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Alltag und Philosophie - Im Alltag liegt die Weisheit verborgen …


26. November 2011

Wahrnehmung und Erfahrung (Vhs Neckargemünd)

Die Teilnehmer/innen waren uneins darüber, ob den Erwägungen Peirce’ zu den kategorialen Umbesetzungen hin zur fundamentalen Funktion der Relation eine Bedeutung zukäme. Peirce folgt Aristoteles, Humboldt und Schleiermacher in der Einschätzung, dass die Philosophie sprachabhängig ist. Mit Schleiermacher und stärker als dieser betont er aber die Bedeutung aller Zeichenformen, um Kategorien ausbilden zu können. Dies ist eine Konsequenz aus der Annahme, alle Menschen philosophierten. Peirce ist entsprechend der Nachweis gelungen, dass die elementaren Zeichensysteme die Bezeichnung der Relation derart unterstellen, dass alle anderen kategorialen Bestimmungen von ihr abhängen. Etwa Heidegger und Brodbeck, Die Herrschaft des Geldes, hier im Blog z. B. http://alltagundphilosophie.com/2010/12/09/zinsen/ u. ö. ahnen, dass das moderne Dilemma sich durch eine derartige Umbesetzung, die praxisleitend wird, ändern könnte, bei Brodbeck mit expliziter Nennung des Relationsproblems. Wie Görnitz/Görnitz, Die Evolution des Geistigen, 2007, zeigen, ist auch die Quantenphysik als wesentliche Theorie dessen, was die Bestandteile und Prozesse der Realität sein könnten, hierzu auf dem Wege. Für den Beobachter interessant näherte sich der Kurs dennoch in seinen Erörterungen fast unmerklich der im Alltag und in der oft unzureichend verstandenen bzw. reflektierten Umgangssprache implizieren Unendlichkeitsproblematik, der Selbstreferenzproblematik vor allem des Interpretanten, entsprechender Aufgabe falscher Sicherheiten und demjenigen, was Schleiermacher freundlich als „Übereilung“, Peirce als nicht „selbstkontrolliertes Denken“ bezeichnete, heute vor allem durch finanziell erzeugte Zeitnot angeblich unvermeidbar … Ob das nicht zu ändern ist, blieb nach Wahrnehmung des Dozenten eher unentschieden. Es ist auch nach meiner Überzeugung so, dass die Krisen zu Beginn des 21. Jahrhunderts jedenfalls auch auf einen entsprechenden Mangel an „selbstkontrolliertem Denken“ zurückgehen, der zur alltäglichen Gewohnheit geworden ist, vgl. http://alltagundphilosophie.com/2011/11/03/die-semiotik-charles-peirce%E2%80%99-vhs-neckargemund/.

Das heutige Thema der (sinnlichen) Wahrnehmung und ihrer Verarbeitung in der Erfahrung ist seit gut 100 Jahren erforscht und umstritten, natürlich auch unter Beteiligung der semiotischen Philosophie von Peirce, der beides als aufeinander aufbauende Zeichenprozesse analysiert hat, wobei er Wert darauf legt, dass es sich um „geistige“, „selbstkontrollierte“ und „selbstkritische“ Leistungen des einzelnen Menschen handelt, die perspektivisch ist – und daher auf Austausch mit anderen Menschen angewiesen ist. Auch Tiere haben bei Peirce – ähnlich wie bei von Uexküll – zumindest elementar Teil an solchen selbstkritischen Fähigkeiten.

 

Wahrnehmung:    Ich/Wir nehmen etwas als etwas wahr.

Erfahrung:           Ich/Wir erfahre/n etwas Wahrgenommenes als etwas Bekanntes.

 

Kreative Prozesse sind dann nötig, wenn etwas zum ersten Mal wahrgenommen wird, aber auch erfahren wird. Hier sind Formen der sozialen Gemeinschaft hilfreich, können aber auch störend sein, wenn relativ zu einer sozialen Gemeinschaft ein einzelner Mensch etwas neu sieht, hört, riecht, tastet, schmeckt oder empfindet. Peirce zufolge wird dabei stets ein genuin triadischer Zeichenprozess gestartet, der sicherstellt, dass immer auch ein sinnlich erfasstes Etwas als etwas interpretiert wird. Solche sinnliche Wahrnehmung kann tendenziell das wahrgenommene Etwas vereinzeln. Der Erfahrungsprozess bezieht es auf die Erfahrungstradition und bestimmt es in seinem Beziehungsaspekt zu allem Anderen. Die Prozesse der sinnlichen Wahrnehmung werden teilweise von den empirischen Wissenschaften wie Neurologie und Psychologie erforscht, gehaltvoll und integrativ wird das aber erst dann, wenn man den gesamten Zusammenhang beschreiben kann. Nach Peirce ist das dann der Fall, sofern man die einzelnen Aspekte des Prozesses als Zeichenprozess analysieren kann.

Die allgemeinen Probleme, die auch nicht selten in unserem Kurs thematisiert werden, fasse ich folgendermaßen zusammen:

Seit die empirischen Wissenschaften im Abendland und dann auch in Nordamerika starke Erkenntnisfortschritte gemacht haben, tritt ein Problem auf, das sich insbesondere seit der Verwendung des Teleskops in der Astronomie geltend gemacht hat: Unsere sinnliche Wahrnehmung scheint uns über die Realität zu täuschen, die Sonne geht am Morgen nicht auf, weder die Erde noch die Sonne sind auch nur im Entferntesten im Zentrum des Weltalls. Und ebenso scheinen uns unsere Selbstbeobachtungen, unsere Alltagswahrnehmung und Alltagserfahrung im Blick auf unsere Selbsteinschätzung zu täuschen. Wir erleben uns selbst zumindest gelegentlich als selbstbestimmt handelnde Personen, doch das ist eine Illusion – wie seit der Aufklärung manche Wissenschaftler/innen behaupten. Das ist nur eine Seite der Aufklärung, aber sie ist nicht ganz unerheblich. Die Wissenschaftsseite ist hierbei im Übrigen keineswegs eindeutig. In der Zeit von etwa 1700 bis 1900 herrschte durch die Dominanz der klassischen Physik auch im naturwissenschaftlichen Denken ein strenger Determinismus vor. Dieser wurde aber vonseiten der Biologie durch Charles Darwin durchbrochen, weil ihm zufolge das Zufallsmoment bei der Entstehung der Arten mitwirkte. Entscheidend wurden die Naturwissenschaften dann durch die Quantenphysik verändert, die keine eindeutig deterministischen Beschreibungen mehr zulässt.[1] Die Kulturwissenschaften haben in der Regel keinen Anlass gehabt, strenge deterministische Unterstellungen in den Vordergrund zu stellen. Häufig ist hier die Unterstellung der Freiheit zu Hause.[2]

Ich werde zunächst aus einer philosophischen Perspektive kurz die Grundtypen der möglichen Erfassung des Verhältnisses von Alltagserfahrung und Selbsterfahrung auf der einen Seite, von wissenschaftlichen Theorien auf der anderen Seite beleuchten.

Die Philosophie in unserer Weltgegend und in Nordamerika hat angesichts dieses immer wiederkehrenden Problems im Wesentlichen vier Typen des Umgangs damit entwickelt, die in sehr vielen Spielarten auftreten (vgl. Grafik 4 des Kurses):

 

Grafik 4 des Kurses

Grafik 4 des Kurses

An den Extremen stehen die Positionen, die eines der beiden Elemente des Problems „Alltagserfahrung“ und „Wissenschaft“ zuungunsten des anderen eliminieren wollen. Man kann vertreten, nur die Alltagserfahrung im Unterschied zur Wissenschaft gibt uns einen sicheren Einblick in die Realität – und umgekehrt. Entsprechend gibt es Philosophien, die sich faktisch mit den Fragestellungen der Wissenschaften, insbesondere der Naturwissenschaften identifizieren – und diese logisch-theoretisch reflektieren. Dies ist der Wissenschaftstypus der Philosophie, wie er in einigen Positionen der Analytischen Philosophie, in der positivistischen und neopositivistischen Philosophie auftritt.[3] Auch die frühe Philosophie Ludwig Wittgensteins gehört tendenziell dazu. Scharf gegenüber stehen dieser Position die verschiedenen Spielarten der phänomenologischen bzw. hermeneutischen Philosophie, die der Alltagserfahrung eine eigene Würde zugestehen. Das ist der Alltagstypus der Philosophie. Auch die Spätphilosophie Ludwig Wittgensteins tendiert in diese Richtung – mit einer durchaus beachtlichen Kritik an Formen des Wissenschaftsimperialismus. Das kann soweit führen, dass die Wissenschaften aus dieser Perspektive in ihrer Praxis scharf kritisiert werden, weil ihre Ergebnisse die Alltagserfahrung, überhaupt die Phänomene verfehlen. Im Hintergrund stehen hier nicht selten wissenschaftliche und philosophische Rezeptionen von Reflexionen künstlerisch-philosophischer Art – etwa von Johann Wolfgang von Goethe[4] und/oder von Ralph Waldo Emerson[5].

Am Ende des 19. Jahrhunderts gab es eine Reihe von Philosophen, die beide Positionen für zu extrem hielten. Sie suchten also Vermittlungspositionen, in denen beide Aspekte vorkommen. Dies ist zum einen die neukantianische Philosophie, welche die Sittlichkeit und das Bewusstsein aus dem Zugriff der empirischen Wissenschaften heraushalten wollte. Das Hauptargument besteht darin, dass die Bewusstseinsebene elementarer angesiedelt ist als die wissenschaftliche Ebene. Das Bewusstsein und seine transzendentalen Strukturen begründen die Wissenschaften überhaupt erst, weil ja Bewusstsein zur Durchführung wissenschaftlicher Tätigkeiten erforderlich ist. Man kann also ein sittlicher Mensch sein und trotzdem ein richtig empirisch vorgehender Wissenschaftler. Zum anderen ist dies aber vor allem die semiotische Philosophie von Charles Peirce, die mit den Phänomenologen überzeugt ist, dass der Alltagserfahrung eine große Würde zuzuschreiben ist. In ihr sind alle allgemeinen Strukturen unserer Wirklichkeitserfahrung enthalten. Gleichwohl ist es nicht unmöglich, dass wir uns in unserer Alltagserfahrung täuschen, auch in der Erfassung ihrer allgemeinen Strukturen. Denn alle allgemeinen Annahmen müssen sich immer weiter in der Erfahrung – auch der Erfahrung anderer – bewähren. Und dazu gehören auch die wissenschaftlich aufbereiteten Erfahrungen. Dabei ist festzuhalten, dass die beiden Hauptschlussformen in der Alltagserfahrung und den Wissenschaften die Abduktion bzw. Hypothese und die Induktion sind. Auch relativ stabile Induktionen müssen in der Zukunft stets weiter in der Erfahrung überprüft werden. Peirce’ Philosophie wehrt daher sowohl dem Fundamentalismus der Alltagserfahrung als auch demjenigen der Wissenschaften, es kommt auf die kritische Überprüfung in der Erfahrung an. Gegen die Neukantianer kann eingewendet werden, dass sich auch das Bewusstsein aller Wahrscheinlichkeit nach erst in der Evolution der biotischen Arten entwickelt hat, daher als Letztbegründungsmuster schwerlich tauglich ist.

 

 


[1] Vgl. die Einführung durch T. Görnitz, Quanten sind anders. Die verborgene Einheit der Welt, Heidelberg/Berlin 1999.

[2] Zu entgegengesetzten Tendenzen in den Wirtschaftswissenschaften, die mit entsprechenden Verlusten wissenschaftlicher Genauigkeit und Prognosefähigkeit einhergehen, vgl. K.-H. Brodbeck, Die fragwürdigen Grundlagen der Ökonomie. Eine philosophische Kritik der modernen Wirtschaftswissenschaften, Darmstadt 22000. Ähnliches tritt auch in manchen Konzeptionen der Soziologie auf.

[3] Vgl. als Beispiel im Blick auf die aktuelle Diskussion T. Metzinger, Vorwort, in: ders. (Hg.), Bewusstsein. Beiträge aus der Gegenwartsphilosophie, Paderborn 52005: „In Westdeutschland [...] haben nach dem Zweiten Weltkrieg viele verschiedene Formen des Philosophierens, bei denen die Standards der begrifflichen Klarheit und der rationalen Argumentation nicht mehr im Mittelpunkt stehen, einen ungeahnten Aufschwung erlebt. Nach wie vor herrscht in weiten Teilen der akademischen Philosophie ein Ressintement gegenüber den empirischen Wissenschaften, das nicht selten von einem generellen Desinteresse an interdisziplinären Dialogen begleitet wird.“

[4] Vgl. Naturwissenschaftliche Schriften, in: Goethe Werke (Jubiläumsausgabe), Bd. 6, Darmstadt 1998, 631ff.

[5] Vgl. insbesondere Die Natur. Ausgewählte Essays, Stuttgart 2000.

3. November 2011

Die Semiotik Charles Peirce’ (Vhs Neckargemünd)

Die letzte Sitzung befasste sich mit dem Ethikentwurf Peirce’, was schon durch die Formulierung der Pragmatischen Maxime vorbereitet war – wobei ich auf die entsprechenden Techniken und Kunstlehren hingewiesen hatte, die keineswegs nur zur Anwendung der Wissenschaften gehören, sondern durchaus zur Produktion von „Wissen“ dienen. Die „Ethik“ Peirce’ beruht auf grundlegenden Erwägungen des Aristoteles, was sich auch in dem Begriff der „Überlegung“ niederschlägt, der eine Neufassung des Begriffs der sofrosyne (Besonnenheit) ist.

Mithin sind Wissenschaften – anders als bei den Positivist/inn/en und den Neukantianer/innen nicht wertneutral. Es ließ sich auch an Weber ganz leicht aufzeigen, dass selbst diese Forderung nur durch bewertendes Sprechen möglich ist, mithin selbst ein Fall der „Ethik“ wäre. Peirce’ Verortung der „Ethik“ als normative Wissenschaft vor der Logik, stellt sicher, dass solche doch recht schlichten logischen Fehler vermieden werden.

Positivist/inn/en und Neukantianer/innen sind daher den nicht selbstkontrollierten und wenig besonnenen ökonomischen oder politischen Interessen ganz hilflos ausgeliefert gewesen, was den Beitrag der Wissenschaften zu mindestens drei großen Krisen zu Beginn des 21. Jahrhunderts sichtbar macht:

  • Nutzung der Kernenergie
  • Klimakatastrophe
  • Nahezu eine Milliarde, mithin ein Siebtel der Menschen, stehen vor dem Hungertod (Felix zu Löwenstein, Food Crash [2011])

In allen diesen drei Phänomenen wird erst ein scheinbar naheliegendes Modell vertreten, welches Gefahren bannen und ökonomische Produktivität oder politische Sicherheit erzeugen könnte, tatsächlich aber werden unbesonnene Methoden verwendet, welche sich letztlich nicht bewähren und fatale Folgen zeitigen. Daher ist die „Ethik“ so wichtig, die Peirce’ zufolge unter Einbeziehung aller Menschen geschehen muss. Wir sehen das neuerdings in der richtigen Intention von Papandreou, das griechische Volk über seinen Weg selbst abstimmen zu lassen. Natürlich gibt es dagegen Widerstand der politischen Klasse hierzulande und in Griechenland, aber es ist eine Folge der Athener Demokratie so zu optieren.

Damit wird das vierte Problem sichtbar, das auch im Werk Peirce’ sichtbar ist:

  • Der Primat der „Ethik“ fordert den Primat demokratischer Politik über die ökonomischen Interessen.

Der Beitrag Peirce’ besteht vor allem darin, dass er die semiotisch-logische Subtilität erhöht hat, um auch im Alltag leichter allzu schlichte Alternativen und Lösungswege durchschauen zu können. Semiotische Kompetenz erhöht mithin die Alltagskompetenz und stärkt alltagsphilosophische Bemühungen – ganz leicht ist sie dennoch nicht … Wir wenden uns heute aber vor allem der wissenschaftlichen Bedeutung zu. In der nächsten Sitzung schenken wir der relationalen Begriffstheorie Peirce’ Beachtung, die unsere Betrachtungsweisen ändern könnte, wir haben dies in unserem Kurs schon bei Brodbeck gesehen, der die Missachtung der Relation als zentraler Kategorie für viele Missstände in unseren Gesellschaften verantwortlich macht: Es sind hier nicht nur wissenschaftliche, sondern breite Alltagsüberzeugungen, die negative Folgen haben.

Der Pragmatismus ist mit einigen Aufsätzen auch in die wissenschaftstheoretische Diskussion eingetreten, die Charles Sanders Peirce seit 1868 in der Zeitschrift The Journal of Speculative Philosophy veröffentlicht hat, darunter auch der berühmte Aufsatz How to Make Our Ideas Clear (1878), am leichtesten erreichbar in: The Essential Peirce I, 1992, 142ff; eine einigermaßen passable Übersetzung findet sich in Apel, Peirce. Schriften zum Pragmatismus usf. (1991; stw 945), 182ff. Der philosophische Ansatz der ursprünglichen Pragmatisten Peirce, James, Dewey schätzt die Bedeutung der Wissenschaften hoch ein, daher gebührt ihnen auch philosophische Aufmerksamkeit. Peirce ist als Einzelwissenschaftler Logiker gewesen, er hat die moderne Relationenlogik mit entwickelt, außerdem war er einer der Begründer der Semiotik. William James gilt mit Recht als einer der Begründer der empirischen Psychologie. John Dewey ist nach meinem Urteil der bedeutendste nachklassische Pädagoge. Die Pragmatisten vertreten z. T. sehr unterschiedliche Positionen, aber sie eint dennoch eine Grundüberzeugung, die Dewey so zusammenfasst, welche wir uns noch einmal verdeutlichen sollten:

„Sofern sich jemand schon auf die Überzeugung verpflichtet hat, dass die Realität sauber und abschließend in einem Paket mit einem Band verpackt ist, das nicht mehr aufgeschnürt werden kann, es mithin keine unvollendeten Themen oder neue Abenteuer gibt, wird er der Auffassung widersprechen, dass Wissen eine Differenz erzeugt, wie man auch sonst jedem unverschämten aufdringlichen Menschen widerspricht. Doch sofern man davon überzeugt ist, dass sich die Welt selbst im Übergangsprozess befindet, warum sollte dann die Überzeugung, dass das Wissen der bedeutendste Modus ihrer Modifikation und das einzige Organ ihrer Leitung sei, a priori schädlich sein? (Does Reality Possess a Practical Character?, The Essential Dewey I, 124ff, 125).

Dies besagt im Kontext dieses grundlegenden Aufsatzes mindestens dreierlei:

(1)  Die Realität sei nicht nur praktisch erschließbar, das scheint aufgrund der experimentellen Praxis der Naturwissenschaften seit dem 17. Jahrhundert unabweisbar. Das wäre ein bloßer truism, eine bloße Binsenwahrheit. Die Pragmatisten vertreten aber darüber hinaus:

(2)  Die Realität steht den handelnden Menschen, auch den experimentierenden Wissenschaftler/innen nicht statisch gegenüber, sondern sie wird sowohl durch das Experiment als auch durch die darauf folgende Praxis verändert. Insofern befindet sich die Realität in einem durch menschliches wissenschaftliches Erkennen mitbestimmten Veränderungsprozess. Auch dies war im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts aufgrund der ökonomisch-technischen Umsetzung physikalischer und chemischer Erkenntnisse unabweisbar.

(3)  Darüber hinaus war allen klassischen Pragmatisten klar, dass auch die Folgen der Handlungen in der Wissenschaft in die Erfassung wissenschaftlicher Handlungen eingehen müssen. Auch bei heutigen Pragmatisten wie Putnam, Habermas, Hampe und Pape wird genau dies betont – und das ist angesichts des katastrophalen Scheiterns des wissenschaftlich-ökonomisch-technischen Projektes vor allem an der Klimaveränderung, aber auch der Nutzung der Kernenergie und der Erzeugung von  Hunger überaus aktuell.

1                               Semiotik und Erkenntnis

Es war das von allen anderen auch anerkannte Verdienst Peirce’ bestimmte Grundlagen logisch-semiotischer Art gelegt zu haben, die manchmal nicht direkt zitiert werden, aber noch bis zu Deweys Theory of Inquiry (1938 [vgl. wichtige Auszüge in: The Essential Dewey II]), die akzeptierte Grundlage bildeten. Dewey hatte bei Peirce Logik gehört – und das macht sich auf jeden Fall bemerkbar.

Grafik 1: Genuin Triadische Bezeichnungsrelation, keines der drei Relata der Bezeichnungsrelation Zeichen, Objekt und Interpretant darf fehlen, alle sind stets durch die genuin triadische Bezeichnungsrelation verbunden, der Interpretant ist stets eine reflexive Interpretation eines schon vorhanden Interpretationsprozesses.

Ein Zeichen oder Repräsentamen ist alles, was in einer solchen Beziehung zu einem Zweiten steht, dass sein Objekt genannt wird, dass es fähig ist ein Drittes, das sein Interpretant genannt wird, dahingehend zu bestimmen, in derselben triadischen Relation zu stehen, in der es selbst steht. Das bedeutet, dass der Interpretant selbst ein Zeichen ist, das ein Zeichen desselben Objekts bestimmt – und so fort ohn Ende. (Phänomen und Logik der Zeichen, 64)

Dass Erkennen und wissenschaftliches Erkennen Zeichenprozesse sind, ist eigentlich auch ein truism, aber leider wird dieser häufig nicht beachtet. Noch heute meint man, eine wissenschaftliche Behauptung sei eine Vorstellung, ein mentales Urteil, möglicherweise handelt es sich sogar um – bislang unbeobachtbare – Gehirnprozesse. Davon kann kaum eine Rede sein, wissenschaftliche Behauptungen werden öffentlich gemacht, öffentlich diskutiert usf. Mithin sind sie Zeichenprozesse. Die Pointe Peirce’ besteht in zwei wesentlichen Punkten:

(1)  Der wissenschaftliche Prozess ist als Erkennen mit dem Objekt in einer genuin triadischen Relation relational verbunden, die sinnliche Wahrnehmung des „Objekts“ im „Zeichen“ wird im „Interpretanten“ dargestellt. Da der Interpretant selbstreflexiv darstellt, ist auch unterstellt, dass schon die sinnliche Wahrnehmung im Zeichen auf einen solchen triadischen Prozess zurückgeht, mithin: Sofern sinnliche Wahrnehmung selbst ein Zeichenprozess ist, sind die angeblichen Sinnesdaten als absoluter Ausgangspunkt wissenschaftlicher Erkenntnis, wie dies die Positivisten unterstellten, Teile eines unendlichen Zeichenprozesses, ein Punkt, den besonders Bertrand Russell als überaus bedrohlich empfand; vgl. die Auseinandersetzung zwischen Russell und Dewey in: The Essential Dewey II, 201ff; 408ff; mit ausführlichen und fairen Russellzitaten, in denen Russell auf der Machschen Position beharrt.) Dewey hat später mit Recht betont, dass die Ideen von Peirce mit denen von Whitehead besonders verwandt seien, weil beide auf unterschiedliche Weise, den falschen Gemeinplatz infragegestellt hätten, es gäbe so etwas wie eine Subjekt-Objekt-Spaltung usf. bzw. eine faktisch sichere Ausgangsbasis in Sinnesdaten. Auch Sinnesdaten beruhen auf einem Interpretationsprozess, so Peirce, mithin müssen viele solche Interpretationen miteinander verglichen werden. Folglich ist anders als Popper meinte, nicht nur die Induktion problematisch, wie also die Sinnesdaten zu einer Theorie zusammengefügt werden, schon die sinnliche Erfahrung stellt eine prinzipiell fallible Interpretation dar.

(2)  Für alle Pragmatisten bis hin zu Habermas heißt das dann, dass der Wissenschaftsprozess zukunftsoffen ist, er hat als Ziel mithin die Zustimmung aller derjenigen, die sich wissenschaftlich kompetent engagieren. Bzw. man kann zurückhaltender sagen, dass er dieses Ziel  haben können muss, wenn man gründlich nachdenkt. Dies heißt dann aber auch, dass man im Sinne der „Pragmatischen Maxime“ Peirce’ stets die Konsequenzen des eigenen wissenschaftlichen Handelns mitbedenken muss, Ethikkomissionen werden heute additiv sozusagen standardmäßig aufgebaut. Für Dewey bedeutete dies, dass die Zahl derjenigen, die wissenschaftlich kompetent sind, durch geeignete demokratische Erziehung möglichst weit gefasst werden muss; vgl. dazu meine Darstellung. Anders als in der spätpositivistischen oder neopositivistischen Position Poppers liegt also kein prinzipieller Erkenntniszweifel vor. Stattdessen besteht die Erwartung, dass die Wissenschaften vor dem Hintergrund einer breiten Kompetenz in der Bevölkerung ihre hochkomplexen und universal angesetzten Aufgaben einigermaßen lösen und dabei die Realität zugunsten sittlicher Ziele verändern könnten. Es sind hier also keineswegs die wissenschaftlichen Expert/inn/en gefragt, sondern die ursprüngliche pragmatistische Idee besteht darin, dass es zu einer Demokratie gehört, dass das Wissenschaftssystem möglichst viele Menschen durch Allgemeinbildung und in die Tiefe gehende unendliche Bildungsbemühungen beteiligt. Dies ist besonders eindrücklich von Dewey bedacht worden, der auch die entsprechenden sozialen Voraussetzungen immer deutlicher erkannte, z. B. einen Sozialstaat, der deutlich über gewöhnliche „amerikanische Verhältnisse“ hinausgeht; vgl. „Democracy is Radical“, in: The Essential Dewey I, 337ff, aber Dewey zufolge sehr wohl in den klassischen Dokumenten der amerikanischen Revolution und Demokratie angelegt sei.

Interessant ist, dass der schon in unseren Kurszusammenhängen erwähnte Johann Jakob von Uexküll prinzipiell den Ansatz von Peirce und Dewey, dass also „Realität“ im dargestellten Sinne unter Zeichenverwendung „praktisch“ sei, auch bei den lebenden Wesen ab dem Einzeller unterstellt:

Grafik 2: Quelle: Thure von Uexküll u. a., Psychosomatische Medizin, 2008, 9.

Das „Merken“ führt zum „Wirken“, wodurch die Realität, die wahrgenommen wurde, verändert wird. Dies geht Uexküll zufolge nur durch eine entsprechende Interpretation, die u. a. am eigenen Bedürfnis orientiert ist.

Zwischen den Pragmatisten und von Uexküll scheint keine wechselseitige oder auch nur einseitige Wahrnehmung zustandegekommen zu sein. Hier liegt aber eine wesentliche wissenschaftliche Chance, um Einseitigkeiten in der Biologie infrage zu stellen.

2                             Fallibilismus

Wer die Realität als in einem ständigen Übergangsprozess begriffen sieht, kann die Rolle der Wissenschaften ganz gelassen als soziale Systeme mit Fallibilismus als wesentlichem methodischem Aspekt und dauernder selbstkritischer Besinnung bestimmen. Der entsprechende Wikipediaartikel hat das unbestreitbare Verdienst, die Sache nicht ganz auf Poppers Niveau herunterzubeamen. M. E. ist Poppers Falsifikationismus kein Fallibilismus im Sinne von Peirce und Dewey, dass dies dennoch oft als Fallibilismus bezeichnet wird, ist ein bedauerlicher Mangel, aber so etwas kommt in der Wissenschafts- und Philosophiegeschichte nicht sehr selten vor. Der Fallibilismus ist aufgrund der Grundidee der Pragmatisten wissenschaftlich zwingend, weil schon die Sinnesdaten Teile der dynamischen genuin triadischen Bezeichnungsrelation sind, ganz zu schweigen von allen weiteren abduktiven, induktiven oder gelegentlich auch deduktiven Interpretationen größeren Ausmaßes. Weiter ist den Pragmatisten zufolge die Bedeutung einer wissenschaftlichen Behauptung oder Theorie auf die Zukunft ausgelegt, mithin können im Verlauf ihrer Weiterinterpretation ständig Veränderungen auftreten – und wie die Wissenschaftsgeschichte zeigt, ist dies auch der Fall. Jede Induktion muss sich in der Zukunft bewähren – und das gilt auch und gerade für die Naturgesetze, die manche für recht gut erkannt halten. Allerdings zeigt die Geschichte der Wissenschaften auch, dass bestimmte Einsichten wissenschaftlicher Art sich bewährt haben. Das ist deshalb der Fall, weil wir unsere Behauptungen und Theorien in entsprechenden Praxissituationen stets überprüfen und verbessern können, das setzt mit Dewey eben eine sehr verbreitete wissenschaftliche Kompetenz in einer möglichst breiten Öffentlichkeit voraus. Popper ist gegen diese Auffassung relativ massiv vorgegangen und hat entsprechende Politikberatung bei Helmut Schmidt u. a. betrieben. Das war vor allem in der Frage der Klimakatastrophe fatal – auch das an sich ganz intelligente Menschen wie Helmut Schmidt sich von Poppers Aura täuschen ließen, anstatt dessen Behauptungen kritisch zu hinterfragen. Daher lässt sich inzwischen an diesem Beispiel eigentlich ganz leicht sehen, dass der Falsifikationismus Poppers mit dem Fallibilismus von Peirce und Dewey schwerlich mithalten kann. Popper hat die ökologischen Behauptungen und Theorien nur als zu falsifizierende Theorien betrachtet, dabei waren die Ansichten von Alfred Russel Wallace im Kern richtig. Sie müssen wie jede Theorie natürlich angepasst werden. Aber die Idee des Erkenntniszweifels, die hinter Poppers Theorie liegt, scheint eher zweifelhaft, wie die Entwicklung zeigt.

 

 

20. Oktober 2011

Die “Pragmatische Maxime” – eine kulturphilosophische Regel

Wir haben uns in der Sitzung vom 17.10. um ein ausreichendes Verständnis des allgemeinen und umfassenden Philosophieansatzes von Charles Peirce bemüht – und sogar eines der metaphysischen Probleme besprochen, das Peirce tatsächlich behandelt: die Gottesfrage, wobei Peirce viele allgemeine Äußerungen hinzuzieht, welche ihn anregen. Neben Traditionen von Judentum, Christentum und Islam spielen bei Peirce auch Neohinduideen eine nicht unbeachtliche Rolle. Dies war alles am Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den USA bekennt und wurde kontrovers diskutiert.[1] Philosophie verarbeitet solche Traditionen und reflektiert sie kritisch darauf, ob sie Erfahrungsgehalte symbolisieren – oder ob man aufgrund solcher Bilder Erfahrungen machen kann. Welches Thema man metaphysisch durch allgemeine Unterstellungen angeht: Peirce hält nichts von geschmäcklerischen, vielleicht schöngeistigen Theoriedebatten, weil Theorien selbst durch Praxis gewonnen wurden, praktisch überprüft und ggf. dann verändert oder auch verworfen werden. Die pragmatistische Philosophie konzentriert sich mithin auf den kulturellen Kontext der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in dem klar wurde, dass die soziale Ausdifferenzierung der Wissenschaften sogenanntes „Wissen“ bereitstellt, das es ermöglicht, praktische Regeln zu entwerfen, die sich therapeutisch, pädagogisch und ökonomisch sehr gut bewährten. Das sind entweder Techniken oder Kunstlehren.

  • Um Techniken handelt es sich, wenn solche Regeln Handlungen bestimmen, die das angestrebte Ziel stets erreichen, also z. B. Glühbirnen produzieren, die immer dann leuchten, sofern man auf einen Schalter drückt (Th. A. Edison).
  • Um Kunstlehren handelt es sich, wenn solche Regeln Handlungen bestimmen, bei denen der Erfolg im Einzelfall nicht sicher ist, die mithin stets vom Einzelfall her angepasst werden müssen (etwa Pädagogik, Medizin).

Das ist keine typisch „amerikanische“ Entdeckung. Aber im amerikanischen Pragmatismus brachen sich – vermittelt durch den „Amerikanischen Transzendentalismus (Emerson, Thoreau, Fuller u. a.) die Ideen, die von den Frühromantiker/innen, Goethe, Schleiermacher und Humboldt stammen, eine Bahn. Ich habe daher auch auf den Kontext der Demokratie verwiesen, der für das Verständnis der Werke von Peirce, James und Dewey sehr ausschlaggebemd ist, der natürlich in Deutschland in einem ernsthaften Sinn erst nach 1968 existierte, im Kern erst in den 1970er Jahren bestimmend wurde. Denn die Möglichkeiten politischer Freiheit setzten die Energien frei, welche ein Leben in Selbstbestimmung schön machen können. Das formuliert in der Unabhängigkeitserklärung die Rede vom „pursuit of happiness). Aber – so reflektiert die sogenannte „pragmatische Maxime“, welche praktische Folgen bzw. Wirkungen eine wissenschaftliche Theorie haben kann, sollte abgeschätzt werden.

Bedenken Sie, welche Wirkungen, die denkbarerweise praktische Relevanz haben könnten, wir dem Gegenstand unserer Konzeption zuschreiben. Folglich besteht die Konzeption dieser Wirkungen aus dem Ganzen unserer Konzeption des Gegenstands!

(Charles Peirce, How to make our ideas clear, 1878)

Pape hat schon in den 1980er Jahren (z. B. Einleitung zu „Phänomenologie und Logik der Zeichen“) darauf verwiesen, dass Grundfragen des „Prinzips Verantwortung“ (Hans Jonas, ein Heideggerschüler) hier völlig klar formuliert werden. Wenn also zu den abgeschätzten möglichen Wirkungen solche gehören, die sittlich missbilligt werden müssen, ergeben sich konfliktreiche ethische Aufgaben. Wie ist z. B. eine demokratische Kontrolle der Wissenschaften möglich? Peirce setzt also darauf, dass neben der philosophischen Tätigkeit der Wissenschaftler/innen ein universaler Horizont in der Gesellschaft entsteht, der eben verantwortlich darüber entscheidet, welche technischen und kunstmäßigen Projekte durchgeführt werden – und welche besser unterlassen werden sollten, weil ihre Wirkungen die Möglichkeit der Freiheit negieren.

Der Europäische Gerichtshof (EGH) hat in dieser Woche in diesem Sinne eine entsprechende Entscheidung zur Stammzellenforschung getroffen, die den Wünschen und gedanklichen Ambitionen der Zivilgesellschaft in Teilen Europas entspricht – ein Beispiel für die Institutionalisierung solcher demokratischer Meinungsbildungsprozesse, die auch Peirce für notwendig hielt. Natürlich lässt sich ökonomisch besser mit (finanzieller und technischer) Industrieunterstützung forschen. Aber die hierzu erforderliche Patentierung von bestimmten praktisch hervorgerufenen Zellveränderungen widerspricht elementaren Prinzipien der Menschenrechte. Um dies zu verstehen, muss man nur allgemein gebildet sein, welches eine Voraussetzung von Demokratie im Sinne von Peirce und seinem Schüler Dewey ist.

  • Die in den Wissenschaften entworfenen Abduktionen (Hypothesen)
  • werden mithin deduktiv auf Überprüfungskontexte in der kunstmäßig oder technisch modellierten Erfahrung (etwa des Labors) bezogen,
  • wo sie auf ihre induktive Tauglichkeit in immer neuen Erfahrungen überprüft werden.

Die „pragmatische Maxime“ formuliert diesen durch und durch praktischen Zusammenhang. Und Handlungen gehören ganz klar in den Bereich der Ethik. Es gehört zu den negativen – und wie wir heute u. a. an der Klimakatastrophe und Fukushima sehen – fatalen Folgen des Erfolgs von Positivismus und Neopositivismus, dass sie die Peirce’sche Idee, wie Ideen klar gemacht werden, aus dem Bereich der Ethik in einen angeblich “neutralen” wissenschaftlichen Bereich transformiert haben, wo (was nicht so gerne zugegeben wird) letztlich kurzfristige ökonomische Interessen den Ausschlag geben, siehe den sich immer noch brüstenden Oliver Brüstle (Universität Bonn).

Logisch-semiotisch verhält es sich so: Das Ziel wäre eine Therapie für Parkinson. Die Abduktion lautet: Dieses Ziel kann durch gentechnologische Manipulation von Zellen „überzähliger Embryonen“ erreicht werden, weil sich hieraus geeignete Präparate gegen Parkinson gewinnen lassen. Deduktiv findet diese Manipulation seit drei Jahren oder mehr statt. Eine Überprüfung, die induktiv den Erfolg einigermaßen sicherstellen könnte, ist noch nicht in Sicht. Der EGH hat klar aus der Sicht der Menschenrechte die Konsequenzen gezogen. Embryonen dürfen nicht als Mittel behandelt werden. Sie tragen die reale Möglichkeit des Menschseins in sich. Im positivistischen und neopositivistischen Kontext werden entsprechende elementare ethische Fragen bewusst ausgeklammert. Mithin sind die Ideen solcher Wissenschaftler/innen und Philosoph/inn/en Peirce zufolge unklar.

  • Warum?
  • Und hat Peirce recht oder unrecht?
  • Wie hätte der Papst argumentiert?

Pape hat mit Recht vor gut 30 Jahren darauf verwiesen, dass die Philosophie durch eine derartige logisch-semiotische Subtilität gesellschaftliche Streitfragen klären helfen kann – und dadurch dazu beiträgt, die geistige „Umweltverschmutzung“ zu mildern. Das ist eine schöne Aufgabe der Philosophie.


[1] Es ist unbestritten, dass es auch Cowboys und Cowgirls gab. Sie waren kulturell aber weniger bedeutend, als das Genre „Western“ nahelegen könnte. Auch im Mittleren Westen und an der Frontier wurden philosophische Fragen diskutiert, wie man sich an dem Begründer der Osteopathie Andrew Taylor Stil exemplarisch klar machen kann.

10. September 2011

Die Philosophie von Charles Peirce

Die Philosophie von Charles Peirce (1839-1914) ist aktuell. Nach konservativer Meinung hat sich die Bundeskanzlerin als „Pragmatistin“ erwiesen, weil sie angesichts der „tagespolitischen Ereignisse“ (FAZ) von Fukushima ihre Haltung zur Kernenergie geändert hat – was entsprechende Konsequenzen hatte. Dabei ist ein Begriff von „Pragmatismus“ impliziert, der unterstellt, man setze politisch nur dasjenige durch, was sich angesichts von Widerständen gegenüber der Bevölkerung vertreten lasse. Aber auch im Sinne von Peirce war das eine „pragmatistische“ Entscheidung. Denn angesichts unabweisbarer Erfahrungen ließ sich feststellen, dass die Betreibung der Kernergie offensichtlich tödliche Folgen haben kann, mithin mit den Menschenrechten unvereinbar ist. Folglich ist das Betreiben der Kernergie in einem Land, das die Menschenrechte achtet, nicht weiter möglich.

Nicht nur diese Aktualität besteht, sondern Peirce bietet eine breite Themenpalette, von der wir im Kurs an der VHS Neckargemünd einige Themen besprechen wollen:

 

10.10. Wechselseitige Vorstellung und Kursplan

17.10. Leben und Werk

24.10. Die „pragmatische Maxime“

31.10. Der Primat der Ethik

07.11. Semiotik I

14.11. Semiotik II

21.11. Wahrnehmung und Erfahrung

28.11. Pragmatismus und Phänomenologie

05.12. Religionsphilosophie

12.12. Abschlussdiskussion

 

Aus der Perspektive der Teilnehmer/innen können diese Themen verändert werden. Bitte schreiben Sie mir hierzu eine E-Mail mit ihren Vorschlägen.

6. April 2011

„Kompatibilismus“ bei Ernst Tugendhat – Akzeptiert den „Mythos des Sisyphos“!

 

Mythos des Sisyphos, 530 v. d. Z.

Ernst Tugendhat hat am 28.07.2007 in einem taz-Interview auf den offen zutage liegenden Sachverhalt hingewiesen, dass der auslösende Faktor der neueren Debatte weitgehend gegenstandslos ist, weil gar keine belastbaren wissenschaftlichen Ergebnisse vorliegen:

„Bei der Hirnforschung finde ich ziemlich verrückt, was da heute läuft. [...] Man kann lediglich feststellen, in welchen Bereichen des Gehirns welche Typen von Prozessen ablaufen. Aber dann kommen diese Professoren der Gehirnphysiologie und stellen Theorien über die Nichtexistenz menschlicher Freiheit auf, die sich nur darauf stützen, dass sie sagen, wir sind Wissenschaftler und glauben an den Determinismus. Sie nehmen die philosophische Literatur der ganzen letzten Jahrzehnte überhaupt nicht wahr, in der versucht wird, Determinismus und Willensfreiheit nicht als Gegensatz zu sehen. Das halte ich für eine völlig haltlose Spekulation. [...] In hundert Jahren kann die Hirnphysiologie vielleicht interessant werden für die Philosophie, aber bisher ist sie es nicht. Ich bin freilich ein Naturalist, ich sehe den Menschen als einen Teil der biologischen Entwicklung. Aber was in den biologischen Wissenschaften mit Bezug auf den Menschen gemacht wird, da ist sehr wenig Sinnvolles.“ (http://www.taz.de/?id=digitaz-artikel&ressort=do&dig=2007/07/28/a0001&no_cache=1://) (weiterlesen…)

16. März 2011

Philosophie in der Demokratie – der “freie” Wille ist im Pragmatismus eher unproblematisch

Erinnerung an den 14.03.2011

Die kantische Position rechnet mir der empirischen Gültigkeit des Mechanismus, welcher zugleich ein Determinismus ist – nach Kants Kategorienlehre ist dies auch gar nicht anders möglich, weil keine Kategorie wirklich überzeugend auf Spontaneität o. Ä. hinweist. Der Widerstand im empirischen Bereich geht also gegen 100 %, mithin gibt es keine Freiheit. Allerdings müssen wir uns „zum Behufe“ der praktischen Vernunft als frei denken – und in diesem Sinn gibt es auf der transzendentalen Ebene Freiheit, freier Wille, Selbstbestimmung, Selbstgesetzgebung. Wir entwerfen das Sittengesetz und den kategorischen Imperativ selbst, sofern wir uns als transzendental freie Wesen richtig verstehen. Weil wir das nicht empirisch-mechanistisch bestätigen können, wird gerade das richtige autonome Selbstverständnis und Selbstverhältnis entworfen. Ansonsten wären wir nicht autonom, sondern als Maschine aktiv. (weiterlesen…)

22. Dezember 2010

Predigt zum vierten Advent (EfG Griesheim)

Maria und Elisabet (http://www.anne-worbes.de/index.html)

„Der Lobgesang der Maria“ – so wird der Text der Predigt zum diesjährigen vierten Advent gewöhnlich überschrieben, liebe Gemeinde. Nach seinem Anfang in der lateinischen Bibel ist er auch als Magnifikat bekannt. Er ist immer wieder musikalisch dargestellt worden, ich selbst verehre in jüngerer Zeit die Vertonung durch die Chormusik des estnischen Komponisten Arvo Pärt. (weiterlesen…)

7. März 2010

Idee des Kurses “Wirtschaft und Ethik” seitens des Dozenten

Der Kurs behandelt die in der Literatur und der Öffentlichkeit sehr umstrittene Frage, ob

  • wirtschaftliches Handeln moralisch sensibel vorgehen muss –
  • oder einfach nur vollzogen werden muss.

Dass diese Alternative überhaupt so diskutiert wird, setzt voraus, dass

(1)  es wählbare Möglichkeiten gibt, die unterschiedlich bewertet werden können – bzw.

(2)  dass Letzteres nicht der Fall ist, mithin menschliches Handeln im wirtschaftlichen Bereich vollständig determiniert ist.

Wir haben im letzten Kurs zur Genproblematik kennengelernt, dass die darwinistisch argumentierende Biologie stark von bestimmten wirtschaftstheoretischen Annahmen des Typs (2) geleitet ist. Tatsächlich aber gibt es gute Gründe dafür, dass biotische Prozesse auch im Bereich der Molekularbiologie nicht gut auf diese Weise verstanden werden können, so Bauer und Hoffmeyer. Sollten für biotische Prozesse Zeichenprozesse grundlegend sein, wie insbesondere Hoffmeyer darlegt, dann ist das Moment der Interpretation nicht ausschließbar, mithin auch das Moment des Nichtverstehens bzw. des Andersverstehens.

Im Hintergrund dieses Problems steht, dass in vielen Schulen und Universitäten leider der Unterricht nicht hinreichend mögliche Alternativen deutlich macht. Die komplexen Wirklichkeitsmodelle beispielsweise der deutschen Frühromantik, Johann Wolfgang von Goethes und des Amerikanischen Transzendentalismus, auch des amerikanischen Pragmatismus werden faktisch ausgeklammert. Dass die Wirtschaftswissenschaften in vielen Bereichen mit dem Wirtschaftsgeschehen nicht übereinstimmen, dürfte den meisten Menschen mit der „Finanzkrise“ deutlich geworden sein – allerdings haben die Prophet/inn/en der Weltsicht, welche die Finanzkrise hervorgebracht hat, weder ihre Lehrstühle noch die Institutsleitungen abgeben müssen, sodass wir sowohl im Wissenschaftssystem als auch in den Massenmedien nach einem Schockmoment wieder mit den gleichen fehlerhaften Ansichten konfrontiert werden, es gibt nur wenige Außenseiter wie Brodbeck 2009, welche die Rolle des Kindes einnehmen, das sagt, der Kaiser sei nackt. Doch die meisten Wissenschaftler/innen und auch die allermeisten Bürger/innen können bzw. wollen dies nicht sehen. Es war die „Gier“ einiger Banker/innen, welche mit „großer Lippe“ (Angela Merkel) das an sich wunderbar funktionierende System fast zum Einsturz gebracht habe und den Staat erpresse.

Wir sollten im Kurs zu verstehen versuchen, wie schwierig es ist, die Position (1) von wählbaren Alternativen zu vertreten. Die Position (2) scheint in der Arbeitsgesellschaft faktisch unhintergehbar, die Marxist/inn/en sind nicht weniger deterministisch als die Neoliberalen, aber auch als die Altliberalen, deren Wirtschaftstheorie Marx im Wesentlichen als zutreffend ansah. Die Weichen sind jedoch schon im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts gestellt worden, insofern zutreffend erkannt wurde, dass die liberalen und marxistischen Annahmen unterkomplex waren, weil sie ihre Rechnungen ohne die Umwelt des Wirtschaftssystems gemacht hatten. Dies wurde von Marxist/inn/en und Liberalen – und wird auch heute noch – tapfer übertönt, ist aber ähnlich überzeugend und von Tiefsinn geprägt wie die These von der „Gier“ der Banker/innen. Sofern aber wirtschaftliches Handeln die Möglichkeiten enthält, die eigene Lebensgrundlage und die anderer natürlicher Gattungen zu zerstören, ist die moralische oder sittliche Frage unabweisbar. Die marxistischen und liberalen Vertreter von Position (2) versuchen die Frage nach der Einseitigkeit „wirtschaftlicher“ Rationalität bzw. von deren Gestaltbarkeit möglichst wenig zu thematisieren. Stattdessen kommunizieren sie offensiv möglichst „objektive Faktoren“ sozialer und/oder genetischer Art, warum es nicht anders geht, es also keine Alternativen gibt. Doch es gibt sie, sagt das Bundesverfassungsgericht, weil im Grundgesetz eine andere Weltsicht vertreten wird, die sogar juristisch relevant ist.

Definitionen

  • Der Ausdruck „Ethik“ bezieht sich auf die philosophische Reflexion unterschiedlicher sittlicher bzw. moralischer Handlungsweise bzw. deren Regeln.
  • Die Ausdrücke „Moral“ bzw. „Sitte“ beziehen sich auf konkrete Handlungsweisen bzw. deren Regeln.

22. November 2009

John Dewey — Mein pädagogisches Glaubensbekenntnis I

John Dewey (1859-1953) ist einer der bedeutendsten Pädagogiker der Moderne. In Deutschland bzw. im deutschen Sprachraum würde man seine pädagogische Position als Reformpädagogik bezeichnen. Darunter kann man diejenigen Positionen

John Dewey

John Dewey

verstehen, welche Einsichten der klassischen Pädagogik wie derjenigen Friedrich Schleiermachers (2000a; b) in lebbare Formen umsetzte. Dewey ist m. E. deshalb von besonderer Bedeutung, weil er eine sozial verantwortliche und entschieden demokratische Position vertrat. Es kann nur zur Demokratie kommen und diese kann  auch nur bestehen, wenn die Schule selbst für Kinder Demokratie erlebbar und gestaltbar macht. Dewey ist mithin nicht der Überzeugung, dass man in der Schule für das Leben lerne, wie ein verbreiteter Sinnspruch in unserer Weltgegend lautet. Es verhält sich anders: Die Schule ist ein Teil des Lebens und mithin auch des demokratischen und sozial verantwortlichen Lebens.

Ich werde über Weihnachten bzw. den Jahresabschluss  hinaus hier Deweys Text My Pedagogic Creed (1897) übersetzen und mit einigen kommentierenden Bemerkungen versehen. Der Regierungserklärung von Angela Merkel zufolge soll ja Deutschland zur “Bildungsrepublik” werden.  Hierzu hat Dewey Wesentliches beizutragen. Denn seine Auffassung ist wesentlich grundlegender als diejenigen Überzeugungen, die bestenfalls von der OECD beeinflusst sind, aber schlimmstenfalls Sarrazinsche Formen annehmen können. Von derartigen Auffassungen ist der jedenfalls massenmedial zumeist notierte Bildungsdiskurs bestimmt. So findet sich in früher renommierten Zeitungen wie der “Zeit” bemerkenswert oft eine abfällige Bemerkung über “bildungsferne Schichten” – ein Ausdruck, der zeigt, wie lebensfremd  und reflexionsarm nicht selten der Diskurs in Deutschland geführt wird. Hier besteht mithin noch ein beachtliches Potenzial an Nachdenklichkeit, Information, an eigener Übung und Selbsterfahrung, um in der Sache gedanklich und praktisch weiter zu kommen.

Dewey hat seinen Text der fingierten Gattung “Glaubensbekenntnis” folgend in Artikel gegliedert, es sind fünf. Und jede dritte Woche wird hier ein “Glaubensartikel” übersetzt und in der folgenden Woche mit  Hinweisen versehen.

7. Dezember 2008

Erwachsenenbildung

Der Ausdruck „Erwachsenenbildung“ hat vor allem in der Nachkriegszeit den Ausdruck „Volksbildung“ abgelöst, wonach noch die Volkshochschulen bezeichnet sind. Die Tendenz der Volksbildung beginnt im Kaiserreich und setzt sich in der Weimarer Republik unter demokratischen Vorzeichen fort, im Nationalsozialismus wird sie durch Propaganda ersetzt. Im Begriff „Volksbildung“ steckt der alte schichtenbezogene Konflikt, wonach das „Bürgertum“ (weniger der Adel) als gebildet galt, während das „Volk“, insbesondere die Arbeiterschaft, hier Nachholbedarf hatte. Grob kann man sagen: In Volksschule, Realschule und Gymnasium wurde die Ebene der Allgemeinbildung angestrebt, wobei die Realschule beruflich bessere Chancen eröffnete, während das Gymnasium die Hochschulreife erschloss.

Bildungssystem

Dieses System ist insbesondere seit den Bildungsreformen der 1960er Jahre dynamisiert worden, man versuchte das Schichtenproblem anzugehen – und das Bildungssystem durchlässiger zu machen, sodass es unter beruflicher Perspektive häufiger möglich wird, eine Hochschulausbildung nach einer beruflichen Phase zu absolvieren. Entsprechend differenzierte sich auch das Hochschulsystem weiter aus. Im Schulbereich wurde und wird diskutiert, die erste Phase der Allgemeinbildung möglichst gemeinsam durchzuführen, die finanzielle und organisatorische Vernachlässigung der Hauptschule führt sozusagen durch die normative Kraft des Faktischen in einigen Bundesländern jedenfalls in diese Richtung.
Die Erwachsenenbildung besitzt seit einiger Zeit, schon seit dem Kaiserreich auch einen Zweig der beruflichen Weiterbildung – besonders stark gefördert von den Gewerkschaften und den Arbeiterparteien. Ebenso gab es insbesondere im katholischen Bereich seitdem eine Arbeiterbildung. In der Weimarer Republik kommt die starke Volkshochschulbildung neben anderen freien Trägern hinzu. Den größten Aufschwung nahm das Thema nach dem Nationalsozialismus in Westdeutschland, auch die DDR betrieb es auf ihre Weise. Nach der Wende wurde die plurale Situation allmählich auch Realität in den neuen Bundesländern. Neben öffentlichen und freien Trägern kommen in jüngerer Zeit stärker private Unternehmen hinzu, die diesen Markt – der sehr groß ist – entdeckt haben. Insgesamt ist die subsidiäre Struktur der Bundesrepublik in der Erwachsenenbildung noch stärker als im Kindergarten-, Schul- und Hochschulsystem sichtbar. Eine Leistung, die allgemein erbracht werden muss, was bei Bildung der Fall ist, muss nur dann staatlich angeboten werden, wenn nicht andere freie Initiativen diese erbringen. In der Regel ergeben sich dann Mischfinanzierungen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich die Formel vom „lebenslangen Lernen“ durchgesetzt, die insbesondere auf Fragen der Berufsbiografie in instabilen und dynamischen wirtschaftlichen Verhältnissen zielt. So zielen beispielsweise die beim letzten Mal dargestellten PISA-Kompetenzen auch auf diese Form des lebenslangen Lernens. Diese Formel soll zunächst einmal besagen, dass das Lernen nicht mit den Schulbesuch und dem Ergreifen eines Berufs zu Ende ist, sondern die dynamische und instabile moderne Gesellschaft erfordert Flexibilität und Anpassungsfähigkeit, die eben jedenfalls auch durch Wissen und Können bewältigt werden muss. Darin besteht

  • die berufsbildende Funktion der Erwachsenenbildung, die sich als Weiterbildung oder auch Qualifizierung versteht. Nicht nur freie Träger und private Unternehmen, sondern auch die Volkshochschulen sind hier verstärkt aktiv. So wurden 1998 an den Volkshochschulen insgesamt 77.873 Prüfungen durchgeführt, wobei 10.716 Zertifikate erteilt wurden. Davon sind ein großer Teil durchaus auch bei Bewerbungen im öffentlichen Sektor oder bei Firmen anerkannt.

Die Richtung auf die

  • Unendlichkeit, Komplexität der Wirklichkeit und der entsprechenden Orientierung findet in der Erwachsenenbildung ebenfalls Berücksichtigung. Dieser Philosophiekurs ist hierfür ein Beispiel. Im Vordergrund steht die Entwicklung der gesamten Persönlichkeit, nicht nur desjenigen Ausschnitts, der mit dem Erhalt und der Fortentwicklung der Berufsbiografie erfasst ist. Ebenso wird durch diese Tendenz der Erwachsenenbildung die gesellschaftliche Erfassung der Wirklichkeit und der gesellschaftlichen Risiken möglicherweise befördert. Entscheidend ist hierbei die Breitenwirkung, manches was beispielsweise in Wissenschaftskontexten weithin unstrittig ist, wie die Klimaproblematik, wird in Erwachsenenbildungskontexten breiter ausgeführt.
  • Dazu wird auch die Richtung der Spezialbildung ins unendlich Kleine befördert, indem man bestimmte Interessen verfolgen kann, über etwas besser Bescheid wissen usf. So kann man sich beispielsweise über das Mittelalter besser und genauer informieren.

Überblickt man das Bildungssystem als Ganzes, wie wir es in der Grafik etwas übervereinfachend dargestellt haben, dann sieht man, dass der gesamte Lebenslauf eines Individuums vom Bildungssystem erfasst wird. Daher ist der Begriff Erwachsenenbildung recht unscharf, denn ab 18, spätestens ab 21 Jahre gilt man als Erwachsener, unterzieht sich einer Berufsausbildung, studiert usf. Diesen Aspekt des Bildungsprozesses von Erwachsenen umgreift der Begriff der Erwachsenenbildung eher nicht, sondern stärker denjenigen der beruflichen Weiterbildung und der Erweiterungen der Bildung über Allgemeinbildung und Berufsbildung hinaus in Richtung auf das Unendliche im Kleinen und Breiten.
Mit den Begriffen

  • Allgemeinbildung,
  • Berufsbildung und
  • Erwachsenenbildung im zuletzt bestimmten Sinn kann man also den Bildungsbegriff im Bildungssystem anschaulich darstellen.

Insgesamt bildet der Lebenslauf des Individuums, seine Biografie aus individueller Perspektive den Kern des Bildungssystems. Das Individuum bildet sich in diesem System (vgl. Niklas Luhmann, Erziehung als Niklas Luhmann – googlebild Formung des Lebenslaufes, in: Dieter Lenzen [Hg.], Niklas Luhmann, Schriften zur Pädagogik [stw 1697]), wobei es unterschiedlich starke Betonungen der

  • Rezeptivität und
  • Spontaneität in diesem Prozess gibt.

Im Bereich der Erwachsenenbildung sollte der Spontaneitätsaspekt überwiegen, man wählt sich die Themen, die er oder sie möchte, die Institution, die dies anbietet, möglichst selbst aus usf.

Der aus meiner Sicht wichtigste Aspekt der Erwachsenenbildung bis ins Seniorenalter dürfte die Vertiefung der eigenen Bildung ins unendliche Kleine und Breite sein. In der Zukunft wird ihr mutmaßlich sehr große Bedeutung zuwachsen, da es absehbar ist, dass die Krisenzustände zunehmen. Hier bietet die Erwachsenbildung an, sofern sie kompetent gemacht wird, die Orientierungssicherheit zu erhöhen. Sie sollte dazu beispielsweise die wachsenden Fremdheitserfahrungen in der sogenannten Globalisierung bearbeiten, dazu die nötige Umorientierung im Umgang mit Energie. Auch die Fragen guten Lebens mit möglicherweise geringeren Einkommen ist ein wichtiges Thema der Erwachsenenbildung.