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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegt die Weisheit verborgen …


30. März 2011

Das freie Spiel des dialogischen Selbstverhältnisses der Person. Der Ansatz von Thomas Fuchs

 

1               Erinnerung an den 28.03. (Vhs Neckargemünd)

Hauptthema war der Text von Wolf Singer: „Verschaltungen legen uns fest: Wir sollten aufhören, von Freiheit zu sprechen“. Ist dieser Text nicht mechanistisch zu interpretieren, spricht Singer doch von „Freiheit“? Wurde seitens des Dozenten Singers Text eine unfaire Interpretation zugemutet? Ist es möglicherweise ein Hinweis auf eine derartige Fehlinterpretation, dass Singer vielleicht gar nicht den Titel selbst gewählt hat? (weiterlesen…)

9. Februar 2011

Die Frage des freien Willens (VHS Neckargemünd, ab 21.02.2011, 19.30 Uhr)

Das Thema soll in der VHS Neckargemünd gründlich ausdiskutiert werden (noch vier Plätze frei!).

In der jüngeren, insbesondere durch Gehirnforscher wie Wolf Singer u. a. ist dieses Thema, das mehrere Tausend Jahre kontrovers disktutiert wird, neu aufgenommen – und negativ beantwortet worden. Nun seien es die neuronalen Netzwerke im Gehirn, welche die Rede vom „freien Willen“ als absurd erscheinen ließen. Wir schauen uns die Debatte seit Aristoteles an. Da in der letzten Sitzung des letzten Kurses eine wohl von den Verkehrsbetrieben in Heidelberg und Umgebung unbewältigbare Situation entstanden war, widmen wir uns am 21.04. noch einmal dem letzten Kapitel von Karl-Heinz Brodbecks „Die Herrschaft des Geldes“. (weiterlesen…)

2. Februar 2011

Mt 6,19-24 (TUD)

Der Text gehört zu den wichtigsten Texten des NT. Er kann nur zusammen mit dem folgenden Text 6,25ff verstanden werden. Dies geschieht am 08.02. Weil die Pointe von 6,19-24 gilt, soll man sich nicht sorgen. Die beiden restlichen Texte (Mt 5,38-42; Apostelgeschichte 2,37-44) werden am Samstag, dem 12.02. ab 10 Uhr in Raum S1/02/330 besprochen, dazu der Text von Brodbeck).

In der Sitzung besprachen wir vom Text vor allem die religionsgeschichtliche Pointe, die Seh- bzw. Lichtproblematik und die Frage des sogenannten „Mammons“. Es könnte hier sein, dass dieses wohl aramäische Wort einfach nur „Besitz, Vermögen“ bedeutet. Es bleibt aber weiter erwägenswert, ob es sich nicht um den Namen einer phönizischen oder kanaanäischen Gottheit handelt. Denn gemeint ist offenbar die Akzeptanz einer anderen Gottheit als den einen und einzigen Gott. Entscheidend ist, dass der „Mammon“ als eine Macht verstanden wird, an die man sein Herz hängen kann (vgl. jedenfalls auch Luk 6,9-13, wo es um den sogenannten „ungerechten“ Mammon geht).

M. E. ist es wichtig, das Relationenkonzept zu verstehen, das der „Bergpredigt“ hier zugrunde liegt. Bildlich dargestellt sieht es wohl so aus:

Der orangene Hintergrund symbolisiert die Schöpfung, an der man seit Weisheit Salomos 13 Gott erkennen kann, zumindest hypothetisch-abduktiv. Dies wird existenziell-praktisch zu bewähren versucht. (weiterlesen…)

8. Dezember 2010

Die Frau, welche 12 Jahre Blutfluss hatte (Mk 5,24ff)

Katakombenbild

Kann man eine Evangelienerzählung wie diejenige des Mkev von der Frau, die Blutfluss hatte, als bildlich bezeichnen? Handelt es sich nicht einfach um eine „historische Erzählung“, die exemplarisch darlegen möchte, welche „übernatürlichen“ Kräfte Jesus als göttliches Wesen hatte?

Gemessen am Theißenschen Modell von Wundererzählungen ist die Erzählung leicht unregelmäßig. Die Wunderhandlung geht faktisch von der Frau aus. Der folgende Dialog mit den Schülern irritiert, die Furcht der Frau erscheint schwer verständlich. Schließlich wird durch Jesus festgelegt: „Dein Vertrauen hat Dich gerettet, Tochter!“ Die feministische Exegese hat mit Recht die zentrale narrative Funktion der Frau betont – und sich weitgehend an der markinischen Variante der Erzählung orientiert, weil diese ein typisches Frauenleiden darzustellen scheint. Denn mit der „Quelle ihres Blutes“ scheint auf Lev 12 und 15LXX angespielt zu sein, mithin auf die Gebärmutter, sodass man von einem zwölf Jahre dauernden Menstruationsfluss sprechen könnte. (weiterlesen…)

23. Juli 2010

Wissenschaftstheorie II

Die zweite Sitzung befasst sich mit der pragmatistischen Position. Dazu sind einige einleitende Bemerkungen nötig. Ich beginne daher mit einleitenden und abgrenzenden Bemerkungen zur neukantianischen und positivistischen Position (1). Als zweiten Punkt erörtere ich die Zeichenhaftigkeit der Erkenntnis und die daraus folgenden Konsequenzen (2). Peirce, Dewey und andere haben in der jüngeren Zeit entsprechend den Fallibilismus in den Wissenschaften begründet, der gelegentlich mit Poppers Falsifikationismus verwechselt wird (3).

Der Pragmatismus setzt keine statische Wirklichkeit voraus, daher setzt er auf Demokratie und in diesem Kontext wurde entsprechend die wichtigste nachklassische Erziehungstheorie entwickelt. Auch für eine erfolgreiche Wissenschaft als gesellschaftliches Subsystem ist diese Erziehung ausschlaggebend. Auf diesen Punkt gehe ich hier nicht gesondert ein, sondern verweise auf meine ausführliche Darstellung.

1               Hinführung und Abgrenzung

Der Pragmatismus ist mit einigen Aufsätzen auch in die wissenschaftstheoretische Diskussion eingetreten, die Charles Sanders Peirce seit 1868 in der Zeitschrift The Journal of Speculative Philosophy veröffentlicht hat, darunter auch der berühmte Aufsatz How to Make Our Ideas Clear (1878), am leichtesten erreichbar in: The Essential Peirce I, 1992, 142ff; eine einigermaßen passable Übersetzung findet sich in Apel, Peirce. Schriften zum Pragmatismus usf. (1991; stw 945), 182ff. Der philosophische Ansatz der ursprünglichen Pragmatisten Peirce, James, Dewey schätzt die Bedeutung der Wissenschaften hoch ein, daher gebührt ihnen auch philosophische Aufmerkamkeit. Aber bei den drei ersten bedeutenden Pragmatisten gibt es auch alltagsphilosophische, kulturphilosophische, soziologische, politische, religionsphilosophische und sogar psychologische Reflexionen. Peirce ist als Einzelwissenschaftler Logiker gewesen, er hat die moderne Relationenlogik mit entwickelt, außerdem war er einer der Begründer der Semiotik. William James gilt mit Recht als einer der Begründer der empirischen Psychologie. John Dewey ist nach meinem Urteil der bedeutendste nachklassische Pädagoge. Die Pragmatisten vertreten z. T. sehr unterschiedliche Positionen, aber sie eint dennoch eine Grundüberzeugung, die Dewey so zusammenfasst:

„Sofern sich jemand schon auf die Überzeugung verpflichtet hat, dass die Realität sauber und abschließend in einem Paket mit einem Band verpackt ist, das nicht mehr aufgeschnürt werden kann, es mithin keine unvollendeten Themen oder neue Abenteuer gibt, wird er der Auffassung widersprechen, dass Wissen eine Differenz erzeugt, wie man auch sonst jedem unverschämten aufdringlichen Menschen widerspricht. Doch sofern man davon überzeugt ist, dass sich die Welt selbst im Übergangsprozess befindet, warum sollte dann die Überzeugung, dass das Wissen der bedeutendste Modus ihrer Modifikation und das einzige Organ ihrer Leitung sei, a priori schädlich sein? (Does Reality Possess a Practical Character?, The Essential Dewey I, 124ff, 125).

Dies besagt im Kontext dieses grundlegenden Aufsatzes mindestens dreierlei:

(1)  Die Realität sei nicht nur praktisch erschließbar, das scheint aufgrund der experimentellen Praxis der Naturwissenschaften seit dem 17. Jahrhundert unabweisbar. Das wäre ein bloßer truism, eine bloße Binsenwahrheit. Die Pragmatisten vertreten aber darüber hinaus:

(2)  Die Realität steht den handelnden Menschen, auch den experimentierenden Wissenschaftler/innen nicht statisch gegenüber, sondern sie wird sowohl durch das Experiment als auch durch die darauf folgende Praxis verändert. Insofern befindet sich die Realität in einem durch menschliches wissenschaftliches Erkennen mitbestimmten Veränderungsprozess. Auch dies war im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts aufgrund der ökonomisch-technischen Umsetzung physikalischer und chemischer Erkenntnisse unabweisbar.

(3)  Darüber hinaus war allen klassischen Pragmatisten klar, dass auch die Folgen der Handlungen in der Wissenschaft in die Erfassung wissenschaftlicher Handlungen eingehen müssen. Auch bei heutigen Pragmatisten wie Putnam, Habermas, Hampe und Pape wird genau dies betont – und das ist angesichts des katastrophalen Scheiterns des wissenschaftlich-ökonomisch-technischen Projektes an der Klimaveränderung überaus aktuell.

So hatte Peirce als erster diesen Punkt in seiner „Pragmatischen Maxime“ ausdrücklich festgehalten:

“Bedenken Sie, welche Wirkungen, die denkbarerweise praktische Relevanz haben könnten, wir dem Gegenstand unserer Konzeption zuschreiben. Folglich besteht die Konzeption dieser Wirkungen aus dem Ganzen unserer Konzeption des Gegenstands!”

(Charles Peirce, How to make our ideas clear, 1878)

Für die Pragmatisten geht es also keineswegs nur wissenschaftlich darum, wie etwas ist, sondern auch darum, wie es sein wird, wie also die wissenschaftliche Erkenntnis etwas verändert, indem sie die Realität verändert, mithin eine Differenz erzeugt, die praktisch wirksam ist – gute, aber auch schlechte Folgen haben kann. Dies alles geht in einen verantwortlichen wissenschaftlichen Akt ein, Dewey hat mit Recht in seiner grundlegenden Darstellung der ursprünglichen pragmatistischen Positionen betont, dass Peirce gerade den Universalitätsaspekt in seiner ursprünglichen Bestimmung des Pragmatismus gemeint hat (The Development of American Pragmatism, The Essential Dewey I, 3ff, 4 u. ö.). Und dies besagt, dass die pragmatistische Wissenschaftskonzeption stets in ein ethisches Konzept eingebettet ist.

Pragmatist/inn/en sind also Ethiker/innen, die alle Zusammenhänge eines wissenschaftlich zu erfassenden Sachverhalts einbeziehen. Damit waren sie damals nicht unumstritten, denn dies besagt u. a. auch, dass wissenschaftliche Aussagen nicht „wertneutral“ sind.

Eine „Uebereinstimmung [sc. der Herausgeber des ‘Archivs für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik’] besteht … bezüglich der Schätzung des Wertes theoretischer Erkenntnis unter ‘einseitigen’ Gesichtspunkten, sowie bezüglich der Forderung der Bildung scharfer Begriffe und der strengen Scheidung von Erfahrungswissen und Werturteil, wie sie hier … vertreten wird“  (Max Weber, Die „Objektivität“ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis, in: Ders., Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, hg. v. J. Winckelmann, 71988 (UTB 1495), 146-214 ).

Die Quellen der folgenden beiden Zitate Karl Poppers sind verlinkt:

„Aus der Feststellung einer Tatsache lässt sich niemals ein Satz herleiten, der eine Norm, eine Entscheidung oder einen Vorschlag für ein bestimmtes Vorgehen ausspricht.“[4]:77

 

„Alle Diskussionen über die Definition des Guten oder die Möglichkeit es zu definieren, sind völlig unnütz.“[4]:294

Anders als Weber und auch als Popper meint Peirce demgegenüber:

„Ethik ist die Theorie des selbstkontrollierten Handelns und Überlegens. Logik ist die Theorie selbstkontrollierten oder überlegten Denkens und muss sich als solche in ihren Prinzipien auf die Ethik stützen.“ (Phänomen und Logik der Zeichen, 21993 [stw 425]), 41f)

Dadurch kann sich jede/r sein/ihr eigenes Bild über die völlige Eigenständigkeit der pragmatistischen Ansatzes bilden. Es dürfte auch bei einer aufmerksamen Lektüre der Behauptungen Webers und Poppers klar werden, warum Peirce, James und Dewey sich nicht davon überzeugen ließen, dass wissenschaftliches Handeln wertneutral sei.

2               Semiotik und Erkenntnis

Es war das von allen anderen auch anerkannte Verdienst Peirce’ bestimmte Grundlagen logisch-semiotischer Art gelegt zu haben, die manchmal nicht direkt zitiert werden, aber noch bis zu Deweys Theory of Inquiry (1938 [vgl. wichtige Auszüge in: The Essential Dewey II]), die akzeptierte Grundlage bildeten. Dewey hatte bei Peirce Logik gehört – und das macht sich auf jeden Fall bemerkbar.

Grafik 1: Genuin Triadische Bezeichnungsrelation, keines der drei Relata der Bezeichnungsrelation Zeichen, Objekt und Interpretant darf fehlen, alle sind stets durch die genuin triadische Bezeichnungsrelation verbunden, der Interpretant ist stets eine reflexive Interpretation eines schon vorhanden Interpretationsprozesses.

Dass Erkennen und wissenschaftliches Erkennen Zeichenprozesse sind, ist eigentlich auch ein truism, aber leider wird dieser häufig nicht beachtet. Noch heute meint man, eine wissenschaftliche Behauptung sei eine Vorstellung, ein mentales Urteil, möglicherweise handelt es sich sogar um – bislang unbeobachtbare – Gehirnprozesse. Davon kann kaum eine Rede sein, wissenschaftliche Behauptungen werden öffentlich gemacht, öffentlich diskutiert usf. Mithin sind sie Zeichenprozesse. Die Pointe Peirce’ besteht in zwei wesentlichen Punkten:

(1)  Der wissenschaftliche Prozess ist als Erkennen mit dem Objekt in einer genuin triadischen Relation relational verbunden, die sinnliche Wahrnehmung des „Objekts“ im „Zeichen“ wird im „Interpretanten“ dargestellt. Da der Interpretant selbstreflexiv darstellt, ist auch unterstellt, dass schon die sinnliche Wahrnehmung im Zeichen auf einen solchen triadischen Prozess zurückgeht, mithin: Sofern sinnliche Wahrnehmung selbst ein Zeichenprozess ist, sind die angeblichen Sinnesdaten als absoluter Ausgangspunkt wissenschaftlicher Erkenntnis, wie dies die Positivisten unterstellten, Teile eines unendlichen Zeichenprozesses, ein Punkt, den besonders Bertrand Russell als überaus bedrohlich empfand; vgl. die Auseinandersetzung zwischen Russell und Dewey in: The Essential Dewey II, 201ff; 408ff; mit ausführlichen und fairen Russellzitaten, in denen Russell auf der Machschen Position beharrt.) Dewey hat später mit Recht betont, dass die Ideen von Peirce mit denen von Whitehead besonders verwandt seien, weil beide auf unterschiedliche Weise, den falschen Gemeinplatz infragegestellt hätten, es gäbe so etwas wie eine Subjekt-Objekt-Spaltung usf. bzw. eine faktisch sichere Ausgangsbasis in Sinnesdaten. Auch Sinnesdaten beruhen auf einem Interpretationsprozess, so Peirce, mithin müssen viele solche Interpretationen miteinander verglichen werden. Folglich ist anders als Popper meinte, nicht nur die Induktion problematisch, wie also die Sinnesdaten zu einer Theorie zusammengefügt werden, schon die sinnliche Erfahrung stellt eine prinzipiell fallible Interpretation dar.

(2)  Für alle Pragmatisten bis hin zu Habermas heißt das dann, dass der Wissenschaftsprozess zukunftsoffen ist, er hat als Ziel mithin die Zustimmung aller derjenigen, die sich wissenschaftlich kompetent engagieren. Bzw. man kann zurückhaltender sagen, dass er dieses Ziel  haben können muss, wenn man gründlich nachdenkt. Dies heißt dann aber auch, dass man im Sinne der „Pragmatischen Maxime“ Peirce’ stets die Konsequenzen des eigenen wissenschaftlichen Handelns mitbedenken muss, Ethikkomissionen werden heute additiv sozusagen standardmäßig aufgebaut. Für Dewey bedeutete dies, dass die Zahl derjenigen, die wissenschaftlich kompetent sind, durch geeignete demokratische Erziehung möglichst weit gefasst werden muss; vgl. dazu meine Darstellung. Anders als in der spätpositivistischen oder neopositivistischen Position Poppers liegt also kein prinzipieller Erkenntniszweifel vor. Stattdessen besteht die Erwartung, dass die Wissenschaften vor dem Hintergrund einer breiten Kompetenz in der Bevölkerung ihre hochkomplexen und universal angesetzten Aufgaben einigermaßen lösen und dabei die Realität zugunsten sittlicher Ziele verändern könnten. Es sind hier also keineswegs die wissenschaftlichen Expert/inn/en gefragt, sondern die ursprüngliche pragmatistische Idee besteht darin, dass es zu einer Demokratie gehört, dass das Wissenschaftssystem möglichst viele Menschen durch Allgemeinbildung und in die Tiefe gehende unendliche Bildungsbemühungen beteiligt. Dies ist besonders eindrücklich von Dewey bedacht worden, der auch die entsprechenden sozialen Voraussetzungen immer deutlicher erkannte, z. B. einen Sozialstaat, der deutlich über gewöhnliche „amerikanische Verhältnisse“ hinausgeht; vgl. „Democracy is Radical“, in: The Essential Dewey I, 337ff, aber Dewey zufolge sehr wohl in den klassischen Dokumenten der amerikanischen Revolution und Demokratie angelegt sei.

Interessant ist, dass der schon im ersten Beitrag erwähnte Johann Jakob von Uexküll prinzipiell den Ansatz von Peirce und Dewey, dass also „Realität“ im dargestellten Sinne unter Zeichenverwendung „praktisch“ sei, auch bei den lebenden Wesen ab dem Einzeller unterstellt:

Grafik 2: Quelle: Thure von Uexküll u. a., Psychosomatische Medizin, 2008, 9.

Das „Merken“ führt zum „Wirken“, wodurch die Realität, die wahrgenommen wurde, verändert wird. Dies geht Uexküll zufolge nur durch eine entsprechende Interpretation, die u. a. am eigenen Bedürfnis orientiert ist.

Zwischen den Pragmatisten und von Uexküll scheint keine wechselseitige oder auch nur einseitige Wahrnehmung zustandegekommen zu sein.

3               Fallibilismus

Wer die Realität als in einem ständigen Übergangsprozess begriffen sieht, kann die Rolle der Wissenschaften ganz gelassen als soziale Systeme mit Fallibilismus als wesentlichem methodischem Aspekt und dauernder selbstkritischer Besinnung bestimmen. Der entsprechende Wikipediaartikel hat das unbestreitbare Verdienst, die Sache nicht ganz auf Poppers Niveau herunterzubeamen. M. E. ist Poppers Falsifikationismus kein Fallibilismus im Sinne von Peirce und Dewey, dass dies dennoch oft als Fallibilismus bezeichnet wird, ist ein bedauerlicher Mangel, aber so etwas kommt in der Wissenschafts- und Philosophiegeschichte nicht sehr selten vor. Der Fallibilismus ist aufgrund der Grundidee der Pragmatisten wissenschaftlich zwingend, weil schon die Sinnesdaten Teile der dynamischen genuin triadischen Bezeichnungsrelation sind, ganz zu schweigen von allen weiteren abduktiven, induktiven oder gelegentlich auch deduktiven Interpretationen größeren Ausmaßes. Weiter ist den Pragmatisten zufolge die Bedeutung einer wissenschaftlichen Behauptung oder Theorie auf die Zukunft ausgelegt, mithin können im Verlauf ihrer Weiterinterpretation ständig Veränderungen auftreten – und wie die Wissenschaftsgeschichte zeigt, ist dies auch der Fall. Jede Induktion muss sich in der Zukunft bewähren – und das gilt auch und gerade für die Naturgesetze, die manche für recht gut erkannt halten. Allerdings zeigt die Geschichte der Wissenschaften auch, dass bestimmte Einsichten wissenschaftlicher Art sich bewährt haben. Das ist deshalb der Fall, weil wir unsere Behauptungen und Theorien in entsprechenden Praxissituationen stets überprüfen und verbessern können, das setzt mit Dewey eben eine sehr verbreitete wissenschaftliche Kompetenz in einer möglichst breiten Öffentlichkeit voraus. Popper ist gegen diese Auffassung relativ massiv vorgegangen und hat entsprechende Politikberatung bei Helmut Schmidt u. a. betrieben. Das war vor allem in der Frage der Klimakatastrophe fatal – auch das an sich ganz intelligente Menschen wie Helmut Schmidt sich von Poppers Aura täuschen ließen, anstatt dessen Behauptungen kritisch zu hinterfragen. Auch die Deutsche Bahn hat das Problem noch nicht ganz verstanden gehabt, wie sich in den letzten drei Wochen offenbart hat. Daher lässt sich inzwischen an diesem Beispiel eigentlich ganz leicht sehen, dass der Falsifikationismus Poppers mit dem Fallibilismus von Peirce und Dewey schwerlich mithalten kann. Popper hat die ökologischen Behauptungen und Theorien nur als zu falsifizierende Theorien betrachtet, dabei waren die Ansichten von Alfred Russel Wallace im Kern richtig. Sie müssen wie jede Theorie natürlich angepasst werden. Aber die Idee des Erkenntniszweifels, die hinter Poppers Theorie liegt, scheint eher zweifelhaft, wie die Entwicklung zeigt.

1. Mai 2010

Die unbeabsichtigten Rückkopplungsprozesse und die magische Geldquelle des Wirtschaftssystems

Alfred Russel Wallace (1823-1913)


Im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts wurde allgemeiner bewusst:

(1)   Die wirtschaftlichen Erfolge beruhen auf der technisch-wirtschaftlichen Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse, insbesondere der Physik und Chemie.

(2)   Zugleich war klar, dass wissenschaftliche Erkenntnisse auf einer z. T. experimentellen Praxis beruhen, mithin Formen des Handelns sind. Wie alle Formen des Handelns müssen auch die wirtschaftlich umgesetzten wissenschaftlichen Erkenntnisse auf ihre möglichen Folgen bedacht werden, Peirce zufolge gilt dies natürlich schon bei der Reflexion der wissenschaftlichen Erkenntnisse selbst.

„Bedenken Sie, welche Wirkungen, die denkbarerweise praktische Relevanz haben könnten, wir dem Gegenstand unserer Konzeption zuschreiben. Folglich besteht die Konzeption dieser Wirkungen aus dem Ganzen unserer Konzeption des Gegenstands!“

(Charles Peirce, How to make our ideas clear, 1878)

(3)   In der Biologie wurde deutlicher, dass Organismen stets auf ihre Umwelt bezogen sind, eine anständige Bestimmung eines Organismus muss sein Verhältnis zur Umwelt genau erfassen.

(4)   Die Wirklichkeit ist insgesamt als Prozess zu verstehen, keineswegs als eine relativ stabile Ansammlung von Gegenständen, Dingen usf. Neben den Prozesscharakter der Wirklichkeit tritt daher immer stärker die Betonung von Beziehungen von Ereignissen, Dingen und Gegenständen, mithin die Kategorie der Relation. Entsprechend waren mathematisch-logisch in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts Wahrscheinlichkeitstheorie und Relationenlogik entstanden.

(5)   Man erkannte, dass der Organismus „Mensch“ mithilfe wissenschaftlicher Erkenntnisse seine Umwelt veränderte.

(6)   Und man erkannte, dass es hier Rückkopplungsprozesse geben könne. Diese zeigten sich einerseits bei Arbeitsunfällen, andererseits aber deutlich daran, dass die Luft beispielsweise in großen Städten wie London gesundheitsschädlich, keineswegs nur unangenehm war.

(7)   Alfred Russel Wallace zählte eigentlich nur zwei und zwei zusammen, wendete also die „Grundrechenarten“ (Angela Merkel) an, als er als mögliche Folge der Industrialisierung aufgrund des erhöhten Kohlendioxidstoßes eine menschlich miterzeugte Erwärmung des Klimas ernsthaft in Betracht zog.

„Der große Luftozean, der uns umgibt, hat die wunderbare Eigenschaft, die Wärmestrahlen der Sonne durchzulassen, ohne selbst von ihnen erwärmt zu werden; aber wenn die Erde aufgeheizt wird, erwärmt sich auch die Luft durch den Kontakt mit ihr und auch in erheblichem Maß durch die Hitze, die die warme Erde abstrahlt, denn reine, trockene Luft lässt die dunklen Wärmestrahlen zwar ungehindert passieren, aber der Wasserdampf und die Kohlensäure [CO2] in der Luft fangen sie ein und absorbieren sie.“ (Des Menschen Stellung im Weltall, 1903)

Wallace war eine der interessantesten intellektuellen Figuren der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, weil er wie etwa Peirce sich nicht mit dem naiven Materialismus der Zeitgenossen zufriedengab. Selbst Mitentdecker der biologischen Evolutionstheorie bestritt er im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, dass Mathematik, Kunst, Musik usf. durch die natural selection erklärt werden könnten, worauf noch die Erfindung der „Meme“ durch Richard Dawkins reagiert. Er wandte sich wie eine Reihe von Intellektuellen spiritualistischen bzw. auch spiritistischen Experimenten und Denkweisen zu, weil er – in der Tradition der Romantik – die schlichte Kombination von Materialismus und Mechanismus, wie sie uns auch in manchen Wirtschaftstheorien begegnet ist, unbefriedigend fand. Obwohl er Darwin persönlich schätzte, lehnte er die in seiner Theorie enthaltenen sozialdarwinistischen Pointen ab, ebenso die Tendenz zur Eugenik, die ebenfalls in diesem Kontext entstand. Sozial und politisch war er eher demokratischer Sozialist. Vor allem aber zeigten seine eigenen Forschungen:

„In Tropical Nature and Other Essays (1878) warnte er vor den Gefahren der Abholzung und Erosion des Bodens, besonders in tropischen Gebieten mit großen Niederschlagsmengen. Nachdem er auf die komplexen Interaktionen zwischen Vegetation und Klima aufmerksam geworden war, warnte er, dass die übermäßige Abholzung des Regenwaldes für den Kaffee-Anbau in Ceylon und Indien das Klima dieser Länder ungünstig beeinflussen könnte und später zu ihrer Verarmung führen würde, weil die Erosion des Bodens den weiteren Anbau unmöglich machen würde.[2] In seinem Buch Island Life griff Wallace erneut das Thema der Abholzung auf und beschrieb den Effekt von Neobiota, also von invasiven Arten, die durch den Menschen in fragile Ökosysteme eingeschleppt werden.“ (Art. Wikipedia zu Alfred Russel Wallace)

Die spiritualistische Neigung, die Wallace öffentlich verteidigte, war die Angriffsfläche, um seine ökologischen Positionen madig zu machen. Wie sich aber zeigt, hatte er weithin recht. Peirce’ Position besagt, dass die reale Möglichkeit solcher Folgen in das praktische Handeln eingehen muss, Wallace setzte sich beispielsweise für eine bessere Landverteilung ein, mithin übersah er das soziale Problem keineswegs. Die sozialökologische Position von Wallace besagt mithin, dass der Mensch nur dann ethisch reflektiert seine Stellung im Universum findet, wenn er sozialverträglich mit seinesgleichen und mit seiner natürlichen Umwelt lebt. Den Zynismus der darwinschen Theorie lehnte er mithin ab. Die ökonomische Ausbeutung der Erde, wie sie etwa im „Kommunistischen Manifest“ gefordert wird, hielt er entsprechend für naiv, weil auf mittlere und lange Sicht soziales Unheil daraus folge. Auf manche Diskussionen im Kurs bezogen, ist zu sagen, dass dieser Ökologe in keiner Weise eine Randfigur des gesellschaftlichen Diskurses war, sondern eher eine umstrittene Persönlichkeit. Man konnte seine Texte in den USA, Großbritannien und Deutschland lesen. Aber man verweigerte sich seiner Botschaft und lenkte auf Nebenthemen ab.

Hans Christoph Binswanger (*1929)

Binswanger ist wohl der erste bedeutende Ökonom, der auf die ökologische Problematik des wirtschaftlichen menschlichen Handelns wissenschaftlich einging. Ebenso verweigerte er den üblichen Geldtheorien seiner Zunft den Glauben, sondern entwickelte sehr eigenständige Ansichten, die u. a. auf der Romantik und insbesondere Goethe beruhen. Wie Brodbeck glaubt er, dass bestimmte Sachverhalte, die ökonomisch grundlegend sind, zuletzt von Aristoteles in der „Politik“ geäußert worden sind. Binswanger ist ein freundlicher, älterer Herr, der freilich geistig ganz unabhängig ist und dem intellektuellen Geröll seiner Zunftgenossen mit einer bewundernswerten ironischen Unbeugsamkeit gegenübersteht, wie ich auf einer Tagung in Bad Boll zum Zinsthema im Frühjahr 2008 erleben durfte. Er hat in den 1970er Jahren erkannt, dass sowohl die liberalen als auch die marxistischen Wirtschaftstheorien schon deshalb falsch sind, weil sie die u. a. von Wallace herausgefundenen natürlichen Rückkopplungsprozesse des wirtschaftlichen Handelns souverän missachten. In der sogenannten „Finanzkrise“ konnte er nochmals nachweisen, dass die offiziellen ökonomischen Geldtheorien nicht richtig sind, vielleicht bleibt manches von Keynes bestehen. Beide Theorieelemente – ökologisches Wirtschaften und Geldtheorie – hängen im Wachstumsthema zusammen. Binswanger versucht also – pointiert formuliert – zu erklären, warum die Wirtschaft stets wachsen soll bzw. wächst, zugleich aber auch die Grundlagen menschlichen Lebens zerstört. Binswanger geht mithin der Unheimlichkeit unseres eigenen Handelns nach, das wir alltäglich mehr oder weniger akzeptieren, es aber ethisch eigentlich nicht akzeptieren dürften. Da er nach St. Gallen berufen wurde, entwickelte sich an dieser ursprünglichen Handelshochschule eine bedeutende Wirschaftsuniversität, in der ernsthaft über Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt nachgedacht und geforscht wird. Binswangers Arbeiten haben u. a. das „St. Galler-Modell“ beeinflusst.

Binswanger ist ein Mann der ruhig geäußerten deutlichen Worte:

„Die Frage ist also nicht, ob es zu einer neuen Blase kommt, sondern nur, wo und wie?

Das kann ich nicht genau sagen, dazu fehlt mir die Fantasie. Mir wären ja auch nicht die strukturierten Kreditverbriefungen eingefallen, die die jetzige Krise mitverursacht haben. Aber ganz sicher ist, dass eine der nächsten Blasen wieder bei den Rohstoffen und Nahrungsmitteln auftreten wird. Die Internationale Energieagentur hat kürzlich prognostiziert, dass der Ölpreis auf 200 Dollar pro Barrel steigen wird. Ein solcher Trend nach oben muss die Spekulation anreizen.“

taz vom 03.12.2008

Die „Finanzkrise“ ist also Binswanger zufolge kein Zufall, sondern liegt in der ökonomischen Logik des Geldes und entsprechender gewöhnlicher Handlungsweisen. Wie man an der Spekulation gegen Griechenland zurzeit sieht, liegt er damit richtig, denn die Ratingagentur „Standard & Poors“, die schon in der „Finanzkrise“ negativ tätig war, hat die Kreditwürdigkeit von Griechenland, Portugal und Spanien heruntergestuft, was die EU veranlasst, Griechenland mit dem Internationalen Währungsfond finanziell zu helfen, damit dieses Land überhaupt noch seine Schulden bei spekulativ steigendem Zinssatz zurückzahlen kann.

Binswanger hat mit „Geld und Magie“ 1985 eine interessante Faustinterpretation aus ökonomisch-philosophischer Perspektive in einem Buch vorgelegt, dass nicht zufällig 2009 eine dritte Auflage erlebt hat. In diesem Buch sind die ökologische und die geldtheoretische Perspektive miteinander verbunden, es geht um die Klärung der Frage: Worin besteht der ökonomische Grund des Wachstums, das zugleich selbstzerstörerische Folgen zeitigt?

„Wenn wir den Faust aufmerksam lesen, dann kann es keinen Zweifel geben, dass Goethe der modernen Wirtschaft einen … alchemistischen Kerngehalt diagnostiziert. Dieser ist es, der der Wirtschaft heute ihre ungeheure Anziehungskraft verleiht, sodass sie allmählich alle Lebensbereiche in ihren Sog zieht. Es geht um die Möglichkeit eines kontinuierlichen Wachstums der Produktion ohne eine entsprechende Erhöhung des Leistungsaufwands.“ (23)

Das besagt nach Binswanger, das poetische Interieur des „Faust II“ enthalte – in dem allerlei merkwürdige Figuren der Esoterik und Hermetik auftreten, auch der Teufel als Mephistopheles – Goethes zu Lebzeiten nicht veröffentlichte Gesellschaftsdiagnose:

„Heute wird die Alchemie als Aberglaube abgetan. Es heißt, dass sich seit dem Aufkommen der modernen Wissenschaften die Geldmacherei endgültig als Phantasmagorie erwiesen habe und daher niemand mehr sinnlos seine Zeit mit solchen abstrusen Vorhaben vergeuden wolle. Ich behaupte etwas anderes: Die Versuche zur Herstellung des künstlichen Goldes wurden nicht deswegen aufgegeben, weil sie nichts taugten, sondern weil sich die Alchemie in anderer Form als so erfolgreich erwiesen hat, dass die mühsame Goldmacherei im Laboratorium gar nicht mehr nötig war. … Wir können den Wirtschaftsprozess als Alchemie deuten, wenn man zu wertvollem Geld kommen kann, ohne es vorher durch eine entsprechende Anstrengung verdient zu haben, wenn also eine echte Wertschöpfung möglich ist, die das Gesetz der Erhaltung von Energie und Masse außer Kraft setzt, die ein ständiges Wachstum der Wirtschaft möglich macht, das an keine Begrenzung gebunden ist, das schnell und immer schneller vor sich geht und in diesem Sinne Zauberei oder Magie ist.“ (1985, 22f)

Im „Faust II“ tritt Faust als schöpferischer Unternehmer auf, der finanzpolitisch agiert, indem er das Papiergeld einführt, aber vor allem mithilfe moderner Technik Land gewinnen will. Mephistopheles stellt aber die (selbst-)zerstörerische Pointe dieses Vorgehens dar:

„Faust:

Da rase draußen Flut bis an den Rand,

und wie sie nascht, gewaltsam einzuschließen,

Gemeindrang eilt, die Lücke zu verschließen. [...]

Mephistophes (für sich):

Du bist doch nur für uns bemüht

Mit deinen Dämmen, deinen Buhnen;

Denn du bereitest schon Neptunen,

Dem Wasserteufel, großen Schmaus.

In jeder Art seid ihr verloren;

Die Elemente sind mit uns verschworen,

Und auf Vernichtung läuft’s hinaus.“

Binswanger kommentiert das folgendermaßen:

„Wer denkt hier nicht unwillkürlich an die Auseinandersetzung über die Atomenergie …, von der die heutigen Jünger Fausts sagen, dass für alle denkbaren Unfälle Sicherheitsvorkehrungen geschaffen und alle Gefahren gebannt werden können, während die Gegner glauben, die Worte des Mephistopheles zu hören?“ (63)

Binswanger zufolge hat die poetische Darstellung Goethes tatsächlich bestimmte Kernelemente der modernen Wirtschaft und ihrer selbstzerstörerischen Aspekte erfasst. Ihm zufolge sieht das Wirtschaftssystem, seine Elemente und Relationen (wie in Grafik 7 dargestellt) aus:

Grafik sieben des Kurses

Grafik sieben des Kurses

Grafik 7 des Kurses (Binswanger, Vorwärts zur Bescheidenheit, 2009, 20)

Das Bild stellt eine stets wachsende Spirale dar, die Wachstumsspirale. Das Wirtschaftssystem besteht aus drei Größen bzw. Elementen:

  • Bankensystem [B];
  • Unternehmen [U];
  • Haushalte [H].

Das Bankensystem (Zentralbank, Geschäftsbanken) steht als „alchemistische“ Geldschöpfungsquelle im Zentrum des Systems. Neben das Papiergeld treten als Beziehungen bzw. Relationen im System nun aber vor allem Sichteinlagen („Bankgeld“), die sich leicht vermehren lassen. Das System ist als prinzipiell dynamisch gedacht, es wird von der Natur als Ressource gespeist, die Steigerungstendenzen werden durch die menschliche Imagination, Fantasie usf. geleistet. Binswanger hält fest, dass es Rückwirkungen auf die Natur seitens der Unternehmen und der Haushalte gibt. Konsumgüter und Arbeits- wie Produktionsleistungen runden das Bild ab, das allerdings keinen Kreis, sondern eine Spirale darstellt. Der magische Aspekt, der dies zusammen mit kostengünstiger Naturvernutzung und Imagination leistet, ist die Geldschöpfung im Bankensystem, die nicht zuletzt über Sichteinlagen bzw. das „Bankgeld“ läuft.

Binswanger selbst kommentiert seine Grafik so:

„Die Ausweitung des Kreislaufs zur Spirale wird ermöglicht durch die Entnahme von Ressourcen aus der Natur (bei gleichzeitiger Abgabe von Abfällen und Emissionen an die Natur), durch die Imagination des Menschen, der neue Produkte und Verfahren erfindet, sowie durch die Geldschöpfung auf dem Kreditweg (dicke Pfeile)“ (2009, 20).

Binswanger zufolge verhält es sich nicht so, dass die Banken bloß die Spareinlagen von Haushalten und Unternehmen wieder an kreative Unternehmer/innen weitergeben. Stattdessen nimmt jede Geschäftsbank für einen Kredit an Haushalte und Unternehmen einen Kredit bei der Zentralbank auf. Dieser ist durch eine Kreditverbriefung des gewährten Kredits „gesichert“ – schon lange nicht mehr durch „Gold“. Mithin befindet sich die in der sogenannten „Finanzkrise“ sicher gesteigerte Methode der „Kreditverbriefung“ im Zentrum des Bankensystems, es geht hier also keineswegs um die ungeheure „Gier“ der Banker/innen, sondern nur um eine Methode, die in allen kapitalistischen Staaten genauso angewendet wird.

Weiter hält Binswanger entsprechend das Kreislaufdenken bzw. die Idee, dass rechnerisch immer ein Gleichgewicht von Gewinnen und Verlusten bestehe, in Wachstumswirtschaften für empirisch falsch, auch wenn die Liberalen und Neoliberalen so gerne vom „Gleichgewicht“ als Prinzip der Wirtschaft reden, hier ist er mit Kondratjew und Keynes einig. Der nötige Geldzufluss für das Wachstum kommt aus dem Bankensystem.

An sich hätte mit Anwendung der „Grundrechenarten“ die heute so sprichwörtliche „württembergische Hausfrau“ selbst darauf kommen können:

Damit die Verwandlung der Geldschöpfung in reale Wertschöpfung gelingt, müssen die Unternehmungen, die in Ergänzung zum Eigenkapital Kredite aufnehmen, einen Gewinn erzielen können, aus dem der Zins für die Kredite bezahlt wird und der darüber hinaus auch noch einen Reingewinn enthält, der das Investitionsrisiko des Eigenkapitals kompensiert. Das Investitionsrisiko besteht darin, dass die Investitionen erst in der Zukunft ausreifen, indem die Güter, die aufgrund der Investitionen heute produziert werden, erst morgen verkauft werden können … Die Arbeitsleistungen und Produktionsmittel (Boden, Energie, Rohstoffe) müssen aber heute schon bezahlt werden – und die Zukunft ist immer unsicher. …

Dies muss im Durchschnitt für alle Unternehmungen gelten, wenn die Wirtschaft funktionieren soll. Das heißt: Es muss die Chance eines Gewinns stets größer sein als die Chance eines Verlusts. Der Erwartungswert des Gewinns in der Gesamtwirtschaft muss positiv sein. Dies ist aber nur dann der Fall, wenn die Häufigkeit des Gewinns stets größer war und weiterhin größer ist als die Häufigkeit des Verlusts, wenn also die Unternehmungen im Saldo stets Gewinne gemacht haben und machen, also aus der Summe von Gewinnen und Verlusten stets ein Gewinnüberschuss resultiert.“ (2009,17f)

Dabei versteht Binswanger den Leitzins der Zentralbank und den Zins der Geschäftsbanken als Preis für den Kredit. Die Gefahren dieses Systems der kontinuierlichen „alchemistischen“ Geldschöpfung im System von Zentralbank und Geschäftbanken über Sichteinlagen, Bankgeld bzw. Kreditverbriefungen sind u. a. Inflation und „Blasen“. Letztere sind wg. der Imagination des Menschen äußerst wahrscheinlich. Wie Keynes unterstellt auch Binswinger, dass es sich in der Wirtschaft in der Regel um Abduktionen auf die Zukunft handelt, weshalb aus seiner Sicht auch unternehmerischer Gewinn gerechtfertigt ist.

Man könnte natürlich versuchen, die Gleichtgewichtsidee und die Anschauung, Wirtschaft sei ein Kreislauf bzw. es gäbe einen Kreislauf des Geldes aufrechterhalten, indem man unterstellt, dass die fortwährenden Gewinne der Unternehmen durch Verluste der Haushalte ausgeglichen werden. So verhält es sich nach Binswanger aber nicht:

„Damit die Unternehmungen zusammen im Saldo stets Gewinne erzielen können, müssen daher die Einnahmen aller Unternehmungen zusammengenommen stets größer sein als die Ausgaben aller Unternehmungen zusammen. Dies ist offensichtlich nicht möglich, wenn das Geld nur im Kreis läuft; d. h., wenn das Geld, das die Unternehmungen den Haushalten für ihre Produktionsleistungen bezahlen, einfach wieder von den Haushalten dazu benutzt wird, die Produkte zu kaufen, die die Unternehmungen mit ihrer Hilfe hergestellt haben.“ (18)

Die Idee, dass es einen Geldkreislauf und sogenannte „Gleichgewichte“ gäbe, ist mithin rein fiktiv, möglicherweise den wahren Sachverhalt sogar verschleiernd:

„Es könnten dann weder Zinsen bezahlt noch Reingewinne erzielt werden, die das Risiko des Kapitaleinsatzes decken. Ein positiver Gewinnsaldo und damit die Möglichkeit, Zinsen für das Fremdkapital zu bezahlen und Reingewinne zu erzielen, kann gesamtwirtschaftlich nur entstehen, wenn ständig Geld zufließt.“ (ebd.)

Es ist keine Frage, dass Binswanger – geleitet von der univeral orientierten romantischen Sichtweise, die durch Goethe moderater und teilweise auch besonnener dargestellt wird – seine Theorie so entwickelt, dass sie selbst zur Ethik beitragen kann.

Binswanger hält es für nötig, dass das Wachstum weltweit auf 1,8 % beschränkt bleibt. D. h., in unserer Weltgegend muss es erheblich niedriger liegen, weil China und Indien, die afrikanischen Länder noch Nachholbedarf haben, um eine menschenwürdige Lebensweise zu erreichen.

  • Raubbau an der Natur wird so begrenzt;
  • Spekulationsblasen mit großen wirtschaftlichen Folgen werden unwahrscheinlicher;
  • Er hält entsprechend eine Transformation der Aktiengesellschaft hin zu eher genossenschaftlichen Unternehmensformen für „nachhaltiger“, dies geht gegen den sogenannten „Shareholder-Value“ der Börsenspekulationen.

Mithin versucht er die Probleme des in Grafik 7 dargestellten Wirtschaftssystems nicht isoliert zu betrachten und bestimmte Aspekte gar nicht zu erwähnen oder auszublenden, wie dies in der Wirtschaftswissenschaft, aber auch in der Wirtschaftspolitik weithin passiert. So müsste in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung auch eine Ökobilanz eingehen. Damit muss auf die eine oder andere Weise der Naturverbrauch bzw. die Naturschädigung finanziell entgolten werden. Dies tendiert wohl dazu, das Wachstum einzuschränken. Die Ökosteuer in Deutschland ist ein erster, aber deutlich umkämpfter Schritt in diese Richtung, nach Binswanger müsste dies erheblich umfassender sein.

Weiter hält er eine Geldreform für entscheidend:

Im Anschluss an Irving Fisher sowie Joseph Huber und James Robertson schlägt Binswanger ein sogenanntes „Vollgeld“ vor. Für die Europäische Zentralbank müsse gelten:

„Der EZB-Rat hat das ausschließliche Recht, die Ausgabe von gesetzlichen Zahlungsmitteln zu genehmigen. Gesetzliche Zahlungsmittel umfassen Münzen, Banknoten und Sichtguthaben.“

So müsse die Satzung der EZB geändert werden.

Das Ziel besteht in der Verhinderung der ständigen Geldvermehrung durch Sichtguthaben bzw. „Bankgeld“. Die Kreditvergabe erfolgt daher nur im Rahmen des verfügbaren Zentralbankgeldes. Zumindest würden „Spekulationsblasen“ hierdurch vermeidbarer. Allerdings muss die Zentralbank auch weiterhin Geldschöpfung betreiben. Denn es bleiben ja weiterhin:

  • Gewinnrate der Unternehmen:
  • Zinsen.

Würde man versuchen, das Wachstum sozusagen auf „Null“ zu bringen, tritt nach Binswanger allmähliche Schrumpfung ein, daher seine weltweite Wachstumsrate von 1,8 %. Wie Wallace sieht Binswanger auch das soziale Problem, das mit seiner Position entsteht. Daher erwägt er, das zusätzlich von der Zentralbank unverschleiert geschaffene Geld nicht nur zusätzlich an die Banken zu verleihen, damit die Kreditrate steigen kann. Auch an den Staat könnte es zur Schuldentilgung ausgezahlt werden. Darüber hinaus hält er es nicht zuletzt für wichtig, zumindest Teile des Geldes an die Privathaushalte zu überweisen – als Zusatzeinkommen, gespeist von einer „Grundeinkommensidee“.

Wie gesagt, die sprichwörtliche württembergische Hausfrau hätte mit Anwendung der Grundrechenarten auch selbst darauf kommen können, dass ihr manches von Wirtschaftswissenschaften und Politik nur vorgespiegelt wird. Auch die Sachverhalte, die Wallace schon im 19. Jahrhundert erfasst hat, könnte sie im Prinzip bei ruhiger Betrachtung und allgemeiner Schulbildung selbst begreifen, wenn sie sich nicht nur dafür interessiert, mehr Haushaltsgeld zu bekommen – und die gesamte Wirklichkeit sonst mutwillig oder desinteressiert auszublenden. Binswanger und Wallace sehen das soziale Problem, das mit einem ökologisch orientierten Wirtschaften zusammenhängt, sehr genau – und versuchen dafür verschiedene Vorschläge zu unterbreiten. Beide sind aber ganz sicher davon überzeugt (gewesen) und haben es auch teilweise nachgewiesen, dass die bis heute dominierende Form des wirtschaftlichen Handelns selbstzerstörerisch ist. Daher unterstellen beide, dass der Mensch, anspruchsvoll Freiheit ausüben und ethisch handeln könne.

4. Dezember 2009

Erinnerung an den 30.11. — Vhs Neckargemünd

Die Sitzung befasste sich zum großen Teil mit Problemen der letzten Sitzung, weil jetzt klarer geworden war, dass es mehrere mögliche Betrachtungsweisen biotischer Prozesse gibt. Schon Bauer, stärker aber Hoffmeyer unterstellen, dass der einzelne Prozess nur im Kontext der gesamten Prozesse im Organismus verstanden werden kann, weshalb Hoffmeyer eine semiotische Vernetzung der einzelnen Prozesse unterstellt.

Dabei stößt man auf Unendlichkeitsprobleme und Unschärfen, es wird deutlicher, dass auch wissenschaftliche Erkenntnis stets nur vorläufigen Wert hat – mithin also in Zukunft verbessert, widerlegt und gegebenenfalls nur leicht modifiziert bestätigt wird. Demgegenüber suggerieren Vertreter wie Dawkins, dass wissenschaftliche Erkenntnis einen wesentlichen Schlüssel finden müsse, mit dem man das gesamte Schloss aufschließen könne, ihm zu Folge geht dies mit der Metapher des „egoistischen Gens“. Sollten die neueren Forschungen im Recht sein, ist diese metaphorische Drapierung des Organismus hinfällig. Wenn das Genom den Prozess der Ontogenese nicht determinieren kann, hängt die ganze Konstruktion des „egoistischen Gens“ in der Luft.

Aber falls es unvermeidlich Unendlichkeitsprobleme und Unschärfen gibt, warum soll man dann überhaupt das Phänomen des Ganzen thematisieren – und sich nicht auf die Erkenntnis von Einzelsachverhalten beschränken? Weil das Einzelne nur im Gesamtzusammenhang angemessen erkannt werden kann. Jede Erkenntnis ist dann aber zumindest mit einem hypothetisch-abduktiven Rest verbunden, sodass gerade die Handlungen, die auf einer solchen Erkenntnis beruhen, stets revidierbar sein müssen. Das gilt nicht nur für den Bereich der Medizin, sondern auch für die Bereiche der Politik und der Wirtschaft. U. a. aus diesem Grund ist die Demokratie prinzipiell anderen Staatsformen überlegen, wird aber stets zu unterminieren versucht.

Dadurch wird nicht auf einmal alles besser, wohl aber ist seit dem 16. Jahrhundert doch einiges besser geworden. Die Demokratie erzwingt nicht sittliches oder vernünftiges Handeln, wohl aber ist sie in der Lage durch Rechtssetzung sanktionsbewehrte Erwartungssicherheit in bestimmten Bereichen herzustellen. Daher wurde seit einigen Jahren an bestimmten Aspekten des Grundgesetzes gearbeitet, um diese zu verändern – zumeist hat das Bundesverfassungsgericht derartige Gesetze als zumindest teilweise verfassungswidrig erklärt. Die moderne Demokratie funktioniert also nicht ohne dasjenige Recht, welches seit der europäischen und nordamerikanischen Aufklärung Gestalt annimmt. Gerade die Finanzkrise hat musterhaft gezeigt, dass das Grundgesetz mit den Artikeln 14 und 15 auch schwierigen Situationen gewachsen ist.

Wer also hohe sittliche Ansprüche hat, muss sich in der Demokratie selbst dafür einsetzen, dass diese auch wirksam werden.

Das Problem der prädiktiven Medizin besteht bei multifaktoriellen Krankheiten wie Diabetes mellitus in der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Sollte ein Mensch zwei Eltern mit dieser Krankheit besitzen, beträgt die statistische Wahrscheinlichkeit 50 %, dass er diese auch bekommt. Und sie beträgt 50 %, dass er sie nicht bekommt. Was tun? Hier verbindet sich das konkrete Problem mit dem zuvor erörterten Problem. Wie geht man eigentlich mit höchst unscharfen Einsichten um? Da Wahrscheinlichkeiten nichts über den tatsächlichen Verlauf beim einzelnen Menschen aussagen, ist hier höchste Zurückhaltung geboten – so wie es auch der Bundestag beschlossen hat.

24. November 2009

Erinnerung an den 23.11. – Vhs Neckargemünd

Der Kurs hat mit dem Kennenlernen der Position von Jesper Hoffmeyer 2008 das Panorama verschiedener Positionen beendet. Auch Bauer 2008 hat ein nicht ganz schwaches Sensorium für die Probleme der Biosemiotik, bescheidet sich aber lieber mit Formulierungen, wie „das Gehirn schaltet ein biologisches Signal an“. Die Semiotik ist seit gut 130 Jahren diejenige allgemeine philosophische und wissenschaftliche Disziplin, die es erlaubt, die oft anscheinend gegeneinander agierenden wissenschaftlichen Disziplinen zu vereinen. Leider geht sie sogar auf die klassische griechische Philosophie und Medizin, die Stoa und die großen mittelalterlichen Diskurse zurück, ganz zu schweigen von modernen kulturwissenschaftliche Errungenschaften. Daher wird sie oft abgelehnt, wieso soll man das jetzt auch noch machen, weil man mit seinem klassisch-physikalisch-mechanistischen Disziplinenbestand irgendwie zufrieden ist und nicht so gerne weiterfragen möchte. Demgegenüber steht aber die Tatsache, dass es dadurch keine wissenschaftliche Auffassung der Ganzheit der Prozesse des Lebens gibt. Die empirischen Wissenschaften stoßen freilich nicht selten auf Phänomene wie die Rezeptoren, welche schwerlich anders interpretiert werden können, als dass es sich um Aspekte eines semiotischen Systems handelt, wobei solche Systeme Botschaften übermitteln, die mehr oder weniger gut verstanden werden, was für Hoffmeyer nicht unwesentlich ist. Schon die Arbeit Jakob von Uexkülls hatte schlichte Vorstellungen wie (angebliche) Reiz-Reaktions-Prozesse eher relativiert:

„Tierische Lebewesen unterscheiden sich … von Maschinen durch die Unvorhersehbarkeit ihres Verhaltens. Reiz und Reaktion sind nicht fixiert gekoppelt wie die Bewegung einer Mimose bei Berührung ihrer Blätter, sondern nur schwach gekoppelt; das heißt, Reize lösen kein fixiertes Verhalten aus, sondern modulieren eine vorhandene Eigenaktivität, sodass nur die Wahrscheinlichkeit für ein bestimmtes Verhalten des Lebewesens modifiziert wird. Signale können intern verstärkt, mit anderen Signalen verglichen und vor allem gespeichert werden: Die Variabilität der inneren Systemzustände erlaubt es, dass in die Transformationsregeln für eintreffende Reize die jeweils vorausgehenden Operationen mit eingehen – das Grundprinzip von Gedächtnis. Dazu treten schon auf einfachen Lebensstufen spontane Verhaltensweisen, die vom Lebewesen initiiert, und deren Resultat in der Umwelt von ihm bewertet werden können.“ (Fuchs 2008, 113)

Auch Fuchs bezieht sich grundlegend auf die Biosemiotik von Uexkülls 1928. Etwa der Aufbau von Gedächtnis ist ein physiologischer Vorgang, der dann Bedeutungen von erlebten Ereignissen generieren kann Wie für Hoffmeyer ist für Fuchs die Maschinenmetapher in der Biologie gänzlich fehl am Platze. Hoffmeyer geht aber insgesamt weiter als Fuchs und versucht, den Menschen von der Einzelzelle zum Organismus als Kontinuum zu verstehen, welches durch Zeichenaustausch und Kommunikation konstituiert sei. Dieser baut sich schwarmähnlich und keineswegs unchaotisch von unten nach oben auf. Mithin wird der ontogenetische Prozess des Organismus keineswegs durch das Genom determiniert.

Die Frage des Genoms wird schon gut 50 Jahre semiotisch behandelt – und Hoffmeyer zieht an sich nur die Konsequenzen. Beeindruckend ist seine Peirceinterpretation in Hoffmeyer 2005, die teilweise auch philosophisch ihresgleichen sucht. Insbesondere die Psychosomatische Medizin hätte nach meinem Eindruck großen Anlass ihre Annahmen auf dieser Grundlage weiter zu entwickeln. Möglicherweise erhält sie dadurch langfristig eine höhere wissenschaftliche Anerkennung.

Die Semiotik ist bisher die einzige Disziplin, welche die verschiedenen Sphären, in denen sich Menschen und andere Lebewesen bewegen, übergreifend beschreiben kann. Sie kann auch Scheindebatten beschreiben, wie: Muss man „Botschaft“ oder „Information“ sagen? Je nach Kontext wird „Botschaft“ und „Information“ mit verschiedenen Sinngehalten oder Regeln verwendet. Natürlich könnte man anderen vorschreiben: Du darfst nur „Botschaft“ sagen! Das ist aber von einer zentralen Dominanz abhängig. Peirce hat das selbst versucht, durchzusetzen, ist damit aber trotz einiger Bemühungen nicht rezipiert worden. Insofern sind wir leider auch bei wissenschaftlich anspruchsvollen und philosophischen Texten auf unsere von Frustrationstoleranz geprägte Interpretationskompetenz angewiesen. Die Welt ist nicht einförmig, sondern plural und dynamisch. Daher benötigen wir Kreativität, um die verschiedenen semiotischen Regeln bzw. Kommunikationsregeln zu erfassen. Zu der entsprechenden Geduld möchte ich sie ein wenig ermutigen.

Hoffmeyer zeigt, dass in der Erwachsenenbildung auch die Unendlichkeitsaspekte der Bildung im allermodernsten Kontext nicht ausgeblendet werden müssen. Wir müssen hier nur das Grundprinzip verstehen, jede/r sollte nach Interesse hier weitermachen und tiefer graben.—

22. November 2009

John Dewey — Mein pädagogisches Glaubensbekenntnis I

John Dewey (1859-1953) ist einer der bedeutendsten Pädagogiker der Moderne. In Deutschland bzw. im deutschen Sprachraum würde man seine pädagogische Position als Reformpädagogik bezeichnen. Darunter kann man diejenigen Positionen

John Dewey

John Dewey

verstehen, welche Einsichten der klassischen Pädagogik wie derjenigen Friedrich Schleiermachers (2000a; b) in lebbare Formen umsetzte. Dewey ist m. E. deshalb von besonderer Bedeutung, weil er eine sozial verantwortliche und entschieden demokratische Position vertrat. Es kann nur zur Demokratie kommen und diese kann  auch nur bestehen, wenn die Schule selbst für Kinder Demokratie erlebbar und gestaltbar macht. Dewey ist mithin nicht der Überzeugung, dass man in der Schule für das Leben lerne, wie ein verbreiteter Sinnspruch in unserer Weltgegend lautet. Es verhält sich anders: Die Schule ist ein Teil des Lebens und mithin auch des demokratischen und sozial verantwortlichen Lebens.

Ich werde über Weihnachten bzw. den Jahresabschluss  hinaus hier Deweys Text My Pedagogic Creed (1897) übersetzen und mit einigen kommentierenden Bemerkungen versehen. Der Regierungserklärung von Angela Merkel zufolge soll ja Deutschland zur “Bildungsrepublik” werden.  Hierzu hat Dewey Wesentliches beizutragen. Denn seine Auffassung ist wesentlich grundlegender als diejenigen Überzeugungen, die bestenfalls von der OECD beeinflusst sind, aber schlimmstenfalls Sarrazinsche Formen annehmen können. Von derartigen Auffassungen ist der jedenfalls massenmedial zumeist notierte Bildungsdiskurs bestimmt. So findet sich in früher renommierten Zeitungen wie der “Zeit” bemerkenswert oft eine abfällige Bemerkung über “bildungsferne Schichten” – ein Ausdruck, der zeigt, wie lebensfremd  und reflexionsarm nicht selten der Diskurs in Deutschland geführt wird. Hier besteht mithin noch ein beachtliches Potenzial an Nachdenklichkeit, Information, an eigener Übung und Selbsterfahrung, um in der Sache gedanklich und praktisch weiter zu kommen.

Dewey hat seinen Text der fingierten Gattung “Glaubensbekenntnis” folgend in Artikel gegliedert, es sind fünf. Und jede dritte Woche wird hier ein “Glaubensartikel” übersetzt und in der folgenden Woche mit  Hinweisen versehen.

21. November 2009

Molekularbiologie und Genetik aus semiotischer Sicht — Jesper Hoffmeyer

Jesper Hoffmeyer ist ein dänischer Biosemiotiker, lehrt an der Universität Kopenhagen und hat neben größeren Werken zu diesem Thema (vor allem Hoffmeyer 2005 als großartige Zusammenfassung und Präzisierung) auch den entsprechenden Artikel Hoffmeyer 2008 in Thure von Uexküll 2008 geschrieben. 

Jesper Hoffmeyer *1949

In der Biosemiotik folgt er meistens Jakob von Uexküll 1928. Daneben gibt es aber auch klassische Studien von Roman Jakobson und Thomas A. Sebeok aus den 1970er Jahren, vor allem aber auch eine Peirce-Rezeptionsschiene, die sich bei Thure von Uexküll 2008 auch in der Grundlegung der Psychosomatischen Medizin findet. Dort finden Sie auch weitere, reiche Literaturangaben.

Grundlegend ist die Interpretation der Vererbung als semiotisches Phänomen:

„Da lebende Systeme sterblich sind, muss ihr Überleben eher durch semiotische als durch physikalische Mittel sichergestellt werden. Vererbung ist semiotisches Überleben, d. h. Überleben durch eine Botschaft, die im Genom einer winzigen Zelle enthalten ist, dem befruchteten Ei sich geschlechtlich reproduzierender Spezies.“ (Hoffmeyer 2008, 97; H. v. M. P.) (weiterlesen…)