17. Januar 2012
Mk 5,35-43 ist im Mkev einer derjenigen Texte, der darüber kommuniziert, wie über die Grenzerfahrungen der Religion zu kommunizieren ist. Natürlich aus christlicher Perspektive, aber es gilt allgemein:
„Und was ist Religion? Sie ist eine Art Gefühlsregung in jedem einzelnen Menschen, oder auch: eine verborgene Wahrnehmung – eine tiefe Erkenntnis von etwas im uns umgebenden All; und wenn wir versuchen, diesem Gefühl Ausdruck zu geben, so wird es sich in mehr oder weniger extravagante Formen kleiden, und als mehr oder wenig zufällig erscheinen, immer aber wird es sich zu einem Ersten und Letzten, dem A und Ω, bekennen und in derselben Weise auf jenes Absolute bezogen sein, dem das individuelle Selbst eines Menschen als relatives Sein gegenübersteht. Doch Religion ist in ihrer Totalität nicht auf das einzelne Individuum beschränkt. Wie jede Gestalt von Realität ist sie wesentlich eine soziale und öffentliche Angelegenheit. Sie besteht in der Idee einer umfassenden Kirche, in der sich alle ihre Glieder zu einer organischen, systematischen Wahrnehmung der Ehre des Höchsten verbinden – einer Idee, die von Generation zu Generation wächst und einen Vorrang in den Entscheidungen über unser Verhalten, das private wie das öffentliche, beansprucht“. (RPh, 208f)
Entscheidend ist hierbei der Doppelsinn für „schlafen“, der offensiv offen gelegt und irritierend mit „scheintot“ konfrontiert wird. Dies ist im antiken Kontext seit Dan 12,1f bekannt. Seit dem AT wird über die Überwindung des Todes bildlich, metaphorisch bzw. symbolisch gesprochen.
Wir haben uns entschlossen, diesen Punkt an 1. Mose 1,26f exemplarisch zu diskutieren. Als weiteres offenes Problem kam die Pantheismusfrage hinzu.
10. Januar 2012
Der Text stellt wahrscheinlich teilweise einen frühchristlichen Hymnus, also ein Lied dar. Angesichts des Gehalts ist es nicht nötig, sich offenbar jüdischen Religionssitten unterzuordnen. Warum nicht? Weil alles versöhnt ist. Der Loskauf von der Sklaverei des Todes ist durch den Tod des Erstgeborenen erfolgt (Blut des Kreuzes, „Blut“ wahrscheinlich Metaphorik für gewaltsamen Tod). Der Erlösungsvorgang erfolgt dadurch, dass die Erlöserfigur Christus sowohl den negativen als auch den positiven Aspekt darstellt.
Für unser „Grenzen“-Thema ist der Text mehrfach einschlägig:
• universaler Horizont;
• Mensch ist Teil der Schöpfung;
• Grenze zwischen Gott und Mensch ist durch Christus überwunden;
• Christus ist das entscheidende Bild, an dem das wahrgenommen werden kann.
Wir haben das Autorproblem erörtert: realer Autor vs. expliziter Autor. Insbesondere die Auffassung vom „Haupt des Leibes“ (vgl. 1Kor 12) spricht dagegen, dass der reale Autor Paulus ist.
Der religionsgeschichtliche Hintergrund ist Sprüche 8, SapSal 6-9; vgl. auch Joh 1. Der pantheistische Hintergrund wird mit der stoischen Philosophie geteilt; vgl. auch Act 17; 1Kor 15,20-28. Wir haben schon mit Psalm 8 und Röm 8 vergeleichbare Texte kennengelernt.
Zu den Texten von Dawkins und Maturana vgl. hier.
31. Dezember 2011
Zum Jahresabschluss veröffentliche ich hier eine Predigt in der EfG Griesheim, einer Gemeinde, von der ich in diesem für mich nicht ganz leichten Jahr Unterstützung erfahren habe. Ich möchte dies auch zum Anlass nehmen, meinen Leser/inne/n zu danken, die sich so engagiert und interessiert gezeigt haben. Im nächsten Jahr geht es inhaltlich weiter – und ich habe mir vorgenommen, das Niveau dieses Blogs nicht abzusenken. Ich werde mithin hier philosophische und wissenschaftliche Aufsätze veröffentlichen, die ein breiteres Publikum ansprechen. Ende Februar beginne ich mit einem Aufsatz zur „Philosophie der Osteopathie“, in der ich meine „Alleinstellung“ in der Durchdringung der Literatur der klassischen Osteopathie nutze. Aber es geht auch darum, dieser Medizinform persönlichen Dank abzustatten. Dass ich aus dem Dämmerzustand, der mich nach meinem Schlaganfall vom 11. April 2011 erfasst hatte, wieder in eine gewöhnliche Helligkeit zurückgekehrt bin, geht nach meinem Eindruck auf Behandlungen zurück, die ich seit Mitte Juli erhalten habe. Mit diesem Aufsatz führe ich im Blog die Gewohnheit neu ein, dass einzelne Beiträge zwischen drei und fünf Euro kosten (PayPal). Da uns die hoch verehrte Piratenpartei bislang kein angemessenes Angebot unterbreitet hat, wie die Zurverfügungstellung qualitativ hochwertiger Informationen und Bildungsdienstleistungen entgolten werden soll, habe ich mich zu diesem Schritt entschlossen – und hoffe auf Ihre Nachsicht, besser noch: auf Ihr Einverständnis.
Und hier ist meine Predigt zum vierten Advent 2011.
Liebe Gemeinde,
Der heutige Text zum vierten Advent 2011 steht im zweiten Korintherbrief, in den VV. 18-22 des ersten Kapitels. (weiterlesen…)
30. Dezember 2011
Das „Kinder-Evangelium“ (Mk 10,13-16 [TUD])
Es werden Kinder zu Jesus gebracht, damit er sie segne bzw. berühre. Die Schüler versuchen, dies zu verhindern, aber Jesus lässt das explizit zu, wobei er feststellt. dass niemand ins Reich Gottes eingehe, sofern er nicht wie ein Kind werde. Es entspann sich eine spannende Debatte unter Erwachsenen. Dabei wurden Bezüge zu Paulus und dem Psalm 8 deutlich. Auch dort sind Kinder diejenigen, welche am angemessensten Gott loben.
Der Text spricht direkt in unsere Gegenwart, weil wir kirchlich und theologisch darum bemüht sind, professionell und kompetent, intellektuell präsent usf. zu sein. Unsere Kirchenoziolog/inn/en sind zumeist an Max Weber orientiert. Nach dem Text kommen sie alle nicht ins „Reich Gottes“. Die Teilnehmer/innen stießen allmählich darauf, dass es um das große Thema der Jesustradition geht, das ursprüngliche Vertrauen. So scheint es doch ein subtiler Text über das verfehlte Leben von Erwachsenen zu sein-
Am 05.02.2012 werde ich über diesen Text in der EfG Griesheim predigen.
14. Dezember 2011
Wir haben uns in der letzten Sitzung mit den Problemen der Wahrnehmung aus phänomenologischer Perspektive, aber auch entsprechenden Leistungen des Zeichenbegriffs Peirce’ befasst, wobei Frau Meissner dankenswerterweise auf Kants merkwürdige Annahme hinwies, man werde vom „Ding an sich“ affiziert.
In der Auseinandersetzung mit Merleau-Ponty und Fuchs wurde erörtert, inwiefern Wahrnehmung auch Kommunikation oder Austausch sei, was von Peirce und dieser grenzwertigen Auffassung Kants tatsächlich unterstellt wird. In der Sprache von Peirce ist also zu sagen, das (dynamische) Objekt bilde mit dem Zeichen eine derartige Beziehung, dass es den Interpretanten bestimme, in derselben triadischen Relation zu stehen, in der es selbst stehe. M. E. ist hier nur fraglich, ob man the same wie Pape mit „derselben“ oder „der gleichen“ übersetzen sollte, wohl das Letztere … Worauf es ankommt, ist der Sachverhalt, dass Peirce diese Affizierung des Interpreten über die triadische Bezeichnungsrelation eindeutig gedacht hat.
Wir haben versucht, uns ausführlicher mit dem Gedanken der „Zwischenleiblichkeit“ auseinanderzusetzen, was z. T. humorig ablief. Hier ist m. E. noch ein beachtliches Potenzial, das vor allem von der Phänomenologie entwickelt wird.
Der Kurs schließt mit einer Besinnung zur Religionsphilosphie Peirce’. Viele Texte finden sich in der Übersetzung Hermann Deusers „Religionsphilosophischen Schriften“ ([RPh] 1995). Hinzutreten muss noch der Aufsatz „Evolutionäre Liebe“ aus „Naturordnung und Zeichenprozess“ (1991 [EL]) Peirce gehört zu denjenigen originellen Denkern, die sich nicht vom Positivismus abschrecken ließen, obgleich er die wissenschaftliche Leistung der Positivisten ausdrücklich anerkannte. Aber er formulierte eine witzige Polemik über deren Lebensauffassung:
„Das Leben auf dem Globus ist eine gänzlich zufällige Enwicklungsphase, die, soweit wir wissen, keinem dauerhaften Ziel zustrebt. Sie ist ohne jeden Nutzen, außer dass sie hin und wieder ein angenehmes Nervenkitzeln bei diesem oder jenem Wanderer auf dieser ermüdenden und zwecklosen Reise hervorruft – einer Reise, die in einer Tretmühle nirgendwo beginnt und nirgendwo endet und deren Maschinerie ganz und gar nichts hervorbringt. Es gibt nichts Gutes im Leben außer gelegentlichen Freuden, und die sind trügerisch und werden bald vollständig verschwinden.“ (RPh 61f [1867/68]) (weiterlesen…)
13. Dezember 2011
Dieser Text gehört zu den wichtigsten im NT – und insbesondere zu unserem Thema. Er unterstellt eine individuelle Herzensbindung „Wo Dein Herz ist, ist auch Dein Schatz!“, sodass also die postmortale Gottesbeziehung als himmlischer „Schatz“ erscheinen dürfte. Die irdischen Schätze sind demgegenüber arg vergänglich und verderblich. Man kann als Glaubende/r darauf nicht setzen. Daher sei die Sorge zu verneinen und sich der Fürsorge Gottes zu überlassen. Das ist kein passives Programm, sondern aktiver Einsatz für das Reich der Himmel und dessen Gerechtigkeit (vgl. 7,12: Goldene Regel) sei angesagt. Diese nimmt die Bedürfnisse des Anderen wahr. Interessant für unser Thema ist, dass man dies an den Vögeln unter dem Himmel und den Lilien auf dem Felde wahrnehmen kann. Der Schöpfungsprozess zeigt sich also an Geschöpfen, die gemeinhin als weniger gelten als die Menschen. Die Schönheit der Schöpfung wird gerühmt.
Ist das praktikabel? Ja, zumal sich die Einsicht verstärkt, dass die gegenteiligen Verhaltensmuster nicht so besonders erfolgreich waren, vgl. Klimawandel. Theologisch geht Mt über Paulus hinaus, was den positiven Aspekt der Schöpfungswahrnehmung betrifft. Dieser nimmt hauptsächlich das Seufzen der Schöpfung wahr. Sie stimmen aber darin überein, dass sich Schöpfung und Erlösung auf mehr als den Menschen beziehen. D. h., der Mensch gehört einem größeren Panorama zu.
Der Text ist nach meinem Urteil ein mystischer Text. Er unterscheidet sich klar von der dominanten Welt – und bezieht sich auf eines der hauptsächlich in mystischen Texten präsenten Themen: die Sorge. Der Schluss vom Kleineren (Gottes Fürsorge für Vögel/Lilien) aufs Größere (Gottes Fürsorge für den Menschen) ist eine Abduktion, eine Hypothese. Sie scheint in der existenziellen Versonnenheit (musement [Peirce]) der Schöpfungswahrnehmung akzeptabel (schon Sapientia Somonis 13). Es gibt im NT keine Anleitungen zur mystischen Versenkung oder unio mystica, wie im Buddhismus oder in mittelalterlichen katholischen Formen. Gleichwohl liegt hier eine Einweisung zur versonnenen Schöpfungswahrnehmung vor. Dadurch wird man Teil der Schöpfung und Partner der anderen Geschöpfe, ein Einheitsgefühl der Schöpfung soll an die Stelle der Sorge treten.
6. Dezember 2011
Die Teilnehmer/innen hatten noch etliche Nachfragen zu 1Kor 15. Dabei stand der Verwandlungs- und Prozessgedanke im Vordergrund, von dem manche kirchlich noch nichts gehört haben. Möglich ist, dass auch Paulus durchaus „negativ“ von Gott und der Auferweckung spricht. Gleichwohl ist positiv zu erkennen, dass der „Leib“ für ihn ein Beziehungsbegriff ist, der ein Selbstverhältnis, Weltverhältnisse und das durch Christus vermittelte Gottesverhältnis bezeichnet. Als „Leib Christi“ kann das Wort metaphorisch sogar die Gemeinde bezeichnen. Zwar erfährt man wenig darüber, wie dieser „geistliche“ Leib nun genau aussieht, aber klar ist, dass auch der Leib im „Glanz“ auf andere, anderes, sich selbst und Gott bezogen ist.
Mit der ausführlichen Erörterung von Gal 3,26-29 schlossen wir den Paulusteil zur Anthropologie ab, bevor wir zu Mt 6,19ff übergehen. Manchen erschien der Text vor dem Hintergrund ihrer kirchlichen Erfahrung eher revolutionär. Natürlich gibt es bei Paulus auch gegenteilige Texte, es ist unsicher, ob diese nachpaulinisch sind – oder Paulus einen schwachen Tag hatte. Jedenfalls ist Gal 3,26-29 wohl ein altes Taufbekenntnis o. Ä., das Paulus hier zustimmend zitiert. Danach wird der „Christus“ bzw. Messias „angezogen“, die Bekleidungsmetaphorik ist in der Antike verbreitet. Die Folge ist, dass weder „Männliches noch Weibliches, weder Jude noch Grieche bzw. Sklave noch Freier“ in Christus etwas gelten. Dominanzbestrebungen usf. sollen daher nicht sein. Für unser Grenzthema ist das wichtig: Anthropologisch werden gesellschaftliche und biotische Grenzen überschritten – ähnlich wie beim „natürlichen“ und „geistlichen“ Leib. Alle erfahren sich „in Christus“, sind also auf ihn bezogen. Das Christentum hat überwiegend in seiner Geschichte das Potenzial dieses Textes nicht hinreichend genutzt.
Interessant ist auch der Bezug auf „Abraham“, den „Vater des Glaubens“ usf. (vgl. Röm 4). In ihm sind nach 1. Mose 12 alle Völker gesegnet – eine durchaus aangemessene schriftgelehrte Interpretation, die diesem Text gegenüber anderen Texten den Vorzug gibt.
Paulinisch ist wieder klar: Der Mensch kommt aus dem „Glanz“. Dieser ist verlustig gegangen („Adam“) – und wird durch Kreuz und Auferweckung Jesu wieder für die Menschen vermittelt. Hier werden für die Gegenwart dann die dominanten gesellschaftlichen Gegensätze als vorübergehend verstanden.
Die Getauften stehen exemplarisch für alle Menschen, die dieser Prozess betrifft.
26. Oktober 2011
Psalm 8 (TUD)
Vielleicht entstammt der Text dem vierten oder dritten Jahrhundert v. d. Z. Es handelt sich um ein poetisch entworfenes Lied (Refrainstruktur). Im Refrain wird das Herr-Sein Gottes im Blick auf die Erde betont. Der Mensch wird vor dem Hintergrund der Schöpfungswerke wahrgenommen, die nicht zuletzt aus der Abendhimmel-Perspektive dargestellt werden. Der Text steht sicher in Parallele zu großen Texten der abendländischen Geschichte wie der Antigone des Sophokles, wie Herr Hettler betonte.
Sein Profil erhält der Text durch den Hinweis im Lied, dass der Lobpreis Gottes als Machtmittel von Kindern und gesellschaftlich nicht sehr angesehenen Menschen gesungen werde. Dies wird als Machterweis gegen Gottes Widersacher gedeutet. Nach längerer Diskussion erschien es uns möglich, diesen irritierenden Textbestandteil so zu deuten, dass es Menschen geben könnte, die selbst als Herr der Welt auftreten möchten, der Mensch wäre dann nicht nur als Bild Gottes verstanden, sondern selbst als Gott.
Der Mensch wäre mithin als aktiver Bewahrer in der Schöpfung verstanden, der freilich für die Schöpfung gefährlich werden kann. Insofern näherten wir uns einem Teilthema des Seminars, der Grenzen zu den Tieren, wobei uns wichtig erschien, dass es Wildtiere gibt, mit denen der Mensch lebt und auch Gott interagiert.
So verstanden könnte der Text durchaus der ökologischen Krise standhalten – uns auch noch nach ihrem Eintreten ansprechen.
Innerhalb des Seminars verweist der Text auf paulinische Text, offenkundig natürlich auf Röm 8.
Psalm 8 (TUD)
Vielleicht entstammt der Text dem vierten oder dritten Jahrhundert v. d. Z. Es handelt sich um ein poetisch entworfenes Lied (Refrainstruktur). Im Refrain wird das Herr-Sein Gottes im Blick auf die Erde betont. Der Mensch wird vor dem Hintergrund der Schöpfungswerke wahrgenommen, die nicht zuletzt aus der Abendhimmel-Perspektive dargestellt werden. Der Text steht sicher in Parallele zu großen Texten der abendländischen Geschichte wie der Antigone des Sophokles, wie Herr Hettler betonte.
Sein Profil erhält der Text durch den Hinweis im Lied, dass der Lobpreis Gottes als Machtmittel von Kindern und gesellschaftlich nicht sehr angesehenen Menschen gesungen werde. Dies wird als Machterweis gegen Gottes Widersacher gedeutet. Nach längerer Diskussion erschien es uns möglich, diesen irritierenden Textbestandteil so zu deuten, dass es Menschen geben könnte, die selbst als Herr der Welt auftreten möchten, der Mensch wäre dann nicht nur als Bild Gottes verstanden, sondern selbst als Gott.
Der Mensch wäre mithin als aktiver Bewahrer in der Schöpfung verstanden, der freilich für die Schöpfung gefährlich werden kann. Insofern näherten wir uns einem Teilthema des Seminars, der Grenzen zu den Tieren, wobei uns wichtig erschien, dass es Wildtiere gibt, mit denen der Mensch lebt und auch Gott interagiert.
So verstanden könnte der Text durchaus der ökologischen Krise standhalten – uns auch noch nach ihrem Eintreten ansprechen.
Innerhalb des Seminars verweist der Text auf paulinische Text, offenkundig natürlich auf Röm 8.
20. Oktober 2011
Wir haben uns in der Sitzung vom 17.10. um ein ausreichendes Verständnis des allgemeinen und umfassenden Philosophieansatzes von Charles Peirce bemüht – und sogar eines der metaphysischen Probleme besprochen, das Peirce tatsächlich behandelt: die Gottesfrage, wobei Peirce viele allgemeine Äußerungen hinzuzieht, welche ihn anregen. Neben Traditionen von Judentum, Christentum und Islam spielen bei Peirce auch Neohinduideen eine nicht unbeachtliche Rolle. Dies war alles am Ende des 19. Jahrhunderts und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den USA bekennt und wurde kontrovers diskutiert.[1] Philosophie verarbeitet solche Traditionen und reflektiert sie kritisch darauf, ob sie Erfahrungsgehalte symbolisieren – oder ob man aufgrund solcher Bilder Erfahrungen machen kann. Welches Thema man metaphysisch durch allgemeine Unterstellungen angeht: Peirce hält nichts von geschmäcklerischen, vielleicht schöngeistigen Theoriedebatten, weil Theorien selbst durch Praxis gewonnen wurden, praktisch überprüft und ggf. dann verändert oder auch verworfen werden. Die pragmatistische Philosophie konzentriert sich mithin auf den kulturellen Kontext der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in dem klar wurde, dass die soziale Ausdifferenzierung der Wissenschaften sogenanntes „Wissen“ bereitstellt, das es ermöglicht, praktische Regeln zu entwerfen, die sich therapeutisch, pädagogisch und ökonomisch sehr gut bewährten. Das sind entweder Techniken oder Kunstlehren.
- Um Techniken handelt es sich, wenn solche Regeln Handlungen bestimmen, die das angestrebte Ziel stets erreichen, also z. B. Glühbirnen produzieren, die immer dann leuchten, sofern man auf einen Schalter drückt (Th. A. Edison).
- Um Kunstlehren handelt es sich, wenn solche Regeln Handlungen bestimmen, bei denen der Erfolg im Einzelfall nicht sicher ist, die mithin stets vom Einzelfall her angepasst werden müssen (etwa Pädagogik, Medizin).
Das ist keine typisch „amerikanische“ Entdeckung. Aber im amerikanischen Pragmatismus brachen sich – vermittelt durch den „Amerikanischen Transzendentalismus (Emerson, Thoreau, Fuller u. a.) die Ideen, die von den Frühromantiker/innen, Goethe, Schleiermacher und Humboldt stammen, eine Bahn. Ich habe daher auch auf den Kontext der Demokratie verwiesen, der für das Verständnis der Werke von Peirce, James und Dewey sehr ausschlaggebemd ist, der natürlich in Deutschland in einem ernsthaften Sinn erst nach 1968 existierte, im Kern erst in den 1970er Jahren bestimmend wurde. Denn die Möglichkeiten politischer Freiheit setzten die Energien frei, welche ein Leben in Selbstbestimmung schön machen können. Das formuliert in der Unabhängigkeitserklärung die Rede vom „pursuit of happiness“). Aber – so reflektiert die sogenannte „pragmatische Maxime“, welche praktische Folgen bzw. Wirkungen eine wissenschaftliche Theorie haben kann, sollte abgeschätzt werden.
Bedenken Sie, welche Wirkungen, die denkbarerweise praktische Relevanz haben könnten, wir dem Gegenstand unserer Konzeption zuschreiben. Folglich besteht die Konzeption dieser Wirkungen aus dem Ganzen unserer Konzeption des Gegenstands!
(Charles Peirce, How to make our ideas clear, 1878)
Pape hat schon in den 1980er Jahren (z. B. Einleitung zu „Phänomenologie und Logik der Zeichen“) darauf verwiesen, dass Grundfragen des „Prinzips Verantwortung“ (Hans Jonas, ein Heideggerschüler) hier völlig klar formuliert werden. Wenn also zu den abgeschätzten möglichen Wirkungen solche gehören, die sittlich missbilligt werden müssen, ergeben sich konfliktreiche ethische Aufgaben. Wie ist z. B. eine demokratische Kontrolle der Wissenschaften möglich? Peirce setzt also darauf, dass neben der philosophischen Tätigkeit der Wissenschaftler/innen ein universaler Horizont in der Gesellschaft entsteht, der eben verantwortlich darüber entscheidet, welche technischen und kunstmäßigen Projekte durchgeführt werden – und welche besser unterlassen werden sollten, weil ihre Wirkungen die Möglichkeit der Freiheit negieren.
Der Europäische Gerichtshof (EGH) hat in dieser Woche in diesem Sinne eine entsprechende Entscheidung zur Stammzellenforschung getroffen, die den Wünschen und gedanklichen Ambitionen der Zivilgesellschaft in Teilen Europas entspricht – ein Beispiel für die Institutionalisierung solcher demokratischer Meinungsbildungsprozesse, die auch Peirce für notwendig hielt. Natürlich lässt sich ökonomisch besser mit (finanzieller und technischer) Industrieunterstützung forschen. Aber die hierzu erforderliche Patentierung von bestimmten praktisch hervorgerufenen Zellveränderungen widerspricht elementaren Prinzipien der Menschenrechte. Um dies zu verstehen, muss man nur allgemein gebildet sein, welches eine Voraussetzung von Demokratie im Sinne von Peirce und seinem Schüler Dewey ist.
- Die in den Wissenschaften entworfenen Abduktionen (Hypothesen)
- werden mithin deduktiv auf Überprüfungskontexte in der kunstmäßig oder technisch modellierten Erfahrung (etwa des Labors) bezogen,
- wo sie auf ihre induktive Tauglichkeit in immer neuen Erfahrungen überprüft werden.
Die „pragmatische Maxime“ formuliert diesen durch und durch praktischen Zusammenhang. Und Handlungen gehören ganz klar in den Bereich der Ethik. Es gehört zu den negativen – und wie wir heute u. a. an der Klimakatastrophe und Fukushima sehen – fatalen Folgen des Erfolgs von Positivismus und Neopositivismus, dass sie die Peirce’sche Idee, wie Ideen klar gemacht werden, aus dem Bereich der Ethik in einen angeblich “neutralen” wissenschaftlichen Bereich transformiert haben, wo (was nicht so gerne zugegeben wird) letztlich kurzfristige ökonomische Interessen den Ausschlag geben, siehe den sich immer noch brüstenden Oliver Brüstle (Universität Bonn).
Logisch-semiotisch verhält es sich so: Das Ziel wäre eine Therapie für Parkinson. Die Abduktion lautet: Dieses Ziel kann durch gentechnologische Manipulation von Zellen „überzähliger Embryonen“ erreicht werden, weil sich hieraus geeignete Präparate gegen Parkinson gewinnen lassen. Deduktiv findet diese Manipulation seit drei Jahren oder mehr statt. Eine Überprüfung, die induktiv den Erfolg einigermaßen sicherstellen könnte, ist noch nicht in Sicht. Der EGH hat klar aus der Sicht der Menschenrechte die Konsequenzen gezogen. Embryonen dürfen nicht als Mittel behandelt werden. Sie tragen die reale Möglichkeit des Menschseins in sich. Im positivistischen und neopositivistischen Kontext werden entsprechende elementare ethische Fragen bewusst ausgeklammert. Mithin sind die Ideen solcher Wissenschaftler/innen und Philosoph/inn/en Peirce zufolge unklar.
- Warum?
- Und hat Peirce recht oder unrecht?
- Wie hätte der Papst argumentiert?
Pape hat mit Recht vor gut 30 Jahren darauf verwiesen, dass die Philosophie durch eine derartige logisch-semiotische Subtilität gesellschaftliche Streitfragen klären helfen kann – und dadurch dazu beiträgt, die geistige „Umweltverschmutzung“ zu mildern. Das ist eine schöne Aufgabe der Philosophie.
[1] Es ist unbestritten, dass es auch Cowboys und Cowgirls gab. Sie waren kulturell aber weniger bedeutend, als das Genre „Western“ nahelegen könnte. Auch im Mittleren Westen und an der Frontier wurden philosophische Fragen diskutiert, wie man sich an dem Begründer der Osteopathie Andrew Taylor Stil exemplarisch klar machen kann.

Martin Pöttner •

09:09 •
Alltag,
als Künstler/in,
Bildung,
Biologie,
Erfahrung,
Gehirn,
Homo oeconomicus,
Kultur,
Kunstlehre,
Mensch und Universum,
Ökologie,
Phänomen,
Politik,
Religion und Mystik,
Technik,
Wahrheit,
Was ist der Mensch?,
Was ist Philosophie?,
Wie wollen wir leben?,
Wirtschaft und Philosophie,
Zeichen und Philosophie •
Comments (0)
10. September 2011
Die Philosophie von Charles Peirce (1839-1914) ist aktuell. Nach konservativer Meinung hat sich die Bundeskanzlerin als „Pragmatistin“ erwiesen, weil sie angesichts der „tagespolitischen Ereignisse“ (FAZ) von Fukushima ihre Haltung zur Kernenergie geändert hat – was entsprechende Konsequenzen hatte. Dabei ist ein Begriff von „Pragmatismus“ impliziert, der unterstellt, man setze politisch nur dasjenige durch, was sich angesichts von Widerständen gegenüber der Bevölkerung vertreten lasse. Aber auch im Sinne von Peirce war das eine „pragmatistische“ Entscheidung. Denn angesichts unabweisbarer Erfahrungen ließ sich feststellen, dass die Betreibung der Kernergie offensichtlich tödliche Folgen haben kann, mithin mit den Menschenrechten unvereinbar ist. Folglich ist das Betreiben der Kernergie in einem Land, das die Menschenrechte achtet, nicht weiter möglich.
Nicht nur diese Aktualität besteht, sondern Peirce bietet eine breite Themenpalette, von der wir im Kurs an der VHS Neckargemünd einige Themen besprechen wollen:
10.10. Wechselseitige Vorstellung und Kursplan
17.10. Leben und Werk
24.10. Die „pragmatische Maxime“
31.10. Der Primat der Ethik
07.11. Semiotik I
14.11. Semiotik II
21.11. Wahrnehmung und Erfahrung
28.11. Pragmatismus und Phänomenologie
05.12. Religionsphilosophie
12.12. Abschlussdiskussion
Aus der Perspektive der Teilnehmer/innen können diese Themen verändert werden. Bitte schreiben Sie mir hierzu eine E-Mail mit ihren Vorschlägen.

Martin Pöttner •

13:41 •
Alltag,
Bildung,
Biologie,
Erfahrung,
Gehirn,
Homo oeconomicus,
Kultur,
Mensch und Universum,
Ökologie,
Phänomen,
Politik,
Psyche,
Religion und Mystik,
Vegetatives Nervensystem,
Wahrheit,
Was ist der Mensch?,
Was ist Philosophie?,
Wie wollen wir leben?,
Wirtschaft und Philosophie,
Zeichen und Philosophie •
Comments (0)