregungen freue ich mich sehr.

In den angekündigten Beiträgen gehe ich explizit oder implizit auf meine Erwägungen und die möglichen bzw. tatsächlichen Gegeneinwände ein.

Im Motto des Blogs ist meine These enthalten: Bei einer besonnenen Betrachtung unseres alltäglichen Erlebens und Handelns, unserer beruflichen Tätigkeit, unserer Glückserfahrungen, unseres Scheiterns, auch der Erfolglosigkeit bei der Verfolgung von Zielen und Wünschen stoßen wir auf die allgemeinen Strukturen unserer Erfahrung und der Wirklichkeit als ganzer, sofern sie von uns erfahren werden kann. Dabei stoßen wir nicht auf etwas, das unveränderlich das Wesen/die Essenz o. Ä. der Wirklichkeit ausmacht, sondern auf Ereignisse, Prozesse, Geschehnisse, zu denen wir mit unseren Ereignissen, Beziehungen, Prozessen, dem kontinuierlichen Strom unseres Bewusstseins usf. gehören. Die Weisheit (σοφία, sofia) schlägt keine abschließenden Lösungen für komplexe Probleme vor – aber sie unterstellt, dass in unseren alltäglichen kritischen Gesprächen ein Potenzial für ihre Lösung liegt, die wir gemeinsam im Handeln zu erreichen versuchen sollten.

26. Mai 2009

Brutaler Mord an einem Ehepaar und das Problem der Freiheit – Thomas Fuchs zu Felix D. und Torben B., Tessin, Mecklenburg

“Das  Böse”- gibt es das überhaupt? [1] Handelt es sich nicht um eine Fiktion, die wir wissenschaftlich erledigen können, wenn wir wissen, wie es zu bestimmten Handlungen kommt, die wir gewöhnlich als „böse” bezeichnen? Natürlich beobachtet man in den Massenmedien bei Amokläufen wie zuletzt in Winnenden ein Entsetzen, hier ließ sich keine leichte Erklärung finden, sieht man davon ab, dass der Vater des Täters gegen die Waffengesetze verstoßen hat. In Foren konnte man gelegentlich sehr schnelle psychologische Ferndiagnosen lesen. Mann oder Frau versucht, derartige Ereignisse induktiv unter eine schon bekannte Regel zu bringen, das Entsetzen ist dann jedenfalls einigermaßen ordentlich „wissenschaftlich” zu erfassen.

Thomas Fuchs wendet sich dieser Frage anhand eines u. a. auch massenmedial kommunizierten Falles zu:

„An einem Samstagabend im Januar 2007 klingeln der 17-jährige Felix D. und sein gleichaltriger Freund Torben B. an einer Haustür in Tessin, ihrem kleinen mecklenburgischen Heimatdorf. Der Bewohner öffnet, er kennt die beiden seit langem aus der Nachbarschaft, es sind freundliche und höfliche Jungen aus intakten Familien. Doch da ruft Felix ‚Reno!’, das ist das Codewort zum Losschlagen. Die beiden Jungen ziehen ihre mitgebrachten Messer und halten sie dem Mann an die Kehle mit den Worten: ‚Auf die Knie!’ Er wehrt sich und erfasst ein Messer, doch da lassen die Eindringlinge alle Hemmungen fahren und stechen blindlings auf ihn ein. Während er im Todeskampf zu Boden geht, stürmen die 17-Jährigen die Treppe hoch, treffen auf die Ehefrau des Mannes, die sie mit insgesamt 62 Messerstichen töten. Als sie später noch röchelt, sticht Felix sie noch einmal in den Kopf, um sie endgültig zu töten. Der Sohn des Ehepaares entgeht nur knapp dem Blutrausch, weil es ihm gelingt, in Todesangst in seinem Zimmer eingesperrt die Polizei zu benachrichtigen, die das Paar schließlich stellt und zur Aufgabe zwingt. Weder Alkohol, Drogen oder eine psychische Krankheit noch Feindschaft gegenüber den Opfern erklären die Tat; es hätte ebenso beliebige andere im Dorf treffen können.” (172)

  • Nach einer kurzen Skizzierung dieses Geschehens stellt Fuchs zunächst allgemein die Frage nach „dem Bösen”, wobei er sich nicht zuletzt an den „mythischen” Erzählungen in 1. Mose (Genesis) 2 bis 4 (Paradiesstory, Kain und Abel) orientiert, hierbei erörtert er auch verschiedene Ansichten, die „das Böse” naturwissenschaftlich (u. a. soziobiologisch, sozialdarwinistisch, evolutionsbiologisch) erklären wollen (S. 173-186 [1]).
  • Danach erörtert Fuchs den konkreten Fall (S. 186-190 [2]).
  • Abschließend gibt Fuchs einen „Ausblick”, in dem das Verhältnis von „dem Bösen” und der „Freiheit” (S. 190-194 [3]) nochmals präzisiert wird.

Dieser Aufsatz setzt relativ aktuell an und führt diese Aktualität auf psychiatrische und philosophische Grundfragen zurück, die wir hier auch schon im Kontext der Position Fuchs’ besprochen haben. Anhand der kritischen Besprechung dieses Artikels sollen auch Grundstrukturen von Fuchs’ Ansatz und häufig wiederkehrende Argumente deutlich werden. (weiterlesen…)

22. Mai 2009

Zur Philosophie von Thomas Fuchs

In den folgenden Wochen werde ich hier im Blog mehrere Arbeiten von Thomas Fuchs besprechen.

Prof. Dr. Dr. Thomas Fuchs, Heidelberg Fuchs ist Psychiater an der Universitätsklinik Heidelberg und arbeitet an einer phänomenologischen Auffassung von Psychopathologie und Psychotherapie. Er ist als einer der schärfsten Kritiker der neueren Gehirnforschung hervorgetreten. Fuchs schreibt sensibel, kann sarkastisch-ironisch sein und pointiert scharf. In den folgenden beiden Monaten werden hier seine Bücher “Das Gehirn ein Beziehungsorgan” und “Leib und Lebenswelt” besprochen.

Dabei werden nicht vordergründige Polemiken interessieren. Es steht hier natürlich der philosophische Ansatz im Fokus, inwieweit eine phänomenologische Fragestellung beispielsweise in der Auffassung von Wahrnehmung unsere lebensweltliche Erfahrung rechtfertigen kann, obwohl diese durch manche naturwissenschaftlichen Auffassungen infrage gestellt erscheint. Fuchs steht einer Reihe von Entwicklungen der Lebenswissenschaften äußerst skeptisch, fast schon resignativ gegenüber. Wir werden fragen, ob dies plausibel ist, ob es hierzu vielleicht Alternativen gibt.

Fuchs’ Arbeiten finden inzwischen ein breiteres auch außerakademisches Interesse, der Philosophiekurs Heidelberg behandelt am 29.05. einen Aufsatz (“Quer durch jedes Menschenherz”) über das Böse aus psychiatrischer Perspektive, in der VHs Neckargemünd findet am 20.06. ein ganztätiger Kurs zu Fuchs’  Buch über das “Gehirn als Beziehungsorgan” statt.

9. Mai 2009

VHs Eberbach-Neckargemünd, Samstag, den 20.06.

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Das Gehirn - ein Beziehungsorgan, Thomas Fuchs

6. Mai 2009

Alltagsphilosophie siebte Sitzung

18          Erinnerung an den 04.05.

Ich beginne mit einer ausführlichen Ergänzung, die aufgrund einer längeren Diskussion im Anschluss an die Erinnerung an den 27.04. entstanden ist. Sie kreiste um das Problem des klassischen Ansatzes der Physik, sofern er im Kontext der Gehirnforschung verwendet wird, aber auch um das Problem des „Radikalen Konstruktivismus”, der heute − nachdem der frühere andersgeartete Erlanger „Konstruktivismus” wohl überwiegend schon vergessen ist – in der Regel alleine als „Konstruktivismus” gilt. Dieser wurde in Fortführung und Weiterbildung der autopoietischen Systemtheorie der Biologen Humberto Maturana und Francesco Varela in der feministischen Theoriebildung, in der Soziologie, in der Literaturwissenschaft und auch in Teilen der Neurobiologie vor allem seit der zweiten Hälfte der 1980er Jahre angewendet. Sogar in der evangelischen Theologie zeigten sich Resonanzen. Inzwischen sind eher Nachhutgefechte zu beobachten, aber auch diese sind noch heftig.

Über meine Kritik an Gerhard Roth als radikalem Konstruktivisten kam es zu einer Kontroverse, weil Herr Dethlefsen meinte, dieser sei ein empirischer Wissenschaftler – und empirische Wissenschaftler könnten so etwas nicht behaupten:

„Die Feststellung, dass die von mir erlebte Welt des Ichs, meines Körpers und des Raumes um mich herum ein Konstrukt des Gehirns ist, führt zu der viel diskutierten Frage: Wie kommt die Welt wieder nach draußen? Die Antwort hierauf lautet: Sie kommt nicht nach draußen, sie verlässt das Gehirn gar nicht. Das Arbeitszimmer, in dem ich mich gerade befinde, der Schreibtisch und die Kaffeetasse vor mir werden ja von mir als ‚draußen’ in Bezug auf meinen Körper und mein Ich erlebt. Diese beiden sind aber ebenfalls Konstrukte, nur ist es so, dass mit der Konstruktion meines Körpers auch der zwingende Eindruck erzeugt wird, dieser Körper sei von der Welt umgeben und stehe in deren Mittelpunkt. Und schließlich wird [...] ein Ich erzeugt, das das Gefühl hat, in diesem Körper zu stecken, und dadurch wird es erlebnismäßig zum Zentrum der Welt. (Aus der Sicht des Gehirns, Frankfurt/M. 2003, 48)

Möglicherweise versteht sich Gerhard Roth also eher nicht als „empirischen Wissenschaftler” im Sinne von Herrn Dethlefsen. Typisch – auch im Sinne der bisherigen Kursergebnisse – die Produktion von Scheinproblemen („das Ich”), ohne dass irgendwie angegeben würde, wie das alles „konstruiert” wird. Ökologisch ist die Position von Roth natürlich sehr hilfreich, wenn alles im Gehirn ist und da auch nicht herauskommt, können wir uns an sich viel Umweltverschmutzung und -verbrauch und auch viele Debatten ersparen. Mein sarkastischer Kommentar im letzten Satz – ich füge das hinzu, um mögliche Missverständnisse dieses Satzes zu vermeiden – soll darauf hinweisen, dass Roth die Worte nicht im alltäglichen Sinn gebraucht. Mutmaßlich findet das Arbeitszimmer von Gerhard Roth selbst in seinem Superhirn keinen Platz. Und selbst die Kaffeetasse, die darin einen Ort finden könnte, würde mutmaßlich doch Beschädigungen beispielsweise des limbischen Systems hervorrufen. Nicht einmal die Worte „Kaffeetasse” und „Arbeitszimmer” befanden sich bei nüchterner Betrachtung in Roths Gehirn, als er sie schrieb. Danach befanden sie sich im Buch – und jetzt vor Ihnen am Bildschirm oder auf dem Ausdruck. Und ich vermute ganz stark, dass Sie von den 40 Hertz-Schwingungen der Stoffwechselprozesse, die beim Schreiben der Worte in Gerhard Roths Gehirn stattfanden, nichts mehr spüren. Wenn doch, teilen Sie mir dies bitte ausführlich und auf jeden Fall experimentell wiederholbar mit! Aus der Kursperspektive kann das Zitat von Gerhard Roth jedenfalls als wunderschönes Beispiel dafür dienen, welche Beulen man sich beim Denken holen kann, wenn man den alltäglichen Sprachgebrauch nicht hinreichend beachtet, sondern freischwebend theoretisiert. Ich belasse es bei diesen Sarkasmen und erspare mir die Parallelisierung derartiger Äußerungen mit entsprechenden Beispielen aus der Psychopathologie, die Thomas Fuchs (Das Gehirn – ein Beziehungsorgan, 2008) für diese Fälle nicht selten durchführt. Zu Fuchs’ Buch findet hier in der VHs Neckargemünd am Samstag, dem 20.06. ein ganztägiger Kurs statt.

Zur ebenfalls angesprochenen Frage der Willensfreiheit hier ein Beispiel aus einem Streitgespräch vor der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften:

„Natürlich geht die Mehrheit der Strafrechtstheoretiker nicht von einer unbedingten Freiheit aus, sondern von einer Art eingeschränkter Willensfreiheit, wie sie zum Beispiel der Philosoph Peter Bieri vertritt (Bieri 2001), das heißt von der Fähigkeit, vor der Tat von seiner eigenen Motivationslage zurückzutreten und diese zu überdenken (Deliberationsfähigkeit). Aus handlungspsychologischer und neurobiologischer Sicht ist diese Fähigkeit zwar wichtig für eine „vernünftige”, weil langfristige Handlungsplanung, aber hierbei ist nichts an Handlungsfreiheit zu finden. Es handelt sich um einen komplexen, wenngleich vollständig determiniert ablaufenden Prozess des Widerstreits der Motive.

Aufgrund psychologischer und neurowissenschaftlicher Erkenntnisse müssen wir von folgendem Sachverhalt ausgehen: Menschen können im Sinne eines persönlichen Verschuldens nichts für das, was sie wollen und wie sie sich entscheiden, und dies gilt unabhängig davon, ob ihnen die einwirkenden Faktoren bewusst sind oder nicht, ob sie sich schnell entscheiden oder lange hin und her überlegen. Sie werden in dem jeweils einen oder anderen Fall eventuell völlig unterschiedliche Dinge tun, aber sie tun dies nicht frei. Die Gene, die vor- und nachgeburtlichen Entwicklungen und Fehlentwicklungen, die frühkindlichen Erfahrungen und Traumatisierungen, die späteren Erfahrungen und Einflüsse aus Elternhaus, Freundeskreis, Schule und Gesellschaft – all dies formt unser emotionales Erfahrungsgedächtnis, und dessen Auswirkungen auf unser Handeln unterliegen nicht dem freien Willen. Dies gilt selbstverständlich auch für Personen, die Straftaten begehen.” (Gerhard Roth)

Sollte Roth inzwischen diese beiden Positionen hinreichend klar revidiert haben, behaupte ich für diese Revisionen natürlich das Gegenteil, aber vor allem die erste Äußerung ist in schwerer Weise irreführend, die zweite nur ganz schwach gedanklich kontrolliert. Philosophisch geht die Motividee wohl vor allem auf Schopenhauer zurück, der explizit den „freien Willen” im gewöhnlichen Verstand bestritten hat – freilich einen transzendentalen freien Willen unterstellte, wohl auch ein Vorbild für Roths erstaunliches Postulat eines „realen Gehirns” im Unterschied zum „wirklichen Gehirn”, wobei er unterstellt, das „wirkliche Gehirn” sei Teil der erlebbaren Wirklichkeit, die vom „realen Gehirn” konstruiert werde[1]. Doch Prägungen und Motive unterliegen stets der möglichen Reflexion und damit ihrer möglichen selbstbestimmten Veränderung – wie wir hier im Kurs ja festgestellt haben. Ob diese Reflexion greift und eine Veränderung stattfindet, ist damit nicht gesagt, dies genügt aber für das Argument ihrer realen Möglichkeit. Der Minimalbegriff der Freiheit setzt voraus, dass ich unter identischen Umständen hätte anders handeln können, es handelt sich um eine Frage, die sich in der Rückschau stellt. Wie die früheren Arbeiten von Pauen[2] und jetzt wieder die gemeinsame Arbeit mit Roth zeigen, akzeptiert er diesen Minimalbegriff von Freiheit gerade nicht (vgl. Michael Pauen, Gerhard Roth, Freiheit, Schuld und Verantwortung. Grundzüge einer naturalistischen Theorie der Willensfreiheit, Frankfurt/M. 2008, 166 u. ö.) – m. E. aufgrund einer unzutreffenden Darstellung. Insofern dürfte auch Roth seine Äußerungen nicht ernsthaft korrigiert, bestenfalls gemäßigt haben. Von Freiheit in einem ernst zu nehmenden Sinn ist nicht die Rede, wenn ich mich reflexiv damit einverstanden erkläre, was ohnehin geschieht, also davon überzeugt bin, was ich tue. Das ist sicher eine notwendige, aber in keiner Weise eine hinreichende Bedingung einer freien Handlung. Das unter identischen Umständen auch anders Handelnkönnen lässt sich nicht eliminieren. Maßstab sind hier die Bestimmungen der Menschenrechte in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UNO (1948) und im Grundgesetz (1949), dazu die höchstrichterlichen Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichtes.

Unklar schien mir aufgrund der Diskussion im bisherigen Kursverlauf geblieben zu sein, dass es bei ausschließlicher Geltung der Unterstellungen des Wissenschaftstypus 1 (vgl. Abbildung 1) für alle Sachverhalte tatsächlich keine Freiheit im Sinne des von mir skizzierten Minimalbegriffs der Freiheit geben kann. Solange man also wie Roth und Singer das Grundmodell der klassischen Physik als das wissenschaftlich ausschlaggebende ansieht, mit denen auch die Fragen von Freiheit, Selbstbestimmung usf. behandelt werden, müssen diese von uns alltäglich unterstellten Phänomene als Täuschung gedeutet werden, was u. a. der Sinn des Konstruktivismus bei Roth ist. Auch Singer hat sich nach anfänglicher Zurückhaltung in einem ähnlichen Kontext als Konstruktivist geoutet, wie der Abschnitt „Das Subjekt als kulturelles Konstrukt” in seinem Büchlein „Vom Gehirn zum Bewusstsein”, Frankfurt/M. 2006, 47-57, beweist. Ob er seine eigene neurobiologische Forschung auch als „Konstrukt” bewertet, geht daraus bislang aber nach meiner Wahrnehmung nicht hervor, konsequent aber wäre das, denn auch die Neurobiologie „ist nichts anderes” als ein Phänomen der „kulturellen Evolution”.

„Mir scheint …, dass die Ich-Erfahrung bzw. die subjektiven Konnotationen von Bewusstsein kulturelle Konstrukte sind, soziale Zuschreibungen, die dem Dialog zwischen Gehirnen erwuchsen und deshalb aus der Betrachtung einzelner Gehirne nicht erklärbar sind. Die Hypothese, die ich diskutieren möchte, ist, dass die Erfahrung ein autonomes, subjektives Ich zu sein, auf Konstrukten beruht, die im Laufe unserer kulturellen Evolution entwickelt wurden. Selbstkonzepte hätten dann den ontologischen Status einer sozialen Realität … Wir Menschen … sind in … der Lage, in Dialoge einzutreten der Art ‚ich weiß, dass du weißt, wie ich fühle’ oder ‚ich weiß, dass du weißt, dass ich weiß, wie du fühlst” usw. Interaktionen dieser Art führen also zu einer iterativen wechselseitigen Bespiegelung im je anderen. …

Der Dialog, der den Individuationsprozess erst möglich macht, vollzieht sich bereits in der frühen Kindheit und erlaubt erste Ich-Identifikationen schon nach den ersten Lebensjahren. Dieser frühe Dialog zwischen Bezugspersonen und Kind vermittelt diesem in sehr prägnanter und asymmetrischer Weise die Erfahrung, offenbar ein autonomes, frei agierendes, verantwortliches Selbst zu sein, hört es doch ohne Unterlass: ‚tu nicht dies, sondern tu das, lass dass, sonst –’, oder ‚mach das, andernfalls –!’ …

Wichtig für mein Argument ist …, dass dieser frühe Lernprozess in einer Phase sich ereignet, in der die Kinder noch kein episodisches Gedächtnis aufbauen können. Wir erinnern uns nicht an die ersten zwei bis drei Lebensjahre, weil in dieser frühen Entwicklungsphase die Hirnstrukturen noch nicht ausgebildet sind, die zum Aufbau eines episodischen Gedächtnisses erforderlich sind. Es geht dabei um das Vermögen, Erlebtes in raumzeitliche Bezüge einzubetten und den gesamten Kontext des Lernvorganges und nicht nur das Erlernte selbst zu erinnern …

Diese frühkindliche Amnesie scheint mir dafür verantwortlich, dass die subjektiven Konnotationen von Bewusstsein für uns eine ganz andere Qualität haben als die Erfahrungen mit anderen sozialen Konstrukten. Vielleicht erleben wir diese Aspekte unseres Selbst deshalb auf so eigentümliche Weise als von ganz anderer Qualität, als aus Bekanntem nicht herleitbar, weil die Erfahrung, so zu sein, in einer Entwicklungsphase installiert worden ist, an die wir uns nicht erinnern können. Wir haben an den Verursachungsprozess keine Erinnerung …

Innerhalb neurobiologischer Beschreibungssysteme wäre das, was wir als freie Entscheidung erfahren, nichts anderes als eine nachträgliche Begründung von Zustandsänderungen, die ohnehin erfolgt wären, deren tatsächliche Verursachungen für uns aber in der Regel nicht in ihrer Gesamtheit fassbar sind.”

Auch hier die gleichen Scheinprobleme wie bei Roth, „das Ich” usf. Da Singer keine anderen als die Argumentationen auf dem Niveau der klassischen Physik zulassen will, kann er auch zu keinen anderen Ergebnissen kommen. Wer also „naturalistisch” in diesem Sinn versteht, kann keine Freiheit im Sinne des minimalen Freiheitsbegriffs zulassen, dies habe ich jetzt noch einmal sehr ausführlich belegt, weil mir dies angesichts der Diskussion noch nicht ausreichend verstanden zu sein erschien. Der performative Selbstwiderspruch in Äußerungen wie denjenigen von Singer oder Roth besteht darin, dass sie den Art. 5 des Grundgesetzes, welcher die Freiheit von Wissenschaft und Kunst garantiert, dazu benutzen, genau diesen Vorgang als nicht freien darzustellen. Freiheit ist eine aufgrund der frühkindlichen Amnesie mangels des episodischen Gedächtnisses als Konstruktion vergessene Konstruktion. Man sieht daran, dass die Bundesrepublik immer noch ein liberaler Staat ist. Sie erlaubt es beamteten Professoren, die Freiheitsgrundlage des Grundgesetzes im Sinne der Menschenrechte öffentlich wissenschaftlich infrage zu stellen, weil eine liberale Ordnung darauf setzt, dass auch groteske Irrtümer im offenen Diskurs korrigiert werden können.

Wie bei dem Ausdruck „Konstruktivismus” ist beim Ausdruck „naturalistisch” im Kontext des Freiheitsproblems sehr genau zu beachten, was die jeweiligen Autoren darunter verstehen. Verstehen sie den Ausdruck im Sinne von Wissenschaftstyp 1, kann es keine Freiheit im Sinne des Minimalbegriffs, den ich hier skizziert habe, geben. Autoren, die diesen Freiheitsbegriff vertreten, wie Ernst Tugendhat, und zugleich den Begriff „naturalistisch” verwenden, versuchen daher Klärungen herbeizuführen, hier ein nicht unpolemisches Beispiel:

„Bei der Hirnforschung finde ich ziemlich verrückt, was da heute läuft. [...] Man kann lediglich feststellen, in welchen Bereichen des Gehirns welche Typen von Prozessen ablaufen. Aber dann kommen diese Professoren der Gehirnphysiologie und stellen Theorien über die Nichtexistenz menschlicher Freiheit auf, die sich nur darauf stützen, dass sie sagen, wir sind Wissenschaftler und glauben an den Determinismus. Sie nehmen die philosophische Literatur der ganzen letzten Jahrzehnte überhaupt nicht wahr, in der versucht wird, Determinismus und Willensfreiheit nicht als Gegensatz zu sehen. Das halte ich für eine völlig haltlose Spekulation. [...] In hundert Jahren kann die Hirnphysiologie vielleicht interessant werden für die Philosophie, aber bisher ist sie es nicht. Ich bin freilich ein Naturalist, ich sehe den Menschen als einen Teil der biologischen Entwicklung. Aber was in den biologischen Wissenschaften mit Bezug auf den Menschen gemacht wird, da ist sehr wenig Sinnvolles.” (taz-Interview vom 28.07.2007)

Damit ist nur angedeutet, dass die Wissenschaften vom Typ 1 noch eine Entwicklung durchlaufen müssen, bis sie phänomenadäquat werden. Der wichtigste aktuelle Versuch – im Kern wohl der einzige – ist derjenige von Thomas/Brigitte Görnitz, Der kreative Kosmos, Heidelberg/Berlin 2002. Er zeigt zumindest an, dass im quantenphysischen Bereich verstanden worden ist, dass es so nicht mehr weitergehen kann, weil die Realität komplexer ist, als sie in der klassischen Physik beschrieben wird. Mit Peirce dürfen von daher zumindest keine falschen Verallgemeinerungen kommen.

Das Hauptthema der Sitzung waren die Argumentationstypen von Abduktion, Induktion und Deduktion im Alltag. Damit sind wir nicht fertig geworden, sodass wir dies in der Sitzung am 11.05. vervollständigen, erweitern und ganz gründlich ausdiskutieren müssen. Stellen diese Argumentationstypen im Alltag, die zwar gewohnt, aber häufig nicht bewusst sind, doch eine der wesentlichen Bedingungen der Möglichkeit dar, dass Alltagsphilosophie eine Realität sein kann und auch faktisch stattfindet. Dies ist seit der klassischen Phase der griechischen Philosophie bekannt – und wurde dort im Kontext der Rhetorik reflexiv erarbeitet. Insofern verlangsamen wir mit guten Gründen das Thema des Kurses – und fassen die Übungen zu Gewohnheiten und Kreativität zu einer Sitzung zusammen. Nicht erwarten darf man, dass im Alltag irgendwie argumentiert wird wie an der Universität, sofern dort auf Sorgfalt Wert gelegt wird, oder in einem wissenschaftlichen Institut. Das wäre in den Alltagserfordernissen schon aus Zeitgründen eher kontraproduktiv – und wie Aristoteles meinte, auch eher langweilig, es fehlt dazu der die Rezipierenden einschließende und herausfordernde Esprit. Denn die Rezipierenden stellen die Vollständigkeit der Argumentation selbsttätig her, es handelt sich ja um Kommunikationen. Von „Beweisen” ist übrigens umgekehrt auch im Wissenschaftsbereich so häufig nicht die Rede.

Zum besseren Überblick zitiere ich die Aufgabenbeispiele noch einmal und füge daran die schon erarbeiteten Lösungen an. Ich habe mit 16.1.7, 16.1.8 und 16.1.9 drei weitere Texte hinzugefügt, die von Wolf Singer und Gerhard Roth stammen, deren argumentative Struktur untersucht und mit den Alltagsargumentationen hier verglichen werden soll. 16.1.4 (Frank-Walter Steinmeier in Afghanistan) und 16.2 (Zu jeder Argumentation Gegenargumente bilden) waren noch nicht bearbeitet und werden uns dann in der Sitzung am Montag, dem 11.05. beschäftigen.

16.1.1  Thorsten Hild (Wirtschaftswissenschaftler), taz-online 29.04.2009

„Löhne haben für das Überleben der Wirtschaft eine gar nicht zu überschätzende Bedeutung. Geht die Lohnsumme plötzlich und unkontrolliert zurück, droht nichts weniger, als dass der Wirtschaftskreislauf zum Erliegen kommt.”

Der Wirtschaftskreislauf darf nicht zum Erliegen kommen!

Der Wirtschaftskreislauf kann zum Erliegen kommen, wenn die Lohnsumme plötzlich und unkontrolliert zurückgeht.

→           Die Lohnsumme sollte möglichst konstant bleiben!

Die Schlussform bzw. Argumentationsform ist deduktiv, es handelt sich um einen praktischen Syllogismus, wie ihn Aristoteles sowohl in der „Nikomachischen Ethik” als auch in der „Rhetorik” analysiert hat. Hier müssen aus dem Kontext und der eigenen Beschäftigung mit solchen Sachverhalten die Ergänzungen der Argumentation erbracht werden. Dies wird von Ihnen als aktiven und selbstständigen Bürger/innen erwartet. Ob der Zusammenhang, den Hild unterstellt, besteht, können Sie beispielsweise unter Eurostat, den Publikationen der Europäischen Kommission zu statistischen Fragen nachsehen – oder sich um entsprechende Veröffentlichungen in Buchform bemühen.

16.1.2   Wolfgang Wagner, Angst ist ein guter Ratgeber, FR-Online, 30.04.2009

„Wenn einem heute in der S-Bahn jemand in den Nacken niest, hat der Schauer, der einen überfällt, sicher auch psychische Gründe. Mancher wird es bereuen, die schweißfeuchte Hand, die ihm gereicht wurde, gedrückt zu haben. Schul- und Kindergartenleiter werden aufmerksamer auf ihre Zöglinge achten.

Doktoren werden noch mehr eingebildete Kranke beruhigen und die Krankenhäuser mehr vermeintliche Notfälle behandeln. Die Schweinegrippe hat Deutschland erreicht.”

Verschiedene Fälle, die auch anders betrachtet werden können, bilden sich zu einer Regel aus: Die „Schweinegrippe” hat Deutschland erreicht.

Mein Niesen oder das Niesen anderer in meiner direkten Umgebung könnte ein Symptom der „Schweinegrippe” sein.

→ Zur Vorsicht suche ich doch einen Doktor auf.

Hier bereitete die möglicherweise ironische Formulierung des Textes von Wagner Schwierigkeiten, den argumentativen Weg zu erkennen. Schließlich wurde die Schlussform aber aufgrund der Information aus der Überschrift einhellig als Induktion erkannt. Die Induktion ist in der Rhetorik die häufigste Schlussform in der politischen Beratungsrede und wird von Wagner hier auch so verwendet. Diskutiert wurde hier auch der Weg von einer allerersten Abduktion zur schließlichen Regelbildung, was gerade durch den mehrdeutigen Text angeregt wurde.

16.1.3   Barack Obama, Pressekonferenz zum 100. Tag seiner Präsidentschaft, SZ-Online, 30.04.2009

„Barack Obama hat keinen Grund für Selbstzweifel: Auf der landesweit übertragenen Pressekonferenz zum 100. Tag seiner Präsidentschaft gibt es nicht eine einzige böse, schmerzhafte Frage. ‚Wir sind gut gestartet’, lautet der Tenor Obamas bei seinem wie stets souveränen Auftritt. Niemand im traditionsreichen, prächtig möblierten East Room des Weißen Hauses widerspricht.

‚Obamas Start war der eindrucksvollste seit Franklin D. Roosevelt’, hatte schon der Time-Kolumnist Joe Klein jubilierend geschrieben. Aber auch Obama weiß, dass er trotz seiner ungebrochenen Beliebtheit bei Öffentlichkeit und Medien nur Schonzeit hat.

Eine dramatische Wirtschaftskrise, riesige Staatsschulden und zwei Kriege lasten auf der neuen Regierung. Dazu will Obama auch das marode Gesundheitswesen und die Schulen reformieren, den Klimawandel bekämpfen und vieles mehr. ‚Wir werden das schaffen’, sagte Obama selbstbewusst. Seine ersten 100 Tage wertete er positiv: ‚Ich bin stolz auf das, was wir erzielt haben, … erfreut über den Fortschritt, aber nicht zufrieden.’”

Wir werden es schaffen, es zeigen sich schon erste Indizien! Eine Neuauflage von „Yes, we can!”

Schlussform: Abduktion, große Teile des Textes in der SZ dienen nur zur Emphase der Abduktion. Ob diese zutrifft, wird und kann sich auch erst an folgenden Ereignissen zeigen, kann also frühestens in zwei oder drei Jahren einigermaßen beurteilt werden. Viele politische Programme und Verlautbarungen sind Abduktionen, weil sie auf die Zukunft ausgerichtet sind, über die mutmaßlich niemand so genau Bescheid weiß.

16.1.4  Außenminister Frank-Walter Steinmeier bei seinem Afghanistanbesuch, SZ-Online 30.04.2009

„Die Anschläge überschatteten den unangekündigten Besuch von Außenminister Frank-Walter Steinmeier in Kabul. Steinmeier verurteilte den tödlichen Anschlag als ‚feiges und heimtückisches Verbrechen’. Deutschland lasse sich durch solche Taten nicht davon abbringen, ‚diesem geschundenen Volk beiseite zu stehen’”.

Noch nicht analysiert!

16.1.5   Uli Hoeneß, FC Bayern FanTV vom 27.04.2009, zur Entlassung von Jürgen Klinsmann

„Ich möchte vielleicht noch hinzufügen, dass wir nicht den Fehler machen sollten, den sicher wahnsinnigen Ausrutscher in Barcelona zum entscheidenden Maßstab zu machen. Gegen Barcelona werden auch noch andere Mannschaften verlieren. Es kommt auf den Trend an, seit Weihnachten haben wir in allen Spielen, wo es drauf ankam, Tabellenführer zu werden, in Hamburg, in Berlin, jetzt gegen Schalke verloren. Das muss uns zu denken geben.”

Es ergibt sich seit Weihnachten ein Trend, Hamburg, Berlin usf.: Wir verlieren jedes Spiel, in dem es darum geht, Tabellenführer zu werden!

Dies gefährdet unsere sportlichen und wirtschaftlichen Ziele, daran muss der Trainer Schuld sein!

→ Klinsmann wird entlassen!

Schlussform: Induktion, der abduktive Prozess, wie es zu dieser Induktion gekommen ist, ist in diesem Zitat besonders gut zu erkennen, möglicherweise hat es bei Hoeneß nach dem Hamburgspiel zum ersten Mal in diese Richtung wickiemäßig geblitzt. Wickie ist der Star einer gleichnamigen Kinderbuchserie, die auch zeichentrickfilmartig verfilmt wurde, z. B. regelmäßig in Kika zu sehen. Wickie ist das helle, junge Köpfchen in einer Wikingergruppe, in der das kreative Denken in der Regel durch Kraftausübung ersetzt wird. Dadurch gerät die Gruppe auf ihren Raubzügen nicht selten in aussichtslose Situationen, aus denen dann der kreative kleine Wickie abduktiv einen Ausweg findet. Den Moment, in dem die Abduktion auftritt, markieren die kleinen Sterne, die hier auf dem Bild zu sehen sind. Sie treten stets blitzartig auf. Das ist noch besser in folgendem Video zu sehen: Wickievorspann. Wickies Abduktionen funktionieren immer, mal sehen, ob die zu einer Induktion ausgearbeitete Abduktion von Uli Hoeneß genauso gut funktioniert.

16.1.6   Christopher Flowers zum Übernahmeangebot, Faz.net vom 30.04.2009

„Der Großaktionär der Immobilienbank Hypo Real Estate (HRE), der amerikanische Investor J. C. Flowers, hat das Übernahmeangebot der Bundesregierung abgelehnt. Die Offerte der Bundesregierung für die Aktien der HRE bezeichnete Flowers in einer am Donnerstag veröffentlichten Erklärung als zu niedrig.”

Die angebotene Entschädigung ist zu niedrig!

→ Das Angebot der Bundesregierung wird abgelehnt!

Schlussform: Deduktion.

Neue Beispiele:

Versuchen Sie hierbei Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen den Alltagsargumentationen in 16.1.1-6 und den wissenschaftlichen Argumentationen von Singer und Roth in 16.1.7-9 zu beschreiben!

16.1.7 Gerhard Roth, Aus der Sicht des Gehirns

„Die Feststellung, dass die von mir erlebte Welt des Ichs, meines Körpers und des Raumes um mich herum ein Konstrukt des Gehirns ist, führt zu der viel diskutierten Frage: Wie kommt die Welt wieder nach draußen? Die Antwort hierauf lautet: Sie kommt nicht nach draußen, sie verlässt das Gehirn gar nicht. Das Arbeitszimmer, in dem ich mich gerade befinde, der Schreibtisch und die Kaffeetasse vor mir werden ja von mir als ‚draußen’ in Bezug auf meinen Körper und mein Ich erlebt. Diese beiden sind aber ebenfalls Konstrukte, nur ist es so, dass mit der Konstruktion meines Körpers auch der zwingende Eindruck erzeugt wird, dieser Körper sei von der Welt umgeben und stehe in deren Mittelpunkt. Und schließlich wird [...] ein Ich erzeugt, das das Gefühl hat, in diesem Körper zu stecken, und dadurch wird es erlebnismäßig zum Zentrum der Welt.”

16.1.8. Gerhard Roth, Brandenburger Debatte

Aufgrund psychologischer und neurowissenschaftlicher Erkenntnisse müssen wir von folgendem Sachverhalt ausgehen: Menschen können im Sinne eines persönlichen Verschuldens nichts für das, was sie wollen und wie sie sich entscheiden, und dies gilt unabhängig davon, ob ihnen die einwirkenden Faktoren bewusst sind oder nicht, ob sie sich schnell entscheiden oder lange hin und her überlegen. Sie werden in dem jeweils einen oder anderen Fall eventuell völlig unterschiedliche Dinge tun, aber sie tun dies nicht frei. Die Gene, die vor- und nachgeburtlichen Entwicklungen und Fehlentwicklungen, die früh-kindlichen Erfahrungen und Traumatisierungen, die späteren Erfahrungen und Einflüsse aus Elternhaus, Freundeskreis, Schule und Gesellschaft – all dies formt unser emotionales Erfahrungsgedächtnis, und dessen Auswirkungen auf unser Handeln unterliegen nicht dem freien Willen. Dies gilt selbstverständlich auch für Personen, die Straftaten begehen.”

16.1.9 Wolf Singer, Vom Gehirn zum Bewusstsein

„Diese frühkindliche Amnesie scheint mir dafür verantwortlich, dass die subjektiven Konnotationen von Bewusstsein für uns eine ganz andere Qualität haben als die Erfahrungen mit anderen sozialen Konstrukten. Vielleicht erleben wir diese Aspekte unseres Selbst deshalb auf so eigentümliche Weise als von ganz anderer Qualität, als aus Bekanntem nicht herleitbar, weil die Erfahrung, so zu sein, in einer Entwicklungsphase installiert worden ist, an die wir uns nicht erinnern können. Wir haben an den Verursachungsprozess keine Erinnerung …”

16.2     Übung 2

Noch durchzuführen!

Bilden Sie zu jedem der vorstehenden Argumente Gegenargumente, selbst wenn Ihnen die Argumentation bzw. Begründung einleuchten sollte!


[1] Gerhard Roth, Das Gehirn und seine Wirklichkeit. Kognitive Neurobiologie und ihre philosophischen Konsequenzen. Suhrkamp, Frankfurt 82000, 314ff.328ff (Taschenbuchausgabe).

[2] Vgl. vor allem den groß angelegten Versuch von Michael Pauen, Was ist der Mensch? Die Entdeckung der Natur des Geistes, München 2007, 164ff.

23. April 2009

12 Erinnerung an den 20.04.

In der Sitzung wurde das Problem der Alltagsgewohnheiten problematisiert und zu präzisieren versucht. Sie sind Ausgangspunkt der Möglichkeit, Alltagsphilosophie zu treiben, wenn sie bewusst werden und die Potenziale erkennen lassen, die in ihnen stecken. Ebenso kann die Bewusstwerdung zur Veränderung anregen, sofern die Alltagsgewohnheiten als unzureichend erlebt und bewertet werden.

Ausschlaggebend ist, dass uns solche Gewohnheiten eben oft nicht bewusst sind, obgleich es sich um Regelmäßigkeiten handelt, die wir durch bewusste Übung und Nachdenken erlernt haben. Frau Jessel schlug alternativ vor, hier weiter zwischen „Fertigkeiten” und „Gewohnheiten” zu unterscheiden. Dabei wären Gewohnheiten stärker überlieferte Regelmäßigkeiten. Doch scheint wohl gegen eine solche Unterscheidung zu sprechen, dass – wie das Beispiel Brodbecks zeigt – auch nach kreativer Bearbeitung erneut neue Alltagsgewohnheiten entstehen, auch Altruismus kann eine derartige Gewohnheit sein. Sie soll ja sozusagen der sittliche Normalzustand werden.

Die Position von Thomas Fuchs rief im Nachhinein Irritationen hervor. Ist Reflexion immer verspätet? Wo ist bei Fuchs das Phänomen der Kreativität? In der Darstellung der verschiedenen Positionen zur Alltagsphilosphie habe ich stets Gewichtungen vorgenommen: Fuchs im Gegenüber zu Peirce, Wittgenstein im Gegenüber zu Brodbeck, um die verschiedenen Perspektiven und Facetten auf alltagsphilosophische Versuche deutlich zu machen. Hintergrund bleibt stets die Ausgangssituation am Ende des 19. Jahrhunderts, wie in der Abbildung 1 dargestellt:

alltag-wissenschaft1

Fuchs’ Position steht auf dem einen kontradiktorischen Extrem des Feldes von Alltag und Wissenschaft: Wenn Alltag, dann keine Wissenschaft und umgekehrt – die Wissenschaften als Eingriffswissenschaften bedrohen die Selbstverständlichkeiten der Alltagsgewohnheiten und lebensweltlichen Orientierungen. Auf dem anderen Extrem steht der Positivismus, der faktisch nur wissenschaftliches bzw. wissenschaftsbezogenes Philosophieren zulässt. Demgegenüber bilden Pragmatismus und Neukantianismus unterschiedlich ausgerichtete Vermittlungspositionen.

In der Debatte um Fuchs’ Auffassung brach erneut das Problem der Wissenschaften auf. Es wurde eher nicht bestritten, dass die Tendenzen der Wissenschaften zumindest ambivalent sind. Sie schienen gelegentlich die Steuerungskompetenz der Menschen zu überfordern, folgte man einigen Debattenbeiträgen. Wer kann eigentlich voraussehen, was aus der mathematischen Schrödingergleichung folgt? Diese beschreibt mathematisch die räumliche und zeitliche Entwicklung des Zustands eines Quantensystems. Ohne sie wären bestimmte Anwendungen wie Kernspaltung und Kernenergie nicht möglich gewesen. Ist die „Ethik” diesen Fragen nicht gewachsen, wie sie dann zugespitzt bei Problemen der wissenschaftsgestützten Veränderung der Keimbahn auftreten?

„Bedenken Sie, welche Wirkungen, die denkbarerweise praktische Relevanz haben könnten, wir dem Gegenstand unserer Konzeption zuschreiben. Folglich besteht die Konzeption dieser Wirkungen aus dem Ganzen unserer Konzeption des Gegenstands!”

(Charles Peirce, How to make our ideas clear, 1878)

Schon die Bildung eines wissenschaftlichen Begriffs oder einer wissenschaftlichen Konzeption muss diese universal betrachten, mithin auch ihre möglichen Anwendungen im Blick haben. Dazu mag ein einzelner Mensch allein nicht sehr gut in der Lage sein, aber das lässt sich durch andere ergänzen. Wissenschaft ist ein sozialer Prozess. Problematische Anwendungen müssen entsprechend demokratisch ausdiskutiert und so kontrolliert werden. Dies ist nicht harmlos, weil die Wissenschaften – schon Herbert Spencer hat das in den First Principles gezeigt – für die nötigen nachhaltigen Innovationen im dynamischen und instabilen Wirtschaftssystem sorgen. Heute kann dies beispielsweise durch die grundlegende Umstellungen auf andere Energien, im Sinne erneuerbarer Energien erfolgen.

19. April 2009

Alltagsphilosophie 5

9 Erinnerung an den 06.04.

Wittgensteins und Brodbecks Verhältnis zum Alltag sind sehr verschieden. Auch Brodbeck hält das Erleben und Handeln im Alltag für grundlegend, aber er interpretiert die Gewohnheiten des Alltags in der Tendenz vor dem Hintergrund buddhistischer Einsichten als Täuschungen, insbesondere die „Geldrechnung”. Demgegenüber unterstellt Wittgenstein, dass die Beachtung der Regeln der Alltagssprache philosophische Scheinprobleme wie „das Ich” vermeidet – und sogar zu den „Urphänomenen” führe. Die Gegenläufigkeit beider Ansätze ist für Alltagsphilosophie wichtig, weil in ihnen zugleich die Tragfähigkeit und Zerbrechlichkeit von alltäglichen Gewohnheiten sichtbar wird. Wittgenstein setzt eher auf Bewahren alltäglicher Gewohnheiten wie z. B. „ich” zu sagen, während Brodbeck angesichts des möglichen Scheins alltäglicher Gewohnheiten auf Kreativität setzt. Zunächst gilt es, unsere alltäglichen Gewohnheiten achtsam wahrzunehmen – und sie dann durch entsprechende Übung zu verändern. Brodbeck strebt hierbei nicht an, etwa „den blinden Fleck” im Gesichtsfeld zu ändern, sondern Empfindungen, Bewegungsmuster, Denkgewohnheiten, die wir bei achtsamer Betrachtung als einschränkend erleben.

Wittgensteins späte Philosophie ist alltagsphilosophisch ausschlaggebend, weil sie tatsächlich eine relevante Methode bietet, durch Betrachtung der alltäglichen Verwendungen der Sprache, ihrer Regeln, zu erfassen, dass viele wissenschaftlich-theoretische und philosophische Konzeptionen einer gewöhnlichen Grundlage entbehren. Daher wurde sie insbesondere in der Sozialphilosophie (etwa Habermas) stark rezipiert. Zeigt doch die Analyse der Alltagssprache, dass wir selbst stets in kommunikativen Verhältnissen stehen, schon das Wort „ich” kann nur bei gleichzeitiger Kenntnis der Verwendungsregeln von „du”, „ihr”, „wir” usf. angemessen verwendet werden. Wittgenstein erneuert die Einsicht von Humboldt und Schleiermacher, dass der Mensch u. a. sprachlich vergesellschaftet ist. Die Sprechakte wie Behauptung, Bitte, Befehl, Wunsch usf. verweisen auf die grundlegenden Kommunikationsmuster des sozialen Austauschs, auf den wir – bei einiger Betrachtung – auch angewiesen sind. Natürlich ist es möglich, dies zu leugnen und andere Muster wie die Maximierung des Eigeninteresses in den Vordergrund zu stellen.

An diesen Möglichkeiten setzt Brodbeck an und betont, dass der Alltag auch die mindestens genauso wichtige Vergesellschaftungsform der „Geldrechnung” aufweise. Diese steht eher in Spannung zu den freundlichen Kommunikationsmustern der Sprache bzw. Alltagssprache. Dabei ist Brodbecks Ansatz eindeutig am sich selbst aus seinen Alltagsgewohnheiten kreativ befreienden Individuum orientiert. Etwa rechtliche Möglichkeiten zur Kontrolle der „Geldrechnung” auf den Finanzmärkten hält Brodbeck für solange ständig hintergehbar, wie die Individuen diese Geldrechnung nicht als scheinhafte Alltagsgewohnheit durchschauen, die sie selbst und/oder andere schädigt. Interessant ist dabei, dass Brodbeck hierbei nicht den Grundsatz leugnet, dass die Relation, die Beziehung vor den (konkreten) Relata, den Beziehungsgliedern anzusetzen ist, einer der Hauptsätze der realistischen Relationenlogik Peirce’, die man u. a. durch die genaue Analyse des Satzes, in dem das Prädikat strukturell „Subjekte” und „Objekte” als „offene Stellen” enthält, alltagsphilosophisch leicht und anschaulich darstellen kann.

“Gehen” als Relation

Abbildung 3: Bestimmende Struktur des Prädikats im Satz mit „offenen Stellen” („Jemand”, „wohin”), in die konkrete indexikalische Zeichen („ich”, „draußen”) im Alltagssprachgebrauch eingesetzt werden.

Das Individuum kommt also Brodbeck zufolge zu seiner auf Beziehungen angewiesenen Natur durch die kreative Änderung seiner negativen Alltagsgewohnheiten.

Hier stellte sich im Kurs die grundlegende Frage, wie die Realität solcher Erwägungen anzusetzen sei. Gibt es Relationen bzw. Beziehungen? Und wenn doch nur alles konstruiert ist? Dabei wird mit der Frage nach den Relationen eine der Grundfragen unserer Wirklichkeitsstruktur aus alltagsorientierter Perspektive gestellt. Die Relationen „gibt” es nur in konkreten Verhältnissen wie dem dargestellten Satz. Sie sind aus diesen Verhältnissen ein abstrahierbarer Aspekt. Ihr Realitätsaspekt ist derjenige der realen Möglichkeit. Wir finden sie stets nur in konkreten Verhältnissen vor. Leugnet man den Realitätsaspekt der realen Möglichkeit, hat man z. B. Schwierigkeiten, eine Pointe der Quantenphysik zu verstehen:

„Wir hatten davon gesprochen, dass die Quantentheorie die Fülle aller Möglichkeiten eines Systems erfasst und deren naturgesetzliche Veränderung beschreibt.”[1]

Der Streit um die Realität von Relationen ist also ein Streit um die Realität von realen Möglichkeiten. Für den analysierten Satz gilt: Es gibt auch die reale Möglichkeit, nach oben zu gehen – oder aber sich hinzusetzen. Die Leugnung dieser realen Möglichkeiten erscheint etwas schwierig …, im Sinne von Wittgenstein ein alltagssprachlich leicht zu outendes Scheinproblem.

10 Alltag und Gewohnheiten

In allen besprochenen Ansätzen werden der Alltag oder die Lebenswelt mit dem Phänomen der Gewohnheit bzw. der Gewohnheiten verbunden. Sie bilden sich im Zuge des Lebens aus, indem wir bestimmte Tätigkeiten ausführen wie Radfahren, was wir zunächst lernen müssen. Dies wird aber dann selbstverständlich, wir führen diese Tätigkeit nach einiger Zeit nicht mehr bewusst aus, sondern „automatisch”. Dies ist bei vielen Tätigkeiten der Fall, insbesondere Brodbeck betont dies. Dies gilt u. a. für

  • Wahrnehmungen,
  • Empfindungen,
  • Bewegungsmuster,
  • Denkgewohnheiten.

Dass Alltagsphilosophen diesen Aspekt der Gewohnheiten betonen, ist philosophiegeschichtlich betrachtet überzufällig. Hatte doch schon Aristoteles die Gewohnheit (hexis) als Kategorie ausgezeichnet, im Mittelalter dann lateinisch als habitus bezeichnet, worauf das englische habit zurückgeht. Insbesondere in den angelsächsischen Philosophien wird häufig die Vereinheitlichung von Ereignissen als habit verstanden, so etwa bei John Stuart Mill, Herbert Spencer und dann auch bei Peirce. Die Ereignisse folgen daher näherungsweise der gleichen Regel, weshalb beim späten Peirce diese Kategorie regularity, Regelmäßigkeit heißt.

Der Alltag der Menschen vollzieht sich mithin in Gewohnheiten. Viele Situationen, die auftreten, bewältigen wir aufgrund der Gewohnheiten selbstverständlich. Wie Fuchs exemplarisch betont hatte, tritt die Reflexion, das bewusste Nachdenken demgegenüber verspätet auf. Wittgenstein betont sogar in seiner Spätphilosophie, dass bestimmte philosophische Scheinprobleme vermieden werden können, wenn man nur auf die alltäglich gewohnten Sprachspiele genau achtet.

Damit haben wir den ersten wichtigen Punkt der Alltagsphilosophie erreicht. Sie orientiert sich an dem, was jedem und jeder erreichbar ist. Zu den im Kern vertrauten Mustern bzw. Gewohnheiten rechnen wir explizit die Argumentationsmuster der Abduktion (Hypothese), Induktion bzw. Deduktion, die sich in Alltagsargumenten genauso finden wie in wissenschaftlichen Argumentationen. Es ist freilich so, dass diese Muster als Gewohnheiten uns häufig nicht bewusst sind. Diese Bewusstheit lässt sich aber erreichen, indem dies geübt wird. Wird diese Bewusstheit erreicht und damit auch ein Bewusstsein der eigenen „Kompetenzen”, nähern wir uns dem Punkt an, den Peirce meinte: „Alle Menschen philosophieren …” In unseren Alltagsgewohnheiten stecken mithin oft unbewusste Potenziale, die wir durch Bewusstheit und Übung steigern können und die uns dann gesteigert zur Verfügung stehen.

Dass dies funktioniert, lässt sich an den diskutierten Scheinproblemen „des Ichs”, aber auch des Übersehens der fundamentalen Rolle der Beziehungen für unser Leben und unsere Orientierung in der Gesellschaft leicht zeigen. Hier werden durch Wissenschaften und Philosophie Scheinprobleme erzeugt, die im Alltag gar nicht auftauchen. Umgekehrt ist vielen Menschen ihre philosophische Kompetenz enteignet, weil sie glauben, die oft schwer verständlichen Scheinprobleme von Wissenschaften und Philosophie nicht erreichen zu können.

Wichtig ist allerdings, sich zu den eigenen Alltagsgewohnheiten zu verhalten und eine Einschätzung zu erreichen, ob diese hilfreich oder eher schädlich bzw. negativ sind. Damit ist eine weitere Stufe erreicht, in der wir fragen, wie wir leben wollen – eine für uns und die Gesellschaft gleichermaßen wichtige Frage. Vielleicht sind unsere Alltagsgewohnheiten völlig hinreichend – und dann ist alles gut. Kommen wir aber zu der Auffassung, dass dies nicht der Fall ist, dann sollten wir diese Gewohnheiten verändern. Dazu ist Kreativität und Übung notwendig, auch das Wagnis Fremdes zu erproben. Dies ist das Thema der nächsten Sitzung.

Für diese Sitzung ist es wichtig, dass Sie sich die für Sie wichtigsten Gewohnheiten bewusst machen, lassen Sie sich dazu ruhig Zeit. Sie können hierzu einfach ein oder zwei gewöhnliche Tage für sich Revue passieren lassen. Schreiben Sie die entdeckten Gewohnheiten vielleicht auf – oder merken Sie sich diese auf andere geeignete Weise. Versuchen Sie diese zu bewerten, ob sie gut für Sie sind oder eher nicht.

11 Zusammenfassung

Gewohnheiten regulieren den Alltag. Alltagsphilosophie knüpft positiv an diesen Sachverhalt an, weil sie unterstellt, dass in diesen Gewohnheiten oft unbewusste Potenziale stecken. Die bewusste Entwicklung dieser Potenziale führt zur Kompetenz, selbstständig Alltagsphilosophie treiben zu können. Auch wenn man – wie Brodbeck – der Meinung ist, die üblichen Alltagsgewohnheiten seien Täuschungen baut man dann doch bessere Gewohnheiten auf, weshalb Brodbecks Skeptizismus nicht gegen die alltagsphilosophische Pointe spricht.


[1] Thomas/Brigitte Görnitz, Der kreative Kosmos, Heidelberg/Berlin 2002, 98.