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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegt die Weisheit verborgen …


17. Januar 2012

Grenzerfahrungen in der Religion bezeichnen

Mk 5,35-43 ist im Mkev einer derjenigen Texte, der darüber kommuniziert, wie über die Grenzerfahrungen der Religion zu kommunizieren ist. Natürlich aus christlicher Perspektive, aber es gilt allgemein:

„Und was ist Religion? Sie ist eine Art Gefühlsregung in jedem einzelnen Menschen, oder auch: eine verborgene Wahrnehmung – eine tiefe Erkenntnis von etwas im uns umgebenden All; und wenn wir versuchen, diesem Gefühl Ausdruck zu geben, so wird es sich in mehr oder weniger extravagante Formen kleiden, und als mehr oder wenig zufällig erscheinen, immer aber wird es sich zu einem Ersten und Letzten, dem A und Ω, bekennen und in derselben Weise auf jenes Absolute bezogen sein, dem das individuelle Selbst eines Menschen als relatives Sein gegenübersteht. Doch Religion ist in ihrer Totalität nicht auf das einzelne Individuum beschränkt. Wie jede Gestalt von Realität ist sie wesentlich eine soziale und öffentliche Angelegenheit. Sie besteht in der Idee einer umfassenden Kirche, in der sich alle ihre Glieder zu einer organischen, systematischen Wahrnehmung der Ehre des Höchsten verbinden – einer Idee, die von Generation zu Generation wächst und einen Vorrang in den Entscheidungen über unser Verhalten, das private wie das öffentliche, beansprucht“. (RPh, 208f)

Entscheidend ist hierbei der Doppelsinn für „schlafen“, der offensiv offen gelegt und irritierend mit „scheintot“ konfrontiert wird. Dies ist im antiken Kontext seit Dan 12,1f bekannt. Seit dem AT wird über die Überwindung des Todes bildlich, metaphorisch bzw. symbolisch gesprochen.
Wir haben uns entschlossen, diesen Punkt an 1. Mose 1,26f exemplarisch zu diskutieren. Als weiteres offenes Problem kam die Pantheismusfrage hinzu.

10. Januar 2012

Kol 1,25ff (TUD)

Der Text stellt wahrscheinlich teilweise einen frühchristlichen Hymnus, also ein Lied dar. Angesichts des Gehalts ist es nicht nötig, sich offenbar jüdischen Religionssitten unterzuordnen. Warum nicht? Weil alles versöhnt ist. Der Loskauf von der Sklaverei des Todes ist durch den Tod des Erstgeborenen erfolgt (Blut des Kreuzes, „Blut“ wahrscheinlich Metaphorik für gewaltsamen Tod). Der Erlösungsvorgang erfolgt dadurch, dass die Erlöserfigur Christus sowohl den negativen als auch den positiven Aspekt darstellt.
Für unser „Grenzen“-Thema ist der Text mehrfach einschlägig:
•    universaler Horizont;
•    Mensch ist Teil der Schöpfung;
•    Grenze zwischen Gott und Mensch ist durch Christus überwunden;
•    Christus ist das entscheidende Bild, an dem das wahrgenommen werden kann.
Wir haben das Autorproblem erörtert: realer Autor vs. expliziter Autor. Insbesondere die Auffassung vom „Haupt des Leibes“ (vgl. 1Kor 12) spricht dagegen, dass der reale Autor Paulus ist.
Der religionsgeschichtliche Hintergrund ist Sprüche 8, SapSal 6-9; vgl. auch Joh 1. Der pantheistische Hintergrund wird mit der stoischen Philosophie geteilt; vgl. auch Act 17; 1Kor 15,20-28. Wir haben schon mit Psalm 8 und Röm 8 vergeleichbare Texte kennengelernt.
Zu den Texten von Dawkins und Maturana vgl. hier.

31. Dezember 2011

Jahresabschluss – Predigt in Griesheim

Zum Jahresabschluss veröffentliche ich hier eine Predigt in der EfG Griesheim, einer Gemeinde, von der ich in diesem für mich nicht ganz leichten Jahr Unterstützung erfahren habe. Ich möchte dies auch zum Anlass nehmen, meinen Leser/inne/n zu danken, die sich so engagiert und interessiert gezeigt haben. Im nächsten Jahr geht es inhaltlich weiter – und ich habe mir vorgenommen, das Niveau dieses Blogs nicht abzusenken. Ich werde mithin hier philosophische und wissenschaftliche Aufsätze veröffentlichen, die ein breiteres Publikum ansprechen. Ende Februar beginne ich mit einem Aufsatz zur „Philosophie der Osteopathie“, in der ich meine „Alleinstellung“ in der Durchdringung der Literatur der klassischen Osteopathie nutze. Aber es geht auch darum, dieser Medizinform persönlichen Dank abzustatten. Dass ich aus dem Dämmerzustand, der mich nach meinem Schlaganfall vom 11. April 2011 erfasst hatte, wieder in eine gewöhnliche Helligkeit zurückgekehrt bin, geht nach meinem Eindruck auf Behandlungen zurück, die ich seit Mitte Juli erhalten habe. Mit diesem Aufsatz führe ich im Blog die Gewohnheit neu ein, dass einzelne Beiträge zwischen drei und fünf Euro kosten (PayPal). Da uns die hoch verehrte Piratenpartei bislang kein angemessenes Angebot unterbreitet hat, wie die Zurverfügungstellung qualitativ hochwertiger Informationen und Bildungsdienstleistungen entgolten werden soll, habe ich mich zu diesem Schritt entschlossen – und hoffe auf Ihre Nachsicht, besser noch: auf Ihr Einverständnis.

Und hier ist meine Predigt zum vierten Advent 2011.

 

Liebe Gemeinde,

 

Der heutige Text zum vierten Advent 2011 steht im zweiten Korintherbrief, in den VV. 18-22 des ersten Kapitels. (weiterlesen…)

30. Dezember 2011

Das „Kinder-Evangelium“ (Mk 10,13-16 [TUD])

Es werden Kinder zu Jesus gebracht, damit er sie segne bzw. berühre. Die Schüler versuchen, dies zu verhindern, aber Jesus lässt das explizit zu, wobei er feststellt. dass niemand ins Reich Gottes eingehe, sofern er nicht wie ein Kind werde. Es entspann sich eine spannende Debatte unter Erwachsenen. Dabei wurden Bezüge zu Paulus und dem Psalm 8 deutlich. Auch dort sind Kinder diejenigen, welche am angemessensten Gott loben.

Der Text spricht direkt in unsere Gegenwart, weil wir kirchlich und theologisch darum bemüht sind, professionell und kompetent, intellektuell präsent usf. zu sein. Unsere Kirchenoziolog/inn/en sind zumeist an Max Weber orientiert. Nach dem Text kommen sie alle nicht ins „Reich Gottes“. Die Teilnehmer/innen stießen allmählich darauf, dass es um das große Thema der Jesustradition geht, das ursprüngliche Vertrauen. So scheint es doch ein subtiler Text über das verfehlte Leben von Erwachsenen zu sein-

Am 05.02.2012 werde ich über diesen Text in der EfG Griesheim predigen.

14. Dezember 2011

Die Religionsphilosophie Peirce’

 

Wir haben uns in der letzten Sitzung mit den Problemen der Wahrnehmung aus phänomenologischer Perspektive, aber auch entsprechenden Leistungen des Zeichenbegriffs Peirce’ befasst, wobei Frau Meissner dankenswerterweise auf Kants merkwürdige Annahme hinwies, man werde vom „Ding an sich“ affiziert.

In der Auseinandersetzung mit Merleau-Ponty und Fuchs wurde erörtert, inwiefern Wahrnehmung auch Kommunikation oder Austausch sei, was von Peirce und dieser grenzwertigen Auffassung Kants tatsächlich unterstellt wird. In der Sprache von Peirce ist also zu sagen, das (dynamische) Objekt bilde mit dem Zeichen eine derartige Beziehung, dass es den Interpretanten bestimme, in derselben triadischen Relation zu stehen, in der es selbst stehe. M. E. ist hier nur fraglich, ob man the same wie Pape mit „derselben“ oder „der gleichen“ übersetzen sollte, wohl das Letztere … Worauf es ankommt, ist der Sachverhalt, dass Peirce diese Affizierung des Interpreten über die triadische Bezeichnungsrelation eindeutig gedacht hat.

Wir haben versucht, uns ausführlicher mit dem Gedanken der „Zwischenleiblichkeit“ auseinanderzusetzen, was z. T. humorig ablief. Hier ist m. E. noch ein beachtliches Potenzial, das vor allem von der Phänomenologie entwickelt wird.

Der Kurs schließt mit einer Besinnung zur Religionsphilosphie Peirce’. Viele Texte finden sich in der Übersetzung Hermann Deusers „Religionsphilosophischen Schriften“ ([RPh] 1995). Hinzutreten muss noch der Aufsatz „Evolutionäre Liebe“ aus „Naturordnung und Zeichenprozess“ (1991 [EL]) Peirce gehört zu denjenigen originellen Denkern, die sich nicht vom Positivismus abschrecken ließen, obgleich er die wissenschaftliche Leistung der Positivisten ausdrücklich anerkannte. Aber er formulierte eine witzige Polemik über deren Lebensauffassung:

„Das Leben auf dem Globus ist eine gänzlich zufällige Enwicklungsphase, die, soweit wir wissen, keinem dauerhaften Ziel zustrebt. Sie ist ohne jeden Nutzen, außer dass sie hin und wieder ein angenehmes Nervenkitzeln bei diesem oder jenem Wanderer auf dieser ermüdenden und zwecklosen Reise hervorruft – einer Reise, die in einer Tretmühle nirgendwo beginnt und nirgendwo endet und deren Maschinerie ganz und gar nichts hervorbringt. Es gibt nichts Gutes im Leben außer gelegentlichen Freuden, und die sind trügerisch und werden bald vollständig verschwinden.“ (RPh 61f [1867/68]) (weiterlesen…)

13. Dezember 2011

Mt 6,19ff (TUD)

Dieser Text gehört zu den wichtigsten im NT – und insbesondere zu unserem Thema. Er unterstellt eine individuelle Herzensbindung „Wo Dein Herz ist, ist auch Dein Schatz!“, sodass also die postmortale Gottesbeziehung als himmlischer „Schatz“ erscheinen dürfte. Die irdischen Schätze sind demgegenüber arg vergänglich und verderblich. Man kann als Glaubende/r darauf nicht setzen. Daher sei die Sorge zu verneinen und sich der Fürsorge Gottes zu überlassen. Das ist kein passives Programm, sondern aktiver Einsatz für das Reich der Himmel und dessen Gerechtigkeit (vgl. 7,12: Goldene Regel) sei angesagt. Diese nimmt die Bedürfnisse des Anderen wahr. Interessant für unser Thema ist, dass man dies an den Vögeln unter dem Himmel und den Lilien auf dem Felde wahrnehmen kann. Der Schöpfungsprozess zeigt sich also an Geschöpfen, die gemeinhin als weniger gelten als die Menschen. Die Schönheit der Schöpfung wird gerühmt.

Ist das praktikabel? Ja, zumal sich die Einsicht verstärkt, dass die gegenteiligen Verhaltensmuster nicht so besonders erfolgreich waren, vgl. Klimawandel. Theologisch geht Mt über Paulus hinaus, was den positiven Aspekt der Schöpfungswahrnehmung betrifft. Dieser nimmt hauptsächlich das Seufzen der Schöpfung wahr. Sie stimmen aber darin überein, dass sich Schöpfung und Erlösung auf mehr als den Menschen beziehen. D. h., der Mensch gehört einem größeren Panorama zu.

Der Text ist nach meinem Urteil ein mystischer Text. Er unterscheidet sich klar von der dominanten Welt – und bezieht sich auf eines der hauptsächlich in mystischen Texten präsenten Themen: die Sorge. Der Schluss vom Kleineren (Gottes Fürsorge für Vögel/Lilien) aufs Größere (Gottes Fürsorge für den Menschen) ist eine Abduktion, eine Hypothese. Sie scheint in der existenziellen Versonnenheit (musement [Peirce]) der Schöpfungswahrnehmung akzeptabel (schon Sapientia Somonis 13). Es gibt im NT keine Anleitungen zur mystischen Versenkung oder unio mystica, wie im Buddhismus oder in mittelalterlichen katholischen Formen. Gleichwohl liegt hier eine Einweisung zur versonnenen Schöpfungswahrnehmung vor. Dadurch wird man Teil der Schöpfung und Partner der anderen Geschöpfe, ein Einheitsgefühl der Schöpfung soll an die Stelle der Sorge treten.

 

 

6. Dezember 2011

Gal 3,26-29

Die Teilnehmer/innen hatten noch etliche Nachfragen zu 1Kor 15. Dabei stand der Verwandlungs- und Prozessgedanke im Vordergrund, von dem manche kirchlich noch nichts gehört haben. Möglich ist, dass auch Paulus durchaus „negativ“ von Gott und der Auferweckung spricht. Gleichwohl ist positiv zu erkennen, dass der „Leib“ für ihn ein Beziehungsbegriff ist, der ein Selbstverhältnis, Weltverhältnisse und das durch Christus vermittelte Gottesverhältnis bezeichnet. Als „Leib Christi“ kann das Wort metaphorisch sogar die Gemeinde bezeichnen. Zwar erfährt man wenig darüber, wie dieser „geistliche“ Leib nun genau aussieht, aber klar ist, dass auch der Leib im „Glanz“ auf andere, anderes, sich selbst und Gott bezogen ist.

Mit der ausführlichen Erörterung von Gal 3,26-29 schlossen wir den Paulusteil zur Anthropologie ab, bevor wir zu Mt 6,19ff übergehen. Manchen erschien der Text vor dem Hintergrund ihrer kirchlichen Erfahrung eher revolutionär. Natürlich gibt es bei Paulus auch gegenteilige Texte, es ist unsicher, ob diese nachpaulinisch sind – oder Paulus einen schwachen Tag hatte. Jedenfalls ist Gal 3,26-29 wohl ein altes Taufbekenntnis o. Ä., das Paulus hier zustimmend zitiert. Danach wird der „Christus“ bzw. Messias „angezogen“, die Bekleidungsmetaphorik ist in der Antike verbreitet. Die Folge ist, dass weder „Männliches noch Weibliches, weder Jude noch Grieche bzw. Sklave noch Freier“ in Christus etwas gelten. Dominanzbestrebungen usf. sollen daher nicht sein. Für unser Grenzthema ist das wichtig: Anthropologisch werden gesellschaftliche und biotische Grenzen überschritten – ähnlich wie beim „natürlichen“ und „geistlichen“ Leib. Alle erfahren sich „in Christus“, sind also auf ihn bezogen. Das Christentum hat überwiegend in seiner Geschichte das Potenzial dieses Textes nicht hinreichend genutzt.

Interessant ist auch der Bezug auf „Abraham“, den „Vater des Glaubens“ usf. (vgl. Röm 4). In ihm sind nach 1. Mose 12 alle Völker gesegnet – eine durchaus aangemessene schriftgelehrte Interpretation, die diesem Text gegenüber anderen Texten den Vorzug gibt.

Paulinisch ist wieder klar: Der Mensch kommt aus dem „Glanz“. Dieser ist verlustig gegangen („Adam“) – und wird durch Kreuz und Auferweckung Jesu wieder für die Menschen vermittelt. Hier werden für die Gegenwart dann die dominanten gesellschaftlichen Gegensätze als vorübergehend verstanden.

Die Getauften stehen exemplarisch für alle Menschen, die dieser Prozess betrifft.

 

26. November 2011

Wahrnehmung und Erfahrung (Vhs Neckargemünd)

Die Teilnehmer/innen waren uneins darüber, ob den Erwägungen Peirce’ zu den kategorialen Umbesetzungen hin zur fundamentalen Funktion der Relation eine Bedeutung zukäme. Peirce folgt Aristoteles, Humboldt und Schleiermacher in der Einschätzung, dass die Philosophie sprachabhängig ist. Mit Schleiermacher und stärker als dieser betont er aber die Bedeutung aller Zeichenformen, um Kategorien ausbilden zu können. Dies ist eine Konsequenz aus der Annahme, alle Menschen philosophierten. Peirce ist entsprechend der Nachweis gelungen, dass die elementaren Zeichensysteme die Bezeichnung der Relation derart unterstellen, dass alle anderen kategorialen Bestimmungen von ihr abhängen. Etwa Heidegger und Brodbeck, Die Herrschaft des Geldes, hier im Blog z. B. http://alltagundphilosophie.com/2010/12/09/zinsen/ u. ö. ahnen, dass das moderne Dilemma sich durch eine derartige Umbesetzung, die praxisleitend wird, ändern könnte, bei Brodbeck mit expliziter Nennung des Relationsproblems. Wie Görnitz/Görnitz, Die Evolution des Geistigen, 2007, zeigen, ist auch die Quantenphysik als wesentliche Theorie dessen, was die Bestandteile und Prozesse der Realität sein könnten, hierzu auf dem Wege. Für den Beobachter interessant näherte sich der Kurs dennoch in seinen Erörterungen fast unmerklich der im Alltag und in der oft unzureichend verstandenen bzw. reflektierten Umgangssprache implizieren Unendlichkeitsproblematik, der Selbstreferenzproblematik vor allem des Interpretanten, entsprechender Aufgabe falscher Sicherheiten und demjenigen, was Schleiermacher freundlich als „Übereilung“, Peirce als nicht „selbstkontrolliertes Denken“ bezeichnete, heute vor allem durch finanziell erzeugte Zeitnot angeblich unvermeidbar … Ob das nicht zu ändern ist, blieb nach Wahrnehmung des Dozenten eher unentschieden. Es ist auch nach meiner Überzeugung so, dass die Krisen zu Beginn des 21. Jahrhunderts jedenfalls auch auf einen entsprechenden Mangel an „selbstkontrolliertem Denken“ zurückgehen, der zur alltäglichen Gewohnheit geworden ist, vgl. http://alltagundphilosophie.com/2011/11/03/die-semiotik-charles-peirce%E2%80%99-vhs-neckargemund/.

Das heutige Thema der (sinnlichen) Wahrnehmung und ihrer Verarbeitung in der Erfahrung ist seit gut 100 Jahren erforscht und umstritten, natürlich auch unter Beteiligung der semiotischen Philosophie von Peirce, der beides als aufeinander aufbauende Zeichenprozesse analysiert hat, wobei er Wert darauf legt, dass es sich um „geistige“, „selbstkontrollierte“ und „selbstkritische“ Leistungen des einzelnen Menschen handelt, die perspektivisch ist – und daher auf Austausch mit anderen Menschen angewiesen ist. Auch Tiere haben bei Peirce – ähnlich wie bei von Uexküll – zumindest elementar Teil an solchen selbstkritischen Fähigkeiten.

 

Wahrnehmung:    Ich/Wir nehmen etwas als etwas wahr.

Erfahrung:           Ich/Wir erfahre/n etwas Wahrgenommenes als etwas Bekanntes.

 

Kreative Prozesse sind dann nötig, wenn etwas zum ersten Mal wahrgenommen wird, aber auch erfahren wird. Hier sind Formen der sozialen Gemeinschaft hilfreich, können aber auch störend sein, wenn relativ zu einer sozialen Gemeinschaft ein einzelner Mensch etwas neu sieht, hört, riecht, tastet, schmeckt oder empfindet. Peirce zufolge wird dabei stets ein genuin triadischer Zeichenprozess gestartet, der sicherstellt, dass immer auch ein sinnlich erfasstes Etwas als etwas interpretiert wird. Solche sinnliche Wahrnehmung kann tendenziell das wahrgenommene Etwas vereinzeln. Der Erfahrungsprozess bezieht es auf die Erfahrungstradition und bestimmt es in seinem Beziehungsaspekt zu allem Anderen. Die Prozesse der sinnlichen Wahrnehmung werden teilweise von den empirischen Wissenschaften wie Neurologie und Psychologie erforscht, gehaltvoll und integrativ wird das aber erst dann, wenn man den gesamten Zusammenhang beschreiben kann. Nach Peirce ist das dann der Fall, sofern man die einzelnen Aspekte des Prozesses als Zeichenprozess analysieren kann.

Die allgemeinen Probleme, die auch nicht selten in unserem Kurs thematisiert werden, fasse ich folgendermaßen zusammen:

Seit die empirischen Wissenschaften im Abendland und dann auch in Nordamerika starke Erkenntnisfortschritte gemacht haben, tritt ein Problem auf, das sich insbesondere seit der Verwendung des Teleskops in der Astronomie geltend gemacht hat: Unsere sinnliche Wahrnehmung scheint uns über die Realität zu täuschen, die Sonne geht am Morgen nicht auf, weder die Erde noch die Sonne sind auch nur im Entferntesten im Zentrum des Weltalls. Und ebenso scheinen uns unsere Selbstbeobachtungen, unsere Alltagswahrnehmung und Alltagserfahrung im Blick auf unsere Selbsteinschätzung zu täuschen. Wir erleben uns selbst zumindest gelegentlich als selbstbestimmt handelnde Personen, doch das ist eine Illusion – wie seit der Aufklärung manche Wissenschaftler/innen behaupten. Das ist nur eine Seite der Aufklärung, aber sie ist nicht ganz unerheblich. Die Wissenschaftsseite ist hierbei im Übrigen keineswegs eindeutig. In der Zeit von etwa 1700 bis 1900 herrschte durch die Dominanz der klassischen Physik auch im naturwissenschaftlichen Denken ein strenger Determinismus vor. Dieser wurde aber vonseiten der Biologie durch Charles Darwin durchbrochen, weil ihm zufolge das Zufallsmoment bei der Entstehung der Arten mitwirkte. Entscheidend wurden die Naturwissenschaften dann durch die Quantenphysik verändert, die keine eindeutig deterministischen Beschreibungen mehr zulässt.[1] Die Kulturwissenschaften haben in der Regel keinen Anlass gehabt, strenge deterministische Unterstellungen in den Vordergrund zu stellen. Häufig ist hier die Unterstellung der Freiheit zu Hause.[2]

Ich werde zunächst aus einer philosophischen Perspektive kurz die Grundtypen der möglichen Erfassung des Verhältnisses von Alltagserfahrung und Selbsterfahrung auf der einen Seite, von wissenschaftlichen Theorien auf der anderen Seite beleuchten.

Die Philosophie in unserer Weltgegend und in Nordamerika hat angesichts dieses immer wiederkehrenden Problems im Wesentlichen vier Typen des Umgangs damit entwickelt, die in sehr vielen Spielarten auftreten (vgl. Grafik 4 des Kurses):

 

Grafik 4 des Kurses

Grafik 4 des Kurses

An den Extremen stehen die Positionen, die eines der beiden Elemente des Problems „Alltagserfahrung“ und „Wissenschaft“ zuungunsten des anderen eliminieren wollen. Man kann vertreten, nur die Alltagserfahrung im Unterschied zur Wissenschaft gibt uns einen sicheren Einblick in die Realität – und umgekehrt. Entsprechend gibt es Philosophien, die sich faktisch mit den Fragestellungen der Wissenschaften, insbesondere der Naturwissenschaften identifizieren – und diese logisch-theoretisch reflektieren. Dies ist der Wissenschaftstypus der Philosophie, wie er in einigen Positionen der Analytischen Philosophie, in der positivistischen und neopositivistischen Philosophie auftritt.[3] Auch die frühe Philosophie Ludwig Wittgensteins gehört tendenziell dazu. Scharf gegenüber stehen dieser Position die verschiedenen Spielarten der phänomenologischen bzw. hermeneutischen Philosophie, die der Alltagserfahrung eine eigene Würde zugestehen. Das ist der Alltagstypus der Philosophie. Auch die Spätphilosophie Ludwig Wittgensteins tendiert in diese Richtung – mit einer durchaus beachtlichen Kritik an Formen des Wissenschaftsimperialismus. Das kann soweit führen, dass die Wissenschaften aus dieser Perspektive in ihrer Praxis scharf kritisiert werden, weil ihre Ergebnisse die Alltagserfahrung, überhaupt die Phänomene verfehlen. Im Hintergrund stehen hier nicht selten wissenschaftliche und philosophische Rezeptionen von Reflexionen künstlerisch-philosophischer Art – etwa von Johann Wolfgang von Goethe[4] und/oder von Ralph Waldo Emerson[5].

Am Ende des 19. Jahrhunderts gab es eine Reihe von Philosophen, die beide Positionen für zu extrem hielten. Sie suchten also Vermittlungspositionen, in denen beide Aspekte vorkommen. Dies ist zum einen die neukantianische Philosophie, welche die Sittlichkeit und das Bewusstsein aus dem Zugriff der empirischen Wissenschaften heraushalten wollte. Das Hauptargument besteht darin, dass die Bewusstseinsebene elementarer angesiedelt ist als die wissenschaftliche Ebene. Das Bewusstsein und seine transzendentalen Strukturen begründen die Wissenschaften überhaupt erst, weil ja Bewusstsein zur Durchführung wissenschaftlicher Tätigkeiten erforderlich ist. Man kann also ein sittlicher Mensch sein und trotzdem ein richtig empirisch vorgehender Wissenschaftler. Zum anderen ist dies aber vor allem die semiotische Philosophie von Charles Peirce, die mit den Phänomenologen überzeugt ist, dass der Alltagserfahrung eine große Würde zuzuschreiben ist. In ihr sind alle allgemeinen Strukturen unserer Wirklichkeitserfahrung enthalten. Gleichwohl ist es nicht unmöglich, dass wir uns in unserer Alltagserfahrung täuschen, auch in der Erfassung ihrer allgemeinen Strukturen. Denn alle allgemeinen Annahmen müssen sich immer weiter in der Erfahrung – auch der Erfahrung anderer – bewähren. Und dazu gehören auch die wissenschaftlich aufbereiteten Erfahrungen. Dabei ist festzuhalten, dass die beiden Hauptschlussformen in der Alltagserfahrung und den Wissenschaften die Abduktion bzw. Hypothese und die Induktion sind. Auch relativ stabile Induktionen müssen in der Zukunft stets weiter in der Erfahrung überprüft werden. Peirce’ Philosophie wehrt daher sowohl dem Fundamentalismus der Alltagserfahrung als auch demjenigen der Wissenschaften, es kommt auf die kritische Überprüfung in der Erfahrung an. Gegen die Neukantianer kann eingewendet werden, dass sich auch das Bewusstsein aller Wahrscheinlichkeit nach erst in der Evolution der biotischen Arten entwickelt hat, daher als Letztbegründungsmuster schwerlich tauglich ist.

 

 


[1] Vgl. die Einführung durch T. Görnitz, Quanten sind anders. Die verborgene Einheit der Welt, Heidelberg/Berlin 1999.

[2] Zu entgegengesetzten Tendenzen in den Wirtschaftswissenschaften, die mit entsprechenden Verlusten wissenschaftlicher Genauigkeit und Prognosefähigkeit einhergehen, vgl. K.-H. Brodbeck, Die fragwürdigen Grundlagen der Ökonomie. Eine philosophische Kritik der modernen Wirtschaftswissenschaften, Darmstadt 22000. Ähnliches tritt auch in manchen Konzeptionen der Soziologie auf.

[3] Vgl. als Beispiel im Blick auf die aktuelle Diskussion T. Metzinger, Vorwort, in: ders. (Hg.), Bewusstsein. Beiträge aus der Gegenwartsphilosophie, Paderborn 52005: „In Westdeutschland [...] haben nach dem Zweiten Weltkrieg viele verschiedene Formen des Philosophierens, bei denen die Standards der begrifflichen Klarheit und der rationalen Argumentation nicht mehr im Mittelpunkt stehen, einen ungeahnten Aufschwung erlebt. Nach wie vor herrscht in weiten Teilen der akademischen Philosophie ein Ressintement gegenüber den empirischen Wissenschaften, das nicht selten von einem generellen Desinteresse an interdisziplinären Dialogen begleitet wird.“

[4] Vgl. Naturwissenschaftliche Schriften, in: Goethe Werke (Jubiläumsausgabe), Bd. 6, Darmstadt 1998, 631ff.

[5] Vgl. insbesondere Die Natur. Ausgewählte Essays, Stuttgart 2000.

3. November 2011

Die Semiotik Charles Peirce’ (Vhs Neckargemünd)

Die letzte Sitzung befasste sich mit dem Ethikentwurf Peirce’, was schon durch die Formulierung der Pragmatischen Maxime vorbereitet war – wobei ich auf die entsprechenden Techniken und Kunstlehren hingewiesen hatte, die keineswegs nur zur Anwendung der Wissenschaften gehören, sondern durchaus zur Produktion von „Wissen“ dienen. Die „Ethik“ Peirce’ beruht auf grundlegenden Erwägungen des Aristoteles, was sich auch in dem Begriff der „Überlegung“ niederschlägt, der eine Neufassung des Begriffs der sofrosyne (Besonnenheit) ist.

Mithin sind Wissenschaften – anders als bei den Positivist/inn/en und den Neukantianer/innen nicht wertneutral. Es ließ sich auch an Weber ganz leicht aufzeigen, dass selbst diese Forderung nur durch bewertendes Sprechen möglich ist, mithin selbst ein Fall der „Ethik“ wäre. Peirce’ Verortung der „Ethik“ als normative Wissenschaft vor der Logik, stellt sicher, dass solche doch recht schlichten logischen Fehler vermieden werden.

Positivist/inn/en und Neukantianer/innen sind daher den nicht selbstkontrollierten und wenig besonnenen ökonomischen oder politischen Interessen ganz hilflos ausgeliefert gewesen, was den Beitrag der Wissenschaften zu mindestens drei großen Krisen zu Beginn des 21. Jahrhunderts sichtbar macht:

  • Nutzung der Kernenergie
  • Klimakatastrophe
  • Nahezu eine Milliarde, mithin ein Siebtel der Menschen, stehen vor dem Hungertod (Felix zu Löwenstein, Food Crash [2011])

In allen diesen drei Phänomenen wird erst ein scheinbar naheliegendes Modell vertreten, welches Gefahren bannen und ökonomische Produktivität oder politische Sicherheit erzeugen könnte, tatsächlich aber werden unbesonnene Methoden verwendet, welche sich letztlich nicht bewähren und fatale Folgen zeitigen. Daher ist die „Ethik“ so wichtig, die Peirce’ zufolge unter Einbeziehung aller Menschen geschehen muss. Wir sehen das neuerdings in der richtigen Intention von Papandreou, das griechische Volk über seinen Weg selbst abstimmen zu lassen. Natürlich gibt es dagegen Widerstand der politischen Klasse hierzulande und in Griechenland, aber es ist eine Folge der Athener Demokratie so zu optieren.

Damit wird das vierte Problem sichtbar, das auch im Werk Peirce’ sichtbar ist:

  • Der Primat der „Ethik“ fordert den Primat demokratischer Politik über die ökonomischen Interessen.

Der Beitrag Peirce’ besteht vor allem darin, dass er die semiotisch-logische Subtilität erhöht hat, um auch im Alltag leichter allzu schlichte Alternativen und Lösungswege durchschauen zu können. Semiotische Kompetenz erhöht mithin die Alltagskompetenz und stärkt alltagsphilosophische Bemühungen – ganz leicht ist sie dennoch nicht … Wir wenden uns heute aber vor allem der wissenschaftlichen Bedeutung zu. In der nächsten Sitzung schenken wir der relationalen Begriffstheorie Peirce’ Beachtung, die unsere Betrachtungsweisen ändern könnte, wir haben dies in unserem Kurs schon bei Brodbeck gesehen, der die Missachtung der Relation als zentraler Kategorie für viele Missstände in unseren Gesellschaften verantwortlich macht: Es sind hier nicht nur wissenschaftliche, sondern breite Alltagsüberzeugungen, die negative Folgen haben.

Der Pragmatismus ist mit einigen Aufsätzen auch in die wissenschaftstheoretische Diskussion eingetreten, die Charles Sanders Peirce seit 1868 in der Zeitschrift The Journal of Speculative Philosophy veröffentlicht hat, darunter auch der berühmte Aufsatz How to Make Our Ideas Clear (1878), am leichtesten erreichbar in: The Essential Peirce I, 1992, 142ff; eine einigermaßen passable Übersetzung findet sich in Apel, Peirce. Schriften zum Pragmatismus usf. (1991; stw 945), 182ff. Der philosophische Ansatz der ursprünglichen Pragmatisten Peirce, James, Dewey schätzt die Bedeutung der Wissenschaften hoch ein, daher gebührt ihnen auch philosophische Aufmerksamkeit. Peirce ist als Einzelwissenschaftler Logiker gewesen, er hat die moderne Relationenlogik mit entwickelt, außerdem war er einer der Begründer der Semiotik. William James gilt mit Recht als einer der Begründer der empirischen Psychologie. John Dewey ist nach meinem Urteil der bedeutendste nachklassische Pädagoge. Die Pragmatisten vertreten z. T. sehr unterschiedliche Positionen, aber sie eint dennoch eine Grundüberzeugung, die Dewey so zusammenfasst, welche wir uns noch einmal verdeutlichen sollten:

„Sofern sich jemand schon auf die Überzeugung verpflichtet hat, dass die Realität sauber und abschließend in einem Paket mit einem Band verpackt ist, das nicht mehr aufgeschnürt werden kann, es mithin keine unvollendeten Themen oder neue Abenteuer gibt, wird er der Auffassung widersprechen, dass Wissen eine Differenz erzeugt, wie man auch sonst jedem unverschämten aufdringlichen Menschen widerspricht. Doch sofern man davon überzeugt ist, dass sich die Welt selbst im Übergangsprozess befindet, warum sollte dann die Überzeugung, dass das Wissen der bedeutendste Modus ihrer Modifikation und das einzige Organ ihrer Leitung sei, a priori schädlich sein? (Does Reality Possess a Practical Character?, The Essential Dewey I, 124ff, 125).

Dies besagt im Kontext dieses grundlegenden Aufsatzes mindestens dreierlei:

(1)  Die Realität sei nicht nur praktisch erschließbar, das scheint aufgrund der experimentellen Praxis der Naturwissenschaften seit dem 17. Jahrhundert unabweisbar. Das wäre ein bloßer truism, eine bloße Binsenwahrheit. Die Pragmatisten vertreten aber darüber hinaus:

(2)  Die Realität steht den handelnden Menschen, auch den experimentierenden Wissenschaftler/innen nicht statisch gegenüber, sondern sie wird sowohl durch das Experiment als auch durch die darauf folgende Praxis verändert. Insofern befindet sich die Realität in einem durch menschliches wissenschaftliches Erkennen mitbestimmten Veränderungsprozess. Auch dies war im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts aufgrund der ökonomisch-technischen Umsetzung physikalischer und chemischer Erkenntnisse unabweisbar.

(3)  Darüber hinaus war allen klassischen Pragmatisten klar, dass auch die Folgen der Handlungen in der Wissenschaft in die Erfassung wissenschaftlicher Handlungen eingehen müssen. Auch bei heutigen Pragmatisten wie Putnam, Habermas, Hampe und Pape wird genau dies betont – und das ist angesichts des katastrophalen Scheiterns des wissenschaftlich-ökonomisch-technischen Projektes vor allem an der Klimaveränderung, aber auch der Nutzung der Kernenergie und der Erzeugung von  Hunger überaus aktuell.

1                               Semiotik und Erkenntnis

Es war das von allen anderen auch anerkannte Verdienst Peirce’ bestimmte Grundlagen logisch-semiotischer Art gelegt zu haben, die manchmal nicht direkt zitiert werden, aber noch bis zu Deweys Theory of Inquiry (1938 [vgl. wichtige Auszüge in: The Essential Dewey II]), die akzeptierte Grundlage bildeten. Dewey hatte bei Peirce Logik gehört – und das macht sich auf jeden Fall bemerkbar.

Grafik 1: Genuin Triadische Bezeichnungsrelation, keines der drei Relata der Bezeichnungsrelation Zeichen, Objekt und Interpretant darf fehlen, alle sind stets durch die genuin triadische Bezeichnungsrelation verbunden, der Interpretant ist stets eine reflexive Interpretation eines schon vorhanden Interpretationsprozesses.

Ein Zeichen oder Repräsentamen ist alles, was in einer solchen Beziehung zu einem Zweiten steht, dass sein Objekt genannt wird, dass es fähig ist ein Drittes, das sein Interpretant genannt wird, dahingehend zu bestimmen, in derselben triadischen Relation zu stehen, in der es selbst steht. Das bedeutet, dass der Interpretant selbst ein Zeichen ist, das ein Zeichen desselben Objekts bestimmt – und so fort ohn Ende. (Phänomen und Logik der Zeichen, 64)

Dass Erkennen und wissenschaftliches Erkennen Zeichenprozesse sind, ist eigentlich auch ein truism, aber leider wird dieser häufig nicht beachtet. Noch heute meint man, eine wissenschaftliche Behauptung sei eine Vorstellung, ein mentales Urteil, möglicherweise handelt es sich sogar um – bislang unbeobachtbare – Gehirnprozesse. Davon kann kaum eine Rede sein, wissenschaftliche Behauptungen werden öffentlich gemacht, öffentlich diskutiert usf. Mithin sind sie Zeichenprozesse. Die Pointe Peirce’ besteht in zwei wesentlichen Punkten:

(1)  Der wissenschaftliche Prozess ist als Erkennen mit dem Objekt in einer genuin triadischen Relation relational verbunden, die sinnliche Wahrnehmung des „Objekts“ im „Zeichen“ wird im „Interpretanten“ dargestellt. Da der Interpretant selbstreflexiv darstellt, ist auch unterstellt, dass schon die sinnliche Wahrnehmung im Zeichen auf einen solchen triadischen Prozess zurückgeht, mithin: Sofern sinnliche Wahrnehmung selbst ein Zeichenprozess ist, sind die angeblichen Sinnesdaten als absoluter Ausgangspunkt wissenschaftlicher Erkenntnis, wie dies die Positivisten unterstellten, Teile eines unendlichen Zeichenprozesses, ein Punkt, den besonders Bertrand Russell als überaus bedrohlich empfand; vgl. die Auseinandersetzung zwischen Russell und Dewey in: The Essential Dewey II, 201ff; 408ff; mit ausführlichen und fairen Russellzitaten, in denen Russell auf der Machschen Position beharrt.) Dewey hat später mit Recht betont, dass die Ideen von Peirce mit denen von Whitehead besonders verwandt seien, weil beide auf unterschiedliche Weise, den falschen Gemeinplatz infragegestellt hätten, es gäbe so etwas wie eine Subjekt-Objekt-Spaltung usf. bzw. eine faktisch sichere Ausgangsbasis in Sinnesdaten. Auch Sinnesdaten beruhen auf einem Interpretationsprozess, so Peirce, mithin müssen viele solche Interpretationen miteinander verglichen werden. Folglich ist anders als Popper meinte, nicht nur die Induktion problematisch, wie also die Sinnesdaten zu einer Theorie zusammengefügt werden, schon die sinnliche Erfahrung stellt eine prinzipiell fallible Interpretation dar.

(2)  Für alle Pragmatisten bis hin zu Habermas heißt das dann, dass der Wissenschaftsprozess zukunftsoffen ist, er hat als Ziel mithin die Zustimmung aller derjenigen, die sich wissenschaftlich kompetent engagieren. Bzw. man kann zurückhaltender sagen, dass er dieses Ziel  haben können muss, wenn man gründlich nachdenkt. Dies heißt dann aber auch, dass man im Sinne der „Pragmatischen Maxime“ Peirce’ stets die Konsequenzen des eigenen wissenschaftlichen Handelns mitbedenken muss, Ethikkomissionen werden heute additiv sozusagen standardmäßig aufgebaut. Für Dewey bedeutete dies, dass die Zahl derjenigen, die wissenschaftlich kompetent sind, durch geeignete demokratische Erziehung möglichst weit gefasst werden muss; vgl. dazu meine Darstellung. Anders als in der spätpositivistischen oder neopositivistischen Position Poppers liegt also kein prinzipieller Erkenntniszweifel vor. Stattdessen besteht die Erwartung, dass die Wissenschaften vor dem Hintergrund einer breiten Kompetenz in der Bevölkerung ihre hochkomplexen und universal angesetzten Aufgaben einigermaßen lösen und dabei die Realität zugunsten sittlicher Ziele verändern könnten. Es sind hier also keineswegs die wissenschaftlichen Expert/inn/en gefragt, sondern die ursprüngliche pragmatistische Idee besteht darin, dass es zu einer Demokratie gehört, dass das Wissenschaftssystem möglichst viele Menschen durch Allgemeinbildung und in die Tiefe gehende unendliche Bildungsbemühungen beteiligt. Dies ist besonders eindrücklich von Dewey bedacht worden, der auch die entsprechenden sozialen Voraussetzungen immer deutlicher erkannte, z. B. einen Sozialstaat, der deutlich über gewöhnliche „amerikanische Verhältnisse“ hinausgeht; vgl. „Democracy is Radical“, in: The Essential Dewey I, 337ff, aber Dewey zufolge sehr wohl in den klassischen Dokumenten der amerikanischen Revolution und Demokratie angelegt sei.

Interessant ist, dass der schon in unseren Kurszusammenhängen erwähnte Johann Jakob von Uexküll prinzipiell den Ansatz von Peirce und Dewey, dass also „Realität“ im dargestellten Sinne unter Zeichenverwendung „praktisch“ sei, auch bei den lebenden Wesen ab dem Einzeller unterstellt:

Grafik 2: Quelle: Thure von Uexküll u. a., Psychosomatische Medizin, 2008, 9.

Das „Merken“ führt zum „Wirken“, wodurch die Realität, die wahrgenommen wurde, verändert wird. Dies geht Uexküll zufolge nur durch eine entsprechende Interpretation, die u. a. am eigenen Bedürfnis orientiert ist.

Zwischen den Pragmatisten und von Uexküll scheint keine wechselseitige oder auch nur einseitige Wahrnehmung zustandegekommen zu sein. Hier liegt aber eine wesentliche wissenschaftliche Chance, um Einseitigkeiten in der Biologie infrage zu stellen.

2                             Fallibilismus

Wer die Realität als in einem ständigen Übergangsprozess begriffen sieht, kann die Rolle der Wissenschaften ganz gelassen als soziale Systeme mit Fallibilismus als wesentlichem methodischem Aspekt und dauernder selbstkritischer Besinnung bestimmen. Der entsprechende Wikipediaartikel hat das unbestreitbare Verdienst, die Sache nicht ganz auf Poppers Niveau herunterzubeamen. M. E. ist Poppers Falsifikationismus kein Fallibilismus im Sinne von Peirce und Dewey, dass dies dennoch oft als Fallibilismus bezeichnet wird, ist ein bedauerlicher Mangel, aber so etwas kommt in der Wissenschafts- und Philosophiegeschichte nicht sehr selten vor. Der Fallibilismus ist aufgrund der Grundidee der Pragmatisten wissenschaftlich zwingend, weil schon die Sinnesdaten Teile der dynamischen genuin triadischen Bezeichnungsrelation sind, ganz zu schweigen von allen weiteren abduktiven, induktiven oder gelegentlich auch deduktiven Interpretationen größeren Ausmaßes. Weiter ist den Pragmatisten zufolge die Bedeutung einer wissenschaftlichen Behauptung oder Theorie auf die Zukunft ausgelegt, mithin können im Verlauf ihrer Weiterinterpretation ständig Veränderungen auftreten – und wie die Wissenschaftsgeschichte zeigt, ist dies auch der Fall. Jede Induktion muss sich in der Zukunft bewähren – und das gilt auch und gerade für die Naturgesetze, die manche für recht gut erkannt halten. Allerdings zeigt die Geschichte der Wissenschaften auch, dass bestimmte Einsichten wissenschaftlicher Art sich bewährt haben. Das ist deshalb der Fall, weil wir unsere Behauptungen und Theorien in entsprechenden Praxissituationen stets überprüfen und verbessern können, das setzt mit Dewey eben eine sehr verbreitete wissenschaftliche Kompetenz in einer möglichst breiten Öffentlichkeit voraus. Popper ist gegen diese Auffassung relativ massiv vorgegangen und hat entsprechende Politikberatung bei Helmut Schmidt u. a. betrieben. Das war vor allem in der Frage der Klimakatastrophe fatal – auch das an sich ganz intelligente Menschen wie Helmut Schmidt sich von Poppers Aura täuschen ließen, anstatt dessen Behauptungen kritisch zu hinterfragen. Daher lässt sich inzwischen an diesem Beispiel eigentlich ganz leicht sehen, dass der Falsifikationismus Poppers mit dem Fallibilismus von Peirce und Dewey schwerlich mithalten kann. Popper hat die ökologischen Behauptungen und Theorien nur als zu falsifizierende Theorien betrachtet, dabei waren die Ansichten von Alfred Russel Wallace im Kern richtig. Sie müssen wie jede Theorie natürlich angepasst werden. Aber die Idee des Erkenntniszweifels, die hinter Poppers Theorie liegt, scheint eher zweifelhaft, wie die Entwicklung zeigt.

 

 

26. Oktober 2011

Der Primat der Ethik VHs Neckargemünd)

Die Sitzung befasste sich mit der „Pragmatischen Maxime“ und der kulturellen Verantwortungsperspektive, die sie enthält. Dem Dozenten erschien es so, als würde angesichts des EGH-Urteils weniger die Perspektive Peirce’ als einleuchtend (Handlungszusammenhang, der wird genau reflektiert – und dies führt relativ zwingend dazu, dass Embryonen der Status der realen Möglichkeit des Menschseins zugeschrieben wird) empfunden werden. Sie sollen ja in eine Gebärmutter eingepflanzt werden, sind dem Handlungszusammenhang zufolge also immer schon mehr als bloße Zellhaufen, die man einfach wegschütten kann, sofern man den Handlungszusammenhang, in welchem die Embryonen entstehen, reflektiert. Peirce zufolge genügt es vollkommen, das offen und kritisch zu reflektieren, was man tut. Natürlich wurde die eingetretene Situation längst vorausgeahnt, als die Präimplantationsdiagnostik mit ihren „überzähligen Embryonen“ erörtert wurde. Daher waren wegen der vorausgesehenen Folgen einige dagegen. Der nicht-utilitaristisch argumentierende EGH hat aus der Menschenrechtsperspektive argumentiert. Sowohl die USA als auch die EU akzeptieren diese, wenn diese auch nicht immer respektiert werden. Diese Menschenrechtsargumentation benötigt keine ontologische Naturrechtsperspektive, wie Papst Benedikt glaubt, sondern eine kritische Reflexion der Handlungssituation, in der die Implikationen deutlich werden können. Überzählige Embryonen, können in eine Gebärmutter eingepflanzt werden, das hat sich empirisch bewährt.

Wer glaubt, den Handlungszusammenhang, der allein für ethische Reflexion ausschlaggebend ist, vernachlässigen zu können, diskutiert über biotische Sachverhalte und stellt fest, dass man „naturwissenschaftlich“ gar nicht so genau sagen könne, wann das Leben und das Menschsein beginne. Peirce und der EGH reflektieren aber genau den Handlungszusammenhang und schreiben den Embryonen aufgrund des Handlungszusammenhangs ein „Sein-Können“ zu, das sich in der Gebärmutter realisiert. Ohne dieses „Sein-Können“ würde die Implantation in die Gebärmutter nicht funktionieren. Positivist/inn/en und Utilitarist/inn/en sind für diesen Punkt ganz menschenrechtsunsensibel.

Pragmatist/inn/en sind also Ethiker/innen, die alle Zusammenhänge eines wissenschaftlich zu erfassenden Sachverhalts einbeziehen. Damit waren sie damals nicht unumstritten, denn dies besagt u. a. auch, dass wissenschaftliche Aussagen nicht „wertneutral“ sind.

Eine „Uebereinstimmung [sc. der Herausgeber des ‘Archivs für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik’] besteht … bezüglich der Schätzung des Wertes theoretischer Erkenntnis unter ‘einseitigen’ Gesichtspunkten, sowie bezüglich der Forderung der Bildung scharfer Begriffe und der strengen Scheidung von Erfahrungswissen und Werturteil, wie sie hier … vertreten wird“  (Max Weber, Die „Objektivität“ sozialwissenschaftlicher und sozialpolitischer Erkenntnis, in: Ders., Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre, hg. v. J. Winckelmann, 71988 (UTB 1495), 146-214 ).

Die Quellen der folgenden beiden Zitate Karl Poppers sind verlinkt:

„Aus der Feststellung einer Tatsache lässt sich niemals ein Satz herleiten, der eine Norm, eine Entscheidung oder einen Vorschlag für ein bestimmtes Vorgehen ausspricht.“[4]:77

„Alle Diskussionen über die Definition des Guten oder die Möglichkeit es zu definieren, sind völlig unnütz.“[4]:294

Anders als Weber und auch als Popper meint Peirce demgegenüber:

„Ethik ist die Theorie des selbstkontrollierten Handelns und Überlegens. Logik ist die Theorie selbstkontrollierten oder überlegten Denkens und muss sich als solche in ihren Prinzipien auf die Ethik stützen.“ (Phänomen und Logik der Zeichen, 21993 [stw 425]), 41f)

Dadurch kann sich jede/r sein/ihr eigenes Bild über die völlige Eigenständigkeit der pragmatistischen Ansatzes bilden. Es dürfte auch bei einer aufmerksamen Lektüre der Behauptungen Webers und Poppers klar werden, warum Peirce, James und Dewey sich nicht davon überzeugen ließen, dass wissenschaftliches Handeln wertneutral sei. Weber und Popper bedienen sich mehr oder weniger unbewusst, jedenfalls unreflektiert Formen des sittlichen Sprechens und stellen Gebote bzw. Verbote auf. Wer also wissenschaftlich spricht, darf nicht werten. Peirce zufolge ist aber eine solche Position weder eine des selbstkontrollierten Denkens noch eine solchen Handelns. Einfaches Lesen mit logisch-semiotischer Subtilität zeigt die Selbstwidersprüchlichkeit der Position von Neukantianern, Positivisten und Neopositivisten auf. Die ‚Wissenschaften sind nach Peirce’ Überzeugung wertvoll. Mithin sind auch wissenschaftliche Sätze nicht wertneutral, sondern stets eine Bestätigung und ein Vollzug selbstkontrollierten Denkens. So etwas setzt eine ethische Entscheidung und Reflexion voraus. Warum besser selbstkontrolliert als anarchisch?

Es handelt sich um eine wissenschaftliche normative Theorie, ebenso eine Überlegung. Damit knüpft Peirce an Aristoteles an, der die bisherigen sittlichen Produktionen wahrnahm und kritisch reflektieren wollte und dies auch getan hat. Bei Peirce liegt ein besonderer Akzent auf den sittlichen Einstellungen, die im alltäglichen Konsens vorhanden sind. Möglicherweise kommt es dazu, dass ein letzter Dissens offen bleibt. Möglicherweise wäre Poppers Urteil gar das Ende der philosophischen Reflexion. Die Beobachtung der sittlichen Anstrengungen in der Menschheit sprechen nicht dafür. Heute entspricht den Überlegungen Peirce′ am ehesten die enwickelte diskursethische Position. Denn auch diese ist zu der Einsicht gelangt, dass man auf alltagsphilosophischen Bildungsprozessen aufbaut, mithin viele Menschen schon immer philosophische sittliche Urteile getroffen haben. Die Ereignisse seit Mitte März in Deutschland, die auch demoskopisch gemessen wurden, haben das empirisch belegt. Die übergroße Mehrheit in der Bevölkerung war zum Ausstieg aus der Kernenergie bereit. Ich selbst habe Diskussionen in der Sauna in Leimen mitbekommen, welche mir eine qualitative Abduktion erlaubten, die ich auch veröffentlicht habe. Sie hat sich dann gut zwei Monate später als zutreffend gezeigt.

D. h.: Fragen wie diese und auch solche der Menschenrechte werden stets in der Bevölkerung verhandelt. Diese ist in Demokratien das Forum, welches auch schwierige Fragen letztlich entscheidet. In Deutschland sind noch zu wenig Formen der direkten Demokratie verfassungsmäßig institutionalisiert. Am 27. November dieses Jahres aber findet auch in Baden-Württemberg eine solche Entscheidung statt. Die Gegner/innen von “Stuttgart 21″ müssen dann wenigstens 40 % davon überzeugen, mit “Nein!” zu stimmen.

Von neukantianischen Positionen des Primats der Ethik unterscheidet sich die Position Peirce′, wie an Weber gezeigt, dadurch, dass wissenschaftliche Prozesse stets als bewertende und auch zu bewertende interpretiert werden.