3. November 2011
Die letzte Sitzung befasste sich mit dem Ethikentwurf Peirce’, was schon durch die Formulierung der Pragmatischen Maxime vorbereitet war – wobei ich auf die entsprechenden Techniken und Kunstlehren hingewiesen hatte, die keineswegs nur zur Anwendung der Wissenschaften gehören, sondern durchaus zur Produktion von „Wissen“ dienen. Die „Ethik“ Peirce’ beruht auf grundlegenden Erwägungen des Aristoteles, was sich auch in dem Begriff der „Überlegung“ niederschlägt, der eine Neufassung des Begriffs der sofrosyne (Besonnenheit) ist.
Mithin sind Wissenschaften – anders als bei den Positivist/inn/en und den Neukantianer/innen nicht wertneutral. Es ließ sich auch an Weber ganz leicht aufzeigen, dass selbst diese Forderung nur durch bewertendes Sprechen möglich ist, mithin selbst ein Fall der „Ethik“ wäre. Peirce’ Verortung der „Ethik“ als normative Wissenschaft vor der Logik, stellt sicher, dass solche doch recht schlichten logischen Fehler vermieden werden.
Positivist/inn/en und Neukantianer/innen sind daher den nicht selbstkontrollierten und wenig besonnenen ökonomischen oder politischen Interessen ganz hilflos ausgeliefert gewesen, was den Beitrag der Wissenschaften zu mindestens drei großen Krisen zu Beginn des 21. Jahrhunderts sichtbar macht:
- Nutzung der Kernenergie
- Klimakatastrophe
- Nahezu eine Milliarde, mithin ein Siebtel der Menschen, stehen vor dem Hungertod (Felix zu Löwenstein, Food Crash [2011])
In allen diesen drei Phänomenen wird erst ein scheinbar naheliegendes Modell vertreten, welches Gefahren bannen und ökonomische Produktivität oder politische Sicherheit erzeugen könnte, tatsächlich aber werden unbesonnene Methoden verwendet, welche sich letztlich nicht bewähren und fatale Folgen zeitigen. Daher ist die „Ethik“ so wichtig, die Peirce’ zufolge unter Einbeziehung aller Menschen geschehen muss. Wir sehen das neuerdings in der richtigen Intention von Papandreou, das griechische Volk über seinen Weg selbst abstimmen zu lassen. Natürlich gibt es dagegen Widerstand der politischen Klasse hierzulande und in Griechenland, aber es ist eine Folge der Athener Demokratie so zu optieren.
Damit wird das vierte Problem sichtbar, das auch im Werk Peirce’ sichtbar ist:
- Der Primat der „Ethik“ fordert den Primat demokratischer Politik über die ökonomischen Interessen.
Der Beitrag Peirce’ besteht vor allem darin, dass er die semiotisch-logische Subtilität erhöht hat, um auch im Alltag leichter allzu schlichte Alternativen und Lösungswege durchschauen zu können. Semiotische Kompetenz erhöht mithin die Alltagskompetenz und stärkt alltagsphilosophische Bemühungen – ganz leicht ist sie dennoch nicht … Wir wenden uns heute aber vor allem der wissenschaftlichen Bedeutung zu. In der nächsten Sitzung schenken wir der relationalen Begriffstheorie Peirce’ Beachtung, die unsere Betrachtungsweisen ändern könnte, wir haben dies in unserem Kurs schon bei Brodbeck gesehen, der die Missachtung der Relation als zentraler Kategorie für viele Missstände in unseren Gesellschaften verantwortlich macht: Es sind hier nicht nur wissenschaftliche, sondern breite Alltagsüberzeugungen, die negative Folgen haben.
Der Pragmatismus ist mit einigen Aufsätzen auch in die wissenschaftstheoretische Diskussion eingetreten, die Charles Sanders Peirce seit 1868 in der Zeitschrift The Journal of Speculative Philosophy veröffentlicht hat, darunter auch der berühmte Aufsatz How to Make Our Ideas Clear (1878), am leichtesten erreichbar in: The Essential Peirce I, 1992, 142ff; eine einigermaßen passable Übersetzung findet sich in Apel, Peirce. Schriften zum Pragmatismus usf. (1991; stw 945), 182ff. Der philosophische Ansatz der ursprünglichen Pragmatisten Peirce, James, Dewey schätzt die Bedeutung der Wissenschaften hoch ein, daher gebührt ihnen auch philosophische Aufmerksamkeit. Peirce ist als Einzelwissenschaftler Logiker gewesen, er hat die moderne Relationenlogik mit entwickelt, außerdem war er einer der Begründer der Semiotik. William James gilt mit Recht als einer der Begründer der empirischen Psychologie. John Dewey ist nach meinem Urteil der bedeutendste nachklassische Pädagoge. Die Pragmatisten vertreten z. T. sehr unterschiedliche Positionen, aber sie eint dennoch eine Grundüberzeugung, die Dewey so zusammenfasst, welche wir uns noch einmal verdeutlichen sollten:
„Sofern sich jemand schon auf die Überzeugung verpflichtet hat, dass die Realität sauber und abschließend in einem Paket mit einem Band verpackt ist, das nicht mehr aufgeschnürt werden kann, es mithin keine unvollendeten Themen oder neue Abenteuer gibt, wird er der Auffassung widersprechen, dass Wissen eine Differenz erzeugt, wie man auch sonst jedem unverschämten aufdringlichen Menschen widerspricht. Doch sofern man davon überzeugt ist, dass sich die Welt selbst im Übergangsprozess befindet, warum sollte dann die Überzeugung, dass das Wissen der bedeutendste Modus ihrer Modifikation und das einzige Organ ihrer Leitung sei, a priori schädlich sein? (Does Reality Possess a Practical Character?, The Essential Dewey I, 124ff, 125).
Dies besagt im Kontext dieses grundlegenden Aufsatzes mindestens dreierlei:
(1) Die Realität sei nicht nur praktisch erschließbar, das scheint aufgrund der experimentellen Praxis der Naturwissenschaften seit dem 17. Jahrhundert unabweisbar. Das wäre ein bloßer truism, eine bloße Binsenwahrheit. Die Pragmatisten vertreten aber darüber hinaus:
(2) Die Realität steht den handelnden Menschen, auch den experimentierenden Wissenschaftler/innen nicht statisch gegenüber, sondern sie wird sowohl durch das Experiment als auch durch die darauf folgende Praxis verändert. Insofern befindet sich die Realität in einem durch menschliches wissenschaftliches Erkennen mitbestimmten Veränderungsprozess. Auch dies war im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts aufgrund der ökonomisch-technischen Umsetzung physikalischer und chemischer Erkenntnisse unabweisbar.
(3) Darüber hinaus war allen klassischen Pragmatisten klar, dass auch die Folgen der Handlungen in der Wissenschaft in die Erfassung wissenschaftlicher Handlungen eingehen müssen. Auch bei heutigen Pragmatisten wie Putnam, Habermas, Hampe und Pape wird genau dies betont – und das ist angesichts des katastrophalen Scheiterns des wissenschaftlich-ökonomisch-technischen Projektes vor allem an der Klimaveränderung, aber auch der Nutzung der Kernenergie und der Erzeugung von Hunger überaus aktuell.
1 Semiotik und Erkenntnis
Es war das von allen anderen auch anerkannte Verdienst Peirce’ bestimmte Grundlagen logisch-semiotischer Art gelegt zu haben, die manchmal nicht direkt zitiert werden, aber noch bis zu Deweys Theory of Inquiry (1938 [vgl. wichtige Auszüge in: The Essential Dewey II]), die akzeptierte Grundlage bildeten. Dewey hatte bei Peirce Logik gehört – und das macht sich auf jeden Fall bemerkbar.

Grafik 1: Genuin Triadische Bezeichnungsrelation, keines der drei Relata der Bezeichnungsrelation Zeichen, Objekt und Interpretant darf fehlen, alle sind stets durch die genuin triadische Bezeichnungsrelation verbunden, der Interpretant ist stets eine reflexive Interpretation eines schon vorhanden Interpretationsprozesses.
Ein Zeichen oder Repräsentamen ist alles, was in einer solchen Beziehung zu einem Zweiten steht, dass sein Objekt genannt wird, dass es fähig ist ein Drittes, das sein Interpretant genannt wird, dahingehend zu bestimmen, in derselben triadischen Relation zu stehen, in der es selbst steht. Das bedeutet, dass der Interpretant selbst ein Zeichen ist, das ein Zeichen desselben Objekts bestimmt – und so fort ohn Ende. (Phänomen und Logik der Zeichen, 64)
Dass Erkennen und wissenschaftliches Erkennen Zeichenprozesse sind, ist eigentlich auch ein truism, aber leider wird dieser häufig nicht beachtet. Noch heute meint man, eine wissenschaftliche Behauptung sei eine Vorstellung, ein mentales Urteil, möglicherweise handelt es sich sogar um – bislang unbeobachtbare – Gehirnprozesse. Davon kann kaum eine Rede sein, wissenschaftliche Behauptungen werden öffentlich gemacht, öffentlich diskutiert usf. Mithin sind sie Zeichenprozesse. Die Pointe Peirce’ besteht in zwei wesentlichen Punkten:
(1) Der wissenschaftliche Prozess ist als Erkennen mit dem Objekt in einer genuin triadischen Relation relational verbunden, die sinnliche Wahrnehmung des „Objekts“ im „Zeichen“ wird im „Interpretanten“ dargestellt. Da der Interpretant selbstreflexiv darstellt, ist auch unterstellt, dass schon die sinnliche Wahrnehmung im Zeichen auf einen solchen triadischen Prozess zurückgeht, mithin: Sofern sinnliche Wahrnehmung selbst ein Zeichenprozess ist, sind die angeblichen Sinnesdaten als absoluter Ausgangspunkt wissenschaftlicher Erkenntnis, wie dies die Positivisten unterstellten, Teile eines unendlichen Zeichenprozesses, ein Punkt, den besonders Bertrand Russell als überaus bedrohlich empfand; vgl. die Auseinandersetzung zwischen Russell und Dewey in: The Essential Dewey II, 201ff; 408ff; mit ausführlichen und fairen Russellzitaten, in denen Russell auf der Machschen Position beharrt.) Dewey hat später mit Recht betont, dass die Ideen von Peirce mit denen von Whitehead besonders verwandt seien, weil beide auf unterschiedliche Weise, den falschen Gemeinplatz infragegestellt hätten, es gäbe so etwas wie eine Subjekt-Objekt-Spaltung usf. bzw. eine faktisch sichere Ausgangsbasis in Sinnesdaten. Auch Sinnesdaten beruhen auf einem Interpretationsprozess, so Peirce, mithin müssen viele solche Interpretationen miteinander verglichen werden. Folglich ist anders als Popper meinte, nicht nur die Induktion problematisch, wie also die Sinnesdaten zu einer Theorie zusammengefügt werden, schon die sinnliche Erfahrung stellt eine prinzipiell fallible Interpretation dar.
(2) Für alle Pragmatisten bis hin zu Habermas heißt das dann, dass der Wissenschaftsprozess zukunftsoffen ist, er hat als Ziel mithin die Zustimmung aller derjenigen, die sich wissenschaftlich kompetent engagieren. Bzw. man kann zurückhaltender sagen, dass er dieses Ziel haben können muss, wenn man gründlich nachdenkt. Dies heißt dann aber auch, dass man im Sinne der „Pragmatischen Maxime“ Peirce’ stets die Konsequenzen des eigenen wissenschaftlichen Handelns mitbedenken muss, Ethikkomissionen werden heute additiv sozusagen standardmäßig aufgebaut. Für Dewey bedeutete dies, dass die Zahl derjenigen, die wissenschaftlich kompetent sind, durch geeignete demokratische Erziehung möglichst weit gefasst werden muss; vgl. dazu meine Darstellung. Anders als in der spätpositivistischen oder neopositivistischen Position Poppers liegt also kein prinzipieller Erkenntniszweifel vor. Stattdessen besteht die Erwartung, dass die Wissenschaften vor dem Hintergrund einer breiten Kompetenz in der Bevölkerung ihre hochkomplexen und universal angesetzten Aufgaben einigermaßen lösen und dabei die Realität zugunsten sittlicher Ziele verändern könnten. Es sind hier also keineswegs die wissenschaftlichen Expert/inn/en gefragt, sondern die ursprüngliche pragmatistische Idee besteht darin, dass es zu einer Demokratie gehört, dass das Wissenschaftssystem möglichst viele Menschen durch Allgemeinbildung und in die Tiefe gehende unendliche Bildungsbemühungen beteiligt. Dies ist besonders eindrücklich von Dewey bedacht worden, der auch die entsprechenden sozialen Voraussetzungen immer deutlicher erkannte, z. B. einen Sozialstaat, der deutlich über gewöhnliche „amerikanische Verhältnisse“ hinausgeht; vgl. „Democracy is Radical“, in: The Essential Dewey I, 337ff, aber Dewey zufolge sehr wohl in den klassischen Dokumenten der amerikanischen Revolution und Demokratie angelegt sei.
Interessant ist, dass der schon in unseren Kurszusammenhängen erwähnte Johann Jakob von Uexküll prinzipiell den Ansatz von Peirce und Dewey, dass also „Realität“ im dargestellten Sinne unter Zeichenverwendung „praktisch“ sei, auch bei den lebenden Wesen ab dem Einzeller unterstellt:

Grafik 2: Quelle: Thure von Uexküll u. a., Psychosomatische Medizin, 2008, 9.
Das „Merken“ führt zum „Wirken“, wodurch die Realität, die wahrgenommen wurde, verändert wird. Dies geht Uexküll zufolge nur durch eine entsprechende Interpretation, die u. a. am eigenen Bedürfnis orientiert ist.
Zwischen den Pragmatisten und von Uexküll scheint keine wechselseitige oder auch nur einseitige Wahrnehmung zustandegekommen zu sein. Hier liegt aber eine wesentliche wissenschaftliche Chance, um Einseitigkeiten in der Biologie infrage zu stellen.
2 Fallibilismus
Wer die Realität als in einem ständigen Übergangsprozess begriffen sieht, kann die Rolle der Wissenschaften ganz gelassen als soziale Systeme mit Fallibilismus als wesentlichem methodischem Aspekt und dauernder selbstkritischer Besinnung bestimmen. Der entsprechende Wikipediaartikel hat das unbestreitbare Verdienst, die Sache nicht ganz auf Poppers Niveau herunterzubeamen. M. E. ist Poppers Falsifikationismus kein Fallibilismus im Sinne von Peirce und Dewey, dass dies dennoch oft als Fallibilismus bezeichnet wird, ist ein bedauerlicher Mangel, aber so etwas kommt in der Wissenschafts- und Philosophiegeschichte nicht sehr selten vor. Der Fallibilismus ist aufgrund der Grundidee der Pragmatisten wissenschaftlich zwingend, weil schon die Sinnesdaten Teile der dynamischen genuin triadischen Bezeichnungsrelation sind, ganz zu schweigen von allen weiteren abduktiven, induktiven oder gelegentlich auch deduktiven Interpretationen größeren Ausmaßes. Weiter ist den Pragmatisten zufolge die Bedeutung einer wissenschaftlichen Behauptung oder Theorie auf die Zukunft ausgelegt, mithin können im Verlauf ihrer Weiterinterpretation ständig Veränderungen auftreten – und wie die Wissenschaftsgeschichte zeigt, ist dies auch der Fall. Jede Induktion muss sich in der Zukunft bewähren – und das gilt auch und gerade für die Naturgesetze, die manche für recht gut erkannt halten. Allerdings zeigt die Geschichte der Wissenschaften auch, dass bestimmte Einsichten wissenschaftlicher Art sich bewährt haben. Das ist deshalb der Fall, weil wir unsere Behauptungen und Theorien in entsprechenden Praxissituationen stets überprüfen und verbessern können, das setzt mit Dewey eben eine sehr verbreitete wissenschaftliche Kompetenz in einer möglichst breiten Öffentlichkeit voraus. Popper ist gegen diese Auffassung relativ massiv vorgegangen und hat entsprechende Politikberatung bei Helmut Schmidt u. a. betrieben. Das war vor allem in der Frage der Klimakatastrophe fatal – auch das an sich ganz intelligente Menschen wie Helmut Schmidt sich von Poppers Aura täuschen ließen, anstatt dessen Behauptungen kritisch zu hinterfragen. Daher lässt sich inzwischen an diesem Beispiel eigentlich ganz leicht sehen, dass der Falsifikationismus Poppers mit dem Fallibilismus von Peirce und Dewey schwerlich mithalten kann. Popper hat die ökologischen Behauptungen und Theorien nur als zu falsifizierende Theorien betrachtet, dabei waren die Ansichten von Alfred Russel Wallace im Kern richtig. Sie müssen wie jede Theorie natürlich angepasst werden. Aber die Idee des Erkenntniszweifels, die hinter Poppers Theorie liegt, scheint eher zweifelhaft, wie die Entwicklung zeigt.
20. Oktober 2011
Wir haben uns in der Sitzung vom 17.10. um ein ausreichendes Verständnis des allgemeinen und umfassenden Philosophieansatzes von Charles Peirce bemüht – und sogar eines der metaphysischen Probleme besprochen, das Peirce tatsächlich behandelt: die Gottesfrage, wobei Peirce viele allgemeine Äußerungen hinzuzieht, welche ihn anregen. Neben Traditionen von Judentum, Christentum und Islam spielen bei Peirce auch Neohinduideen eine nicht unbeachtliche Rolle. Dies war alles am Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den USA bekennt und wurde kontrovers diskutiert.[1] Philosophie verarbeitet solche Traditionen und reflektiert sie kritisch darauf, ob sie Erfahrungsgehalte symbolisieren – oder ob man aufgrund solcher Bilder Erfahrungen machen kann. Welches Thema man metaphysisch durch allgemeine Unterstellungen angeht: Peirce hält nichts von geschmäcklerischen, vielleicht schöngeistigen Theoriedebatten, weil Theorien selbst durch Praxis gewonnen wurden, praktisch überprüft und ggf. dann verändert oder auch verworfen werden. Die pragmatistische Philosophie konzentriert sich mithin auf den kulturellen Kontext der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in dem klar wurde, dass die soziale Ausdifferenzierung der Wissenschaften sogenanntes „Wissen“ bereitstellt, das es ermöglicht, praktische Regeln zu entwerfen, die sich therapeutisch, pädagogisch und ökonomisch sehr gut bewährten. Das sind entweder Techniken oder Kunstlehren.
- Um Techniken handelt es sich, wenn solche Regeln Handlungen bestimmen, die das angestrebte Ziel stets erreichen, also z. B. Glühbirnen produzieren, die immer dann leuchten, sofern man auf einen Schalter drückt (Th. A. Edison).
- Um Kunstlehren handelt es sich, wenn solche Regeln Handlungen bestimmen, bei denen der Erfolg im Einzelfall nicht sicher ist, die mithin stets vom Einzelfall her angepasst werden müssen (etwa Pädagogik, Medizin).
Das ist keine typisch „amerikanische“ Entdeckung. Aber im amerikanischen Pragmatismus brachen sich – vermittelt durch den „Amerikanischen Transzendentalismus (Emerson, Thoreau, Fuller u. a.) die Ideen, die von den Frühromantiker/innen, Goethe, Schleiermacher und Humboldt stammen, eine Bahn. Ich habe daher auch auf den Kontext der Demokratie verwiesen, der für das Verständnis der Werke von Peirce, James und Dewey sehr ausschlaggebemd ist, der natürlich in Deutschland in einem ernsthaften Sinn erst nach 1968 existierte, im Kern erst in den 1970er Jahren bestimmend wurde. Denn die Möglichkeiten politischer Freiheit setzten die Energien frei, welche ein Leben in Selbstbestimmung schön machen können. Das formuliert in der Unabhängigkeitserklärung die Rede vom „pursuit of happiness“). Aber – so reflektiert die sogenannte „pragmatische Maxime“, welche praktische Folgen bzw. Wirkungen eine wissenschaftliche Theorie haben kann, sollte abgeschätzt werden.
Bedenken Sie, welche Wirkungen, die denkbarerweise praktische Relevanz haben könnten, wir dem Gegenstand unserer Konzeption zuschreiben. Folglich besteht die Konzeption dieser Wirkungen aus dem Ganzen unserer Konzeption des Gegenstands!
(Charles Peirce, How to make our ideas clear, 1878)
Pape hat schon in den 1980er Jahren (z. B. Einleitung zu „Phänomenologie und Logik der Zeichen“) darauf verwiesen, dass Grundfragen des „Prinzips Verantwortung“ (Hans Jonas, ein Heideggerschüler) hier völlig klar formuliert werden. Wenn also zu den abgeschätzten möglichen Wirkungen solche gehören, die sittlich missbilligt werden müssen, ergeben sich konfliktreiche ethische Aufgaben. Wie ist z. B. eine demokratische Kontrolle der Wissenschaften möglich? Peirce setzt also darauf, dass neben der philosophischen Tätigkeit der Wissenschaftler/innen ein universaler Horizont in der Gesellschaft entsteht, der eben verantwortlich darüber entscheidet, welche technischen und kunstmäßigen Projekte durchgeführt werden – und welche besser unterlassen werden sollten, weil ihre Wirkungen die Möglichkeit der Freiheit negieren.
Der Europäische Gerichtshof (EGH) hat in dieser Woche in diesem Sinne eine entsprechende Entscheidung zur Stammzellenforschung getroffen, die den Wünschen und gedanklichen Ambitionen der Zivilgesellschaft in Teilen Europas entspricht – ein Beispiel für die Institutionalisierung solcher demokratischer Meinungsbildungsprozesse, die auch Peirce für notwendig hielt. Natürlich lässt sich ökonomisch besser mit (finanzieller und technischer) Industrieunterstützung forschen. Aber die hierzu erforderliche Patentierung von bestimmten praktisch hervorgerufenen Zellveränderungen widerspricht elementaren Prinzipien der Menschenrechte. Um dies zu verstehen, muss man nur allgemein gebildet sein, welches eine Voraussetzung von Demokratie im Sinne von Peirce und seinem Schüler Dewey ist.
- Die in den Wissenschaften entworfenen Abduktionen (Hypothesen)
- werden mithin deduktiv auf Überprüfungskontexte in der kunstmäßig oder technisch modellierten Erfahrung (etwa des Labors) bezogen,
- wo sie auf ihre induktive Tauglichkeit in immer neuen Erfahrungen überprüft werden.
Die „pragmatische Maxime“ formuliert diesen durch und durch praktischen Zusammenhang. Und Handlungen gehören ganz klar in den Bereich der Ethik. Es gehört zu den negativen – und wie wir heute u. a. an der Klimakatastrophe und Fukushima sehen – fatalen Folgen des Erfolgs von Positivismus und Neopositivismus, dass sie die Peirce’sche Idee, wie Ideen klar gemacht werden, aus dem Bereich der Ethik in einen angeblich “neutralen” wissenschaftlichen Bereich transformiert haben, wo (was nicht so gerne zugegeben wird) letztlich kurzfristige ökonomische Interessen den Ausschlag geben, siehe den sich immer noch brüstenden Oliver Brüstle (Universität Bonn).
Logisch-semiotisch verhält es sich so: Das Ziel wäre eine Therapie für Parkinson. Die Abduktion lautet: Dieses Ziel kann durch gentechnologische Manipulation von Zellen „überzähliger Embryonen“ erreicht werden, weil sich hieraus geeignete Präparate gegen Parkinson gewinnen lassen. Deduktiv findet diese Manipulation seit drei Jahren oder mehr statt. Eine Überprüfung, die induktiv den Erfolg einigermaßen sicherstellen könnte, ist noch nicht in Sicht. Der EGH hat klar aus der Sicht der Menschenrechte die Konsequenzen gezogen. Embryonen dürfen nicht als Mittel behandelt werden. Sie tragen die reale Möglichkeit des Menschseins in sich. Im positivistischen und neopositivistischen Kontext werden entsprechende elementare ethische Fragen bewusst ausgeklammert. Mithin sind die Ideen solcher Wissenschaftler/innen und Philosoph/inn/en Peirce zufolge unklar.
- Warum?
- Und hat Peirce recht oder unrecht?
- Wie hätte der Papst argumentiert?
Pape hat mit Recht vor gut 30 Jahren darauf verwiesen, dass die Philosophie durch eine derartige logisch-semiotische Subtilität gesellschaftliche Streitfragen klären helfen kann – und dadurch dazu beiträgt, die geistige „Umweltverschmutzung“ zu mildern. Das ist eine schöne Aufgabe der Philosophie.
[1] Es ist unbestritten, dass es auch Cowboys und Cowgirls gab. Sie waren kulturell aber weniger bedeutend, als das Genre „Western“ nahelegen könnte. Auch im Mittleren Westen und an der Frontier wurden philosophische Fragen diskutiert, wie man sich an dem Begründer der Osteopathie Andrew Taylor Stil exemplarisch klar machen kann.

Martin Pöttner •

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10. September 2011
Die Philosophie von Charles Peirce (1839-1914) ist aktuell. Nach konservativer Meinung hat sich die Bundeskanzlerin als „Pragmatistin“ erwiesen, weil sie angesichts der „tagespolitischen Ereignisse“ (FAZ) von Fukushima ihre Haltung zur Kernenergie geändert hat – was entsprechende Konsequenzen hatte. Dabei ist ein Begriff von „Pragmatismus“ impliziert, der unterstellt, man setze politisch nur dasjenige durch, was sich angesichts von Widerständen gegenüber der Bevölkerung vertreten lasse. Aber auch im Sinne von Peirce war das eine „pragmatistische“ Entscheidung. Denn angesichts unabweisbarer Erfahrungen ließ sich feststellen, dass die Betreibung der Kernergie offensichtlich tödliche Folgen haben kann, mithin mit den Menschenrechten unvereinbar ist. Folglich ist das Betreiben der Kernergie in einem Land, das die Menschenrechte achtet, nicht weiter möglich.
Nicht nur diese Aktualität besteht, sondern Peirce bietet eine breite Themenpalette, von der wir im Kurs an der VHS Neckargemünd einige Themen besprechen wollen:
10.10. Wechselseitige Vorstellung und Kursplan
17.10. Leben und Werk
24.10. Die „pragmatische Maxime“
31.10. Der Primat der Ethik
07.11. Semiotik I
14.11. Semiotik II
21.11. Wahrnehmung und Erfahrung
28.11. Pragmatismus und Phänomenologie
05.12. Religionsphilosophie
12.12. Abschlussdiskussion
Aus der Perspektive der Teilnehmer/innen können diese Themen verändert werden. Bitte schreiben Sie mir hierzu eine E-Mail mit ihren Vorschlägen.

Martin Pöttner •

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16. März 2011


Atombusen der Bundeskanzlerin
Die Bundeskanzlerin hat am Montag im Bundeskanzleramt in der Gegenwart des Vizekanzlers zwar eine in der Sache weitgehend abwegige Erklärung abgegeben, für den aufmerksamen Beobachter gab es aber kleinere Nebenbemerkungen und Gesichtsbewegungen, die aufhorchen bzw. aufmerken ließen. (weiterlesen…)
22. Dezember 2010

Maria und Elisabet (http://www.anne-worbes.de/index.html)
„Der Lobgesang der Maria“ – so wird der Text der Predigt zum diesjährigen vierten Advent gewöhnlich überschrieben, liebe Gemeinde. Nach seinem Anfang in der lateinischen Bibel ist er auch als Magnifikat bekannt. Er ist immer wieder musikalisch dargestellt worden, ich selbst verehre in jüngerer Zeit die Vertonung durch die Chormusik des estnischen Komponisten Arvo Pärt. (weiterlesen…)
20. August 2010
Dieser Kurs des Philosophiekreises Heidelberg befasst sich mit der frühen Philosophie von Karl Marx. Auch die Marx-Engels-Werke haben relativ spät diese Texte aufgenommen. Sie ergeben einen eher anderen Blick auf das Werk von Marx, als dieser immer noch gewöhnlich ist. Natürlich ist auch Thema des Kurses, ob Marx’ Auffassung unter heutigen Bedingungen überhaupt noch etwas besagt – ist nicht „Entfremdung“ eher etwas, dass beispielsweise unsere „Einsamkeit“ oder die Bedrohung durch den „Konsumterror“ betrifft? (weiterlesen…)
12. Dezember 2009
in Afghanistan nimmt immer deutlichere Konturen an. Wie zu erwarten, war das Bundeskanzleramt nicht über einige Wochen ganz geschlossen wg. Wahlkampf. Gleiches gilt auch für das Außenamt. Es kann sein, dass dies im Untersuchungsausschuss noch transparenter wird, aber für den gesunden Menschenverstand ist es klar, es hat zivile Opfer in größerer Zahl gegeben — und es ist nur unklar, ob dies ausreicht, um ein strafrechtliches Verfahren mit Aussicht auf Erfolg zu führen.
Die politische Verantwortung von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem früheren Außenminister Steinmeier ist aber auch so klar, m. E. wäre beider Rücktritt von ihren Funktionen angemessen. Weiter tritt nun die Frage auf, ob die Bundeswehr schon seit einiger Zeit gegen das Bundestagsmandat agiert. Bauernopfer wie Jung und möglicherweise bald von und zu Guttenberg verschleiern nur das Versagen von Steinmeier und Merkel — sowie deren Verantwortung für den Tod von vielen Zivilist/inn/en. Selbst in der Union scheint die Einsicht zu dämmern, dass da auch im Bundeskanzleramt etwas nicht stimmt.
Eine rechtliche Beurteilung, die in der Tendenz der Beiträge in diesem Blog steht, bietet jetzt Heribert Prantl.
4. Dezember 2009
Die Sitzung befasste sich zum großen Teil mit Problemen der letzten Sitzung, weil jetzt klarer geworden war, dass es mehrere mögliche Betrachtungsweisen biotischer Prozesse gibt. Schon Bauer, stärker aber Hoffmeyer unterstellen, dass der einzelne Prozess nur im Kontext der gesamten Prozesse im Organismus verstanden werden kann, weshalb Hoffmeyer eine semiotische Vernetzung der einzelnen Prozesse unterstellt.
Dabei stößt man auf Unendlichkeitsprobleme und Unschärfen, es wird deutlicher, dass auch wissenschaftliche Erkenntnis stets nur vorläufigen Wert hat – mithin also in Zukunft verbessert, widerlegt und gegebenenfalls nur leicht modifiziert bestätigt wird. Demgegenüber suggerieren Vertreter wie Dawkins, dass wissenschaftliche Erkenntnis einen wesentlichen Schlüssel finden müsse, mit dem man das gesamte Schloss aufschließen könne, ihm zu Folge geht dies mit der Metapher des „egoistischen Gens“. Sollten die neueren Forschungen im Recht sein, ist diese metaphorische Drapierung des Organismus hinfällig. Wenn das Genom den Prozess der Ontogenese nicht determinieren kann, hängt die ganze Konstruktion des „egoistischen Gens“ in der Luft.
Aber falls es unvermeidlich Unendlichkeitsprobleme und Unschärfen gibt, warum soll man dann überhaupt das Phänomen des Ganzen thematisieren – und sich nicht auf die Erkenntnis von Einzelsachverhalten beschränken? Weil das Einzelne nur im Gesamtzusammenhang angemessen erkannt werden kann. Jede Erkenntnis ist dann aber zumindest mit einem hypothetisch-abduktiven Rest verbunden, sodass gerade die Handlungen, die auf einer solchen Erkenntnis beruhen, stets revidierbar sein müssen. Das gilt nicht nur für den Bereich der Medizin, sondern auch für die Bereiche der Politik und der Wirtschaft. U. a. aus diesem Grund ist die Demokratie prinzipiell anderen Staatsformen überlegen, wird aber stets zu unterminieren versucht.
Dadurch wird nicht auf einmal alles besser, wohl aber ist seit dem 16. Jahrhundert doch einiges besser geworden. Die Demokratie erzwingt nicht sittliches oder vernünftiges Handeln, wohl aber ist sie in der Lage durch Rechtssetzung sanktionsbewehrte Erwartungssicherheit in bestimmten Bereichen herzustellen. Daher wurde seit einigen Jahren an bestimmten Aspekten des Grundgesetzes gearbeitet, um diese zu verändern – zumeist hat das Bundesverfassungsgericht derartige Gesetze als zumindest teilweise verfassungswidrig erklärt. Die moderne Demokratie funktioniert also nicht ohne dasjenige Recht, welches seit der europäischen und nordamerikanischen Aufklärung Gestalt annimmt. Gerade die Finanzkrise hat musterhaft gezeigt, dass das Grundgesetz mit den Artikeln 14 und 15 auch schwierigen Situationen gewachsen ist.
Wer also hohe sittliche Ansprüche hat, muss sich in der Demokratie selbst dafür einsetzen, dass diese auch wirksam werden.
Das Problem der prädiktiven Medizin besteht bei multifaktoriellen Krankheiten wie Diabetes mellitus in der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Sollte ein Mensch zwei Eltern mit dieser Krankheit besitzen, beträgt die statistische Wahrscheinlichkeit 50 %, dass er diese auch bekommt. Und sie beträgt 50 %, dass er sie nicht bekommt. Was tun? Hier verbindet sich das konkrete Problem mit dem zuvor erörterten Problem. Wie geht man eigentlich mit höchst unscharfen Einsichten um? Da Wahrscheinlichkeiten nichts über den tatsächlichen Verlauf beim einzelnen Menschen aussagen, ist hier höchste Zurückhaltung geboten – so wie es auch der Bundestag beschlossen hat.
22. November 2009
John Dewey (1859-1953) ist einer der bedeutendsten Pädagogiker der Moderne. In Deutschland bzw. im deutschen Sprachraum würde man seine pädagogische Position als Reformpädagogik bezeichnen. Darunter kann man diejenigen Positionen

John Dewey
verstehen, welche Einsichten der klassischen Pädagogik wie derjenigen Friedrich Schleiermachers (2000a; b) in lebbare Formen umsetzte. Dewey ist m. E. deshalb von besonderer Bedeutung, weil er eine sozial verantwortliche und entschieden demokratische Position vertrat. Es kann nur zur Demokratie kommen und diese kann auch nur bestehen, wenn die Schule selbst für Kinder Demokratie erlebbar und gestaltbar macht. Dewey ist mithin nicht der Überzeugung, dass man in der Schule für das Leben lerne, wie ein verbreiteter Sinnspruch in unserer Weltgegend lautet. Es verhält sich anders: Die Schule ist ein Teil des Lebens und mithin auch des demokratischen und sozial verantwortlichen Lebens.
Ich werde über Weihnachten bzw. den Jahresabschluss hinaus hier Deweys Text My Pedagogic Creed (1897) übersetzen und mit einigen kommentierenden Bemerkungen versehen. Der Regierungserklärung von Angela Merkel zufolge soll ja Deutschland zur “Bildungsrepublik” werden. Hierzu hat Dewey Wesentliches beizutragen. Denn seine Auffassung ist wesentlich grundlegender als diejenigen Überzeugungen, die bestenfalls von der OECD beeinflusst sind, aber schlimmstenfalls Sarrazinsche Formen annehmen können. Von derartigen Auffassungen ist der jedenfalls massenmedial zumeist notierte Bildungsdiskurs bestimmt. So findet sich in früher renommierten Zeitungen wie der “Zeit” bemerkenswert oft eine abfällige Bemerkung über “bildungsferne Schichten” – ein Ausdruck, der zeigt, wie lebensfremd und reflexionsarm nicht selten der Diskurs in Deutschland geführt wird. Hier besteht mithin noch ein beachtliches Potenzial an Nachdenklichkeit, Information, an eigener Übung und Selbsterfahrung, um in der Sache gedanklich und praktisch weiter zu kommen.
Dewey hat seinen Text der fingierten Gattung “Glaubensbekenntnis” folgend in Artikel gegliedert, es sind fünf. Und jede dritte Woche wird hier ein “Glaubensartikel” übersetzt und in der folgenden Woche mit Hinweisen versehen.

Martin Pöttner •

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7. November 2009
Es hat lange gedauert, bis der organisierte regierungsbezogene Teil etwas Konkretes zu dem Völkerrechtsbruch in Afghanistan gesagt hat, den wir hier schon besprochen haben. Nun versucht sich der Freiherr zu Guttenberg in dieser hohen Kunst, etwas Konkretes zu sagen. So seien schlicht einige Verfahrensregeln nicht so sonderlich klar gewesen, insgesamt aber habe Oberst Klein militärisch richtig gehandelt. Ob das völker- und zivilrechtlich angemessen war, will von Guttenberg interessanterweise nicht beurteilen.
Ist dies – ich hatte auch den Eindruck bei Antworten auf meine Anfragen an die Bundeskanzlerin und den damaligen Außenminister Steinmeier – für die Bundesregierung nicht wichtig?
Zu Guttenberg unterstellt, dass es zivile Opfer gegeben habe, welche er im Herzen bedauere. Aber dann rechtfertigt er einen Völkerrechtsbruch, der möglicherweise strafrechtliche Konsequenzen hat.
Von Guttenberg versucht sich ebenfalls dem Charakter des Einsatzes in Afghanistan zu nähern. Hier kann man ihm helfen. Es ist ein UNO-Einsatz nach der UNO-Charta. Dies ist spätestens in der Großen Koalition, vielleicht schon unter Rotgrün untergegangen. Es wurde darüber fabuliert, dass Deutschland am Hindukusch verteidigt werden müsse. Das ist nicht richtig, es geht um den Wiederaufbau eines “failed state“, also eines Staates, in dem die staatliche Ordnung zusammengebrochen ist. Dabei geht es auch nicht darum, eine “westliche” Demokratie einzuführen, sondern die Maßstäbe zu beachten, die in der UNO-Menschenrechtscharta vorgesehen sind. Das scheint nur teilweise gelungen zu sein, um es sehr vorsichtig auszudrücken. Aus meiner Sicht ist der Einsatz daher gescheitert, nicht zuletzt dadurch, dass Bombardements der Art von Oberst Klein zum guten Ton der NATO-Truppen gehört haben, welche im Auftrag der UNO den vom Sicherheitsrat beschlossenen Einsatz durchführen. Hier ist die UNO in der Folge gefragt, sehr konkrete Regeln auszuarbeiten, wie ähnliche Fälle angegangen werden sollen. Deutschland sollte Truppen nur dann zur Verfügung stellen, sofern dies geschieht.
Im Moment spricht daher alles für “eine geordnete Insolvenz“, um eine rechtlich nicht existente Form zu nennen, die zu Guttenberg im Kontext von Opel angesprochen hat. Zu Guttenberg sollte daher “eine geordnete Insolvenz” des deutschen Beitrags zu einem gescheiterten UNO-Einsatz verkünden, das wäre einmal etwas Konkretes.
Update um 13.18 Uhr, in der “Frankfurter Rundschau” findet sich ein weiterer apologetischer Text von Harald Kujat, auch hier die Befürchtung, dass jemand die Verbrechensfrage in Deutschland zu klären versucht. Aber diese Straftatsfrage ist völkerrechtlich ausschlaggebend. Nimmt die Bundeswehr an UNO-Einsätzen teil, muss sie sich ans Völkerrecht halten. Hält sie sich nicht daran, wie bei Oberst Klein möglicherweise geschehen, zählt Art. 11 des Völkerrechtsstrafgesetzbuches zu den einschlägigen Artikeln